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Rezensionen von Büchern aus den Kultur- und Geisteswissenschaften

Peter Hoeres: „Die Kultur von Weimar – Durchbruch der Moderne“

Am: | Juli 18, 2016

Peter Hoeres: „Die Kultur von Weimar – Durchbruch der Moderne“Mit seinen rund vier Millionen Einwohnern war Berlin in der 1920er Jahren die drittgrößte Stadt Europas nach London und Paris. Der Erste Weltkrieg war verloren, das Kaiserreich zerschlagen, und die junge Weimarer Demokratie stand auf wackligen Füßen; bald schon lieferten sich Kommunisten und Faschisten – auch und gerade in Berlin – erbitterte Straßenschlachten.

Doch gleichzeitig war die Weimarer Republik vor allem auf kulturellem und sozialen Gebiet eine Zeit des Aufbruchs und des leidenschaftlichen Experimentierens. Als sei durch den Zusammenbruch des konservativen Kaiserreichs eine seit langem unterdrückte Energie freigesetzt worden, die sich auf nahezu allen Gebieten der Kultur und des alltäglichen Lebens zu entfalten versuchte.

Peter Hoeres befasst sich in seinem Buch mit der „Kultur von Weimar“ und versucht einen Überblick über die verschiedenen kulturellen Strömungen zu bieten und den Leser auf eine imaginäre Reise in diese aufregende Zeit zwischen den Weltkriegen zu nehmen.

Der vorliegende Band aus dem be.bra-Verlag reiht sich nahtlos ein in eine Reihe von kulturgeschichtlichen Einführungsbänden zur deutschen Geschichte es 20. Jahrhunderts vom Kaiserreich bis zur gegenwärtigen Berliner Republik. In leicht verständlicher Sprache geschrieben und mit zahlreichen Abbildungen versehen, sind diese Einführungen nicht nur für Schüler und Studenten geeignet, sondern ermöglichen jedem interessierten Leser, sich anhand einer sowohl wissenschaftlich fundierten als auch verständlich geschriebenen Lektüre mit einem Zeitabschnitt der deutschen Geschichte vertraut zu machen.

Peter Hoeres ist derzeit Privatdozent und Professor für Neuere und Neueste Geschichte an der Universität Mainz; er hat zahlreiche Texte und Bücher zu Kultur- und Ideengeschichte veröffentlicht.

Der vorliegende Band zur Populärkultur der Weimarer Republik versucht sich aus drei verschiedenen konzeptionellen Perspektiven dem Gegenstand zu nähern. Zum einen soll die Kultur nicht von ihrem Ende, vom Zusammenbruch der Weimarer Republik aus, beschrieben werden, weil dadurch die Gefahr bestände, nachträgliche Kontinuitäten zu konstruieren, die es in der Entwicklung so nicht gegeben hatte. Zum zweiten wird ausdrücklich auch die Sozialgeschichte der Kultur miteinbezogen und gezeigt, wie groß die tatsächliche „Reichweite“ jener Intellektuellen war, die für uns heute die Kultur der Weimarer Zeit so charakteristisch geprägt haben. Zum dritten wird das Phänomen der Amerikanisierung untersucht und aufgezeigt, wie sehr sich amerikanische Einflüsse und Vorgaben auf die Weimarer Kultur übertragen haben.

Wenn wir an die 1920er Jahre denken, so ist unsere Vorstellung von jener Zeit der „Roaring Twenties“ untrennbar mit der Großstadt Berlin als dem Zentrum der deutschen Massenkultur verbunden. Dieses Bild ist durchaus zutreffend, wenngleich natürlich auch andere deutsche Großstädte, wie München, Köln oder Hamburg, eine ähnliche Entwicklung vollzogen. Aber das unangefochtene Zentrum der deutschen Kultur der Moderne war natürlich Berlin, der Moloch, das „Metropolis“ an der Spree. Kino, Tillergirls, Kabarett und Nachtleben, Schwulenszene, Charleston und Kokain, Künstlergalerien, Bohème und Freizügigkeit — ll das war Berlin in den Wilden Zwanzigern.

Der Autor malt ein schillerndes und vielschichtiges Bild dieser faszinierenden Zeit, in der sich nicht nur die Künste entfalteten, sondern in der auch die „neue Frau“ ihre Rechte einforderte und tiefgreifende soziale Ideen entwickelt wurden, die schon kurze Zeit später durch den Nationalsozialismus unterdrückt wurden und erst Jahrzehnte später wieder auf die Tagesordnung gesetzt wurden.

Gesellschaftliche und kulturelle Entwicklung gingen Hand in Hand; viele betrachten heute die Weimarer Zeit als eine Zeit des uneingeschränkten Fortschrittsglaubens und verklären die Zwischenkriegsjahre als die „Goldenen Zwanziger“. Doch natürlich war jene Zeit nur für die Wenigsten eine goldene Zeit: Hunger, Armut und Arbeitslosigkeit prägten das Leben der meisten Menschen. Umso stärker war der Hunger nach Vergnügungen, nach Abwechslung und Vergessen des Alltags, der durch eine florierende Freizeitindustrie bedient wurde.

Das vorliegende Buch beschreibt jene abwechslungsreiche und bewegte Zeit in plastischen Bildern und gibt dem Leser eine Vielzahl von Hintergrundinformationen. Es erklärt die Zusammenhänge und lässt vor dem imaginären Auge eine Großstadtkultur entstehen, wie sie seinerzeit in Europa einzigartig war. Die Vergangenheit wird lebendig, und macht Lust, sich in Teilen noch intensiver mit der Materie zu beschäftigen. Somit ist „Die Kultur von Weimar“ von Peter Hoeres ein äußerst lehrreiches Buch, ohne jemals belehrend zu wirken.

 

Autor: Peter Hoeres
Titel: „Die Kultur von Weimar – Durchbruch der Moderne“
Gebundene Ausgabe: 192 Seiten
Verlag: be.bra verlag
ISBN-10: 3898094057
ISBN-13: 978-3898094054

 

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