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Rezensionen von Büchern aus den Kultur- und Geisteswissenschaften

Interview mit Stefan aus dem Siepen am 15.10.15 auf der Frankfurter Buchmesse über „Das Buch der Zumutungen“

Am: | Oktober 23, 2015

RALPH KRÜGER: Herr aus dem Siepen, wir befinden uns hier auf der Frankfurter Buchmesse. Wie geht es Ihnen mit dieser Zumutung – mit all den Menschen, der Lautstärke…?

STEFAN AUS DEM SIEPEN: Als ich vor einigen Jahren zum ersten Mal auf der Frankfurter Buchmesse war, konnte ich mich doch einer gewissen Schwermut nicht ganz erwehren. Man fühlt sich doch, gerade als Anfänger, wie ein Tropfen im Ozean der Literatur. Ich habe sogar schon die Geschichte von einem Autor gehört, der nach der Frankfurter Buchmesse so niedergeschlagen war wegen der übermächtigen Konkurrenz, dass er danach in eine ernste Schreibkrise verfiel. So schlimm ist es bei mir noch nicht. Im Grunde muss man sich, denke ich, zu dem selbstbewussten Standpunkt hinaufarbeiten: Ich bin hier nicht ein Tropfen in einem Ozean, sondern ein Goldstück in einem Haufen von Blech. – Da bin ich aber leider noch nicht angekommen. (lacht)

RALPH KRÜGER: Bei jährlich über 90.000 Neuerscheinungen kann einem als Autor wohl auch ganz schön bange werden. Schließlich wollen all diese Bücher ja nicht nur gekauft, sondern auch von jemandem gelesen werden… Aber kommen wir zu Ihrem neuen „Buch der Zumutungen“! Mich würde zunächst interessieren, wie Sie auf die Idee zu diesem Buch gekommen sind? Es unterscheidet sich ja doch sehr von Ihren vorherigen Büchern, die vor allem Romane und Erzählungen waren. Weiterhin ist auch die Frage interessant, wie Sie eigentlich zu diesen vielen Anekdoten gekommen sind?

STEFAN AUS DEM SIEPEN: So wie viele andere Menschen auch, nehme ich viele Dinge wahr, die mich ärgern. Wir leben ja in einer Zeit, die viele Bereicherungen und Erleichterungen bringt; das kann man überhaupt nicht leugnen. Aber im Rücken dieser Fortschritte kommen auch zahlreiche Zumutungen daher. Zumutungen der ganz einfachen Art, die jeder kennt – nehmen wir den laut ins Handy sprechenden Zeitgenossen -, aber auch Zumutungen, die weniger banal sind und wirklich an die Substanz gehen. Zumutungen durch erste oder letzte Dinge, Zumutungen durch die moderne Kunst und so weiter. – Ich habe mir diese Sachen immer notiert, wie Autoren ja manchmal die manische Art haben, alles Mögliche zu notieren. Irgendwann stellte ich fest, dass so viele Notate zusammen gekommen waren, dass es fast schon für ein neues Buch ausreichen würde. Ich bin, wie Sie ja schon eben sagten, eher ein belletristischer Autor, aber ich glaube, dass ich auch diese andere Seite – kleine Betrachtungen, Reflexionen, Anekdoten, Zeitdiagnostik – auch in mir habe.

RALPH KRÜGER: Wie haben Sie denn Ihre Notizen gemacht? Ich könnte mir vorstellen, dass Sie vielleicht die Notizbuchfunktion Ihres Smartphones verwendet haben?

