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Interview mit Tom Rachman auf der Frankfurter Buchmesse 2014 über seinen Roman „Aufstieg und Fall großer Mächte“

Am: | Oktober 17, 2014

KULTURBUCHTIPPS: Tom, wir haben uns vor genau vier Jahren hier auf der Frankfurter Buchmesse getroffen und über Ihren ersten Roman „Die Unperfekten“ gesprochen. In Ihrem ersten Roman ging es um den Aufstieg und Fall einer Tageszeitung. In Ihrem neuen Buch geht es um den Aufstieg und Fall großer Mächte. Können Sie uns etwas mehr dazu sagen?

TOM RACHMAN: Es ist richtig, dass mich das Aufeinanderprallen unserer Kultur und unserer Technologien besonders interessiert. In meinem ersten Roman „Die Unperfekten“ ist der Plot ganz im Milieu einer verschwindenden Tageszeitung angesiedelt, in dem all die neuen Entwicklungen der Informationstechnologien unglaublich wichtig sind und Stück für Stück die alten Strukturen zerstören. Mein neuer Roman beginnt hingegen in einem kleinen Buchladen, der ebenso stark von den neuen Technologien und dem veränderten Konsumverhalten beeinflusst wird und ums Überleben kämpfen muss. Doch gleich nach diesem Anfang bewegt sich der Plot in eine völlig andere Richtung. Die Geschichte spielt nicht ausschließlich im Buchhändler-Milieu, sondern der „Aufstieg und Fall großer Mächte“, auf den ich im Titel meines Romans hinweise, bezieht sich gleich auf mehrere verschiedene Dinge: Zum einen bezieht es sich natürlich auf die großen politischen und gesellschaftlichen Kräfte, die ihren Aufstieg und Fall über einen langen Zeitraum vollziehen; dies bildet sozusagen den Hintergrund meiner Geschichte; dann beschreibt es natürlich auch die persönlichen Auswirkungen der modernen Technologien auf unser Leben; all dies findet, wie gesagt, im Hintergrund statt; doch das eigentlich Interessante für mich sind die ganz individuellen Aufstiege und Fälle der einzelnen Charaktere meiner Geschichte. Hier haben wir zum einen den Aufstieg und Fall der physischen und mentalen Kräfte; ich wollte zeigen, wie wir als Kind eine nahezu unendliche Lebensspanne vor uns ausgebreitet finden, und wie dann mit dem Alter diese Spanne immer kürzer wird; wenn man die Mitte seines Lebens erreicht hat, wie Sie und ich, dann merkt man schon die Begrenzungen der eigenen Kräfte, wie Duncan in meiner Geschichte; im Alter verliert man dann nach und nach seine Kraft und steigt wieder hinab, das sehen wir natürlich bei Humphrey in meinem Roman. Und schließlich geht es auch um den Aufstieg und Fall von Einflussnahme durch Menschen und Ideen. In bestimmten Altersabschnitten ist dieser Einfluss sehr wichtig, und wenn man älter wird, wirken diese einstmals so wichtigen Ideen entweder trivial oder stellen sich sogar rückblickend als furchtbar irreführend heraus. Diese Erfahrung macht auch Tooly im Laufe der Geschichte; zu Beginn ist sie noch davon überzeugt, dass Venn die wichtigste Person ihres jungen Lebens ist, bis sie feststellt, dass auch andere Personen eine wichtige Rolle in ihrem Umfeld spielten, allen voran Humphrey. Das Bild vom Aufstieg und Fall bezieht sich also auf eine Vielzahl von unterschiedlichen Kräften.

KULTURBUCHTIPPS: Wie sind Sie auf die Idee zu dieser Geschichte gekommen?

