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Volker Meid: „Reclam-Buch der deutschen Literatur“

Am: | Juli 22, 2017

Es gibt verschiedene Arten und Weisen, sich mit deutscher Literatur zu beschäftigen. Zunächst liegt es nahe, sich den wichtigsten und interessantesten Werken der deutschen Literaturgeschichte zu widmen, hier einen Goethe, da einen Jean Paul und danach vielleicht einen Theodor Fontane zu lesen. Die Auswahl der Lektüre kann heuristisch oder chronologisch erfolgen, man kann sich in einer gut sortierten Buchhandlung vom eigenen Bauchgefühl oder von den guten Empfehlungen befreundeter Leseratten oder professioneller Literaturkritiker inspirieren lassen.

Ein anderer Weg, sich dem komplexen Thema der deutschsprachigen Literatur zu nähern, ist sicherlich ein Nachschlagewerk, das einen Überblick über die Materie, seine Hauptvertreter und die verschiedenen Gattungen gibt. Da es sich um ein Wissensgebiet handelt, das seit vielen Jahrhunderten eine Entwicklung durchlaufen hat, ist es sicherlich auch keine schlechte Idee, sich mit der Geschichte der deutschen Literatur zu beschäftigen.

Zu diesem Zweck werden auf dem Buchmarkt eine ganze Reihe sehr guter und interessanter Titel angeboten, die je nach literaturtheoretischer Schule einen unterschiedlichen Ansatz bei der Beschreibung der deutschen Literaturgeschichte verfolgen. Während die Darstellung der chronologischen Abfolge der Autoren eine unzweifelhafte Angelegenheit ist, ist die Unterteilung der Literaturgeschichte in Epochen eine Verhandlungssache.

Während die meisten Literaturwissenschaftler die Einteilung in Epochen wie Aufklärung, Sturm und Drang, Weimarer Klassik, Romantik, Biedermeier, Vormärz, Realismus usw. favorisieren, bestehen einige der Sozialgeschichte verbundene Philologen auf eine simple annalistische Strukturierung – also der übersichtlichen Unterteilung der Literaturgeschichte nach Jahrhunderten.

Das vorliegende „Reclam-Buch der deutschen Literatur“ verfolgt genau diesen Ansatz und unterteilt die deutsche Literaturgeschichte vom Frühmittelalter bis zur Gegenwart in wenige große Abschnitte, die ab dem 16. Jahrhundert mit Ausnahme der Revolutions- und Restaurationszeit, der ein eigener Abschnitt gewidmet ist, in Jahrhundertsprüngen aufeinander folgen.

Jeder kennt die kleinen gelben Reclam-Bändchen, die uns in ihrer handlichen und preisgünstigen Ausfertigung seit unserer Schulzeit mit den wichtigsten Klassikern der Weltliteratur vertraut machten. Schnörkellos und auf den reinen Originaltext fixiert, der nur durch einen Anhang und ein kurzes Nachwort ergänzt wird, kommen sie nahezu bilderfrei und in stets unveränderter und identischer Form daher.

Ganz anders das „Reclam-Buch der deutschen Literatur“: Mit seinen vollfarbig gestalteten, überreich illustrierten und durch ein zweispaltiges, stark lexikalisch anmutendes Layout auf insgesamt 526 Seiten wirkt es wie ein Reiseführer der bunten Art, wie wir sie z.B. vom Verlag DK kennen.

Und in der Tat handelt es sich um etwas mit einem Reiseführer Vergleichbares: Das Buch lädt ein zu einer vielstündigen Reise durch die deutsche Literaturgeschichte, zu Begegnungen mit Schriftstellern und mit Zeitgenossen.

Diese Literaturgeschichte „verbindet historische und systematische Sichtweisen“, wie es im Vorwort heißt. Somit ist selbstverständlich, dass auch sozialgeschichtliche Aspekte wie die Entwicklung des Leseverhaltens oder die Einflüsse von Naturwissenschaft und Technik auf die Rezeption von Literatur genauso berücksichtigt werden wie auch die sozialen und politischen Umwälzungen der Gesellschaft.

