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Rezensionen von Büchern aus den Kultur- und Geisteswissenschaften

Alessandro Baricco: „Die Barbaren — Über die Mutation der Kultur“

Am: | September 28, 2018

Der bekannte italienische Schriftsteller und Philosoph Alessandro Baricco hat bereits 2006 einen Essay über den fundamentalen Wandlungsprozess unserer Kultur geschrieben, der jetzt endlich (nach 12 Jahren!) in deutscher Übersetzung erscheint.

Zunächst dachte der Autor an den Titel „Die Mutation“, doch nun heißt das Buch „Die Barbaren — Über die Mutation der Kultur“. Aber ist es auch wirklich ein Buch? Natürlich halten wir Leser auch hier, wie immer am Ende eines mehr oder weniger langen Prozesses, ein Buch in den Händen; aber diese Bestandsaufnahme der Kultur des Westens ist vor allem das Ergebnis eines kühnen Schreibprojekts:

Die einzelnen Essays erschienen zwischen Mai und Oktober 2006 im Feuilleton der renommierten italienischen Tageszeitung La Repubblica, zu deren Mitherausgebern Alessandro Baricco gehört. Es war im wahrsten Sinne ein Essay, ein Versuch des Autors, entlang einer Reihe von Phänomenen zu beschreiben und herauszufinden, welche radikalen Umbrüche sich gerade in unserer Kultur vollziehen.

Es gab kein Konzept, sondern nur eine Idee, worüber er schreiben wollte. Die Themen der einzelnen Artikel und ihre Reihenfolge waren ihm selbst oft vor dem Schreiben noch nicht bekannt. Auf diese Weise ist ein Buch entstanden, das gerade durch seinen scheinbar spielerischen Umgang mit den Phänomenen, durch seine konsequente Ich-Perspektive und Subjektivität sowie durch seine an wunderbar anschaulichen Analogien reiche Beweisführung überzeugt.

Der Autor stellt sich bewusst in die Tradition von Walter Benjamin; von ihm stammt das dritte Motto, welches Alessandro Baricco seinem Buch voranstellt. Benjamins Motto lautet schlicht: „Mickey-Maus“. Es verweist auf Benjamins besondere Vorliebe für die Analyse von Alltagsphänomenen und den Erscheinungen der Populärkultur. Von Walter Benjamin borgt sich der Autor die Lust an der Beschäftigung mit heterogenen Phänomenen des Alltagslebens und die pure Freude am Forschen.

Doch aus dieser Perspektive lassen sich noch weitere Vorbilder Bariccos ausmachen, die von ihm nicht explizit genannt werden, deren Geist jedoch in seinem Text an vielen Stellen präsent ist: So verbindet den Autor mit Siegfried Kracauer seine Begeisterung für die Beschäftigung mit oberflächlichen Alltagsphänomenen , aus denen sich die großen Bewegungen der Kultur besser herauslesen lassen als aus ihren Selbstaussagen. Von Georg Simmel schließlich nimmt Alessandro Baricco seinen soziologischen Werkzeugkoffer und den faszinierenden Gedanken, dass man von jenen kulturellen Oberflächenphänomenen das „Senkblei“ bis auf den Grund der kulturellen Fundamente hinablassen kann, um auf diese Weise zu tiefschürfenden Erkenntnissen zu gelangen.

So finden sich in seinen Texten viele Parallelen und ähnliche Gedanken, wie sie bereits von jenen deutschen Klassikern der Kulturphilosophie und Soziologie in der Zeit von 1900 bis in die 1930er Jahre entwickelt wurden. Es wäre völlig falsch, daraus zu schließen, dass Bariccos Kulturanalyse veraltet ist, sondern es zeigt vielmehr, wie aktuell und grundlegend diese Ideen nach hundert Jahren auch heute noch sind.

In Zeiten der Digitalmoderne erleben wir einen grundlegenden Wandel im Umgang mit kulturellen und sozialen Werten. Unsere Gesellschaft befindet sich in einem Umbruchprozess, der mit dem Eintritt ins 21. Jahrhundert begonnen hat und noch nicht abgeschlossen ist. Bariccos Texte aus dem Jahr 2006 sind demnach relativ frühe Zeugnisse einer Wahrnehmung solcher Veränderungen. Da sich diese Veränderungen auf allen Ebenen der Kultur vollziehen und sich oft auch gegenseitig verstärken, scheint es nicht übertrieben, von einem Kulturkampf zu sprechen. Doch wer kämpft hier eigentlich gegen wen?!

