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Rezensionen von Büchern aus den Kultur- und Geisteswissenschaften

Aktuelle Rezensionen

kulturbuchtipps.de veröffentlicht regelmäßig Rezensionen zu neuen Büchern aus den Kultur- und Geisteswissenschaften.

Bereits 1802 hatte August Wilhelm Schlegel eine sehr dezidierte Meinung, was Neuerscheinungen betrifft… – Wir betrachten es daher als eine wichtige kulturelle Aufgabe, die Spreu vom Weizen zu trennen und Ihnen hier die wichtigsten und lesenswerten Sachbücher aus der geradezu unüberschaubaren Menge an Neuerscheinungen auf dem deutschen Buchmarkt vorstellen.


Hier sehen Sie eine kurze Zusammenfassung der aktuellen Rezensionen bei kulturbuchtipps.de:


Quentin Bajac, Lucy Gallun u. a. (Hg.): “Die große Geschichte der Photographie. Die Moderne: 1920 bis 1960“

Ohne Übertreibung darf man feststellen, dass sich im New Yorker MoMA (Museum of Modern Art) die weltweit wohl wichtigste Fotosammlung befindet. Sie ist eine wahre Fundgrube von ikonischen Meisterwerken der Photographie, und es lassen sich in ihr auch immer wieder neue und überraschende Entdeckungen machen. Schon in den 1930er Jahren begann man hier, photographische Kunst zu sammeln und in Ausstellungen zu zeigen.

Wenn ein so grundlegendes Buchprojekt wie „Die große Geschichte der Photographie“, die auf insgesamt drei umfangreiche Bände ausgelegt ist, sich auf die Sammlungen des MoMA New York stützt, so hat es die richtige Wahl getroffen, weil sich in eben jenen Sammlungen nahezu alle Inkunabeln der Photographie-Geschichte finden lassen.

Der vorliegende zweite Band, der nach dem Band III (1960 bis heute) als zweiter der Trilogie erscheint, beschreibt die Geschichte der Photographie in den entscheidenden Jahren von 1920 bis 1960. Der dritte und letzte Band (1839 bis 1920) wird aller Voraussicht nach im Laufe dieses Jahres (2017) erscheinen.


Habbo Knoch: „Grandhotels — Luxusräume und Gesellschaftswandel in New York, London und Berlin um 1900“

Wenn man die Stichworte „Grandhotel“ und „1900“ hört, spulen sich vor dem geistigen Auge sofort die entsprechenden Filmszenen ab: mondäne Gesellschaften, die sich in großzügigen Hotelhallen und opulent ausgeschmückten Speisesälen treffen; Treffpunkte für die High Society; Kristallisationspunkte der Urbanität; unbeschreiblicher Luxus und exklusive Räume für ein weltgewandtes Publikum; eine perfekte Bühne für Dandys und halbseidene Schönheiten; Auftrittsorte und Meeting Points für die Aristokratie und den Geldadel.

Auch die Literatur hat uns mit vielen Klischees versorgt, die unsere Vorstellung davon prägen, was in den Luxushotels der Zeit um 1900 vor sich ging, wer dort residierte und wie sich das Leben im Hotel abspielte. Filme und Literatur prägen unser Bild und unsere Vorstellungen vom Luxushotel und vom mondänen Treiben in den Grandhotels der Metropolen der klassischen Moderne.

Doch entsprechen diese medialen Bilder auch der historischen Realität? Der Historiker Habbo Knoch hat sich diese Frage gestellt und sich intensiv mit der Kulturgeschichte der Grandhotels um 1900 beschäftigt. Das Ergebnis dieser Forschung liegt seit einer Weile in Form eines umfangreichen Buches im Wallstein-Verlag vor: 496 prall gefüllte Seiten mit zahlreichen Abbildungen sowie mit einem umfangreichen Apparat und Literaturverzeichnis, wie es sich für die wissenschaftlichen Publikationen im Wallstein-Verlag gehört.


Karl Kraus: “Ausgewählte Werke” in vier Bänden (Hg.: Christian Wagenknecht)

Karl Kraus wurde 1874 Jičín, einer Kleinstadt im heutigen Tschechien, geboren und starb 1936 in Wien. Von 1899 bis 1933 gab er die Zeitschrift „Die Fackel“ heraus, deren alleiniger Autor er die meiste Zeit war; nur vor 1912 gab es noch andere Autoren, wie zum Beispiel Peter Altenberg, Houston Stewart Chamberlain, Egon Friedell, Else Lasker-Schüler, Adolf Loos und Frank Wedekind.

