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Rezensionen von Büchern aus den Kultur- und Geisteswissenschaften

Interview mit Bruno Preisendörfer auf der Leipziger Buchmesse 2018 über sein Buch „Die Verwandlung der Dinge — Eine Zeitreise von 1950 bis morgen“

Am: | März 26, 2018

RALPH KRÜGER: Herr Preisendörfer, mit „Die Verwandlung der Dinge“ haben Sie eine subjektive Kulturgeschichte der Medien von 1950 bis in die Gegenwart geschrieben. Wie kamen Sie auf die Idee, ein solches Buch zu schreiben?

BRUNO PREISENDÖRFER: Der allererste Auslöser war meine Lissy. Lissy ist ein Kofferradio, und Lissy ist der Markenname dieses Kofferradios von Loewe Opta. Diese Firma gibt es nicht mehr. Dieses Kofferradio war das erste Gerät, das ich mir selbst angeschafft habe, im zarten Alter von dreizehn Jahren. Damals hatte ich angefangen zu arbeiten. Heute wäre das gar nicht mehr denkbar, Stichwort: Kinderarbeit. Für drei Mark die Stunde habe ich gearbeitet und mir dann dieses Gerät gekauft; das kostete damals stolze 135 Mark, da können Sie sich ja ausrechnen, wie lange ich dafür arbeiten musste. Diese Lissy habe ich heute immer noch und finde sie nach wie vor ganz toll. Die Lissy war also der Ausgangspunkt, mir eine Art Roman-Autobiografie zu überlegen, die den Titel „Lissy“ tragen sollte. Das war der allererste Kern der Idee, aber das liegt schon mindestens 15 Jahre zurück. Ich habe dieses Gerät immer bei mir gehabt, in verschiedenen Lebensphasen, und daher hätte man das Buch um die Lissy als Kristallisationspunkt herum schreiben können. Dann kamen aber immer wieder andere Projekte dazwischen, und so kam es nie dazu. Nach meinem Buch über die Lutherzeit wollte ich nicht gleich wieder solch ein dickes Buch machen, sondern lieber etwas Kleineres. So kam ich auf die Idee, dieses Medien-Thema wieder aufzugreifen, es aber anders zu konzipieren. Der ursprüngliche Arbeitstitel war „Lebenslauf nach Dingen“; der wurde jedoch später auch noch geändert.

RALPH KRÜGER: Nun werden Sie ja leider schon bald nicht mehr viel hören können mit der Lissy. Denn die analogen UKW-Sender werden ja, wie die KW- und MW-Sender, auch nach und nach zugunsten von digitalen Formaten abgeschaltet.

BRUNO PREISENDÖRFER: Ja, Sie haben Recht, dann ist es leider vorbei mit Lissy. Wenn man dem nachgeht, fällt man ja, dramatisch gesagt, in die Tiefe der Zeit zurück. Lissy hat natürlich Anzeigetafeln für die Frequenzen, auf denen die Mittelwellen-Stationen zum Teil noch eingezeichnet sind. Da steht noch „AFN“ drauf, da steht noch „RIAS“ drauf, also Sender aus einer Zeit, über die die Geschichte Gott sei Dank hinweggeschritten ist. Dennoch sehe ich das jeden Morgen, wenn ich die Lissy anschalte.

RALPH KRÜGER: Ihr Buch trägt den Titel „Die Verwandlung der Dinge“; Sie beschreiben darin die technischen Entwicklungen in den vergangenen sechs Jahrzehnten. Interessant fand ich in diesem Zusammenhang das Phänomen der „Naturalisierung“, auf das Sie gleich zu Beginn Ihres Buches hinweisen. Sie sagen, dass junge Menschen, die jene alten und vergangenen Techniken nicht mehr kennen, die neuen und aktuellen Technologien unreflektiert verwenden, weil sie sich der Historizität jener Technik nicht mehr bewusst sind. Können Sie dies vielleicht noch ein bisschen ausführen?

BRUNO PREISENDÖRFER: Man unterscheidet ja heute zwischen „digital natives“ und jenen älteren Menschen, die wie wir beide ungefähr in einer Altersgruppe und in diese neuen technologischen Entwicklungen hineingewachsen sind. Der Begriff der Naturalisierung ist eigentlich aus der Philosophie entnommen. Er wird dann verwendet, wenn es darum geht zu beschreiben, dass symbolische und soziale Verhältnisse als quasi „natürlich“ angesehen und behandelt werden.

RALPH KRÜGER: Wenn also die Kultur zur natürlichen Umgebung wird und kulturell bedingte Moralvorstellungen und Ansichten als „natürlich“ empfunden werden.

