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Rezensionen von Büchern aus den Kultur- und Geisteswissenschaften

Bruno Preisendörfer: „Die Verwandlung der Dinge — Eine Zeitreise von 1950 bis morgen“

Am: | März 26, 2018

Jede technische Entwicklung führt auch zu einer Anpassung der mit der Technik verbundenen Kulturtechniken. Mit jeder Weiterentwicklung ist in der Regel auch die Aufgabe veralteter Technik verbunden und mit ihr die Aufgabe der entsprechenden Kulturtechniken.

Mit dem Verschwinden der Kassetten verschwand auch die Terminologie des Spulens und des Aufnehmens. Was auf den ersten Blick vielleicht nicht als Verlust zu erkennen ist, wird deutlich, wenn man die betreffenden Kulturtechniken in einen sozialen Kontext einbettet:

Jahrzehntelang war das Mixtape ein zentrales Element des Hofmachens unter Jugendlichen und gehörte zum festen Repertoire der Bemühungen um die Anbahnung einer Beziehung. Stundenlang wurden Musiktitel ausgesucht, ihre Reihenfolge zusammengestellt und dann Titel für Titel auf eine Kassette aufgenommen; die Beschriftung und visuelle Gestaltung der Verpackung gehörte ebenso zur Erstellung eines Mixtapes für die Angebetete wie die für die Herstellung aufgewendete Zeit.

Über welche Substitute verfügen die Jugendlichen heute? Stellen sie schnell eine Playlist zusammen, deren Link sie dann per SMS oder Whatsapp an die Dame ihres Herzens verschicken? – Im Vergleich zum Mixtape wird die Lieblosigkeit und die Armseligkeit dieser Kulturtechnik besonders deutlich. Nicht nur ist der Aufwand für die Erstellung einer Playlist viel geringer – und somit wohl auch die Wertschätzung dieser individuellen Liebeserklärung. Der Vorgang hat sich deutlich beschleunigt, was ebenfalls ein Zeichen unserer Zeit ist.

Interessant ist in diesem Zusammenhang übrigens auch die Frage, ob der Link per SMS direkt an die Angebetete geschickt wurde oder ob er per Whatsapp an sie und gleichzeitig an andere Mitglieder einer Whatsapp-Gruppe versendet wurde. Im zweiten Fall hätten wir es mit einem für unsere Zeit charakteristischen Habitus zu tun: der Veröffentlichung von privaten Informationen zum Zwecke der Erlangung von Zeichen der Anerkennung sowie von Distinktionsgewinnen. —

Dies muss kurz erläutert werden: Identität wird heute nicht mehr das Ergebnis eines intrinsischen Prozesses der Charakterbildung, sondern das Ergebnis eines heteronomen Prozesses der Anerkennung von Mitgliedschaften und Bewertungen; in dieser Perspektive ist die Tatsache der Erstellung einer Playlist ebenso bewertungsrelevant wie die auf der Playlist erscheinenden Musiktitel. Mit Hilfe der Musikauswahl verschafft sich das Individuum einen Distinktionsgewinn, wenn seine Auswahl besonders exquisit ist. In beiden Fällen ist die Erlangung von Bewertungen entscheidend: Wer nichts (bzw. sich nicht) veröffentlicht, wird auch nicht wahrgenommen. Wer nicht wahrgenommen wird, kann nicht bewertet werden, und wer nicht bewertet wird, kann auch kein soziales Kapital erwirtschaften.

Allen heutigen medialen Kulturtechniken ist im Vergleich zu ihren Vorgängern die völlige Absenz eines aufschiebenden Elements des Wartens gemein. Früher hört man ein Lied, wartete dann Stunden vor dem Radio, um dieses Lied noch einmal zu hören oder gar um einen Mitschnitt der Sendung anzufertigen. Hatte man etwas Geld beisammen, so pilgerte man zum Plattenladen in der Hoffnung, dass dieser auch die Platte vorrätig hatte. Falls nicht, so musste diese bestellt werden, und man wartete noch länger.

Heute sind alle Informationen, Medien und Produkte sofort verfügbar, abrufbar, bestellbar. Was ihnen durch jene Unaufschiebbarkeit der Erfüllung und die sofortige Befriedigung des Wunsches verloren geht, ist die Wertigkeit. Mit anderen Worten findet eine universale Entwertung aller Waren statt. Die sofortige Verfügbarkeit macht sie austauschbar, und sie verlieren ihre Einzigartigkeit. Die Aura des Besonderen ist verschwunden. Walter Benjamin wäre nicht begeistert, sondern entsetzt.

Der Autor hat eine subjektive Kulturgeschichte der Medien von 1950 bis heute geschrieben. Subjektiv ist diese Kulturgeschichte, weil sie sich ganz bewusst an den persönlichen Erinnerungen und den jeweiligen Medien orientiert, die der Autor über die Jahre selbst benutzt hat und die ihn zum Teil bis heute begleiten. So zum Beispiel seine heiß geliebte Lilly, jenes Kofferradio, das er sich als Teenager vom ersten selbst verdienten Geld gekauft hatte und mit dem er auch heute noch täglich die Nachrichten hört.