TOM RACHMAN: Am Anfang stand ein Bild, das in meinem Kopf entstand. Ein kleines Mädchen wird an der Hand eines Erwachsenen in einen Raum geführt, in dem sich bereits zwei Erwachsene befinden. Diese beiden Erwachsenen sind natürlich Humphrey und Venn. Ich hatte keine Ahnung, wer die beiden waren, aber ich hatte sofort ihre Namen in meinem Kopf. Der eine war ein älterer Mann, massig und etwas eigenartig, und der andere war ein junger und hübscher Mann. Das Kind weiß nicht, wie es sich verhalten soll, und so setzt es sich einfach in eine Ecke und wartet auf jemanden, der ihr sagt, was sie tun soll. Die Stunden vergehen und keiner kommt, bis ihr klar wird, dass sie selbst einen Weg finden muss, mit den beiden Männern zu kommunizieren. Aber auch die Erwachsenen wissen nicht recht, was sie mit dem Mädchen anfangen sollen. Diese seltsame Szene entstand in meinem Kopf und ging nicht mehr weg. Es interessierte mich, und ich wollte wissen, wer Tooly in diesen Raum geführt hatte, was mit ihr danach geschah und wer diese beiden Männer waren. Wie würde sich diese spannende Interaktion zwischen dem Mädchen und den Erwachsenen weiter entwickeln? Die einzige Möglichkeit, darauf eine Antwort zu bekommen, war, mit dem Schreiben anzufangen. Als ich dann diese Geschichte fertig hatte, habe ich natürlich noch eine Menge weiterer Dinge über den politischen, gesellschaftlichen und sozialen Hintergrund des Settings reingepackt, die in der Kerngeschichte noch nicht drin waren.

KULTURBUCHTIPPS: Als wir uns vor vier Jahren über „Die Unperfekten“ unterhielten, sagten Sie mir, dass Sie bereits eine neue Romanidee im Kopf hätten, worüber sie jedoch nicht sprechen könnten, um das zerbrechliche Pflänzchen nicht zu gefährden. Hatten Sie damals dieses soeben beschriebene Bild im Kopf?

TOM RACHMAN: Ja! Und genau so ist es auch dieses Mal: Ich habe eine neue Idee im Kopf, aber ich kann und möchte nicht darüber sprechen, um den Entwicklungsprozess nicht zu gefährden.

KULTURBUCHTIPPS: Sie schätzten seinerzeit, dass es wohl zwei Jahre dauern würde, bis diese neue Geschichte publiziert würde. Jetzt hat es sogar vier Jahre gedauert. Lag das an der Komplexität des Plots?

TOM RACHMAN: Das Publizieren braucht eine lange Zeit. Ich war nach ziemlich genau zwei Jahren mit dem Schreiben fertig. Danach ging das Manuskript etwa ein Jahr lang zwischen mir und meinem Lektor hin und her, bis der Roman seine jetzige Form erreicht hatte. Danach kamen dann die Herstellung und die Marketingmaßnahmen. Für einen Autor ist dies alles natürlich irgendwie frustrierend, denn wenn man den Text fertig hat, möchte man ihn am liebsten noch am selben Tag veröffentlicht sehen.

KULTURBUCHTIPPS: Lassen Sie uns zurückkommen auf Tooly: Tooly Zylberberg. Der Name klingt irgendwie jüdisch. Wie sind Sie auf diesen Namen gekommen?

TOM RACHMAN: In Paris kannte ich einmal einen Doktor Zylberberg, und so habe ich seinen Namen für Tooly adoptiert. Der Name klingt auch toll, und er passt einfach zu Tooly. Ich verwende eine ganze Menge Zeit auf die Namensfindung; da steckt kein logischer Prozess dahinter, sondern die Namen müssen einfach passen.

KULTURBUCHTIPPS: Man sagt ja auch, dass ein Name eine Menge über einen Charakter aussagen kann.

TOM RACHMAN: Ja, und sogar visuell kann ein Name „sprechen“, wenn man sich die Buchstabenkombination anschaut. Bei Tooly Zylberberg passt das einfach, aber im Nachhinein kann man nur schwer erklären, worin diese Übereinstimmung besteht. Tooly ist eine hochkomplexe Persönlichkeit, und im Verlauf der Geschichte verändert sie sich auch sehr stark. Ihre Natur und ihr Charakter sind sehr verschieden in den einzelnen Zeitabschnitten der Geschichte; also war es sehr schwierig, für sie einen passenden Namen zu finden. Ihr Name sollte den Geist ihrer Persönlichkeit in seiner Komplexität erfassen und widerspiegeln. Und so kam ich schließlich auch Tooly Zylberberg.