STEFAN AUS DEM SIEPEN: Ich greife jetzt gerade in meine Jackett-Innentasche und hole ein kleines Heftchen hervor, das traditionell die Autoren, wie ich das gehört habe, mit sich führen. Die Notizen übertrage ich dann zu Hause in eine Computer-Datei. Aber die Ausbeute ist doch beträchtlich. Man braucht im Grunde in Berlin nur einmal mit der S-Bahn zu fahren und kann dann ins sein Heftchen schon fünf neue Zumutungen eintragen. Oder man geht in ein modernes Kunstmuseum… Also dass man die moderne Kunst, auch moderne Theateraufführungen, als eine Zumutung empfindet, ist ja nicht nur die Sache von Spießern oder Kulturmuffeln. Die kritik daran ist ja längst, wenn man das so ausdrücken darf, in die „besseren Kreise“ vorgedrungen; es ist aber gleichwohl immer noch schwierig, weil gegen den Strich bürstend, darüber ein Buch zu schreiben.

RALPH KRÜGER: Wobei ja auch gerade die Kürze von solchen Reflexionen immer die Gefahr birgt, die Dinge zu überzeichnen oder zu knapp zu formulieren und deshalb missverstanden zu werden.

STEFAN AUS DEM SIEPEN: Das ist richtig. Es sind immer, wie Sie sagen, kürzere Texte; allerdings in eine Reihe gefügt, einer fügt sich an den anderen, und man muss jetzt nicht immer mit dem Nachdenken beim Lesen neu ansetzen. Die Gedanken entwickeln sich aus einander. Das Buch beginnt ja beispielsweise gleich mit den Zumutungen beim Autofahren. Die Überschrift lautet: Warum man nicht Auto fahren sollte. Fast zu meiner eigenen Überraschung sind daraus 15 kleine Abschnitte geworden, die sich immer weiter fortsetzen. Als Autor habe ich ja nicht den Ehrgeiz, ganz neue Zumutungen zu entdecken, sondern ich gehe eher den umgekehrten Weg und beschreibe Zumutungen, die jeder schon beobachtet hat und die nichts Neues sind, versuche aber dann, sie in einem neuen Licht darzustellen und sie mit einer bestimmten Bedeutung zu versehen – kulturhistorisch, philosophisch, psychologisch – in der Hoffnung, dass der Leser das an sich Bekannte in diesem neuen Licht dann doch noch nicht gesehen hat. Um noch einmal auf das Beispiel jenes Menschen zurück zu kommen, der laut ins Handy spricht: Da stelle ich eine Verbindung her zum Ancient Régime, in dem die Adeligen vor ihren Bediensteten so sprachen, als wären diese gar nicht anwesend – oder als seien sie zwar anwesend, aber als hätten sie keine empfindende Seele und kämen überhaupt nicht als „Menschen“ in Betracht. Das scheint mir das zu sein, was so manch einer, der im Zugabteil laut in sein Handy brüllt, auch tut. – Derartige Verknüpfungen bereiten mir eigentlich am meisten geistiges Vergnügen, und es ist meine geringe Hoffnung, dass der Leser daran auch ein bisschen teilnehmen kann.

RALPH KRÜGER: Können Sie in etwa abschätzen, wieviel Prozent Ihrer Notizen von Zumutungen zum Ausschuss gehören?

STEFAN AUS DEM SIEPEN: Zwei Drittel gut, ein Drittel schlecht.

RALPH KRÜGER: Gehen wir einmal ganz kurz weg von Ihrem aktuellen Buch und wenden wir uns Ihrem belletristischen Schreiben zu: Was ist in der Regel der Auslöser für Ihre Geschichten? Ist es ein Bild? Oder ein Satz? Ein Wort? Eine Figur?

