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Leïla Slimani: „Warum so viel Hass? — Essays“

Am: | Mai 31, 2019

In Frankreich ist Leïla Slimani längst zu einer festen Größe im kulturellen Leben und zu einer der wichtigsten literarischen Stimmen der Intellektuellen in Frankreich avanciert; in Deutschland hingegen ist sie immer noch vielen Lesern unbekannt. Bestenfalls ihre beiden Romane „All das zu verlieren“ und „Dann schlaf´ auch Du“ (für den Slimani den begehrten Prix Goncourt erhielt) haben hierzulande für Aufsehen gesorgt. In dem einen Roman geht es um die Sexsucht der Protagonistin, im zweiten um Kindsmord, in beiden Fällen also geht es um starke Gefühle und um die Abgründe der menschlichen Psyche, um die emotionale Abhängigkeit und Verlorenheit der Romanfiguren.

Emotional geht es auch in den sechs kurzen Essays zu, die jetzt in deutscher Übersetzung bei btb erschienen sind. Es sind wütende Reaktionen auf die Terroranschläge, welche Paris und das Land seit 2015 erschütterten — allen voran Charlie Hebdo und das Bataclan. Aus einer existenziellen Wut heraus sind diese Essays geschrieben, aber niemals verliert Slimani die Kontrolle über ihre Worte; was von ihrer abgrundtiefen Wut und dem Hass auf die Mörder bleibt, ist die große Kraft und Energie, welche in ihre Texte einfließen.

Leïla Slimani ist französisch-marokkanischer Abstammung; sie wurde 1981 in Rabat geboren, wuchs in Marokko auf und studierte dann in Paris. Seitdem lebt sie in der französischen Hauptstadt. Sie schreibt: „Ich bin Kind all dieser Fremden, und ich bin Französin. Ich bin Immigrantin, Pariserin, eine freie Frau, überzeugt davon, dass man sich selbst behaupten kann, ohne die anderen abzulehnen.“

Slimanis kurze Essays, die alle zuvor in der französischen Wochenschrift „Le 1“ erschienen sind, lesen sich schnell und flüssig. Die 64 Seiten dieses kleinen Büchleins hat man bequem in einer halben Stunde gelesen. Jedoch sollte man sich nicht der Täuschung hingeben, dass man damit das Buch „durch“ hat und es beiseitelegen könne. Denn diese Texte wirken nach, arbeiten im Hintergrund und lassen den Leser nicht mehr los.

Zweifelsohne sind die gesellschaftlichen Verhältnisse in Frankreich nur schwer mit denen in Deutschland vergleichbar; die ehemalige Kolonialmacht lebt seit Jahrhunderten im Zustand einer multikulturellen und pluralistischen Gesellschaft (wenngleich die kulturelle Vormachtstellung der grand nation für lange Zeit unbestritten war). Im Vergleich zu unseren Verhältnissen haben wir es in Frankreich mit größeren sedimentären Verwerfungen, einer weitaus größeren sozialen Ungleichheit und mit entsprechend stärkeren Dinstinktions- und Segregations-Tendenzen zu tun.

Doch vor allem der seit vielen Jahren an Einfluss zunehmende religiöse Fundamentalismus und politische Islamismus bereiten der französischen Öffentlichkeit Probleme. Hierbei sind jedoch nicht die islamistischen Attentate und Terroranschläge — so schrecklich, ungerecht und sinnlos sie im Einzelnen auch sein mögen — das eigentliche Problem, sondern der alltägliche Fundamentalismus. Was wir in Deutschland vor allem mit der „Kopftuch-Debatte“, mit Zwangsehen und der alltäglichen Gewalt über/an Frauen verbinden, hat in Frankreich bereits ganz andere Dimensionen angenommen.

Deshalb liest sich Slimanis „Warum so viel Hass?“ wie ein Ausblick auf mögliche Entwicklungen. Es ist in gewisser Weise ein distanzierter Blick auf die gesellschaftlichen Bedingungen der Möglichkeit einer religiös motivierten Radikalisierung der Verhältnisse. Was in Frankreich bereits zur Alltagserfahrung bestimmter sozialer Gruppen gehört — die Unterdrückung, Ausbeutung und Vergewaltigung von Frauen und Mädchen, der blindwütige Hass auf die Andersdenken und Ungläubigen, die radikale Ablehnung aller demokratischen und „westlichen“ Werte und Moral usw. —, entsteht nicht im leeren Raum, sondern kommt aus der Mitte der Gesellschaft und verbreitet sich im muslimischen Umfeld unter dem Deckmäntelchen religiöser Heilsversprechen vor allem unter jenen sozialen Schichten der Ausgegrenzten, Abgehängten und Benachteiligten.

Was in Frankreich passiert, muss nicht in Deutschland passieren. Doch der Blick auf unsere französischen Nachbarn kann uns die Augen öffnen für vergleichbare Tendenzen und Probleme, die ein alltäglicher Fundamentalismus erzeugt, welcher nicht nur die Rechte von Frauen missachtet, sondern eine Kampfansage an alles macht, was uns lieb und teuer ist in unseren westlichen Demokratien und unseren offenen Gesellschaften. Auch aus dieser Perspektive sind Leïla Slimanis Essays feurige Plädoyers für Freiheit und Gleichberechtigung sowie eine offene Kampfansage an einen menschenverachtenden religiösen Fundamentalismus.

 

 

Autor: Leïla Slimani
Titel: „Warum so viel Hass? — Essays“
Taschenbuch: 64 Seiten
Verlag: btb Verlag
ISBN-10: 3442717280
ISBN-13: 978-3442717286

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