Der Autor bedient sich eines bekannten Bildes aus der Geschichte und vergleicht diesen Kulturkampf im Verborgenen mit dem Einfall der Barbaren in die antike Welt der Griechen. Das antike Griechenland steht hier exemplarisch für eine gefestigte und in sich hermetisch abgeschlossene Kultur (was so natürlich nicht stimmt). Demgegenüber sprach man von den Barbaren (den Bärtigen), die des Griechischen nicht mächtig waren und aus anderen (vermeintlich minderwertigeren) Kulturen kamen. Somit sind die Barbaren ein frühes Beispiel für den klassischen Wirkungszusammenhang von gruppendynamischen Prozessen: Ausgrenzung und Abwertung auf der einen, Inklusion und Aufwertung auf der anderen Seite.

Alessandro Baricco spricht in seinem Buch von „Barbaren“, an anderer Stelle vom „horizontalen Menschen“; ich werde in dieser Besprechung auch den Begriff des „Digitalmenschen“ verwenden. All diese Begriffe beschreiben im Prinzip ein und dasselbe: den neuen Menschen der Digitalmoderne, der die Landkarte der Kultur verändert hat und im Begriff ist, ganz im Sinne von Friedrich Nietzsche die „Umwertung aller Werte“ in Angriff zu nehmen.

Doch zurück zu dem Bild, welches uns der Autor vom aktuellen Zustand unserer Kultur entwirft. Mit der Einführung der „Barbaren“ lässt sich Folgendes beobachten: Man liest und hört von Plünderungen einzelner Dörfer und Landstriche, doch das große Ganze versteht man nicht, weil die Form dieser Plünderungen irgendwie anders ist als in früheren kriegerischen Auseinandersetzungen.

„Gewöhnlich kämpft man um die Kontrolle strategischer Punkte auf der Landkarte. […] Die neuen Angreifer […] verändern die Landkarte.“ Immer wieder lassen sich solche Zäsuren in der Geschichte der Menschheit beobachten: die Renaissance, die Aufklärung, die Romantik …

Wir betrachten das Bild, „das die zahllosen geplünderten Dörfer auf die Oberfläche der Welt zeichnen. […] Wir sehen die Plünderungen, aber die Invasion sehen wir nicht. Und können sie deshalb nicht verstehen. […] Man muss von oben blicken.“ Es geht also um die Einnahme der Position eines distanzierten Beobachters. Doch wie macht man das? — Indem man sich anschaut, was und wie die Barbaren plündern!

Alessandro Baricco hat für seine Analyse — ganz im Sinne Siegfried Kracauers — drei Phänomene der Populärkultur ausgewählt, an denen er exemplarisch den neuen Umgang und den grundlegenden Wandel zu beschreiben versucht: „den Wein, den Fußball und die Bücher.“

Zeigen wir die Vorgehensweise der Barbaren am Beispiel der Bücher, denn hier lässt sich die Strategie der Barbaren recht leicht erkennen. In den vergangenen Jahren haben die Barbaren den Buchmarkt erobert, so Baricco. Das wird offensichtlich, wenn wir uns die Bestsellerlisten der letzten Jahre anschauen.

Welche Titel sind hier zu finden? Es sind vor allem Bücher, „die es nicht gäbe, wenn sie ihren Ursprung nicht etwas verdankten, das außerhalb der Welt der Bücher liegt.“ Die Rede ist von all jenen Büchern, die nur aufgrund einer aktuellen Verfilmung auf den ersten Plätzen gelandet sind, sowie Bücher von Berühmtheiten aus dem Showbusiness oder auch Bücher, die aktuelle politische Ereignisse erklären.

Der neue horizontale Mensch liest keine schweren Bücher mehr, denn er sieht in der Mühe, die er aufwenden müsste, um diese Bücher zu lesen und ihren Inhalt zu verstehen, keinen Sinn. Die Mühe an sich ist kein Wert mehr. Sie erwirkt auch keinerlei Anerkennung mehr im Wertekosmos der Barbaren.

Es geht den Barbaren vielmehr um ein Spiel mit den Proportionen. Was „uns Alten“ als eine Abwertung und Entwertung des Kulturguts Buch erscheint, wird von ihnen bewusst vorgenommen: Sie haben ihren Einflussbereich „gewaltig ausgedehnt. Und so erscheint uns der Buchmarkt am Ende wie ein riesiges Spiegelei, bei dem das Eigelb, das größer ist als früher, die qualitätsbewussten Verlage darstellt, und das auf enorme Proportionen ausgedehnte Eiweiß den ganzen Rest“, also die ganzen Kochbücher, die „Bücher zum Film“, Skandal-Literatur und gut verkäuflichen Trivialtitel.