STEFAN AUS DEM SIEPEN: Bei mir steht meistens am Anfang eine Mini-Idee für eine Handlung. Sozusagen, der Kern einer Fabel. Sie erwähnten in unserem Vorgespräch meinen Roman „Das Seil“; da war es tatsächlich so, dass ich die geschichte in nuce geträumt habe. Es war der Traum von einem Seil, das immer länger und länger wird und kein Ende nimmt und dem die Menschen dann neugierig nachlaufen. Von diesem kleinen Anfang ausgehend, habe ich mir morgens, als ich dann auf der Bettkante saß, mir gedacht, dass dieser Traum eigentlich gar nicht so übel sei; daraus könnte man tatsächlich etwas machen. So habe ich mir den Traum auch prompt in mein kleines Heftchen notiert. Dann im Laufe der Zeit reichern sich diese Dinge an, und im allergünstigsten Fall wird daraus eine richtige Erzählung. Auch beim „Riesen“, meinem letzzten erzählerischen Werk, geht es eben um einen ganz „normalen“ jungen Mann, der eine Wachstumsstörung hat und immer größer und größer wird, bis er in Größenbezirke vorstößt, die nicht mehr realistisch sind, da nimmt das Ganze wiederum eine Wendung ins Fantastische und Surreale. Aber auch da war die Idee: Man müsste mal eine Geschichte über einen Menschen erzählen, der nicht bei 1,75 oder 1,85 m stehen bleibt, sondern immer wieter und weiter und weiter wächst. Was passiert mit dem?

RALPH KRÜGER: Es sind also oftmals Gedankenspiele, die Sie im Schreiben spielen, indem Sie die Vorgaben linear in die Zukunft projizieren und schauen, was passiert.

STEFAN AUS DEM SIEPEN: Ganz genau.

RALPH KRÜGER: Wie gehen Sie dann im Schreibprozess weiter vor? Am Anfang steht also eine Art Skizze der Geschichte. Entwickeln Sie daraufhin eine Gliederung nach einzelnen Abschnitten oder schreiben Sie eher intuitiv?

STEFAN AUS DEM SIEPEN: Ich schreibe einen ersten Entwurf in Stichworten oder in mehr oder weniger ausgearbeiteten kleinen Sätzen. Das sind dann vielleicht zwanzig – dreißig Seiten. Das lasse ich dann in diesem Stadium erst einmal eine Weile liegen. Ich habe immer mehrere Dinge nebeneinander in Arbeit. Ich lasse es „abhängen“, sozusagen, oder ich lasse es sich selbst weiter entwickeln – ohne mich, denn ich fdenke, ein gutes Werk braucht den Autor gar nicht so sehr, es entwickelt auch sein Eigenleben und wächst von allein. Wenn die Zeit abgelaufen ist, das kann ein Jahr sein, vielleicht auch ein bisschen länger, dann kehre ich wieder dahin zurück. Entweder kommt es mir dann so schlecht vor, dass ich es für immer vernichte; oder ich mache eben weiter. Die nächste Fasung wird dann entsprechend länger, und bei der dritten bin ich eigentlich schon fast da, wo ich hin will. Es ist also ein Arbeiten in Etappen und ein Anreichern.

RALPH KRÜGER: Kommen wir wieder zurück zu Ihrem „Buch der Zumutungen“. Ich habe mich, als ich das Buch zum ersten Mal in den Händen hielt, gefragt, was der Autor dieses Buches wohl für ein Mensch sein mag. Ausgehend von dem Wort „Zumutung“: Wenn einem etwas zugemutet wird oder wenn man etwas als eine Zumutung bezeichnet, so wird darin eine gewisse Geisteshaltung deutlich, die einerseits auf eine starke Selbstbezüglichkeit verweist und andererseits den Wunsch nach einer Distanz im sozialen Raum beschreibt, die man sich zurück wünscht und die durch eben jene Zumutung verletzt wurde. Und irgendwie bekommt das Ganze natürlich auch schnell eine gewisse kulturpessimistische Klangfarbe. – Würden Sie sich in dieser Beschreibung wiederfinden?