KULTURBUCHTIPPS: Als die Geschichte beginnt, hat Tooly gerade diesen kleinen Buchladen in dem walisischen Städtchen gekauft und lebt dort mit ihren Büchern. Es ist die vorerst letzte Station ihres noch jungen, aber bereits sehr bewegten Lebens. Eigentlich ist Tooly so etwas wie ein Nomade.

TOM RACHMAN: Da haben Sie vollkommen Recht! Wenn wir Tooly begegnen, scheint Sie ein kleines Geschäft zu leiten und zumindest an der Oberfläche ein relativ normales Leben zu führen. Doch in den Nächten geht sie hinunter in den Laden und sucht im Internet nach den Personen, die sie verloren hat oder zu denen sie keinen Kontakt mehr hat. Dies zeigt, dass Tooly unter dem Deckmantel einer scheinbaren Geborgenheit in ihrem Leben von einer permanenten Unruhe durchdrungen zu sein scheint. Obwohl sie ständig betont, dass es ihr prima ginge, ist ihr Leben von einer Melancholie befallen und sehnt sich nach Erfüllung und Frieden. Als Sie dann durch Duncans Mail versucht wird, in ihrer Vergangenheit nachzuforschen, flieht sie zunächst, weil sie fürchtet, neue Wahrheiten über ihr eigenes Leben herauszufinden. Letztlich ist Toolys Geschichte die Geschichte eines Menschen, der nicht genau weiß, wie er in sein eigenes Leben passt. Sie hat sich eine eigene Version ihrer Lebensgeschichte erfunden und hat Sorge, dass diese Version durch die Wirklichkeit verändert werden konnte. Tooly ist sich auch nicht sicher, wer sie eigentlich ist und zu welchen Gruppen sie dazu gehört. Diese Frage nach der eigenen Zugehörigkeit beschäftigt heutzutage wahrscheinlich mehr Leute als jemals zuvor. Denn wenn Sie beispielsweise vor 150 Jahren geboren wurden, so lebten sie wahrscheinlich am selben Ort wie Ihre Großeltern. Sie kannten Ihre Herkunft, Ihren Status und welche Freiheiten und Verpflichtungen Sie hatten. Heute jedoch leben die Menschen oft in anderen Städten als ihre Eltern; sie heiraten vielleicht einen Partner, der aus einem anderen Kulturkreis stammt; ihre Kinder lernen Sprachen, die sie selbst nicht kennen; und so denke ich, dass heutzutage mehr und mehr Menschen in Bezug auf ihren eigenen Standpunkt verwirrt, unverbunden und kulturell durchmischt sind als früher. Heute gibt es eben nicht mehr den bayerischen Bauern, dessen Familie schon seit über 400 Jahren dieselbe Scholle beackert. Wenn Sie hingegen Ihre Persönlichkeit als einen Mix aus einer Vielzahl von äußeren Faktoren verstehen müssen, stellt sich natürlich die Frage, wer Sie wirklich sind und was Ihre persönliche Eigenart ausmacht. Wo kommen Sie her, und wer sind Sie? Wer sind Sie, wenn sich Ihre Identität eben nicht mehr zurückführen lässt auf Ihr Vaterland, Ihre Region, Ihr Dorf… oder ob Sie katholisch oder evangelisch sind und so weiter– Wenn all dies nicht mehr Ihre Identität ausmacht, wer sind Sie dann? Was bestimmt Ihre Identität? Oder können Sie sich Ihre eigene Identität frei wählen? – Dies sind die zentralen Fragen, an denen auch Tooly Zylberberg zu knabbern hat.

