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Rezensionen von Büchern aus den Kultur- und Geisteswissenschaften

Markus Morgenroth: „Sie kennen dich! Sie haben dich! Sie steuern dich!“

Am: | Oktober 13, 2014

Der reißerische Titel lässt zunächst nichts Gutes ahnen. Zu sehr klingt es nach dem paranoiden Schub eines Digitaljournalisten, der auf den seit einiger Zeit ziemlich rasant fahrenden Zug aufspringen und von der allgemeinen Datenklau-Phobie der Massen profitieren möchte.

Doch schon nach einem kurzen Blick auf die Vita des Autors und in den Inhalt des vorliegenden Buches wird klar, dass hier einer schreibt, der weiß, wovon er redet. Ein erfreulicher Umstand, der in der Flut der digitalphobischen Literatur unserer Tage nicht häufig zu finden ist.

Spätestens seit dem „NSA-Skandal“, der nur durch den medialen Hype zu einem echten Skandalon geworden ist, wobei er doch eigentlich nur bestätigt, was man ohnehin schon geahnt bzw. mit Bezug auf die technische Machbarkeit der globalen Datenabgreife vorausgesetzt hatte, hat nun auch in Deutschland eine Art Bewusstwerdungsprozess eingesetzt, was die Volatilität von digitalen Daten betrifft.

Wer es noch nicht weiß, wird an jeder Ecke darauf hingewiesen, dass er Datenspuren hinterlässt: Smartphones, Kundenkarten, Überwachungskameras sind die Trias der digitalen Datenerfassung. Wer sich bewegt, einkauft und kommuniziert, wird mit seinen Daten erfasst, kategorisiert und vermarktet. – „Du bist nicht der Kunde der Internetkonzerne. Du bist ihr Produkt.“ Mit diesem Satz fasste vor einiger Zeit Jaron Lanier, der jetzt pünktlich zur Frankfurter Buchmesse des Friedenspreis des deutschen Buchhandels 2014 erhielt, die Strategie der Internetkonzerne zusammen.

Was unsere Bewegungs- und Konsumdaten betrift, so ist natürlich nach wie vor das Internet der eigentliche Datensammler. Amazon, eBay, Facebook und YouTube sind die ganz Großen, aber natürlich nicht die Einzigen. Das Zweiweg-Medium Internet bietet sich als Datensammel-Maschine geradezu an – oder besser: Die unbeschränkte Aggregation von Nutzerdaten ist die Grundlage des digitalen Geschäftsmodells.

Markus Morgenroth fasst diese neue Form der Ökonomisierung von Lebensdaten unter dem begriff Informationskapitalismus zusammen. In der Tat ist das Sammeln und Vermarkten von Daten eines der lukrativsten Geschäftsmodelle überhaupt. Viele kennen Firmen wie Schober, Acxiom oder AZ Direct nicht einmal vom Namen, aber ihre Daten sind trotzdem in den gigantischen Datenbank-Speichern solcher Direktmarketing-Agenturen gespeichert. – Big Data ist Big Business.

Markus Morgenroth weiß sehr genau, wovon er redet. Er ging nach seiner Ausbildung zum Informatiker in die USA und arbeitete jahrelang im Silicon Valley als Software-Ingenieur für eines der international führenden Unternehmen im Bereich der verhaltensbasierten Datenanalyse.

Heute nutzt er sein Wissen über diese Praktiken, um Bücher wie dieses zu schreiben und die leute über die Möglichkeiten datenbasierter Verhaltensanalyse (oder verhaltensbasierter Datenanalyse, was letztlich dasselbe ist) zu informieren. Anders als viele Journalisten, die sich mit dem Bereich Internet beschäftigen, weiß Morgenroth also von der Praxis her, wovon er redet.

Er kennt auch „die andere Seite“ und versteht daher viel besser, wie der Hase läuft. Wollte man einen steilen Vergleich ziehen, so könnte man Morgenroth den Edward Snowden der Verbraucher-Datenanalyse nennen.

„Sie kennen dich!“ ist flüssig geschrieben und kommt niederschwellig daher, weil es die Leser auf ihrem Wissensniveau abholt. Es geht nicht um eine wissenschaftliche Analyse der zustände, sondern um die Bewusstmachung der prekären Situation unserer Datensicherheit.