STEFAN AUS DEM SIEPEN: Eine gewisse Distanz zur umwelt, das ist ja ein ganz natürliches menschliches Verhalten: Nähe ja, aber auch Distanz. Auf das Wechselspiel kommt es an. Man kann es vielleicht von dem Wort der Zumutung herleiten: Ich habe festegstellt, dass es im Englischen und Französischen kaum eine genaue Übersetzung dafür gibt; da stößt man eher auf Wörter wie „Ärgernis“ oder „Frechheit“ oder „Neid“. In dem deutschen Wort „Zumutung“ steckt ja auch so eine gewisse moralische Komponente. Man betrachtet eine Sache als etwas, das zum einen störend ist, das zum anderen aber auch „nicht sein soll“. Diese Sache verletzt einen irgendwie, es stellt einen Angriff dar, auch wenn es sich vielleicht um ganz banale Dinge handelt. Ich denke, dafür habe ich schon ein Sensorium, dass einem Menschen und Dinge wirklich zu nahe treten können – in dem Sinne, den Sie auch nannten, in dem Sinne einer Unterschreitung einer gewissen Distanz, die doch bitte eingehalten werden sollte. Das ist häufig der ausschlaggebende Punkt. ich weiß nicht, auf das auf alle diese Dinge zutrifft, aber das ist häufig ein wichtiges Motiv.

RALPH KRÜGER: Denken Sie, dass diese auffällige Häufung von Zumutungen ein Zeitphänomen ist oder handelt es sich eher um eine Art anthropologische Konstante, dass einem die Umwelt ab einem gewissen Punkt auf den Zeiger geht?

STEFAN AUS DEM SIEPEN: Ich denke, beides. Ein alter Römer oder ein Mensch im Mittelalter hätten sicherlich auch ein „Buch der Zumutungen“ schreiben können, in dem dann zu einem Großteil andere gestanden hätten, aber ein gewisser Kernbereich wäre vielleicht auch da schon drin gewesen. Ich selbst bin ja auch kein Nörgler oder ein Rentner, der mit dem Kissen in seinem Fenster liegt und all die Dinge beobachtet, die in der heutigen Zeit ganz furchtbar sind. Diese Haltung versuche ich auf keinen Fall einzunehmen. Ich versuche auch immer, den Dingen auch eine lichte und positive Kehrseite abzugewinnen und meine Texte auf eine Nuance hin zu schreiben. Ich denke mir auch, dass kein Leser gerne ein Buch in die Hand nimmt, in dem ihm auf dreihundert Seiten vorgeweint wird, wie schrecklich alles ist. Es ist sicherlich auch ein intellektuelles Spiel, diese Zumutungen durch Deutungen wieder reizvoll zu machen.

RALPH KRÜGER: Ihre Anekdoten offenbaren oft zunächst eine durchaus kulturkritische Haltung, die dann aber gewendet wird durch eine Art „Schmunzeleffekt“, der die Lektüre angenehm und unterhaltsam gestaltet. – Kommen wir kurz zu der buchmesse, die uns hier umgibt. Wenn wir uns den Literaturbetrieb anschauen, so ist das Buch ja längst zu einer Ware geworden, die hier wie auf einem Marktplatz beworben, präsentiert und gehandelt wird. Wie stehen Sie zu dieser Tatsache, dass aus einem Kulturgut eine Ware wird?

STEFAN AUS DEM SIEPEN: Ich könnte Ihnen natürlich spontan antworten, dass ich auch dies als eine Zumutung empfinde. Es ist schon wahr: Jeder Autor, selbst der weltfernste Poet, ist in den kapitalistischen Betrieb eingespannt und muss den Markt irgendwie zur Kenntnis nehmen, kann ihm nicht den Rücken zuwenden, sonst wird er von diesem Markt und auch von seinem eigenen Verlag sofort empfindlich bestraft. Aber natürlich ist es unserer heutigen Zeit vorbehalten, diese notwendigen Übel – die Geltung der ökonomischen Gesetze auch für das Buch – stark zu übertreiben. Es ist ja allgemein bekannt: Aus der Sorge heraus, dass immer weniger Leute lesen, entsteht die Nervosität der Verlage, sie werden in ihrer Werbung immer marktschreierischer, immer ordinärer, setzen in ihrem Appell immer mehr auch auf die niederen Leserinstinkte. Das ist höchst unerfreulich zu sehen! Man muss sich als Autor dagegen wenden, wenn man auf sich hält; aber man weiß auch gleichzeitig, dass man dafür einen Preis zahlt. Das stille, zurückhaltende und feinsinnige Buch wird zwar geschätzt, aber es ist – vielleicht anders als früher – nicht mehr das, was über den Büchertisch geht.

