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Rezensionen von Büchern aus den Kultur- und Geisteswissenschaften

Anton Grabner-Haider, Klaus S. Davidowicz, Karl Prenner: „Kulturgeschichte des 19. Jahrhunderts“

Am: | Februar 10, 2016

Man spricht gerne vom „langen 19. Jahrhundert“, das mit der Französischen Revolution von 1789 seinen Anfang nahm und mit dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs 1914 endet. – Doch wie man auch das 19. Jahrhundert zeitlich eingrenzen mag: Seine Entwicklungen und Ideen waren prägend vor allem für jene Zeit danach, und im 20. Jahrhundert wurden jene Entwicklungsprozesse auf die Spitze getrieben, in ihren Exzessen und Kämpfen ging die halbe Welt unter, und auch wir Heutigen sind noch geprägt von jenen Ideen, die im 19. Jahrhundert ihren Anfang nahmen.

Das 19. Jahrhundert war das Jahrhundert der Ideologien. Traditionalismus, Romantik, Sozialismus, Kommunismus, Nationalismus und Rassismus haben alle ihren Ursprung und ihre Blütezeit während jener Zeit. Sie bereiten gleichwohl die kriegerischen Konflikte des 20. Jahrhunderts vor. Oder anders formuliert: Was sich im 19. Jahrhundert abzeichnete, fand seine Vollendung im 20. Jahrhundert.

Untrennbar mit der politischen Entwicklung ist die Industrialisierung der westlichen Welt und mit jener wiederum die Transformation der gesellschaftlichen Schichtung verbunden. Die Industrialisierung bildet in der Bevölkerung eine neue Schicht von Arbeitern heraus und bereitet so den Übergang von der stratifikatorischen in die funktionale, segmentäre und arbeitsteilige Gesellschaftsform vor.

Die starke politische, technische und wirtschaftliche Dynamik des 19. Jahrhunderts brachte neben neuen Herausforderungen sozialer und wirtschaftlicher Art vor allem auch neue Chancen für die freie Entfaltung der Individuen, unabhängig von Verpflichtungen des Standes, der Familie und der Religion. Die Entstehung der großen Städte bot den Raum für solche neuen Formen der individuellen Entfaltung. Die Verbesserung der Stellung der Frau in der gesellschaftlichen Hierarchie kam zwar nur langsam voran, wurde aber ebenfalls durch jene gesellschaftlichen Transformationsprozesse erleichtert.

Der hier vorliegende Band befasst sich in erster Linie mit der Kulturgeschichte des 19. Jahrhunderts, wobei Kultur als Produkt eines zielgerichteten menschlichen Handelns niemals völlig von jenen bereits genannten technischen, wissenschaftlichen und wirtschaftlichen Entwicklungen zu trennen ist.

Wie Anton Grabner-Haider in seiner Einleitung betont, vertritt dieses Buch einen weit gefassten Kulturbegriff, der nicht zuletzt auch den interkulturellen Dialog miteinbezieht. So finden sich in dieser Kulturgeschichte auch ausdrücklich Bezüge zur amerikanischen, afrikanischen, asiatischen und islamischen Kultur jener Zeit. Der interkulturelle Austausch ist ein bislang nur wenig berücksichtigter, aber wichtiger Teil des Gesamtbildes.

Der Ausgang des 19. Jahrhunderts ist von einer starken, international zu verzeichnenden Tendenz hin zu einem irrationalen Nationalismus. Dessen fatale Folgen in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts sind hinlänglich bekannt. Am Ende des 19. Jahrhunderts hatte auch die industrielle Entwicklung derart an Fahrt aufgenommen, dass das explosionsartige Wachstum der großen Städte zu neuen Formen der Verunsicherung, der Desorientierung und zu Ängsten führte, auf die man einerseits mit Stress — oder wie man damals sagte: mit Neurasthenie — oder andererseits auch mit einer distanzierenden Dekadenz reagierte. Der Ausgang des 19. Jahrhunderts war gleichzeitig ein Übergang in eine noch ungewisse Zukunft, die die einen mit Zuversicht und Optimismus, die anderen mit Pessimismus und Weltuntergangs-Phantasien begleiteten.

Die Autoren betonen sehr treffend die starke Dynamik nahezu aller gesellschaftlicher, wissenschaftlicher, sozialer, politischer und ökonomischer Prozesse, die die Menschen in Atem hielt. Begeisterung und Verzweiflung, Karriere und massenhafte Verarmung, Fortschrittsglaube und Zukunftsangst existierten nebeneinander. Es war ein Jahrhundert des Aufbruchs und der Unsicherheit, der Ausbeutung der Natur und der Menschen, wie ein Jahrhundert des Untergangs jener alten Zeit der Standesgesellschaften.

Der Kulturphilosoph Anton Grabner-Haider und der Theologe Karl Prenner lehren an der Universität von Graz. Der deutsche Kulturwissenschaftler und Experte für jüdische Geistesgeschichte, Klaus S. Davidowicz, istt seit Professor für Judaistik an der Universität Wien. Das Autoren-Team beleuchtet in diesem Buch das 19. Jahrhundert aus verschiedenen Blickwinkeln.

Sie beschreiben die wirtschaftlichen und sozialen Prozesse, die Dynamik der ideologischen Ideen und der Ideologien, die protestantischen Lebenswelten und den Siegeszug des Kapitalismus als Leitidee der sich langsam bildenden Industrieländer, dazu im Gegenzug die katholische Lebenswelt und die Welt des östlichen Christentums. Davidowicz beschreibt die jüdische Lebenswelt des 19. Jahrhunderts, während Prenner auch die islamische Welt in Augenschein nimmt. Darüber hinaus werden Naturwissenschaft und Technik, Literatur Dichtkunst, Baukunst, Malerei und Musik, das Gesamtbild abrundend, als wichtige Teilbereiche der Kulturgeschichte ausführlich behandelt.

Wie man es von einer solch aufwändigen (und auch nicht ganz preiswerten) Publikation erwarten darf, sind die Texte nicht nur hervorragend und umfassend recherchiert, sondern legen trotz der wissenschaftlichen Exaktheit ihrer Sprache großen Wert auf Lesbarkeit und Verständlichkeit der Texte. Diesem Anspruch werden die Autoren an jeder Stelle dieses Sammelbandes gerecht. Somit kann diese „Kulturgeschichte des 19. Jahrhunderts“ sowohl für den interessierten Leser außerhalb des universitären Betriebs, als auch für den wissenschaftlich arbeitenden Studenten zu einer wertvollen und lehrreichen Lektüre werden.

Autor: Anton Grabner-Haider, Klaus S. Davidowicz, Karl Prenner
Titel: Kulturgeschichte des 19. Jahrhunderts
Gebundene Ausgabe: 272 Seiten
Verlag: Vandenhoeck & Ruprecht
ISBN-10: 3525531184
ISBN-13: 978-3525531181

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