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Rezensionen von Büchern aus den Kultur- und Geisteswissenschaften

Olga Mannheimer (Hg.): „Blau Weiß Rot — Frankreich erzählt“

Am: | August 29, 2017

Mit der Wahl von Emmanuel Macron zum neuen französischen Präsidenten im Sommer 2017 wurde das Schlimmste verhindert und das Zweitschlimmste Realität. Die Wahlschlappe von Marine Le Pen ist weder Anlass zur Schadenfreude noch ein Grund für Entwarnung. Frankreich ist im europäischen Vergleich zum Trendsetter einer neuen Politik geworden, einer Politik jenseits und nach dem Niedergang der etablierten Parteien. Macron neugegründete Partei bringt Frankreich auf den Weg, auch hier gilt die Parole „wir zuerst“, oder schneidiger formuliert: „La République en Marche!“.

Es gibt keinen Grund zum Jubel, denn das neoliberale Programm Macrons ist alles Andere als eine politische Wende, es ist vielmehr die Fortsetzung einer Politik des deregulierten und entfesselten Kapitalismus mit anderen Mitteln, vorbei an früheren parteipolitischen Beschränkungen. Was ist daran denn toll?

Wenngleich Macrons Wahlkampf, die schneidigen Parolen und die leidenschaftlichen Reden in ihrer Form sehr stark dem rechtspopulistischen Wahlkampf-Getöse ähnelten, ja vielleicht auch ähneln mussten, um überhaupt noch gehört zu werden, so ist die Wahl dieses jungen und dynamischen, smarten und unverbrauchten Macron ein deutliches Zeichen der Hoffnung für eine Rettung Europas vor dem Auseinanderfallen. Man hat den Eindruck, als ob diese Kehrtwende in allerletzter Minute gekommen ist und dass mit ihr die Talfahrt des europäischen Gedankens zumindest abgebremst, wenn nicht sogar aufgehalten wurde.

Wie es in einem Land wirklich aussieht, wissen seit jeher am ehesten die Intellektuellen, die Schriftsteller, Kulturschaffenden, also Menschen mit Blick über den politischen und gesellschaftlichen Tellerrand. Auch ihre Stimmen sind in dem vorliegenden Buch versammelt, ihre Berichte zur Lage der Grande Nation sollten gelesen und wollen gehört werden. Doch der Besonderheit dieser Anthologie liegt woanders.

Ein Blick in das Inhaltsverzeichnis liest sich wie das Who is Who der französischen Intelligenz aus Literatur, Philosophie und Politik: Choderlos des Laclos, Jacques Prévert, Roland Barthes, Paul Valéry, Marc Levy, Michel Houellebecq, Philippe Claudel, Henri Bergson, Alain Finkielkraut und so weiter und so weiter.

Es geht der Herausgeberin um die Darstellung der verschiedenen Gesichter der französischen Gesellschaft und des aktuelles geistigen Klimas in Frankreich. Es geht also um La France plurielle, um das bunte, vielgesichtige und vielschichtige Bild einer Nation, die sich immer wieder neu entdecken und neu erfinden musste. „Unsere Auswahl“, schreibt Olga Mannheimer, „vermittelt einige dieser Gesichter aus verschiedenen Perspektiven und mit verschiedenen Mitteln: Auszüge aus Romanen, Erzählungen, Chansons, Essays, Briefliteratur, Drama, Glosse, Debatte, Tagebuch, Reflexionen und Erfahrungsberichte wechseln einander ab.“

Olga Mannheimer wurde in Warschau geboren, emigrierte mit ihren Eltern als Zehnjährige nach Paris, lebte später (und bis heute) in München, wo sie als Publizistin und Moderatorin arbeitet. Sie lehrte mehrere Jahre an der LMU und arbeitete als Übersetzerin und Dolmetscherin. Mit der französischen Lebensart ist sie vertraut wie kaum eine andere zeitgenössische Autorin.

Mit der Zusammenstellung dieser Anthologie hat Olga Mannheimer den Versuch unternommen, ein aktuelles Bild der französischen Kultur zu zeichnen. Ein aktuelles Bild zeichnen mithilfe von Autoren aus vergangenen Jahrhunderten? Was zunächst paradox klingt, entpuppt sich schnell als geniale Idee. Denn es gibt Konstanten in Kultur und Mentalität, die alle Zeiten überdauern; sie sind das Gerüst, welches alle Umbauten und Modifizierungen des babylonischen Turmbaus der Kultur stabil machen. „Schriften aus früheren Epochen ergänzen oder kontrapunktieren die Darstellungen der überwiegend zeitgenössischen Beiträge und zeugen von der Beständigkeit einiger Erscheinungen und Gedanken.“

Es ist ein durchaus vielschichtiges und komplexes Bild, was hier vor dem Leser entfaltet wird. Wer unseren blau-weiß-roten Nachbarn besser verstehen und wissen will, wie man in Frankreich zurzeit tickt, der sollte dieses Buch in die Hand nehmen. Die Tatsache, dass Frankreich das Gastland der diesjährigen Frankfurter Buchmesse (2017) ist, rückt Frankreich einmal mehr in den Fokus der öffentlichen Aufmerksamkeit, und dies ist wiederum ein Grund mehr, dieses Buch zu lesen und zu begreifen, dass wir in Europa nur miteinander und nicht ohne einander leben können.

Frankreichs Probleme sind unseren Problemen sehr ähnlich, wie sollte es auch anders sein. Es stellen sich dem französischen Volk dieselben Fragen nach dem Umgang mit Terror, Rechtspopulismus, mit Migration, wachsender sozialer Ungleichheit und den Herausforderungen der Digitalisierung. Gerade deswegen ist es spannend, wie die Intellektuellen in unserem Nachbarland die Lage einschätzen und welche Lösungsvorschläge sie finden.

„Blau Weiß Rot — Frankreich erzählt“ ist ein hochaktuelles und lesenswertes Buch, ein spannender Bericht „von nebenan“ über die Probleme, Fragen und Antworten unserer Zeit und gleichzeitig ein schönes Lesebuch mit kontrastierenden und in ihrer Kontextualität besonders interessanten historischen Texten französischer Intellektueller.

 

 

Autor: Olga Mannheimer (Hg.)
Titel: „Blau Weiß Rot — Frankreich erzählt“
Broschiert: 352 Seiten
Verlag: dtv Verlagsgesellschaft
ISBN-10: 3423261528
ISBN-13: 978-3423261524

 

 

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