RALPH KRÜGER: Da Sie gerade das Ordinäre und die niederen Leserinstinkte ansprechen: Es gibt ja schon seit langem das Jammern, dass die all Bücher, die in Deutschand verkauft werden, zwar gekauft, aber nicht gelesen werden… Aus dieser Perspektive könnte man doch sogar dankbar sein, wenn nicht so viel gelesen wird, wie verkauft wird?!

STEFAN AUS DEM SIEPEN: In der Tat.

RALPH KRÜGER: Befinden wir uns in einer unumkehrbaren Entwicklung, in der die U-Literatur die E-Literatur nicht nur von den Verkaufszahlen her längst überholt hat, sondern sowohl einen ökonomischen Druck auf die Inhalte ausübt, als auch stellvertretend für einen vermeintlichen Lesergeschmack steht?

STEFAN AUS DEM SIEPEN: Wobei das Problem ja auch darin besteht, dass die E-Literatur immer mehr Elemente der U-Literatur übernimmt, um auch für breitere Leserkreise attraktiv zu sein. Bei allem Rezept vor der zeitgenössischen amerikanischen Literatur ist diese auch da, wo sie sich als ernsthaft geriert, inzwischen so voll von Knalleffekten der versschiedensten Art, dass man sich nur wundern kann. Die alte Regel, man sollte mit geringen Mitteln große Wirkung erzielen, ist vergessen. Es gibt den Ausspruch eines Direktors von Metro-Goldwyn-Mayer, der mal seinen jungen regisseuren die Regel mit auf den Weg gibt: Fangen Sie mit einem Erdbeben an und steigern Sie dann ganz langsam. – Manchmal habe ich bei amerikanischen, aber inzwischen auch bei manchen deutschen Romanen den Eindruck, dass das eine solche Erdbeben-Literatur ist.

RALPH KRÜGER: Ich denke auch, dass wir auf dem Buchmarkt längst eine ähnliche Entwicklung zur Globalisierung der Inhalte und Formen erleben wie zuvor im Film. Hollywood gibt die Plots, die Dramaturgie und die Darstellungsmuster vor, die einen Erfolg beim Publikum und damit vor allem in erster Linie einen ökonomischen Erfolg erwarten lassen. Insofern haben wir es bei den meisten Büchern auf unseren Bestseller-Listen mit einer international kompatiblen Mainstream-Literatur zu tun. Ausnahmen bestätigen hier nur diese Regel. Manchmal sind aber auch politische oder gesellschaftliche Ereignisse dafür verantwortlich, dass bestimmte Themen unter den Top 10 der am meisten verkauften Bücher landen. Doch das ist eine andere Geschichte. – Ich möchte zum Schluss noch kurz auf den Sport zu sprechen kommen, dem Sie in Ihrem Buch ja auch einen eigenen Abschnitt gewidmet haben. Wir leben ja in einem säkularen Zeitalter, in dem die Kirche mehr und mehr an Bedeutung verliert. Diese Entwicklung ist nicht neu, jedoch ist das Ausmaß der Abwendung von jener Insitution Kirche mit ihrer alle Lebensbereiche strukturierenden Funktion so groß wie nie zuvor. Die Menschen leben also heute, wie Georg Lukacs das vor knapp hundert Jahren formulierte, in einem Zustand der „transzendentalen Obdachlosigkeit“. Ist für unsere heutige Zeit der Sport zu einem Ersatz für die Religion geworden?