Die Lage ist so ernst, dass man nicht einmal mehr von einer besorgniserregenden Situation sprechen kann, sondern die ganze Entwicklung scheint derart in eine Schieflage zuungunsten der Verbraucher geraten zu sein, dass die lückenlose Datenerfassung und ökonomische Ausbeutung des Konsumentenverhaltens eher die Regel als die Ausnahme geworden zu sein scheint.

Anhand zahlreicher Beispiele aus dem alltäglichen Leben macht uns Morgenroth klar, wie sehr wir bereits selbst zur Datenmaschine geworden sind. Wir sind Teil eines gigantischen Aggregationsnetzwerks, das einzig und allein der Profitsteigerung im kapitalistischen Wirtschaftssystem dient. Das klingt sehr nach dem Wortgebrauch der alten Linken. Doch der Turbo-, Finanz- und Informationskapitalismus hat in seiner neoliberalen Schrankenlosigkeit nicht nur sich selbst unentbehrlich und „alternativlos“ gemacht (O-Ton Frau Merkel), sondern die ehemals fremdbestimmte Ausbeutung der Menschen durch das Kapital ersetzt durch das perfekte System der Selbstausbeutung.

Wir haben das kapitalistische Denken bereits so sehr inkorporiert und internalisiert, dass wir schon glücklich sind, bei unseren Einkäufen dank der schönen Kundenkarten ein paar Cents Rabatt zu erlangen, dass wir gleichzeitig bereit sind, unser Kaufverhalten offenzulegen und einem unbekannten Dritten lückenlos zu zeigen, wie wir leben, was wir essen und trinken, welche Zeitschriften wir lesen usw.

Doch selbst wer sich dem Smartphone, dem Internet, den Kundenkarten verweigert, wird dennoch datentechnisch erfasst: Unsere Krankenkasse weiß bescheid, wann wir zum Arzt gehen und was uns fehlt; unsere Bank führt genau Buch über alle Kontobewegungen; auch an unserem Arbeitsplatz werden massenhaft Daten über uns gesammelt; wenn wir ins Ausland fliegen, wird selbstverständlich unser Ausweis gescannt; unsere Autofahrten werden auch dank der Verkehrs-Überwachungskameras gespeichert. Die Liste der Erfassungen könnte beliebig fortgesetzt werden.

Nun könnte man als „unbescholtener Bürger“ einwenden, dass man doch nichts zu verbergen habe und dass solch eine Überwachung auch die Zahl der Straftaten vermindere. Schön, wenn es so wäre! und was passiert, wenn unsere Daten plötzlich nicht mehr nur von netten Werbefirmchen verwendet würden, sondern in die Hände eines repressiven Staates fielen? Das Netz vergisst nichts. Alles ist permanent gespeichert. Wir hinterlassen Spuren, und wir sollten uns dessen bewusst sein. In der einen oder anderen Form werden wir unsere Spuren eines Tages zu spüren bekommen.

Das Buch von Markus Morgenroth geht über die reine Panikmache hinaus, die so viele Titel zum Thema auszeichnet. Als Insider dieses Systems weiß er nicht nur, wie die Datensammler ticken, sondern er gibt dem Leser auch ganz konkrete Tipps, wie er mit den eigenen Daten sensibler umgehen, wie er sich wenigstens ein bisschen mehr schützen und dem allgegenwärtigen Datenklau begegnen kann. – Schon allein deswegen sollte man dieses Buch lesen.

„Sie kennen dich! Sie haben dich! Sie steuern dich!“ zeigt uns die wahre Macht der Datensammler und hilft, dem Datenmissbrauch aktiv zu begegnen. Die zahlreichen Fußnoten verweisen auf eine Fülle von Internetquellen, in denen man weiter stöbern und sein Wissen über den Umgang mit Daten vertiefen kann.

So gesehen, müsste das Buch eigentlich zur Pflichtlektüre an deutschen Schulen werden. Denn gerade die Jungen und Jüngsten gehen mit den eigenen Daten und mit der Zurschaustellung des eigenen Lebens in allen seinen Bereichen immer noch viel zu sorglos um. Aber das Thema ist wichtig, und es betrifft wirklich jeden von uns – egal ob mit oder ohne Smartphone und Internet.

Autor: Markus Morgenroth
Titel: „Sie kennen dich! Sie haben dich! Sie steuern dich! – Die wahre Macht der Datensammler“
Gebundene Ausgabe: 272 Seiten
Verlag: Droemer HC
ISBN-10: 3426276461
ISBN-13: 978-3426276464

 

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