„Die Fackel“ darf zurecht als das Hauptwerk von Karl Kraus angesehen werden. Doch obwohl die Zeitschrift insgesamt mehr als 20.000 Seiten umfasst, ist Kraus´ Werk damit noch nicht hinreichend umrissen. Zahlreiche Theaterstücke, Dramen, Gedichte, Aphorismen-Sammlungen und weitere Texte zeichnen Karl Kraus als einen Ausnahme-Schriftsteller aus. Betrachtet man die schier unglaubliche Produktivität von Karl Kraus, so kommt man zu der Ansicht, dass der Mann sein Leben vorwiegend schreibend verbracht haben muss.

Wer viel zu sagen hat, erzeugt auch schnell Widerspruch. Karl Kraus hatte nicht viele Freunde, dafür jedoch umso mehr Feinde. Stefan Zweig bezeichnete Kraus in seinen Memoiren „Die Welt von Gestern“ als den „Meister des giftigen Spotts“. Ein Sprach-Erzieher ersten Ranges, war Karl Kraus stets darauf bedacht, der Presse, die er abfällig als „Journaille“ bezeichnete, die Leviten zu lesen.


Andreas Mayer: „Sigmund Freud zur Einführung“

„Wer sich um ein Verständnis der Kulturen der westlichen Welt des 20. Jahrhunderts bemüht, wird eine Auseinandersetzung mit dem Werk von Sigmund Freud schwerlich vermeiden können.“ — So beginnt die Einführung in das Werk von Sigmund Freud, die jüngst von Andreas Mayer im Junius-Verlag erschienen ist.

Andreas Mayer lehrt in Paris und kann bereits auf eine stattliche Liste von Publikationen zur Geschichte der Humanwissenschaften, zum Verhältnis von Wissenschaft und Kunst sowie zur Geschichte der Psychoanalyse verweisen. Die im Junius-Verlag erscheinende Reihe der Einführungen möchte Interessierten die Möglichkeit eröffnen, sich über einzelne Autoren oder Themen zu orientieren; kompetent, fundiert und ansprechend geschrieben, zeigen diese Einführungstexte einige wenige Berührungspunkte auf, die dem Leser einen ersten Zugang zum Leben und Werk eines Autors bzw. zu einer Thematik eröffnen.

Der Name Sigmund Freud ist untrennbar mit einem neuen theoretischen Denkgebäude der Psychologie verbunden, das von ihm maßgeblich entwickelt wurde: der Psychoanalyse. Freuds Schriften bildeten nicht nur die theoretische Grundlage für jene ganz neuartige Form des therapeutischen Umgangs mit den Patienten, sondern die Schriften boten ihrerseits vom Anbeginn bis heute genügend Anlässe zu kritischen Auseinandersetzungen mit seinen Theorien.


Ingmar Arnold: “Luftzüge — Die Geschichte der Rohrpost“

Die Entwicklung der Rohrpost ist eng mit der Entwicklung der Eisenbahn verbunden. Neben den dampfbetriebenen Eisenbahnen gab es zu Anfang Versuche mit so genannten „atmosphärischen“ und „pneumatischen“ Eisenbahn-Antrieben. Während beim „atmosphärischen“ Antrieb die Waggons durch eine zentrale Druckluft-Röhre nach vorne bewegt wurden, dachte man bei der „pneumatischen Eisenbahn“ daran, die Züge direkt in einer großen Röhre mittels Druckluft zu bewegen. Dieses zweite Prinzip bildet auch die Grundlage der späteren Rohrpost-Systeme.

Ingmar Arnold hat mit diesem Buch (jetzt in einer erweiterten Neuauflage erschienen) eine sehr schöne Dokumentation der Technikgeschichte der Rohrpost vorgelegt; er befasst sich vor allem mit dem Berliner Rohrpost-System, wie es nahezu unverändert von 1865 bis 1972 existierte. Das Netz der Stadtrohrpost wurde nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs bereits 1948 geteilt, doch selbst während der Zeit der Trennung beider Stadthälften wurde die Rohrpost in Ost und West für verschiedene Zwecke benutzt.