STEFAN AUS DEM SIEPEN: In der Tat scheint das der Fall zu sein. Ich empfinde das auch als eine Zumutung und habe mir in meinem Buch auch dazu einige Gedanken gemacht. Wobei ich den Leuten gar keinen Vorwurf machen möchte. Ich bin niemand, der den Zeigefinger, dass jemand in seiner, wie Sie sagten, transzendentalen Obdachlosigkeit sich einen Unterschlupf sucht, der ihm wenigstens ein bisschen Schutz gewährt. Überhaupt habe ich mich in meinem Buch ja weniger an der Moral orientiert, sondern an den mores, an den Sitten und Gebräuchen unserer Zeit. So wie die französischen Moralisten des 17. Jahrhunderts ihre Zeit auch unter mores-Gesichtspunkten beschrieben. Der Sport ist ja, wie wir alle wissen, gerade in Deutschland, offenbar eine der wichtigsten Sachen überhaupt geworden. Darüber mag man schmunzeln, trotzdem lädt es aber zu mannigfachen kulturphilosophischen und sonstigen Betrachtungen ein, die unserer Zeit vielleicht kein so gutes Zeugnis ausstellen. Wobei mich auch immer diese unglaubliche Selbstgefälligkeit überrascht, mit der die Sportler und der ganze Tross, der sich um sie herum angesammelt hat, auftreten. Sie können ja auch in der seriösen Presse heute im Sportteil Artikel über das letzte Spiel der Fußball-Nationalmannschaft lesen, die wie eine Theaterrezension klingen. Mit einem unglaublichen Ernst und großem sprachlichen Aufwand und Geschick werden da Elfmeter analysiert: Da kann man nur geistig mit den Ohren schlackern.

RALPH KRÜGER: Bei vielen Ihrer Anekdoten habe ich am Ende gedacht: Schade, dass er hier aufhört! Man würde sich doch wünschen, dass die Reflexionen hier weiter ausgeführt würden und den Gedanken mehr Raum gegeben werden könnte.

STEFAN AUS DEM SIEPEN: Das freut mich natürlich zunächst einmal, wenn Sie das so empfunden haben. Aber natürlich bin ich als Autor ja auch bescheiden und warte erst einmal bang ab, ob selbst diese Anfänge überhaupt jemanden interessieren. Aber das ist immer so bei der aphoristischen und feuilletonistischen Schreibart, dass man im Grunde ungerecht ist, dass man mal übertreibt und wieder andere Dinge weglässt, dass man häufig auch die Wahrheit und Vollständigkeit der Pointe opfert – all das bleibt nicht aus. Wenn der Leser dann das Gefühl hat, hier bricht der Gedanke ab oder hier hätte man gerne noch mehr erfahren, ist das einerseits schon ein Kompliment an den Autor; andererseits ist es auch das Dilemma der kleinen Form, aus dem er nicht heraus kann. Es gibt ja den schönen Spruch von Voltaire: Das Geheimnis, langweilig zu sein, besteht darin, alles zu sagen. Daran habe ich mich zu halten versucht, aber vielleicht lasse ich diesem Buch und seinen Gedanken irgendwann doch noch einmal eine Vertiefung folgen. Wie ich Ihnen eingangs schon sagte: Ich sehe mich als ein Erzähler, aber auch als einen nachdenkenden und betrachtenden Menschen.

RALPH KRÜGER: Gibt es denn konkrete neue Projekte, an denen Sie aktuell arbeiten?

STEFAN AUS DEM SIEPEN: Ja, ich schreibe gerade an einem Theaterstück und auch an dem nächsten erzählerischen Werk. Ich habe immer mehrere Dinge in mehr oder weniger embryonalen Zuständen in meinem Kopf oder in meiner Schublade und werde jetzt versuchen, den nächsten Embryo so weit voran zu bringen, dass er geboren werden kann: wahrscheinlich einen Roman oder einen Band mit Erzählungen. Der Stoff geht mir also noch lange nicht aus.

RALPH KRÜGER: Das ist doch ein schönes Schlusswort! Ich danke Ihnen für dieses Gespräch!

STEFAN AUS DEM SIEPEN: Ich danke Ihnen.

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