BRUNO PREISENDÖRFER: Genau. Was nun die ganz jungen Menschen betrifft, die nach der Entwicklung des Internets geboren wurden, so ist für diese Altersgruppen ein Leben ohne Internet von Hause aus nicht vorstellbar, denn das Internet war ja schon da, bevor er oder sie geboren wurde. Weil sie Kinder sind, gehen sie mit diesen Techniken ganz natürlich und „vorgegeben“ um. In meinem Buch zitiere ich auch einen kleinen Jungen, der fragt: „Sag´ mal, wie seid Ihr eigentlich ins Internet gekommen, als es noch keine Computer gab?“ – Er konnte sich zwar eine Zeit vorstellen, in der die Computer noch nicht erfunden waren; aber dass auch das Internet einmal nicht existierte, war für ihn nicht vorstellbar.

RALPH KRÜGER: Nun gehen ja diese technologischen Entwicklungen immer schneller vonstatten, und daraus entspringt ja auch zum Teil ein Gefühl der Ohnmacht gegenüber diesen Entwicklungen.

BRUNO PREISENDÖRFER: Natürlich, aber das ist nicht nur heute so, sondern das war schon immer so. Als die Eisenbahn erfunden wurde, gab es wissenschaftliche Diskussionen und Warnungen, ob der menschliche Körper diese hohen Geschwindigkeiten – wir reden hier von etwa 30-40 Stundenkilometern! – überhaupt aushält!

RALPH KRÜGER: Wenn man die technischen Entwicklungen der Medien betrachtet – Telefon, Fernsehen, Radio, Schallplatte, Cassette, CD, Streaming -, könnte man diese Mediengeschichte nicht manchmal auch als Verlustgeschichte lesen? Ich denke da an den Verlust von Kulturtechniken, nehmen wir beispielsweise das „Spulen“, „Aufnehmen“, „Abspielen“ bei der Tonbandaufnahme. Sie haben in Ihrem Buch das Beispiel „Mixtape“ ausführlich beschrieben: Früher stellte man für die Angebetete ein Mixtape mit Musiktiteln zusammen. Das war ein aufwändiges Projekt; passende Titel mussten ausgesucht, in optimaler Reihenfolge zusammengestellt, dann in Echtzeit aufgenommen werden; die Gestaltung des Covers und die Beschriftung der Cassetten war noch ein eigenes Kapitel… – Was machen die Jugendliche heute? Stellen sie eine Playlist zusammen, schicken dann den Link an die Auserwählte? – Gingen hier nicht im Zuge der technischen Entwicklung wertvolle Kulturtechniken verloren und war früher nicht vielleicht doch so manches besser?

BRUNO PREISENDÖRFER: Natürlich kann man aus einer bestimmten verengten Perspektive auch alles als eine Verlustgeschichte lesen, aber das war gar nicht mein Ansatz. Ich wollte eine Art Autobiographie im Zusammenhang mit diesen technischen Dingen schreiben – und eben keine Technikgeschichte oder gar eine systematische Kommunikationsphilosophie der neuen Medien. Sonst käme man ja auch nur ins Theoretisieren und dann verlöre ich auch das große Publikum, an das ich mich ja wende… Natürlich haben sich einige Begriffe in die neue Zeit hinübergerettet, obwohl die technische Entwicklung schon längst fortgeschritten ist. Denken Sie nur ans Telefonieren: Wir sprechen auch heute noch vom „Auflegen“, obwohl wir nur noch einen Knopf drücken oder auf dem Smartphone nur noch auf die Fläche tippen… Um noch einmal auf meinen Ansatz zurück zu kommen: In meinem Buch finden sich sicherlich keine neuen wissenschaftlichen Erkenntnisse. Darauf kam es mir aber auch nicht an, sondern es sollte eine Art Plauderstück werden, das die Leser animiert, sich an ihre eigene Vergangenheit zu erinnern.

