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Rezensionen von Büchern aus den Kultur- und Geisteswissenschaften

Aktuelle Rezensionen

kulturbuchtipps.de veröffentlicht regelmäßig Rezensionen zu neuen Büchern aus den Kultur- und Geisteswissenschaften.

Bereits 1802 hatte August Wilhelm Schlegel eine sehr dezidierte Meinung, was Neuerscheinungen betrifft… – Wir betrachten es daher als eine wichtige kulturelle Aufgabe, die Spreu vom Weizen zu trennen und Ihnen hier die wichtigsten und lesenswerten Sachbücher aus der geradezu unüberschaubaren Menge an Neuerscheinungen auf dem deutschen Buchmarkt vorstellen.


Hier sehen Sie eine kurze Zusammenfassung der aktuellen Rezensionen bei kulturbuchtipps.de:


Prinzessin Märtha Louise, Elisabeth Nordeng: „Hochsensibel geboren — Wie Empfindsamkeit stark machen kann“

„Wie Empfindsamkeit stark machen kann“ ist der Untertitel. Das trifft in etwa den roten Faden des Buches.
Zunächst liest man eine — wie eine Verteidigung klingende —Auflistung der Studien und Forscher, die bestätigen, es gibt sie: Hochsensibilität ist keine Einbildung. Auf diesen ersten Seiten auch der Hinweis, es solle für Menschen, die anders und womöglich unerkannt hochsensibel sind, ein Richtungsweiser sein. Und den Menschen, die mit diesen besonderen Menschen zusammenleben, zur Erklärung und Verständnis verhelfen.

Das mag alles zutreffen. Trotz vieler vorne angegebener Kapitel wird das Buch zu einem interessanten und flotten Spaziergang durch alle Lebensbereiche. Mit vielen Episoden aus dem Leben der beiden Autorinnen. Wobei Prinzessin Märtha Louise etwas mehr schreibt. Die Kapitel — die als solche thematisch nicht auffällig werden — folgen flüssig aufeinander und es ist interessant zu folgen.


Boris von Brauchitsch: „Kleine Geschichte der Fotografie“

Es gibt sehr viele Publikationen, die die Geschichte der Fotografie erzählen. Die meisten Bücher orientieren sich an der technischen Entwicklung der Fotografie von ihren Anfängen bis zur Digitalisierung; oder sie erzählen die Fotografie-Geschichte anhand von berühmten Fotografen oder Fotografien.

Warum also sollte man der hier vorliegenden Kleinen Geschichte der Fotografie von Boris von Brauchitsch den Vorzug geben? — Die Antwort ist einfach: weil sie besser ist als die anderen Bücher.

In diesem Buch wird ein anderer Ansatz verfolgt als in den meisten vergleichbaren Publikationen.


Magali Nieradka-Steiner: „Exil unter Palmen – Deutsche Emigranten in Sanary-sur-Mer“

Thomas Mann, in einem Korbstuhl auf einer schattigen Terrasse sitzend, im kurzärmeligen weißen Hemd und heller Hose, direkt in die Kamera blickend, nicht lächelnd, dennoch entspannt schauend. Das Foto hinterlässt den Eindruck eines Mannes, der zwar nicht freiwillig an diesem Ort zu weilen, der sich jedoch durchaus mit den Zeitumständen arrangiert zu haben scheint. So stellt man sich das Exil der Privilegierten unter den deutschen Emigranten während der Nazizeit vor: ein Exil wie ein Sommer am Meer, ein Exil unter Palmen, beispielsweise in einem kleinen Fischerort an der Cȏte d’Azur in der Nähe von Toulon, beispielsweise in Sanary-sur-Mer.

Was für die wenigen Privilegierten unter den Geflüchteten zutreffen mag, wie für die Familie um Thomas Mann, die Feuchtwangers, Franz Werfel und Alma Mahler-Werfel, sah für die meisten anderen deutschen Exilanten ganz anders aus. Hier bot die Zurückgezogenheit eines Lebens im Süden Frankreichs nicht nur die Bequemlichkeit eines milden Klimas und die niedrigen Lebenshaltungskosten im Vergleich zu Paris oder Marseille, sondern bedeutete auch das Ende der eigenen schriftstellerischen Produktion und ein damit verbundenes Einkommen


Achim Sommer (Hg.): „Max Ernst — Frühe Zeichnungen. Schenkung Werner und Monika Spies“

Anlässlich seines 80. Geburtstags hatte der Sammler Werner Spies ein Konvolut aus 55 frühen Zeichnungen und Skizzen aus der Sammlung von Franz Balke dem Max Ernst Museum in Brühl präsentiert. Diese Zeichnungen sind „wichtig für unser Verständnis von Max Ernst, denn aus dem Frühwerk hat sich ja gar nicht so viel erhalten“, sagt Werner Spies in einem Gespräch mit dem Journalisten Andreas Platthaus.

