Ralf Höller: „Aus dem Geschichtsbuch gefallen“

Die Geschichte hat ein eigentümliches Gedächtnis. Sie merkt sich die Namen derer, die gesiegt haben, und vergisst mit bemerkenswerter Zuverlässigkeit jene, die unterlegen waren, verschwanden oder schlicht zur falschen Zeit am falschen Ort waren. Das ist zunächst kein Skandal, sondern eine Folge ihrer eigenen Mechanik. Wer einen Krieg gewinnt, hinterlässt Archive, Denkmäler, Münzen, Gesetze und …

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Walter Benjamin: „Berliner Kindheit um Neunzehnhundert“

Walter Benjamins Berliner Kindheit um Neunzehnhundert beginnt nicht mit einer Geburt, nicht mit einer Familie und auch nicht mit jener feierlichen Geste, mit der die Autobiographie gewöhnlich ihr Recht auf das eigene Leben anmeldet. Dieses Buch besitzt keinen Lebenslauf. Es besitzt Zimmer, Höfe, Straßen, Gegenstände, Gerüche, Namen und Geräusche. Ein Kind erinnert sich hier nicht …

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Jasmin Lörchner und Eva Maria Schnurr (Hg.): „Das andere Mittelalter — Philosophinnen, Demokratie, Nachhaltigkeit: Wie die Menschen vor 1000 Jahren wirklich lebten und dachten“

Wenn wir an das Mittelalter denken, sehen wir selten das Mittelalter. Wir sehen eine Erfindung der Neuzeit: dunkle Burgen, Pest und Scheiterhaufen, fanatische Mönche, rohe Ritter, abergläubische Bauern, eine Welt aus Gewalt, Hunger und religiöser Angst. Zwischen dem Untergang der Antike und dem Auftritt der Renaissance scheint sich in dieser Vorstellung ein gewaltiger historischer Abgrund …

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Gunna Wendt: „Frauen von morgen — Die Schwestern Richthofen im Kreise der Bohème“

Es gehört zu den eigentümlichen Gewohnheiten der Geschichte, dass sie ihre Erinnerungen nachträglich ordnet. Sie bewahrt Namen auf, verwirft andere, erhebt manche Menschen zu Symbolfiguren und lässt andere in den Fußnoten verschwinden, obwohl gerade sie das geistige Klima ihrer Zeit vielleicht präziser verkörperten als jene, die später Denkmäler erhielten. Historisches Erinnern folgt selten den Maßstäben …

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Samra Kljajic: „Femme fatale — Die weibliche Macht im Schatten der Geschichte“

Geschichte kennt keine Stimmen. Sie kennt Überlieferungen. Das Vergangene spricht nicht selbst; es wird zum Sprechen gebracht — durch Archive, Auswahl, Erinnerung und durch die Gegenwart, die in die Ruinen der Vergangenheit hinabsteigt, um dort Antworten auf ihre eigenen Fragen zu suchen. Jede Geschichtsschreibung erzählt deshalb niemals nur, was gewesen ist. Sie erzählt auch, wer …

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Jens Wietschorke: „Chronist der wilden Jahre — Mit Siegfried Kracauer durch die Weimarer Republik“

Kaum eine Epoche der deutschen Geschichte ist mit so vielen Bildern überlagert worden wie die Weimarer Republik. Vor dem inneren Auge tauchen schillernde Revuetheater auf, verrauchte Caféhäuser, Charleston tanzende Paare, expressionistische Straßenschluchten, politische Straßenschlachten und jene eigentümliche Mischung aus fiebriger Aufbruchsstimmung und latenter Untergangsahnung, die im Rückblick zum Markenzeichen der zwanziger Jahre geworden ist. Doch …

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Hans-Georg von Arburg: „Endlich wohnen! — Zuhause bleiben in der existenziellen Moderne“

Es gibt Bücher, deren eigentlicher Gegenstand sich erst allmählich erschließt. Man schlägt sie in der Erwartung auf, etwas über Architektur, Stadtentwicklung oder Wohnkultur zu erfahren, und legt sie mit dem Eindruck aus der Hand, eine Untersuchung über die geistige Verfassung der Moderne gelesen zu haben. Hans-Georg von Arburgs Endlich wohnen! Zuhause bleiben in der existenziellen …

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Christian Schüle: „Die Jagd nach der Muskatnuss — Aufstieg und Fall der Ostindien-Companie 1602-1798 oder Wie im Goldenen Zeitalter der Kapitalismus begann“

Bevor die Welt durch digitale Netzwerke verbunden war, bevor Containerhäfen und globale Lieferketten den Rhythmus der Gegenwart bestimmten, gab es eine andere Form der Globalisierung. Sie roch nach Pfeffer, Zimt und Muskatnuss. Sie kam mit Segelschiffen, die monatelang über unbekannte Meere fuhren, mit Kaufleuten, die Verträge schlossen und Kriege führten, mit Männern, die in fernen …

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Bruno Preisendörfer: „Schlagworte, die Geschichte machen — Wie Parolen von ‚Stunde Null‘ bis ‚Wir schaffen das‘ Deutschland veränderten“

Manchmal erkennt man eine Epoche nicht an ihren Ereignissen, sondern an den Sätzen, die von ihr übrig bleiben. Der Historiker findet seine Quellen in Akten, Statistiken und Protokollen. Das kollektive Gedächtnis dagegen arbeitet anders. Es bewahrt nicht selten eine Handvoll Worte auf, die sich von ihrem ursprünglichen Anlass gelöst haben und zu Chiffren einer ganzen …

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Dietmar Pieper: „Trümmertänze — Deutschland 1946-1955“

Mit „Trümmertänze — Deutschland 1946–1955“ entscheidet sich Dietmar Pieper bewusst gegen jene Erzählung, die die deutsche Nachkriegszeit lediglich als Vorgeschichte des Wirtschaftswunders oder als moralische Bilanz von Schuld und Neubeginn betrachtet. Stattdessen beschreibt er ein Jahrzehnt voller Widersprüche: eine Zeit zwischen Zerstörung und Aufbruch, Hunger und Lebenslust, politischer Neuordnung und persönlicher Orientierungslosigkeit. Bereits der Titel …

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