Das Buch legt seinen Fokus auf die Berliner Rohpost-Geschichte. Was Berlin für die Geschichte der Rohrpost so bedeutend macht, ist nicht nur die lange und wechselvolle Geschichte der stadteigenen Rohpost-Anlagen, sondern die Tatsache, dass die Stadt selbst ein wichtiger deutscher Produktionsstandort für die Rohrpost-Technik war: allen voran ist hier natürlich die Firma Siemens & Halske zu nennen.


Mascha Kaléko: „Das lyrische Stenogrammheft“

Es gibt Bücher, die muss man einfach kennen. Besser noch, man besitzt sie. Stehen sie erst einmal im eigenen Bücherregal, so kann man sie jederzeit zur Hand nehmen und sich an ihnen erfreuen. Ein solches Buch ist zweifellos Mascha Kalékos Klassiker „Das lyrische Stenogrammheft“.

Was fasziniert den heutigen Leser an diesem Büchlein? Sicherlich ist es zunächst die Sprache, mit der die Autorin das Großstadtleben beschreibt. Es ist das Leben einer jungen Frau im Berlin der 1920er und 1930er Jahre, welches hier seine lyrische Form erhält. Das alles ist gut 90 Jahre her, und trotzdem wirken Kalékos Texte so modern, als ob sie erst gestern geschrieben worden wären.

Wie macht sie das? Es ist die schonungslose Ehrlichkeit und das Unmittelbare dieser Aufzeichnungen aus einem Tollhaus der Gefühle. Kaléko ist niemals die teilnahmslose Beobachterin, sondern sie steckt mittendrin im Trubel der Großstadt. Ihre Liebschaften, ihre Sehnsüchte, Träume und Enttäuschungen, das Hoffen und das Warten, oft auch das vergebliche Warten, all dies beschreibt sie in ihren Texten; sie schreibt auf, was sie bewegt, und auf diese Weise bewegt sie auch die Leserin und den Leser.


Paul Ewen: „Francis Plugs Handbuch für Autoren“

Dies ist kein Handbuch für Autoren, sondern ein Roman. Dies ist aber nicht nur ein Roman, sondern eben auch ein Handbuch für Autoren. — Was denn nun?!

Beginnen wir mit dem Namen: Francis Plug. Das ist natürlich ein Pseudonym. Niemand heißt so. Oder doch? Auf jeden Fall hat sich der Autor (mit richtigem Namen heißt er Paul Ewen, stammt aus Neuseeland und lebt heute in England) diesen Künstlernamen zugelegt, um seinen ersten Roman zu schreiben. Er will endlich Schriftsteller werden, denn eigentlich ist er Gärtner.

Wenn es seine Auftragslage hergibt, gönnt er sich gerne nach Feierabend den einen oder anderen kräftigen Schluck aus der Flasche. Manchmal aber auch vor Feierabend, was wiederum nicht gerade seiner Auftragslage förderlich ist. Doch was soll´s?! Er ist zwar mit Leib und Seele Gärtner, er hält sich eben gerne an der frischen Luft auf. Aber noch lieber wäre er ein Schriftsteller und zwar möglichst ein erfolgreicher!


Barbara Piatti (Hg.): “Von Casanova bis Churchill — Berühmte Reisende auf ihrem Weg durch die Schweiz”Barbara Piatti (Hg.): “Von Casanova bis Churchill — Berühmte Reisende auf ihrem Weg durch die Schweiz”

Die Schweizer Literaturwissenschaftlerin Barbara Piatti hat im Badener Hier-und-Jetzt-Verlag eine Anthologie bedeutender Schweiz-Reisen zusammengestellt. Die Orientierung an literarischen Vorlagen, an Tagebüchern und Notizen, aber auch an fiktionalen Texten berühmter Schweiz-Reisender mag für eine Literaturwissenschaftlerin naheliegend sein, doch diese Anthologie ist viel mehr als eben nur eine Anthologie.

Wie die Herausgeberin in ihrer Einleitung schreibt, geht es ihr nicht nur um eine Sammlung von Texten über die Schweiz und über das Reisen, sondern um die Konstruktion eines literarischen Raumes. Mit ihrer bewussten Auswahl an Texten möchte sie „Knotenpunkte, Kreuzungen und imaginäre Begegnungen“ aufzeigen.