Der Literaturwissenschaftler Volker Meid – Verfasser dieses Buches – war von 1970 bis 1982 Professor für deutsche Literatur an der University of Massachusetts in Amherst/USA, in Freiburg und Bielefeld. Er ist Autor und Herausgeber einer ganzen Reihe von Standardwerken zur deutschen Literatur. Der Schwerpunkt seiner Forschung und Arbeit liegt auf der Literatur der Frühen Neuzeit und des Barock.

Ein Umfang von 526 Seiten mag zunächst groß erscheinen. Jedoch wenn man sich klarmacht, dass neben der Darstellung der politischen und gesellschaftlichen Verhältnisse und der wichtigsten Strömungen der Literatur natürlich auch noch die maßgeblichen Autoren, die gängigsten Motive und Themen einer Epoche und die verschiedenen Gattungen skizziert werden sollen, dass darüber hinaus die wichtigsten Strömungen der literaturwissenschaftlichen und literaturtheoretischen Entwicklung angesprochen und die interdependente Wirkung zwischen Literatur und Gesellschaft beschrieben werden soll, so wird schnell klar, dass auch auf 526 Seiten für eine tiefer gehende Ausführlichkeit kaum Platz bleiben kann.

Dennoch ist das „Reclam-Buch der deutschen Literatur“ als ein Kompendium der deutschen Literaturgeschichte hervorragend geeignet, dem interessierten Leser eine umfassende Übersicht über die verschiedenen Aspekte der Literaturwissenschaften zu vermitteln. Deutschsprachige Literatur war und ist immer eingebettet in europäische Literaturgeschichte – eine Tatsache, die der Autor sehr schön herausarbeitet.

Man kann sich der deutschen Literatur auf verschiedene Weise nähern. Man kann die Primärtexte lesen – also die Werke der einzelnen Autoren – oder man kann Sekundärliteratur über deutsche Literatur lesen. Für diese zweite Lesart bietet das „Reclam-Buch der deutschen Literatur“ einen unterhaltsamen und abwechslungsreichen Einstieg, der hoffentlich dem einen oder anderen jungen Leser Herz und Verstand für die faszinierende Welt der Literatur öffnen wird.

In diesem schönen Buch kann man sich verlieren und von einem Ort zum anderen springen. Einziger Kritikpunkt ist das leider fehlende Glossar, das dem interessierten Laien die wichtigsten literaturwissenschaftlichen Grundbegriffe erklärt. Aber zum Glück kann man dieses Problem durch den Zukauf eines kleinen Bändchens aus der blauen Reclam-Reihe Kompaktwissen lösen: „Literarische Grundbegriffe“ (Nr. 15235, EUR 4,60).

 

Nachtrag (22.07.17):

Nun ist dieses schöne und grundlegende Standardwerk zur Deutschen Literaturgeschichte in einer überarbeiteten 4. Auflage erschienen. Das ohnehin auch schon in den vorigen Auflagen schön gestaltete Buch wurde einem behutsamen grafischen Lifting unterzogen sowie durch meist kleinere Korrekturen und Ergänzungen aktualisiert. Nach wie vor sucht dieses Reclam Buch der Literatur unter den Einführungen in die deutsche Literaturgeschichte seinesgleichen. Einzigartig ist vor allem sein erfrischender Zugang zur Literatur, der ganz bewusst über den trockenen Nimbus einer rein textbasierten Einführung hinausgeht und mit über 500 Abbildungen und über 240 Themen-Einheiten Literatur im wahrsten Sinne anschaulich macht. So macht es immer wieder Spaß, in diesem Buch zu blättern, Altbekanntes wiederzufinden, aber auch neue Kontexte zu entdecken und sich auf Zeit in die Zauberwelt der Literatur entführen zu lassen.

 

 

Autor: Volker Meid
Titel: “Reclam-Buch der deutschen Literatur“
Taschenbuch: 526 Seiten
Verlag: Reclam, Philipp, jun. GmbH, Verlag
Auflage: 4., aktual. und ergänzte Auflage.
ISBN-10: 315011117X
ISBN-13: 978-3150111178

 

 

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