KULTURBUCHTIPPS: Diese Fragen finden sich ja auch sehr stark in Ihrem neuen Roman. Gehen wir von der These aus, dass jeder sich seine eigene Lebensgeschichte heute selbst zusammenstellen darf. In dem Moment, wo Tooly diese E-Mail von Duncan bekommt und mit ihrer wahren Geschichte konfrontiert wird, stellt sich für sie die Frage, ob sie weiterhin ihre eigene Life Story lebt oder ob sie nach den wahren Spuren ihres Lebens forscht, die sich wie die Teile eines Puzzles vor ihr ausbreiten. Darin bestünde natürlich auch eine Gefahr.

TOM RACHMAN: Absolut. Sie hatte absolut keine Vorstellung davon, was sie finden würde, und sie war sich auch klar, dass das, was sie vorfindet, vielleicht auch verwirrend sein könnte. Wenn wir Tooly zum ersten Mal begegnen, ist sie in dieser seltsamen Situation, dass sie all die Lebensgeschichten der Bücher, die sie immer und immer wieder gelesen hat, ganz genau kennt; nur ihre eigene Geschichte kennt sie nicht. Sie versucht sich dann einzureden, dass es auch nicht wichtig ist, die eigene Lebensgeschichte zu kennen; niemand braucht eine Lebensgeschichte! Denn Tooly hat ganz Venns Überzeugung angenommen, dass man seine eigene Geschichte doch viel besser selbst erfinden und auch jederzeit verändern kann. Die Anderen sind dabei völlig nebensächlich; man kann sich ihrer als ein Material bedienen, mit dem man die eigene Lebensgeschichte formt. Wenn man über die eigene Vergangenheit nachdenkt, so sei dies nur eine Form von Sentimentalität. Es ist völlig irrelevant, und deshalb sollte man auch immer vermeiden, sich von anderen Menschen abhängig zu machen. Tooly versucht sich also einzureden, dass ihre Vergangenheit unwichtig ist; aber sie ist davon niemals richtig überzeugt, und deshalb beginnt sie auch nach ihrer eigenen Vergangenheit zu suchen.

KULTURBUCHTIPPS: Es gibt ja auch die alte Redensart, wenn man nicht weiß, woher man kommt, kann man auch nicht wissen, wo man steht und wohin man geht.

TOM RACHMAN: Ich habe mich auch schon oft gefragt, ob dieser Satz wahr ist. Denn in der Tat wissen sehr viele Leute nicht, woher sie kommen. Bedeutet das, dass alle Leute um uns herum verwirrt sind? Nein, ich denke, nicht. Aber wenn man die Leute mit diesem  Gedanken konfrontiert, so sind die Antworten meist sehr ähnlich, und es gibt wirklich nur sehr, sehr, sehr wenige, die sich nicht mit der einen oder anderen sozialen Gruppe identifizieren. Es scheint demnach einen sehr starken Drang des Menschen zu geben, zu einer bestimmten Gruppe zu gehören und sich auf diese Weise wichtiger zu machen, als man ist. Niemand sagt beispielsweise: Ich gehöre zu der Gruppe A, und wir sind bekannt dafür, dass wir fett, doof und faul sind… – Niemand spricht so! Jeder stellt sich als das Mitglied einer Gruppe vor, die natürlich unglaublich smart, talentiert und witzig ist. Daraus schließe ich, dass Gruppenzugehörigkeit ein Weg für Leute ist, sich selbst wichtiger zu machen und die eigene Bedeutung zu erhöhen, um damit die eigenen Unsicherheiten und Frustrationen zu kompensieren, die das moderne Leben bereit hält. Gruppen können auf diese Weise eine sehr große Macht auf die Menschen ausüben und manchmal auch zu einer Gefahr werden; andererseits können wir auch nicht auf sie verzichten, um unsere Identität zu kommunizieren.

KULTURBUCHTIPPS: Könnte man in diesem Zusammenhang vielleicht sogar davon sprechen, dass soziale Gruppen zu einem „zweiten Zuhause“ werden können?

TOM RACHMAN: Absolut! Menschen, die sich, wie Tooly, einsam und isoliert fühlen, suchen am intensivsten nach einer Gruppe, zu der sie gehören können. Denn diese Menschen verfügen meistens nicht über einen ausreichenden familiären Background, der ihnen Identität verleihen könnte. Manchmal kann es sich so anfühlen, als ob man allein gegen die ganze Welt stünde; und dann gibt einem die Gruppe Identität und Sicherheit.