Die ausgewählten Texte umspannen fast zwei Jahrhunderte — von 1760 mit Casanovas Reiseberichten bis zu Winston Churchills Schweiz-Aufzeichnungen von 1946. So können wir anhand der Reisebeschreibungen die Routen jener Reisenden nachverfolgen und sehen, wie sich über die Jahrhunderte die Wege immer wieder kreuzten. So entsteht ein vierdimensionales literarisches Bild der Schweiz mit vielen Wegkreuzungen in Zeit und Raum.


Jörg Später: “Siegfried Kracauer – Eine Biographie”Jörg Später: „Siegfried Kracauer – Eine Biographie“

Jörg Später ist Historiker und Mitarbeiter am Lehrstuhl für Neuere und Neueste Geschichte an der Universität Freiburg. Er hat jetzt im Suhrkamp-Verlag vorgelegt, worauf viele Intellektuelle gewartet haben, auch wenn sie es vielleicht selbst nicht gewusst haben: die erste umfangreiche Biographie von Siegfried Kracauer.

Kracauer ist den meisten bekannt als Filmtheoretiker: Seine Abhandlung Von Caligari zu Hitler, geschrieben im amerikanischen Exil, wollte nachweisen, wie sich von den Stummfilmen der 1920er Jahre und den Filmstoffen der frühen Tonfilmzeit eine direkte Entwicklungslinie zu den Propaganda-Filmen der Nationalsozialisten und den Unterhaltungsfilmen der UFA in den 1930er Jahren ziehen lässt.

Doch Kracauer war viel mehr als „nur“ Filmtheoretiker. Zunächst erlernte er den Brotberuf des Architekten, den er jedoch schon bald nach Ende des Ersten Weltkriegs aufgab, um einen „Wortberuf“ zu erwählen. Dieser Entschluss kam nicht aus heiterem Himmel, sondern war lange vorbereitet.


Roger Willemsen: "Wer wir waren"Roger Willemsen: „Wer wir waren“

Wir sind einfach zu nah dran, um das Bild der Gegenwart in seiner Gänze zu erfassen. Schlimmer noch, wir kleben nicht nur mit der Nase an der Bildoberfläche, sondern wir sind ein Teil des Bildes selbst. Wie soll man aus einer solchen Position einen vernünftigen und verständigen Blick auf die eigene Gegenwart werfen? Wäre es möglich, die eigene Gegenwart zu verstehen, indem man den Standpunkt eines zukünftigen Betrachters einnimmt?

Diesen kleinen Kunstgriff hat Roger Willemsen angewendet, als er an seinem letzten Buchprojekt arbeitete, das den Arbeitstitel „Wer wir waren“ trug. Leider blieb das Projekt in seinen Anfängen stecken: Nachdem Roger Willemsen im Sommer 2015 von seiner Krebserkrankung erfuhr, legte er den Stift beiseite und zog sich aus der Öffentlichkeit zurück.

In seiner letzten Rede im Rahmen der Festspiele Mecklenburg-Vorpommern im Juli 2015 hielt Willemsen eine überarbeitete Fassung seiner „Zukunftsrede“, die jetzt, ergänzt durch die letzten schriftlichen Änderungen des Autors, in einem kleinen Büchlein im S. Fischer-Verlag erschienen ist.


Athena Panteos u. Tim Rojek (Hg.): „Texte zur Theorie der Geisteswissenschaften“Athena Panteos u. Tim Rojek (Hg.): „Texte zur Theorie der Geisteswissenschaften“

Die Entwicklung der Geisteswissenschaften war und ist eng mit dem Diskurs über ihre theoretische Fundierung verbunden. Wenn man einen historischen Blick auf die Geisteswissenschaften wirft, so lassen sich drei Entwicklungsphasen identifizieren, die in diesem Sammelband auch hinreichend mit entsprechenden Texten zur Theorie der Geisteswissenschaften abgedeckt werden. Es geht, das muss ausdrücklich betont werden, nicht um eine historische Entwicklung der Geisteswissenschaften selbst, sondern um die Zusammentragung zentraler Texte, die die historische Entwicklung der Theorie der Geisteswissenschaften belegen.