Die in diesem Buch vorgestellten Zeichnungen zeigen, „wohin Max Ernst hätte gehen können und die Einflüsse, die er verarbeitet hat“. Ernst ging einen anderen Weg, und daran sind vor allem die traumatischen Erfahrungen des Ersten Weltkriegs und der Zusammenbruch der alten Welt verantwortlich.

So zeigen diese Zeichnungen einen bislang relativ unbekannten Max Ernst.


Johannes Fried: „Die Deutschen — Eine Autobiographie“

Was ist deutsch? Gibt es eine Leitkultur? Sind wir Deutschen ein Volk, das stolz auf sich ist? — Das sind nur einige jener Fragen, die in letzter Zeit wieder eine Aktualität erlangt haben, welche viele von uns so nicht erwartet haben. Nachdem in Europa wieder das Gespenst des Nationalismus umgeht, drehen auch in Deutschland die Gestrigen wieder fleißig am Rad. Diese Renaissance der Retrotopisten und Ewig-Gestrigen ist umso bemerkenswerter, als die Welt immer bunter und die Kultur immer globaler wird. Globaler und einförmiger — vielleicht ist hier ein Grund für diesen nationalnostalgischen Rückwärtstrend zu finden.

Woher auch immer diese Deutschseligkeit kommen mag, wir haben ein falsches Selbstbild. Exportweltmeister, Fußball-Weltmeister, Land der Dichter und Denker, ein Land, in dem noch Recht und Ordnung herrschen — all dies ist richtig, und doch gibt es auch Gegenstimmen, und es gab sie schon immer.

Der Historiker Johannes Fried hat nun eine beeindruckende Studie vorgelegt, die entlang der deutschsprachigen Literatur von den Anfängen bis zur Gegenwart Stimmen versammelt, welche sich an Deutschland reiben und diesen seltsam unfassbaren Begriff zu fassen versuchen.


Richard David Precht: “Jäger, Hirten, Kritiker“

So kann es nicht weitergehen. Oder anders ausgedrückt: Wenn es so weitergeht, wie es im Moment weitergeht, geht es nicht gut weiter. Es wird böse enden. — Dies ist, sehr verkürzt, der Generalbass dieses neuen Meisterstücks von Richard David Precht.

Jäger, Hirten, Kritiker liest sich ein wenig wie die Niederschrift einer Folge der Fernseh-Sendereihe Precht. Es ist derselbe Sound, dieselbe kluge Rede und dasselbe leidenschaftliche Engagement, welches Prechts Beiträge zur Politik und Gesellschaft der Gegenwart immer wieder so bemerkenswert und diskussionswürdig machen.

Der Buchtitel Jäger, Hirten, Kritiker geht zurück auf eine Textpassage aus der Deutschen Ideologie, in welcher Karl Marx und Friedrich Engels ihre Utopie einer postkapitalistischen Gesellschaft entwarfen, in welcher der von der Knechtschaft der Lohnarbeit befreite Mensch zukünftig seinen eigenen Neigungen nachgeht und frei ist, eben „heute dies, morgen jenes zu tun, morgens zu jagen, nachmittags zu fischen, abends Viehzucht zu treiben, nach dem Essen zu kritisieren, wie ich gerade Lust habe, ohne je Jäger, Fischer, Hirt oder Kritiker zu werden.“


Haruki Murakami: „Von Beruf Schriftsteller“

Haruki Murakami ist ein scheuer Mensch. Er steht nicht gerne in der Öffentlichkeit, und so ranken sich um diesen japanischen Bestseller-Autor auch nach einer über dreißigjährigen Tätigkeit als Schriftsteller immer noch eine Reihe von Legenden und Spekulationen. Nun (2016) hat Murakami sein Schweigen gebrochen, und er tut dies auf höchst angenehme Weise, indem er in kurzen Essays Auskunft gibt über sein Leben als Schriftsteller und Mensch.

Echte Murakami-Fans werden wahrscheinlich bereits die 2016 bei Dumont erschienene Hardcover-Ausgabe dieses Titels gekauft und gelesen haben. Mit dieser nun bei btb erschienenen günstigen Taschenbuch-Ausgabe können aber sicherlich noch weitere Käufer- und Leserschichten erreicht werden.