KULTURBUCHTIPPS: Ich möchte noch ein klein wenig weiter in dieser Richtung fragen: Könnten Sie sich vorstellen, das die Neuen Medien für Menschen mit wenigen Sozialkontakten zu einem zweiten Zuhause werden könnten? Können Facebook und Co. Als Plattformen für sogenannte „entlokalisierte Nachbarschaften“ fungieren? Wenn man also seine „Brüder im Geiste“ nicht mehr in der direkten physischen Nachbarschaft findet, sondern in der entlokalisierten digitalen Welt?

TOM RACHMAN: Definitiv. Die Kommunikation in sozialen Netzwerken kann durchaus bis zu einem gewissen Grade den direkten physischen Kontakt ersetzen. Die Frage ist nur, ob dies für die Betroffenen auch befriedigend und ausreichend ist. Für ein paar Wochen vielleicht. Ich kann dazu jedoch nicht sehr viel sagen, da ich selbst nicht in diesen Netzen vertreten und aktiv bin. Diese Form des Ersatzes funktioniert für mich nicht mehr, da ich etwa zehn Jahre zu alt bin, um mich von den Möglichkeiten des digitalen Netzwerkens wirklich begeistern zu lassen. Und natürlich weiß doch heute jeder, dass Facebook-Freunde immer nur Freunde in Anführungszeichen sind. Es sind nicht Freunde im herkömmlichen Sinne, wenn Leute 2674 Freunde auf Facebook haben. Wenn man die Zeit, die man mit Freunden verbringt, in diesem Fall durch 2674 teilt, wird klar, dass es keine echten Freunde sind, mit denen man da verbunden ist. Überhaupt sind vieler dieser sozialen Medien doch nur oberflächliche Nachbildungen von Dingen, die wir analog in einer anderen Form kennen. Mit anderen Qualitäten, als wir sie von diesen Dingen kennen. Manche der neuen Qualitäten sind sehr attraktiv – wenn man zum Beispiel seinen Ehepartner übers Internet findet. Wenn sie dann glücklich verheiratet sind, prima! Aber ich glaube dennoch, dass es auch eine große Menge an Menschen gibt, die trotz oder vielleicht auch gerade wegen des Internets sehr einsam sind. So habe ich gerade in diesen Tagen in einem Artikel gelesen, dass das regelmäßige Lesen von Facebook-Seiten viele Menschen traurig macht! Die Leute posten alle ständig tolle Fotos von Partys und schreiben über witzige Ereignisse zusammen mit ihren Familien und Freunden. Niemand postet Fotos von sich, wenn er weint oder es ihm schlecht geht. Dieser kontinuierliche Strom von positiven Meldungen erzeugt eine Idealvorstellung des glücklichen Lebens, das alle da draußen haben, nur ich nicht. Das macht die Leute traurig und depressiv, weil das eigene Leben nicht den von jenen Facebook-Postings gesetzten Erwartungshaltungen entspricht.

KULTURBUCHTIPPS: Diese Netzkontakte können also zwar als ein Substitut für isolierte Personen dienen; aber sie sind kein wirkliches Substitut für reale Kontakte.

