kulturbuchtipps.de

Rezensionen von Büchern aus den Kultur- und Geisteswissenschaften

Stefan aus dem Siepen: „Das Buch der Zumutungen“

Am: | Oktober 23, 2015

Ein kleines, hübsch gebundenes Bändchen mit kurzen Anekdoten zu allen wichtigen Lebenslagen, in die ein Kulturmensch in unserer Gesellschaft geraten kann. Der Klappentext informiert über den Autor: Stefan aus dem Siepen, Jahrgang 1964, nach dem Studium Eintritt in den Diplomatischen Dienst, arbeitet heute im Auswärtigen Amt und lebt in Potsdam; seit einigen Jahren betätigt er sich recht erfolgreich als Schriftsteller.

Ein Anekdotenbuch wird anders geschrieben als eine Geschichte, ein Roman. Dies legt die Frage nahe, wie dieses Buch entstanden ist. Wurden die Notizen zu alltäglichen Gelegenheiten in kleine Notizbücher oder auf Zettel geschrieben? Benutzte der Autor ein Smartphone oder ein IPad zur Niederschrift seiner Einsichten? Diese Frage beantwortet der Autor während unseres Gesprächs auf der Frankfurter Buchmesse mit einem Lächeln und den Griff in die Jackett-Innentasche. Heraus holt er eine kleine schwarze Kladde, in der er seine Beobachtungen notiert und später dann zu Hause in eine Computerdatei überträgt. Zunächst wollen wir uns einen Überblick über den Inhalt dieses interessanten Buches machen.

Es ist unterteilt in sieben Abschnitte, die jeweils eine große Zahl an Reflexionen und Anekdoten sammeln; so beschreibt der Autor Zumutungen des täglichen Lebens, durch erste und letzte Dinge, durch Kunst und Künstler, Literatur und Schriftsteller, durch den falschen oder unschönen Gebrauch der deutschen Sprache, durch Sport und Sportler sowie durch vermischte Auslöser.

Auffallend ist die auch schon im Titel genannte Konzentration auf „Zumutungen“. Wenn einem etwas zugemutet wird, so ist man nicht damit einverstanden; es belästigt einen und stört den geregelten Ablauf der Dinge. Hier wird eine kulturkritische Position deutlich, die das ganze Buch durchzieht und erahnen lässt, welche Haltung aus dem Siepen zur Umwelt hat. Doch es wäre falsch, in dem Autor einen griesgrämigen Nörgler zu vermuten! In unserem Gespräch betont er, er sei eben gerade nicht der berüchtigte „Rentner, der mit dem Kissen in seinem Fenster liegt und all die Dinge beobachtet, die in der heutigen Zeit ganz furchtbar sind.“ Eine solche Haltung liegt ihm ganz fern. Vielmehr versucht er stets, auch den großen Zumutungen des Lebens eine lichte und positive Kehrseite abzugewinnen und seine Texte auf eine Nuance hin zu schreiben.

Jeder von uns kennt Zeiten, manchmal ganze Tage, an denen uns die Welt mehr oder weniger auf die Nerven geht. Wenn die Dinge nicht so wollen wie wir, wenn Menschen, mit denen wir zwangsläufig zusammentreffen, sei es in der U-Bahn, am Arbeitsplatz oder beim Einkauf, uns auf die eine oder andere Art im Wegen stehen. An solch Tagen und in solchen Momenten wünschte man sich gerne allein, befreit von der der Last des Sozialen und den Bürden der menschlichen Nähe. Der Mensch ist ein soziales Wesen, das hat schon Aristoteles gewusst. Und doch gibt es auch nach zweitausend Jahren abendländischer Philosophie immer noch kein Allheilmittel gegen die Unbill des Miteinanders. Die einzige Möglichkeit für den überforderten Intellektuellen, sich seiner Haut zu wehren, ist die Ausbildung einer hübschen Soziophobie oder das freiwillige Exil einer Einsiedelei. Beides keine hübsche Vorstellungen. Schließlich nerven die Mitmenschen ja nicht immer, wenn auch die meiste Zeit.