Bruno Preisendörfer dürfte den meisten Lesern bekannt sein als Sachbuchautor von kulturgeschichtlichen Titeln über die Luther- und die Goethezeit. Seine Bücher Als Deutschland noch nicht Deutschland war sowie Als unser Deutsch erfunden wurde lassen die beschriebenen Zeiten lebendig werden und zeigen, wie die Gesellschaft und das Leben damals ausgesehen haben. Ähnliches gelingt Preisendörfer mit dem aktuellen Buch über die Entwicklung der Medien seit den 1950er Jahren bis in die Gegenwart.

Wenn man sich vergegenwärtigt, wie sehr sich die Technik gewandelt hat — denken wir nur an Telefon, Schallplatte, Kassettenrecorder und Fernsehen —, dann wird deutlich, mit welcher Geschwindigkeit sich die Technologien verändern — und mit ihnen die jeweiligen Kulturtechniken. Besonders interessant ist in diesem Zusammenhang das Phänomen der Naturalisierung:

Wer in eine technologische Umwelt hineingeboren wird, ist sich der Tatsache ihrer Historizität meist nicht bewusst; mit anderen Worten kann er sich eine Welt ohne diese Technologien nur schwer vorstellen. Die vorhandenen Technologien werden als selbstverständlich, als natürlich angesehen; sie gehören zur natürlichen Grundausstattung des eigenen Umfelds.

Es macht jedoch einen Unterschied, ob ich mich der Historizität eines Mediums bewusst bin oder ob ich es unreflektiert verwende wie etwas, das natürlich zu meiner Wirklichkeit gehört. Es ist der Unterschied zwischen bewusstem und unbewusstem Mediengebrauch.

Besonders deutlich wird dies, wenn man das Internet betrachtet. Junge Menschen, die keine Lebensphase ohne Internet kennen, können sich nur schwer vorstellen, wie und woher sich die Älteren ihre Informationen beschaffen mussten. Wie hat man vor dem Internet miteinander kommuniziert? Wie hat man sich ohne Handy und Smartphone verabredet?

Früher war nicht alles besser, aber alles anders.

Bruno Preisendörfer hat ein sehr persönliches Buch geschrieben, in unserem Gespräch auf der Leipziger Buchmesse 2018 bezeichnet er es als eine „Art Autobiographie im Zusammenhang mit diesen technischen Dingen“, deren Verwandlung er in seinem Buch beschreibt. Dabei ging es ihm vor allem um eine leichte Lesbarkeit und darum, im Leser dessen eigene Erinnerungen wachzurufen. Ihm war es wichtig, eben gerade „keine Technikgeschichte oder gar eine systematische Kommunikationsphilosophie der neuen Medien“ vorzulegen. Sein Buch solle in erster Linie unterhalten und nicht zum Theoretisieren verleiten. Die gesellschaftlichen Auswirkungen des technischen Wandels und des veränderten Umgangs mit den neuen Medien werden bei ihm ganz bewusst ausgeklammert.

Dieser bewusste Verzicht auf eine kulturkritische Reflexion ist zwar schade, aber nachvollziehbar, denn Preisendörfers vergnügliche Reise durch die Welt der Kommunikations- und Unterhaltungstechnik der letzten Jahrzehnte dadurch wahrscheinlich deutlich an Lesbarkeit eingebüßt. Die Beschränkung auf die persönlichen Erinnerungen an den Umgang mit der Technik und die mit ihm verbundenen kulturellen Praktiken hat dem Buch gutgetan. Wer darüber hinaus jene beschriebene Verwandlung der Dinge kulturphilosophisch reflektieren möchte, schafft dies sicherlich auch ohne Anleitung des Autors; schließlich sind die meisten von uns an irgendeinem Punkt in diese technische Umwelt hineingeboren worden und wird sich an seinen eigenen Gerätepark erinnern, der ihn seit der Kindheit umgab.

Doch besonders den jüngeren Lesern macht Die Verwandlung der Dinge deutlich, dass technische Entwicklungen niemals abgeschlossen sind und dass der heutige Stand der Technik keinesfalls das Non plus ultra ist, jedenfalls nicht aus der Sicht von morgen.

Die unübersehbare Tatsache des technologischen Fortschritts ist etwas, das man zunächst nicht so sehr mit dem eigenen Lebenslauf in Verbindung bringt. Doch während der Lektüre wird schnell klar, wie sehr auch die eigne Biografie mit den technischen Dingen des Alltags verbunden ist. Allein deswegen lohnt es sich, dieses Buch zu lesen!

Darüber hinaus wird man an vielen Stellen des Buches innehalten und sich an seine eigene Vergangenheit erinnern, als ein Besuch im Internet noch nach Online-Zeit berechnet wurde oder als man von einer Unternehmung schnell nach Hause eilte, um den eigenen Anrufbeantworter abzuhören… Wie gesagt, es war sicherlich nicht alles leichter, günstiger oder besser in früheren Zeiten; aber es war anders.

 

 

Autor: Bruno Preisendörfer
Titel: „Die Verwandlung der Dinge — Eine Zeitreise von 1950 bis morgen“
Gebundene Ausgabe: 272 Seiten
Verlag: Galiani-Berlin
ISBN-10: 3869711663
ISBN-13: 978-3869711669

 

 

Das ganze Gespräch auf der Leipziger Buchmesse 2018 mit Bruno Preisendörfer über „Die Verwandlung der Dinge“ können Sie hier nachlesen!

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