TOM RACHMAN: Auf der anderen Seite möchte ich mich auch nicht völlig negativ über diese Netzwerke äußern. Natürlich gibt es Menschen, die wirklich sehr isoliert sind, zum Beispiel in ländlichen Gegenden. Das Internet ermöglicht ihnen, gleichgesinnte Menschen mit ähnlichen Ideen und Interessen aus anderen Teilen der Welt zu finden und sich mit ihnen auszutauschen. Auf diese Weise entstehen auch Freundschaften. Wer jemals eine Brieffreundschaft hatte, der weiß, dass man auf diese Art und Weise eine sehr intime Beziehung zu anderen Menschen aufbauen kann. Bei einer Brieffreundschaft kommt es eben nicht darauf an, wie jemand aussieht, wie er sich benimmt, wie alt er ist, welches Geschlecht er hat und so weiter. Das Einzige, was zählt, ist, wie man miteinander schriftlich kommuniziert. Auf diesem Weg kann man manchmal eine außergewöhnliche Verbindung mit jemandem eingehen, an dem man im normalen Leben wahrscheinlich einfach vorüber gehen würde. Es gibt also durchaus auch positive Seiten. Ich denke, dass die eigentliche Gefahr darin liegt, dass wir oftmals von den Neuen Medien derart begeistert sind, dass wir glauben, sie könnten alle unsere Probleme lösen. Das ist natürlich Blödsinn; gar nichts wird sich ändern an unseren wirklichen Problemen. Ja manchmal kann es sogar schlimmer werden, wie ich es eben in Bezug auf Facebook zu schildern versucht habe. Letten Endes möchten die Menschen einfach ehrenhafte und vertrauenswürdige Kontakte aufbauen, und dann ist es egal, ob diese mit Hilfe elektronischer Medien zustande kommen oder in der realen Welt.

KULTURBUCHTIPPS: Kommen wir zurück auf die Heimatlosigkeit von Tooly. Sie hat in ihrem Leben an vielen Orten gelebt, ist immer wieder weitergezogen wie eine Nomadin. Wäre es denkbar, dass Tooly ihre wirkliche Heimat nicht an realen Orten findet, sondern in den Büchern, die sie immer und immer wieder liest?

TOM RACHMAN: Sie haben vollkommen Recht. Tooly und auch Humphrey sind zwei Charaktere, die sich beide als sehr einsam und alleinstehend in der Welt empfinden. Daher ist es naheliegend, dass sie sich in ihre Bücherwelten zurückziehen. Aber auch dieses wirklich sehr wechselhafte Leben von Tooly, in verschiedenen Ländern, an verschiedenen Schulen und in wechselnden Kulturen, führt dazu, dass sie niemals zu einer echten Gruppe dazugehörte. Mit der Ausnahme der Helden ihrer Bücher! Diese nennt Humphrey auch einmal seine Freunde, mit denen er sich unterhält. Hierbei spielt es keine Rolle, ob diese Philosophen physisch schon seit Jahrhunderten tot sind; denn in ihren Schriften werden sie für ihn immer wieder lebendig und echte Gesprächspartner. Ich denke, dass jeder von uns, der sich wirklich von einem Buch hat fesseln lassen, diese Erfahrung auch schon einmal gemacht hat, dass der Autor zu ihm „spricht“. Oder es passiert, dass man bei einem Freund im Buchregal ein Buch aus dem Regal zieht, und aus den wenigen Sätzen, die man überfliegt, spricht ein Mensch, der dieselben Gedanken hat wie ich selbst. Auch so findet man neue Freunde. Und auf diese Weise knüpft sich auch ein unsichtbares Netzwerk – nicht im Internet, sondern in unseren Köpfen, das sich aus den Stimmen und Ideen jener Autoren zusammensetzt, die miteinander und mit uns in Beziehung treten. Heutzutage ist diese Welt der Bücher sehr marginal geworden und spielt längst nicht mehr dieselbe Rolle wie noch vor zehn, zwanzig oder hundert Jahren. Aber vielleicht sorgt gerade diese Marginalität dafür, dass man sich in diesem imaginären Netzwerk der Ideen geborgen und zu Hause fühlen kann. Somit wird die Welt der Bücher für Tooly und auch für Humphrey zu einer Art Anker, ein Ort, an dem sie sich sicher fühlen können und der ein Gegengewicht zu der turbulenten und unsteten Welt um sie herum bildet.

KULTURBUCHTIPPS: Das ist wirklich eine sehr schöne Definition des Lesens und der Freundschaft mit Büchern.

TOM RACHMAN: Vielen Dank!

KULTURBUCHTIPPS: Ihr neuer Roman spielt an vielen verschiedenen Orten in der Welt – New York, Bangkok, Kenia, Wales. Ich nehme an, Sie haben auch an diesen Plätzen recherchiert, denn Ihre Ortsbeschreibungen sind sehr dicht und detailliert.