In einer ersten vorwissenschaftlichen Phase beschäftigte man sich zwar durchaus mit geisteswissenschaftlichen Themen sowie mit einer Theorie der geisteswissenschaftlichen Disziplinen, ohne diese Bezeichnung Geisteswissenschaft zu verwenden. So befasste sich schon Aristoteles als erster bedeutender Philosoph der griechischen Antike in seiner Metaphysik mit dem ordnenden Versuch einer wissenschaftlichen Systematik. In Abgrenzung zu den Naturwissenschaften, die ebenfalls von ihm eine erste grundlegende Ordnung erfuhren, betrieb er in erster Linie Philosophie – von der Naturphilosophie über die Metaphysik bis zur Lebenskunst. Aristoteles darf als ein wichtiger Vorbereiter für jene Unterscheidung zwischen Natur- und Geisteswissenschaften gelten, wie sie viele Jahrhunderte später in der Moderne vorgenommen wurde.


Christoph Krelle: „Kreatives Schreiben — Sag mal, wie schreibe ich ein Wolfsmärchen?“Christoph Krelle: „Kreatives Schreiben — Sag mal, wie schreibe ich ein Wolfsmärchen?“

Nehmen wir einmal an, Sie sind eine leidenschaftliche Leserin: Sie lesen viel, haben ein gutes Gespür für den richtigen Stil und ein feines Gefühl für Sprache; Sie spielen gern mit Worten und sind immer empfänglich für eine gut erzählte Geschichte. Wie wäre es, wenn Sie einmal die Seiten wechselten und von einer Leserin zur Autorin würden?

Viele Menschen haben den heimlichen Wunsch, Schriftsteller zu werden. Wäre es nicht wunderbar, Geschichten zu erzählen, Menschen damit zu unterhalten oder gar glücklich zu machen und von diesem Scheiben auch noch leben zu können? — Man muss ja nicht immer gleich nach den Sternen greifen; manchmal genügte es auch, sich einfach mal kreativ mit dem Schreiben zu befassen: Schreiben als Hobby, Schreiben aus Spaß an der Freude.

Mit manchen Büchern ist es eine seltsame Sache. Sie erscheinen in einem kleinen Verlag, geschrieben von einem unbekannten Autor, und auch der Titel scheint auf den ersten Blick nicht dazu angetan, den müden Blick des Rezensenten einzufangen. Und doch landete das vorliegende Büchlein — mit seinen 72 Seiten ist es eigentlich mehr ein Heftchen — nach einer kurzen Leseprobe auf meinem Schreibtisch.


Volker Weidermann: „Dichter treffen — Begegnungen mit Autoren“Volker Weidermann: „Dichter treffen — Begegnungen mit Autoren“

Man kennt den Literaturwissenschaftler Volker Weidermann aufgrund seiner zahlreichen Publikationen zur deutschen Literaturgeschichte. Er arbeitete viele Jahre als Literaturredakteur und Feuilletonchef bei der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung. 2015 wechselte er zum Spiegel; trotz dieses Wechsels zum Boulevard ist er nach wie vor eine wichtige Stimme der deutschen Literaturkritik. Seit Ende 2015 moderiert er auch die Neuauflage des Literarischen Quartetts im ZDF.

Das vorliegende Buch über seine Begegnungen mit Autoren schließt eine Lücke in seiner Publikationsliste. Das bei Kiepenheuer & Witsch erschienene Buch versammelt über 50 intime Portraits von Schriftstellern, denen Weidermann seit 2001 begegnet ist.

Im Vorwort betont der Autor, dass er diesen Schriftstellern bewusst nicht als Kritiker gegenübertrat, sondern als ein neugieriger Leser mit ihnen zusammentraf, als jemand, der von ihren texten begeistert war und wissen wollte, wie sie zustande kamen. Diese Neugier auf den Menschen hinter den Texten ist ansteckend.


Hannah Arendt: "Wir Flüchtlinge"Hannah Arendt: „Wir Flüchtlinge“

Ist Hannah Arendt Essay von 1943 in der Lage, einen Beitrag zur Diskussion um die Situation der Flüchtlinge in Deutschland zu liefern? – Diese Frage mag man sich spontan stellen, wenn man das schmale Bändchen aus der „Was bedeutet das alles?“- Reihe des Reclam-Verlages in der Buchhandlung entdeckt. Jüngst als Monografie aufgelegt, soll Arendts Text wohl vor allem durch seinen aktuell wirkenden Titel die Aufmerksamkeit des Lesepublikums wecken. Doch vielleicht steckt noch mehr dahinter?

