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Hans Medick: „Der Dreißigjährige Krieg — Zeugnisse vom Leben mit Gewalt“

Am: | Oktober 27, 2018

Im Jahre 1618 begann, ausgelöst durch den Prager Fenstersturz, der Dreißigjährige Krieg. 2018 erschienen anlässlich des 400. Jubiläums eine große Menge an Publikationen, Forschungsberichte, Dramatisierungen, Dokumentationen in allen Medien. Immer wieder wurde versucht, das Grauen darzustellen, welches jener dreißig Jahre dauernde totale Krieg für die Menschen mit sich brachte.

Die vorliegende Publikation unterscheidet sich grundlegend von allen anderen, denn sie geht einen anderen Weg. Anstatt die historischen Ereignisse jenes Krieges durch die Erschließung neuer Quellen neu zu interpretieren und auf diese Weise die herkömmliche Geschichtsschreibung in Teilen zu revidieren, im Großen und Ganzen aber nur zu wiederholen, was auch schon viele Historiker zuvor über den Dreißigjährigen Krieg erzählt haben, bedient sich Hans Medick einer anderen Art von Quellen, die er für seinen Ansatz erschließt.

In seinem Buch über den Dreißigjährigen Krieg lässt Medick Originalstimmen zu Wort kommen — Selbstzeugnisse, Chroniken, Flugblätter, Zeichnungen, Wandzeitungen, Beschreibungen aller Art. Es sind jene Originalzeugnisse, die ungefiltert und mit voller Wucht den Terror und die Todesangst, die Gewaltausübung wie die Gewalterfahrung, den Wahnsinn des Krieges und die Lust am Metzeln, die Verzweiflung und das Hoffen, kurzum: alle menschlichen Gefühle in ihrer elementarsten Form dem Leser präsentieren.

Hans Medick kommentiert diese Quellen, ordnet sie in einen historischen und gesellschaftlichen Kontext ein, gibt den Quellenauszügen durch erläuternde Textpassagen einen übergeordneten Zusammenhang und lässt so in der Summe ein Sittengemälde dieser grausamen und grauenhaften Phase in der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts entstehen.

Auf diese Weise wird für den Leser erstmals ein bislang unbekannter Abschnitt der deutschen Mikrogeschichte erschlossen. Hans Medick ist der deutsche Pionier der Mikro- und Alltagsgeschichte; er ist zurecht der Überzeugung, dass sich gerade in jenen kleinen und lange Zeit für unbedeutend gehaltenen Zeugnissen (Textfragmenten, Dingen, Gebrauchsgegenständen) wie in einer Zeitkapsel wertvolle Informationen erhalten haben, die wie ein verborgener kleiner Schatz auf ihre Entdeckung warten.

Hans Medick ist Historiker und war bis 2004 am Max-Planck-Institut für Geschichte in Göttingen tätig. Er lehrte u.a. an der Universität Göttingen, der University of California Los Angeles, der Washington University St. Louis sowie an den Universitäten Basel und Zürich.

Seine jetzt im Wallstein-Verlag erschienene Arbeit über den Dreißigjährigen Krieg ist eine ebenso faszinierende wie anstrengende Lektüre über den Kriegsalltag und den Alltag in Zeiten des Krieges. Wir lesen unter anderem über grausame Plünderungen, Vergewaltigungen, Foltermethoden wie Water Boarding, Hunger, Elend, Kannibalismus und Seuchen, Bücherverbrennungen und Massakern an der Zivilbevölkerung.

Durch die Einbindung von Originalquellen wird der Leser relativ ungefiltert mit den damaligen Geschehnissen konfrontiert. Der Historiker sieht seine Aufgabe darin, die einzelnen Quellen zu analysieren und den Text durch Ein- und Überleitungen zu strukturieren sowie die Teile in ein logisches und historisch korrektes Gesamtbild einzuordnen.

Auf diese Weise gelingt jedoch Hans Medick, was vielen seiner Historiker-Kollegen scheitern: das Sichtbarmachen der individuellen menschlichen Dimensionen großer historischer Ereignisse. Ein starkes und packendes Buch — und ein überzeugender Beleg dafür, wie fruchtbar die Beschäftigung mit der Mikrogeschichte für die Historiographie sein kann.

 

 

 

Autor: Hans Medick
Titel: „Der Dreißigjährige Krieg — Zeugnisse vom Leben mit Gewalt“
Gebundene Ausgabe: 448 Seiten
Verlag: Wallstein
ISBN-10: 3835332481
ISBN-13: 978-3835332485

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