TOM RACHMAN: Ich bin nicht nach Kenia gereist, aber es wird auch nicht viel über Kenia erzählt in meinem Buch. Aber ich habe für dieses Buch in der Tat in Thailand, in Italien, New York City und Wales recherchiert. Wenn ich an solche Orte reise, versuche ich auch immer mit den Leuten zu sprechen, die dort leben bzw. in jener Zeit dort gelebt haben, in der meine Geschichte spielt. So habe ich auch mit Informatikern gesprochen, die in den 1980er Jahren Computersysteme in amerikanischen Botschaften installiert haben. Ich habe mit  Kindern gesprochen, die an internationalen Schulen unterrichtet wurden, um eine Vorstellung von deren Perspektive zu bekommen. Ich bin über die Hügel in Wales gelaufen, auf denen auch Tooly spazieren geht. Wenn ich schon die Protagonisten meiner Romane frei erfinde, so möchte ich doch wenigstens das Setting so realistisch wie möglich halten. Deshalb hat mich die Recherche für diesen neuen Roman auch mehr Zeit gekostet als für „Die Unperfekten“, der ja im Zeitungsmilieu spielte, aus dem ich selbst kam. Aber es hat mir sehr viel Spaß gemacht, und das ist ja auch das Schöne am Schreiben, dass man in fremde Länder reisen und mit vielen Menschen über die Dinge sprechen kann, die einen interessieren.

KULTURBUCHTIPPS: Diese Liebe zum Thema und zum Detail merkt man Ihrem Buch auch an. Es ist sehr selten, dass ein Roman eine solche Detailgenauigkeit in Zeit und Raum aufweist und ein Autor sich so sicher in verschiedenen Dekaden bewegt.

TOM RACHMAN: Oh, das höre ich gern! Vielen Dank!

KULTURBUCHTIPPS: Tom, sprechen wir noch einmal über die Beschleunigung und die Mobilität in unserer Zeit. Ist das Lebensgefühl jenes neuen Nomadentums charakteristisch für unsere Zeit?

TOM RACHMAN: Mit Sicherheit ist das Leben der meisten Menschen heute deutlich komplexer und somit auch schwieriger als früher. Wir haben heute viel mehr Möglichkeiten, unser Leben zu gestalten, als unsere Vorfahren. Aber gleichzeitig steigen damit auch der Anspruch an uns selbst und der Druck von außen, sich diese vielen Möglichkeiten auch zunutze zu machen. Wenn wir an Mobilität im großen Stil denken, so haben wir dank der billigen Flugverbindungen heute die Gelegenheit, rund um die Welt zu fliegen und uns selbst an vielen verschiedenen Orten aufzuhalten. Die Welt wird kleiner. Gleichzeitig hat das Internet die räumliche Distanz per se zum Verschwinden gebracht. Hierdurch werden auch die ehemaligen Unterschiede zwischen Stadt und Land aufgehoben. Heutzutage weiß man auch auf dem Lande jederzeit, was gerade im Irak oder in New York City los ist, und bleibt nicht nur auf die eigene ländliche Umgebung reduziert. Das Schrumpfen der Entfernungen ist also ganz real wahrnehmbar. Bezogen auf die Persönlichkeitsentwicklung bedeutet das, dass man nicht mehr auf den eigenen Heimatort beschränkt ist, sondern seine Identität im Prinzip auch in New York, London oder wo auch immer finden kann. Oftmals funktioniert das nicht, aber manchmal klappt es eben doch. Im Grunde ist es aber eine gute Entwicklung, denn es ermöglicht es den Menschen, sich selbst zu erfinden und sich denjenigen Platz in der Welt zu suchen, der ihren Wünschen am ehesten entspricht. Der Charakter der Selbstfindung (self-invention) ist ja weniger ein kreativer Prozess des Sich-Erfindens, sondern ein Prozess des Findens.

KULTURBUCHTIPPS: Tom, vielen Dank für dieses interessante Gespräch!

TOM RACHMAN: Ich danke Ihnen!

 

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