Der Beitrag erschien erstmals im Januar 1943 unter dem Titel We Refugees im Menorah Journal. Hannah Arendt lebte seit 1937 in den USA und schrieb seitdem auf Englisch. Ihr bekannter Essay ist für unsere heutige Zeit auf den ersten Blick nicht mehr relevant.

Denn sie schreibt aus einer weltpolitischen Situation heraus, in der Hitler die halbe Welt in den Krieg getrieben, viele Länder besetzt und vor allem die Ausrottung der Juden mit einem Tempo und einer Perfektion vorangetrieben hat, die die Lage der Juden, aber auch vieler anderer Nationen an den Abgrund getrieben hatte.


Christina Templin: “Medialer Schmutz — Eine Skandalgeschichte des Nackten und Sexuellen im Deutschen Kaiserreich 1890 – 1914“Christina Templin: “Medialer Schmutz — Eine Skandalgeschichte des Nackten und Sexuellen im Deutschen Kaiserreich 1890 – 1914“

Aus heutiger Perspektive mögen wir die Moralvorstellungen der Zeit des Deutschen Kaiserreichs belächeln und den Kopf schütteln über die Auslöser jener Skandale, die seinerzeit die Menschen beschäftigt haben. Trotzdem vollzog sich in jener wilhelminischen Gesellschaft, die ihr Augenmerk scheinbar so sehr auf Ordnung und Disziplin richtete, hinter den Kulissen ein Sittenwandel, der vor allem in seiner Medialität interessant und einer genaueren Untersuchung wert ist.

Ein enggefasster Kulturbegriff der „Hochkultur“, wie er vor über 100 Jahren sehr en vogue war, basiert auf einer klassischen definitio ex negativo: alles, was nicht dazugehören sollte, wurde als „niedrig“ angesehen, als seichte „Unterhaltung“ und — am anderen Ende des Spektrums — als „Schmutz“ und „Schund“. Die Unterscheidung von Schund und Schmutz zielt auf den Bereich des Sexuellen. Was als kultureller Schund in Bild, Ton und Schrift den Intellekt beleidigte, fand im Schmutz der Pornographie seine sexuelle Spielart.


Terry Eagleton: „Literatur lesen — Eine Einladung“Terry Eagleton: „Literatur lesen — Eine Einladung“

„Die Kunst, Werke der Literatur zu analysieren, ist beinahe genauso veraltet wie der Holzschuhtanz.“ — Mit dieser scheinbar defätistischen Aussage beginnt das neue Buch des britischen Literaturwissenschaftlers Terry Eagleton. In ihm bricht er eine Lanze für das „langsame Lesen“ von Literatur.

Warum sollte man sich mit der Analyse und Interpretation von Literatur beschäftigen? Aus einem ganz einfachen Grund: weil es kaum eine bessere Schule des Lebens gibt als die intensive Beschäftigung mit literarischen Werken! Sie liefern uns exemplarische Entwürfe der Wirklichkeit, zeigen aus verschiedenen Perspektiven, wie sich Möglichkeitsräume eröffnen lassen, bieten uns die Gelegenheit, für die Zeit der Lektüre in die Haut unendlich vieler literarischer Figuren zu schlüpfen und auf diese Weise mit uns selbst auszumachen, wie wir uns in den entsprechenden Lebenssituationen verhalten würden oder verhalten sollten.


Marius Hentea: “Tata Dada — Über das wahre Leben und die himmlischen Abenteuer des Tristan Tzara“Marius Hentea: “Tata Dada — Über das wahre Leben und die himmlischen Abenteuer des Tristan Tzara“

Fällt der Name Tristan Tzara, so scheint die erste Assoziation offensichtlich: Dada. Diese Verknüpfung ist zwar richtig, doch sie greift viel zu kurz. Der Rumäne Tristan Tzara ist zwar der Mitbegründer der Schweizer Dada-Bewegung gewesen, die 1916 im Cabaret Voltaire ihren Anfang nahm, doch schon nach wenige Monaten war diese Dada-Phase wieder vorbei. Was dann folgte, geriet lange zeit in Vergessenheit, und doch macht es den Hauptteil des künstlerischen Schaffens dieses Sprachspielers aus.