Der entscheidende Punkt ist, dass ein Buch für den Digitalmenschen nur noch einen Wert hat, „wenn es sich als Mosaikstein einer umfassenderen Erfahrung anbietet, als Teil einer Abfolge“. Denn die „Barbaren benutzen das Buch, um Sequenzen von Sinn zu vervollständigen, die woanders erzeugt werden.“ Das muss man kurz erklären.

Es gibt eine neue Weltsprache: in den Kinos, in den Medien, in der Werbung, in der Unterhaltungsmusik. Es ist „eine Art Latein, das überall in der westlichen Welt gesprochen wird.“ Wir allen kennen diese Sprache in- und auswendig, denn wir lernen sie von klein auf. Diese Sprache formt unsere Wahrnehmung der Wirklichkeit und umgekehrt formulieren wir mit ihr unsere Wahrnehmung der Wirklichkeit.

„Sie besteht aus einem Wortschatz, einem bestimmten Begriff von Rhythmus, einer Sammlung standardisierter Gefühlssequenzen, aus einigen Tabus, aus einer präzisen Vorstellung von Schnelligkeit und aus einer Geographie der Buchstaben.“ Für die Digitalmenschen besitzen die Bücher nur dann einen Wert, wenn sie „in dieser Sprache geschrieben sind. Denn dann sind sie keine Bücher mehr, sondern Teile einer weiter reichenden, mit den Buchstaben des Imperiums geschriebenen Sequenz“.

Noch einmal: „Das Buch an sich ist kein Wert: Der Wert ist die Sequenz.“ Wir kommen der Denkweise des horizontalen Menschen, wie ihn der Autor beschreibt, schon ein gutes Stück näher. Seine Welt ist das Internet, das weltumspannende Netz aus Datenströmen, in dem er sich zuhause fühlt.

Die Logik der Barbaren lautet: „Ein System lebt, wenn der Sinn überall und auf dynamische Weise anwesend ist. Wenn der Sinn auf einen Ort beschränkt und unbeweglich ist, stirbt das System.“ Die Haltung der Barbaren gegenüber der Kultur ist invasiv. Die Kultur ist nur eines der vielen Schlachtfelder, auf denen die Digitalmenschen ihre Plünderungen vollziehen.

Für die barbarische Invasion sind „steigende Verkaufszahlen und ein klarer Vorrang der kaufmännischen Logik“ typisch. Schnell bekommt man „eine Vorstellung von einem System, das beschlossen hat, auf allen Ebenen den kommerziellen Aspekt allem anderen vorzuziehen.“

Die neue Kultur der Barbaren lässt sich mit wenigen Stichworten zusammenfassen. Sie ist gekennzeichnet durch Bewegung und Dynamik, Mühelosigkeit und Bevorzugung des Spektakulären, durch Oberflächlichkeit und Vermeidung von Tiefe, durch Sequenzialisierung und Eklektizismus. Ihr Prototyp ist der horizontale Mensch ohne Wurzeln, der sich beschleunigt durch die Punkte seiner Aufmerksamkeit bewegt und eine Spur, eine Sequenz erzeugt, die er mit Erfahrung identifiziert.

Der ursprüngliche Gedanke, dass Verstehen und Wissen bedeutet, tief in das einzudringen, was wir untersuchen, bis wir sein Wesen erfasst haben, „ist ein schöner Gedanke, der gerade stirbt. Ihn ersetzt die instinktive Überzeugung, dass das Wesen einer Sache kein Ort ist, sondern eine Bahn, dass es nicht in der Tiefe versteckt ist, sondern an der Oberfläche verstreut, dass es nicht in den Dingen haust, sondern sich außerhalb von ihnen entfaltet, dort, wo sie wirklich beginnen, also überall.“

„Surfen“ und „Navigieren“ sind schöne Metaphern für diese neue Kulturtechnik: „Oberfläche statt Tiefe, Reisen statt Eindringen, Spiel statt Mühsal“. Denn „Erfahrung hat für die Barbaren die Form einer Kette, einer Sequenz, einer Bahn. Sie enthält eine Bewegung, die unterschiedliche Punkte im Raum der Wirklichkeit miteinander verkettet, und sie hat die Intensität eines Blitzes.“ Schnell muss die Bewegung sein, damit man niemals Gefahr läuft, an einem Punkt stecken zu bleiben, wodurch die Spur wieder verschwinden würde.

Die einzige Chance, dieser Gefahr zu entkommen, ist die Beschleunigung. Um einen Sinn wahrzunehmen und zu erzeugen, muss der horizontale Mensch in Bewegung bleiben, und „diese kurze Verweildauer hält ihn unvermeidlich von der Tiefe fern“. Doch „in der Tiefe findet er den Sinn nicht, der steckt in der Zeichnung“, die aus der Bewegung erzeugt wird. Die Barbaren „bewegen sich nicht in Richtung auf ein Ziel, denn das Ziel ist die Bewegung“ selbst.