Stefan aus dem Siepen geht es nicht unbedingt darum, ganz neue Zumutungen zu entdecken, sondern er beschreibt „Zumutungen, die jeder schon beobachtet hat und die nichts Neues sind, versucht aber dann, sie in einem neuen Licht darzustellen und sie mit einer bestimmten Bedeutung zu versehen – kulturhistorisch, philosophisch, psychologisch – in der Hoffnung, dass der Leser das an sich Bekannte in diesem neuen Licht dann doch noch nicht gesehen hat.“ Das ist ihm hervorragend gelungen.

Seine luziden Beschreibungen und Reflexionen der Alltäglichkeiten unseres Lebens lassen den distanzierten Beobachter erkennen, der ein bisschen aus der Zeit gefallen zu sein scheint und der sich auch ein wenig darin wohl fühlt, den aktuellen Trends zu widerstehen. Es ist der Blick eines Intellektuellen auf eine Welt der Mediokrität, die Auseinandersetzung des Geistes mit der Welt der Materialität. Doch es sind weniger die Zumutungen der Dinge, die ihn belästigen, als die der Menschen, die uns umgeben. Man könnte an dieser Stelle, mit den Wölfen heulend, in jenen Kanon einstimmen, der den Verlust der Werte in unserer Gesellschaft besingt. Doch der Autor belässt es bei seinen scharfsinnigen Beobachtungen und Gedankenspielen, die so manche alltägliche Situation in einen völlig neuen historischen oder philosophischen Kontext stellen, der den Leser vom Buch aufblicken und zustimmend nicken lässt.

Während der Lektüre wünschte man sich bei vielen Anekdoten, dass der Autor dort weiterschriebe, wo er abrupt endet. Die kleine Form birgt die Gefahr der Verkürzung und der unbeabsichtigten Kontrastierung. Ob er sich nicht auch eine längere Form wie den Essay vorstellen könne, fragten wir den Autor: „Wenn der Leser dann das Gefühl hat, hier bricht der Gedanke ab oder hier hätte man gerne noch mehr erfahren, ist das einerseits schon ein Kompliment an den Autor; andererseits ist es auch das Dilemma der kleinen Form, aus dem er nicht heraus kann. Es gibt ja den schönen Spruch von Voltaire: Das Geheimnis, langweilig zu sein, besteht darin, alles zu sagen. Daran habe ich mich zu halten versucht, aber vielleicht lasse ich diesem Buch und seinen Gedanken irgendwann doch noch einmal eine Vertiefung folgen.“

„Das Buch der Zumutungen“ ist ein schlaues Buch, das auf jeden Nachttisch gehört. Mühelos lässt sich an jedem Punkt des Buches einsteigen und kürzer oder länger darin schmökern. Die Geschichten eines Abschnitts bauen zwar oft aufeinander auf, schreiben aber die Reihenfolge ihrer Lektüre nicht zwingend vor. Es ist ein intellektueller Genuss, den Gedanken des Autors zu folgen und auch in alltäglichen Situationen Neues zu entdecken. Wie so oft, ist es nur eine Frage der Perspektive, die aus einer Zumutung eine Szene macht, die uns wissend schmunzeln lässt, weil wir in der Lage sind, die Zusammenhänge zu durchschauen und die Hintergründe jenes Verhaltens in einen anderen kulturellen Kontext zu stellen. Hierzu liefert Stefan aus dem Siepen in seinem Buch zahlreiche Beispiele aus allen Lebensbereichen. – Ein schönes Buch. Ein erhellendes und unterhaltsames Buch. Ein Buch, das man lesen muss, um den alltäglichen Zumutungen unseres Lebens neu und souverän begegnen zu können.

 

Lesen Sie auch das Interview mit Stefan aus dem Siepen am 15.10 15 auf der Frankfurter Buchmesse!

 

Autor: Stefan aus dem Siepen
Titel: Das Buch der Zumutungen
Gebundene Ausgabe: 288 Seiten
Verlag: Deutscher Taschenbuch Verlag
ISBN-10: 3423280611
ISBN-13: 978-3423280617

 

Suche




Autoren und Verleger

Kategorien

Feed abonnieren

Links


Empfehlungen