Alfred Andersch: „Der Vater eines Mörders“

Alfred Anderschs letzte Erzählung „Der Vater eines Mörders“, die erst nach seinem Tod im Jahr 1980 veröffentlicht wurde, gehört zu jenen schmalen Prosawerken, deren Wirkung weit über ihren geringen Umfang hinausreicht. Auf wenigen Seiten entwirft Andersch nicht nur das bedrückende Bild einer autoritären Schulwelt in der späten Weimarer Republik, sondern zugleich eine Erinnerungsskizze eigener Jugend, …

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Joseph J. Ellis: „1776 — Der Sommer der Revolution“

Es gibt zahlreiche Bücher über die Amerikanische Revolution, die sich wie Monumente ausnehmen und bereits durch ihr äußeres Erscheinungsbild bemüht sind, die epochale Bedeutung der historischen Ereignissen zu unterstreichen: wuchtig, umfassend, bemüht um Totalität. Und es gibt Bücher, die sich stattdessen auf einen Moment konzentrieren — einen Sommer, einige Monate, eine prekäre Abfolge von Entscheidungen …

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Thomas Sparr: „‘Ich will fortleben, auch nach meinem Tod‘ — Die Biographie des Tagebuchs der Anne Frank“

Als im Frühjahr 1944 eine Fünfzehnjährige in einem Amsterdamer Hinterhaus den Wunsch formulierte, sie wolle auch nach ihrem Tod weiterleben, ahnte sie nicht, dass dieser Satz zu einem der wirkmächtigsten literarischen Selbstzeugnisse des 20. Jahrhunderts führen würde. Thomas Sparr nimmt diesen Wunsch ernst — nicht als pathetische Prophezeiung, sondern als Ausgangspunkt einer ungewöhnlichen Spurensuche. Sein …

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George Orwell: „Zeilen der Zeit — Kolumnen aus einem Jahrhundert im Umbruch“

Die Kolumne ist eine eigentümliche literarische Form. Sie entsteht im Rhythmus der Woche, unter dem Druck des Tagesgeschehens, und doch kann sie – in seltenen Fällen – eine präzise Chronik einer Epoche werden. Die Texte, die George Orwell zwischen 1943 und 1946 unter dem Titel „As I Please“ für die britische Wochenzeitschrift Tribune schrieb und …

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Aldous Huxley: „Zeit der Oligarchen“

Heute liest man diesen Essay an vielen Stellen mit Gänsehaut. Der Hanser-Verlag hat mit „Zeit der Oligarchen“, dem Titel der deutschen Übersetzung, genau den richtigen, richtungsweisenden Ton getroffen; der Titel des englischen Originals („Science, Liberty and Peace“) klingt dagegen geradezu harmlos und seltsam indifferent. Davon abgesehen, werden die heutigen Leser ihre Lektüre vor dem Hintergrund …

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Judith Kessler: „Kann denn Liebe Sünde sein? — Auf den Spuren des Liedtexters Bruno Balz“

Judith Kesslers Buch Kann denn Liebe Sünde sein? — Auf den Spuren des Liedtexters Bruno Balz ist mehr als eine Biografie. Es ist eine Wiederbegegnung mit einer Gestalt, die das deutsche Unterhaltungslied der 1930er und 1940er Jahre geprägt hat und zugleich zu jenen gehört, die die Geschichte in ihren Fußnoten verschluckt. Bruno Balz — der …

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Hauke Friederichs u. Rüdiger Barth: Deutschland 1946 — Das Wunder beginnt“

Deutschland im Jahr 1946 — ein Land aus Staub und Schweigen, von Rauch und Hoffnung umhüllt. Die Städte liegen in Trümmern, die Moral ebenso. Und doch regt sich in den Rissen der Ruinen bereits ein leises Leben, ein vorsichtiger Wille zum Neubeginn. In diese Zwischenzeit führen Hauke Friederichs und Rüdiger Barth den Leser in ihrem …

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Konrad Merz: „Ein Mensch fällt aus Deutschland“

Es ist ein schmales Buch, äußerlich beinahe unscheinbar, doch innerlich ein Dokument von eruptiver politischer und menschlicher Wucht: Ein Mensch fällt aus Deutschland von Konrad Merz, erstmals 1936 im Amsterdamer Querido Verlag erschienen, gehört zu den eindringlichsten Zeugnissen der deutschen Exilliteratur. Es ist der Bericht eines Ausgestoßenen, eines Flüchtlings, eines „Gefallenen“ – nicht im militärischen, …

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Andrew Leigh: „Die kürzeste Geschichte der Wirtschaft“

In einer Zeit, in der ökonomische Debatten oft von Fachjargon und komplexen Modellen dominiert werden, gelingt es Andrew Leigh mit seinem Werk Die kürzeste Geschichte der Wirtschaft, einen klaren und zugänglichen Überblick über die Entwicklung wirtschaftlicher Systeme zu bieten. Auf lediglich 228 Seiten (zzgl. Anhang) entfaltet er eine narrative Reise von der Frühzeit der Menschheit …

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Kerstin Holzer: „Thomas Mann macht Ferien – Ein Sommer am See“

Thomas Mann macht mit seiner Familie Ferien am Tegernsee. Es ist Sommer 1918, der letzte Kriegssommer, der letzte Sommer des deutschen Kaiserreichs. Das Wetter ist schön, die Natur lädt ein zu langen Spaziergängen mit dem Hund, abends rudern die Eltern, Katia und Thomas, auf den See hinaus. Es klingt zunächst nach einer, wie wir heute …

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