Alessandro Baricco entfaltet entlang der drei Bereiche Wein, Fußball und Bücher, wie sehr wir die Logik der Digitalmoderne bereits verinnerlicht und instinktiv auf nahezu alle Lebensbereiche übertragen haben. So überrascht es nicht mehr, wenn er am Ende seines Buches feststellt, dass jeder Kampf gegen die Barbaren sinnlos ist, da wir selbst die von ihnen initiierte Mutation bereits in uns tragen.

Wir können uns also nicht wirklich gegen die Barbaren wehren, denn sie sind bereits ein Teil von uns, wir selbst sind Mutanten in jeweils individuell abgestuften Intensitäten. Deshalb ist auch jedes Ankämpfen gegen diese Veränderungen letzten Endes sinnlos; viel schlauer wäre „ein intelligentes Schwimmen im Strom“. Wir sollten uns lieber intensive Gedanken darüber machen, „was wir von der alten in die neue Welt mitnehmen wollen“. Dies allerdings ist eine schwierige Aufgabe, weil es niemals bedeutet, etwas vor der Mutation in Sicherheit zu bringen, sondern immer in der Mutation.

Wir erleben unsere Kultur als im Umbruch befindlich. Um angemessen auf diese neue Situation der einfallenden Barbaren zu reagieren, muss man sich für eine Strategie entscheiden. „Die Strategie, für die wir uns entschieden haben, als wir spürten, dass uns der Stachel von Raubzügen im Fleisch saß, war der Bau einer Großen Mauer.“

„Die Wahrheit ist jedoch, dass wir keine Grenze verteidigen — wir erfinden sie. Wir brauchen diese Mauer, aber nicht, um das fernzuhalten, was uns Angst macht, sondern um ihm einen Namen zu geben.“ Wer Grenzen setzt, definiert seinen eigenen Standpunkt, ja, genau das ist doch die wörtliche Bedeutung von Definition: Grenzziehung.

Am Schluss resümiert der Autor noch einmal, worin die von ihm beobachtete Mutation der horizontalen Menschen besteht. Sie ruhe vor allem auf zwei Grundpfeilern: „einer anderen Idee davon, was Erfahrung ist, und einer anderen Stellung des Sinns im Gefüge des Daseins. Beides bildet den Kern der Sache, der Rest ist nur eine Reihe von Konsequenzen“. Und weiter:
„Es gibt keine Grenze, glaubt mir, es gibt nicht die Kultur auf der einen und die Barbaren auf der anderen Seite. Es gibt nur den Saum der Mutation, der vordringt und schon in uns verläuft.“

Der Autor bestätigt hier noch einmal, was wir alle instinktiv schon längst wissen: dass Kultur niemals hermetisch sein kann, sondern immer im und durch den Austausch lebt; dass Mutation nur ein anderes Wort ist für Veränderung und Wandel; dass wir alle sowohl das Produkt als auch die Produzenten der uns umgebenden Kultur sind.

Vieles, was Alessandro Baricco in diesem langen Essay beschreibt, war damals nur in Ansätzen zu erkennen und hat erst heute seine vollen Ausmaße erreicht. So schreibt er an einer Stelle: Was uns jetzt (2006) nur noch fehlt, ist „eine einzige, gummiartige Unterlage ohne Kabel […], auf der nach Wunsch Zeitungen, Bücher, Comics, Fotos, Filme und Links jedweder Art auftauchen“. — Schon ein Jahr später (2007) brachte Apple das erste IPhone auf den Markt; im gleichen Jahr präsentierte Amazon mit dem Kindle den ersten E-Book-Reader, und 2010 wurde schließlich das erste IPad vorgestellt.

Was Alessandro Baricco mit seinem Buch vorlegt, ist eine leicht lesbare, intelligente und höchst anregende Studie über die Kultur der digitalmodernen Gesellschaft. Sie könnte als Grundlage dienen für eine noch zu schreibende „Soziologie der Digitalmoderne“. Ein wundervolles und wichtiges Buch! Es wurde bereits 2006 geschrieben und ist ein beeindruckendes Zeugnis für die Weitsicht dieses klugen Autors. Umso bedauerlicher ist, dass es bis heute keine Fortsetzung zu geben scheint.

 

 

Autor: Alessandro Baricco
Titel: „Die Barbaren — Über die Mutation der Kultur“
Gebundene Ausgabe: 224 Seiten
Verlag: Hoffmann und Campe Verlag
ISBN-10: 3455405800
ISBN-13: 978-3455405804

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