In seinen selbstreflexiven Beschreibungen erzählt Murakami — nicht ohne einen gewissen Stolz — über seinen Alltag als Schriftsteller, über seinen Werdegang und plaudert ausgelassen und mitteilungsfreudig über die Höhen und Tiefen des Schreibens von Romanen.


Michael Knoche: „Die Idee der Bibliothek und ihre Zukunft“

Als Außenstehender merkt man es vielleicht nicht so schnell, aber wer sich, wie Michael Knoche, von 1991 bis 2016 Direktor der Zentralbibliothek der deutschen Klassik (später Herzogin Anna Amalia Bibliothek), seit langer Zeit in den Gefilden des deutschen Bibliothekswesens aufhält, weiß, dass sich die wissenschaftlichen Bibliotheken in Deutschland in einer schweren Krise befinden.

„Bibliotheken bleiben nur dann starke Akteure im Dienst von Wissenschaft und Öffentlichkeit, wenn sie in die Lage versetzt werden, viel arbeitsteiliger vorzugehen“. So lautet eine der zentralen Thesen in Michael Knoches Denkschrift Die Idee der Bibliothek und ihre Zukunft, welche jüngst im Wallstein-Verlag erschienen ist.

Knoche ist der festen Überzeugung, dass Bibliotheken heute nur noch im System funktionieren und nicht mehr als Solitäre. „Aber dafür braucht es eine politische Strategie, damit aus vielen Bibliotheken ein System von Bibliotheken wird.“ Warum das so ist und wie man dahinkommen könnte, zeigt der Autor in seinem aufmunternden Buch.


Florian Werner: „Die Weisheit der Trottellumme — Was wir von Tieren lernen können“

In Berlin wird seit einigen Jahren ein schlaues Philosophie-Magazin produziert. Seine Chefredakteurin ist seit Anfang 2018 die promovierte Philosophin Svenja Flaßpöhler. Sie ist die Frau von Florian Werner, und beide leben in Berlin. In dem Philosophie-Magazin gibt es eine kleine Kolumne „Von Tieren lernen“, und für diese Kolumne hat Florian Werner die meisten der jetzt in diesem schönen Buch veröffentlichten Kurztexte verfasst.

Von der Amsel bis zum Hähnchen, vom Nacktmull über den Orca bis zur Qualle, von der Ameise bis zum Elefanten präsentiert Florian Werner ein bezauberndes Bestiarium und erzählt von en erstaunlichen Fähigkeiten der Tiere. Das einzige Tier, welches hier nicht explizit vorgestellt wird, ist das Tier Mensch. Vielleicht weil es über keine besonders erwähnenswerten Fähigkeiten verfügt?


Wilfried Nippel: „Karl Marx“

Am 05.05.18 ist es so weit: Wir feiern den 200. Geburtstag von Karl Marx! Schon seit Wochen sind die Medien voller Marx. Politiker, Wissenschaftler, Schriftsteller und andere Intellektuelle aller Couleur überschlagen sich in ihren Lobpreisungen und schwitzen sich möglichst schlaue und gewichtig klingende Bemerkungen aus den Rippen, wie wichtig und bedeutungsvoll Marx und seine Lehren auch heute noch für die Politik, die Gesellschaft und überhaupt seien… — Recht haben Sie! Der Kapitalismus ist noch lange nicht tot, doch sein Ende war im Grunde jederzeit absehbar.

Doch wer war Karl Marx wirklich? Wie war er als Mensch? Als Familienvater? Als Philosoph? Als Journalist? Als Gesellschaftstheoretiker? — Um diese Fragen zu beantworten, wurden (ebenfalls pünktlich zum Jubiläum) dicke Wälzer geschrieben, kluge und dicke Biographien, die man eigentlich lesen sollte, wofür man aber, wie es denn eben immer so ist, niemals die Zeit findet. Abhilfe schafft ein kleines, handliches Büchlein aus der allzeit bewährten Beck´schen „Wissen“-Reihe mit dem schlichten Titel: Karl Marx.


Paul Lafargue: „Das Recht auf Faulheit“

Auch heute noch kennen wir das Recht auf Arbeit als eines der wichtigsten Grundrechte. Es ist im Artikel 23 der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte verankert und garantiert das Recht auf Selbstverwirklichung. Im deutschen Grundgesetz gibt es kein Recht auf Arbeit, wohl aber ein Recht auf freie Berufswahl, was natürlich nicht dasselbe ist.