RALPH KRÜGER: Kommen wir jetzt noch ein wenig auf den Arbeitsprozess zu sprechen. Wie sind Sie an dieses Schreibprojekt herangegangen? Sie hatten ja zu Beginn unseres Gesprächs schon ein wenig über die Grundidee erzählt, die Geschichten um die Lissy herum zu drapieren; dann gab es ein neues Konzept…

BRUNO PREISENDÖRFER: Wenn man über technische Medien schreibt, dann muss man das natürlich ein wenig sortieren. Für mich als Schriftsteller war natürlich zunächst das Schreiben ein zentraler Themenbereich. Ich wurde 1963 eingeschult und hatte tatsächlich noch auf einer alten Schiefertafel schreiben gelernt. Somit trägt der erste Abschnitt den Titel „Von der Schiefertafel zum Tablet“. Dann hatte ich die Geschichte der Lissy zu erzählen. Dann müsste ich aber auch noch die Geschichte der Verwandlung der Tonträger erzählen. Ebenso die Verwandlung des Fernsehen – „Vom Möbel zum Medium“. Damit verbunden war die rasante Entwicklung der visuellen Aufnahmemedien – von VHS über DVD und Blue Ray bis zum Streaming vom Server. Natürlich durfte die Geschichte des Telefons vom Wandsprechapparat zum Smartphone nicht fehlen. Damit hatte ich alle wichtigen Medientechnologien abgedeckt. Natürlich hätte man auch über die Entwicklung der Haushaltstechnik schreiben können, aber das hätte wohl den Umfang meines Buches gesprengt.

RALPH KRÜGER: Wie lange haben Sie insgesamt an diesem Buch geschrieben?

BRUNO PREISENDÖRFER: Das Schreiben selbst hat ungefähr anderthalb Jahre gedauert, aber das ist dann wirklich so, dass ich dann fast nichts Anderes mache.

RALPH KRÜGER: Bei meiner Recherche bin ich übrigens auf Ihre eigene Homepage gestoßen, den „Fackelkopf“ (www.fackelkopf.de). Kann man das als eine Art literarisches Journal bezeichnen?

BRUNO PREISENDÖRFER: Der „Fackelkopf“ ist natürlich zuallererst eine Verbeugung vor Karl Kraus, der ja auch alles allein gemacht hatte; Fackelkopf.de gibt es seit 2009, aber es ist kein Blog – da lege ich sehr viel Wert drauf – meinetwegen kann man es als eine Netzzeitschrift bezeichnen, aber eben nicht als Blog. Es gibt auch keine Links. Nun zum Hintergrund: Ich komme ja aus dem Journalismus. Als ich 40 war, das war 1997, bin ich aus der Redaktion gegangen und habe mich schrittweise aus dem journalistischen Schreiben zurückgezogen. Ich habe zehn Jahre in der Redaktion gearbeitet und auch immer sehr meinungsstark geschrieben – Kommentare, Kolumnen usw. – Wenn Sie einmal in diesem Berufsfeld gearbeitet haben, dann sind Sie geprägt. Dann ist das so, dass man immer „krähen“ muss. Bei jeder Debatte, die halbwegs wichtig ist, hat man den Reflex, sein „Kikeriki“ dazu sagen zu müssen. Das war die ursprüngliche Funktion für den Fackelkopf, damit ich nicht bei jedem Anlass rumtelefoniere bei den Zeitungen und anfrage, ob ich darüber schreiben darf… Schließlich wollte und will ich ja Bücher schreiben! – Der Fackelkopf war also zunächst eine Art Ventil. Dann kam noch dass Projekt „Dekameron für Leserinnen“ hinzu, das ich verlagstechnisch nicht unterbringen konnte. Das wollte ich dann auch nicht verschimmeln lassen, und das war dann auch seine zweite Funktion – wenn Sie so wollen, eine tröstende Funktion.

RALPH KRÜGER: Zum Schluss noch die Frage nach den aktuellen Projekten. Woran arbeiten Sie gerade? Was kommt als Nächstes?

BRUNO PREISENDÖRFER: Das Ganze dauert noch ein bisschen, aber es wird eine weitere Zeitreise im Stil von den anderen beiden Büchern geben („Als Deutschland noch nicht Deutschland war“, „Als unser Deutsch erfunden wurde“). Es wird ein Buch über die Zeit von Johann Sebastian Bach und die Jahre um 1700. Da sind wir hier natürlich genau am richtigen Ort, Leipzig ist ja Bach-Stadt. In meinem Buch kommen natürlich auch Telemann und Händel vor, beide Zeitgenossen von Bach. Händel hatte ja genau dieselbe Lebensspanne wie Bach. Schon die Zeitgenossen haben ja gesagt: Der Telemann war der deutsche Meister, der Händel war eine europäische Berühmtheit, und der Bach war ja ein zwar anerkannter Komponist, aber eben eher in der sächsisch-thüringischen Provinz zuhause.

RALPH KRÜGER: Das klingt auch wieder sehr interessant, und darauf können wir uns jetzt schon freuen! Herr Preisendörfer, vielen Dank für das interessante Gespräch!

BRUNO PREISENDÖRFER: Ich danke Ihnen.

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