Tristan Tzara ist ein Künstlername. Geboren 1896 als Samuel Rosenstock in einer jüdischen Familie im Nordosten Rumäniens — das genaue Geburtsdatum ist unbekannt, wächst Tzara auf dem Lande auf. Vor allem um ihren Sohn vor dem rumänischen Militärdienst zu bewahren, schickten ihn die Eltern 1915 in die Schweiz. Für Tzara war es der entscheidende Schritt aus der Enge seiner rumänischen Heimat in eine freie und politisch neutrale Welt.


Thomas Grundmann u. Achim Stephan (Hg.): “Welche und wie viele Flüchtlinge sollen wir aufnehmen? — Philosophische Essays“Thomas Grundmann u. Achim Stephan (Hg.): “Welche und wie viele Flüchtlinge sollen wir aufnehmen? — Philosophische Essays“

Mitte September 2015 fand in Osnabrück die GAP9, eine große Fachtagung für Analytische Philosophie, statt. Kurz zuvor hatte Bundeskanzlerin Merkel, anlässlich der katastrophalen Zustände in den Flüchtlingslagern an der ungarischen Grenze und auf der Balkanroute, ihren berühmten Satz („Wir schaffen das.“) ausgesprochen und die Grenzen für die mehr oder weniger unkontrollierte Einwanderung von Flüchtlingen geöffnet.

Diese historisch zu nennende Entwicklung ging auch an den Teilnehmern dieser philosophischen Fachtagung nicht spurlos vorüber, und so wurde kurzerhand und spontan das politische Tagesthema auf die Agenda der Tagung gesetzt. Sowohl der amtierende Präsident der GAP (Achim Stephan) als auch sein designierter Nachfolger (Thoms Grundmann) waren sich einig darüber, dass die Analytische Philosophie zu diesem gesellschaftspolitischen und eben auch fundamental philosophischen Thema der Migration nicht schweigen dürfe.


Oliver Jahraus (Hg.): „Zugänge zur Literaturtheorie — 17 Modellanalysen zu E. T. A. Hoffmanns Der Sandmann“Oliver Jahraus (Hg.): „Zugänge zur Literaturtheorie — 17 Modellanalysen zu E. T. A. Hoffmanns Der Sandmann“

Der Sandmann, erschienen 1816, gehört wohl zu bekanntesten Erzählungen von E. T. A. Hoffmann. Dieses Kunstmärchen der Schwarzen Romantik erzählt die Lebensgeschichte des sensible Nathanael aus verschiedenen Perspektiven. Der Sandmann verkörpert für Nathanael seine Angst vor höheren Mächten. Seine Verlobte Clara und deren Bruder Lothar, denen er in Briefen davon erzählt, halten das jedoch für bloße Einbildung.

Wer sich für Literaturwissenschaft interessiert und eine Antwort auf die Frage sucht, was man wissenschaftlich mit einem Text alles anstellen kann, ist mit dem vorliegenden Buch bestens ausgerüstet. Herausgegeben von dem bekannten Literaturwissenschaftler Oliver Jahraus, wird in 17 Variationen gezeigt, wie die verschiedenen Literaturtheorien aus ihren jeweiligen Perspektiven einen literarischen Text analysieren.


Henri Cartier-Bresson: „Die Photographien“Henri Cartier-Bresson: „Die Photographien“

Es ist wohl keine Übertreibung, wenn man Henri Cartier-Bresson als den einflussreichsten Photographen des 20. Jahrhunderts bezeichnet. Cartier-Bresson lebte von 1908 bis 2004. Seine frühen Arbeiten wurden zu Ikonen der Leica-Photographie. Nach dem zweiten Weltkrieg hat er 1947 zusammen mit Robert Capa, David „Chim“ Seymour und George Rodger in Paris die weltbekannte, unabhängige Fotoagentur MAGNUM gegründet.

Seine photographischen Reportagen für MAGNUM und sein künstlerisches Werk — zwei Welten, die niemals wirklich zu trennen waren, zeugen von einem einzigartigen Gespür für jenen richtigen, entscheidenden Augenblick, den „moment décisif“, der Cartier-Bresson weltberühmt machen sollte. Cartier-Bresson hat sich immer wieder intensiv mit dem Phänomen der Photographie beschäftigt und seine Arbeit reflektiert. So schreibt er im Nachwort zu diesem Band, der Fotoapparat sei für ihn „ein Skizzenblock, das Werkzeug der Intuition und der Spontaneität“. Nicht er selbst, sondern die Kamera sei „der Herr über den Augenblick, der visuell hinterfragt und zugleich entscheidet“.


 

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