Der vorliegende Text Das Recht auf Faulheit von Paul Lafargue erschien erstmals 1883 im französischen Original (La droit à la paresse). In deutscher Übersetzung wurde der Text erst 1913 durch den SPD-Politiker Eduard Bernstein veröffentlicht, wobei das französische „Personal“ durch ein deutsches ersetzt und der Text Lafargues durch weitere Kommentare und Marx-Zitate angereichert und stark verändert wurde. Erst jetzt erscheint in einem kleinen Reclam-Bändchen aus der Reihe Was bedeutet das alles? der Originaltext Lafargues in einer Neuübersetzung von Ute Kruse-Ebeling.


Max Winter: „Expeditionen ins dunkelste Wien — Meisterwerke der Sozialreportage“

Im Picus-Verlag ist nun in dritter Auflage die schöne Auswahl der Sozialreportagen Max Winters aus dem Wien um 1900 erschienen. Wie im Picus-Verlag üblich, handelt es sich um eine solide gebundene Hardcover-Ausgabe mit ansprechendem Satzspiegel und Lesebändchen. Doch wer war eigentlich dieser Max Winter, den man zwar in Österreich, jedoch in Deutschland kaum noch kennt?

Der 1870 im ungarischen Tárnok geborene Max Winter übersiedelte bereits 1873 mit seiner Familie nach Wien. Er verließ bereits nach der vierten Klasse vom Gymnasium, um eine Kaufmannslehre zu absolvieren. Danach begann er zu studieren: Philosophie, Geschichte und Nationalökonomie, jedoch alles ohne Abschluss.

Max Winter zog es zum Journalismus. Er arbeitete für das Neue Wiener Journal und später für die Arbeiter-Zeitung, das Zentralorgan der österreichischen Sozialdemokratie, und wurde vorübergehend sogar Chefredakteur der Arbeiter-Zeitung am Abend.


Curt Moreck: „Ein Führer durch das lasterhafte Berlin — Das deutsche Babylon 1931“

Wer sich für das wilde Berlin der 1920er Jahre interessierte und sich im Internet oder in den Antiquariaten auf die Suche nach entsprechender zeitgenössischer Literatur machte, las oder hörte immer wieder von Curt Morecks Führer durch das lasterhafte Berlin. Doch das Buch selbst war meistens nicht zu finden; und falls doch, wurden hohe Preise aufgerufen.

Wunderbar! Der Verlag Berlin-Brandenburg schließt jetzt mit der Neuausgabe dieses ganz speziellen Berlin-Führers von 1931 eine kulturgeschichtliche Lücke! Die Bedeutung dieser Wiederauflegung des seinerzeit berüchtigten Führers durch die Berliner Halb- und Unterwelt kann nicht hoch genug eingeschätzt werden.

Die wirtschaftlichen Gründe für diese Neuauflage sind schnell gefunden: Der Untertitel dieser Publikation (der natürlich nicht im Original auftaucht) lautet „Das deutsche Babylon 1931“. Das rekurriert ganz bewusst auf die erfolgreichen Kriminalromane von Volker Kutscher, von denen einer im vergangenen Jahr unter dem reißerischen Titel Babylon Berlin als Fernsehserie verfilmt und ein großer TV-Erfolg wurde.


Wolfram Eilenberger: „Zeit der Zauberer — Das große Jahrzehnt der Philosophie 1919-1929“

Wolfram Eilenberger hat sich das „große Jahrzehnt der Philosophie“, die Zeit von 1919 – 1929, vorgenommen und anhand von vier zentralen Figuren die Bedeutung dieser Dekade für die Philosophie ihrer Zeit und weit darüber hinaus zu ergründen versucht. Das Ergebnis ist in diesem über 400 Seiten starken Buch nachzulesen.

Es sind die vier Säulen der Philosophie in der Weimarer Zeit — in alphabetischer Reihenfolge Walter Benjamin, Ernst Cassirer, Martin Heidegger und Ludwig Wittgenstein —, die jeder auf seinem Weise nicht nur die Philosophie ihrer Zeit durcheinander wirbeln, sondern mit ihren Arbeiten und Theorien auch den Grundstein für andere Disziplinen legen:

Walter Benjamin schafft mit seinem Werk die Grundlagen für eine Erneuerung der Kulturphilosophie und für die Kritische Theorie der Frankfurter Schule; Ernst Cassirer darf mit seiner Philosophie der symbolischen Formen zurecht als einer der Gründungsväter der Kulturwissenschaften betrachtet werden; Martin Heideggers radikal-phänomenologische und begriffliche Dekonstruktion der abendländischen Philosophie legt den Grundstein für einen Neubau der Phänomenologie und Ontologie; Ludwig Wittgensteins Tractatus logico-philosophicus und schließlich seine Philosophischen Untersuchungen werden die Sprachphilosophie und die Weiterentwicklung der Sprachwissenschaft nachhaltig beeinflussen.


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