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Rezensionen von Büchern aus den Kultur- und Geisteswissenschaften

Aktuelle Rezensionen

kulturbuchtipps.de veröffentlicht regelmäßig Rezensionen zu neuen Büchern aus den Kultur- und Geisteswissenschaften.

Bereits 1802 hatte August Wilhelm Schlegel eine sehr dezidierte Meinung, was Neuerscheinungen betrifft… – Wir betrachten es daher als eine wichtige kulturelle Aufgabe, die Spreu vom Weizen zu trennen und Ihnen hier die wichtigsten und lesenswerten Sachbücher aus der geradezu unüberschaubaren Menge an Neuerscheinungen auf dem deutschen Buchmarkt vorstellen.


Hier sehen Sie eine kurze Zusammenfassung der aktuellen Rezensionen bei kulturbuchtipps.de:


Gerhard R. Kaiser (Hg.): „Deutsche Berichte aus Paris 1789-1933 – Zeiterfahrung in der Stadt der Städte“

Ah, Paris! Die Stadt der Städte! Paris hat schon immer die Fantasien beflügelt, Emotionen geweckt und Illusionen ausgelöst. Nicht erst als die „Hauptstadt des XIX. Jahrhunderts“, wie sie Walter Benjamin nannte, verzauberte Paris die Reisenden, sondern das war wohl schon immer so. Bestimmt vermochte selbst das antike Lutetia durch seine Größe, seinen Reichtum seinen nternationalen Flair den Reisenden und Handeltreibenden magisch anziehen.

Das vorliegende Buch versammelt nun deutsche Reiseberichte aus den vergangenen 200 Jahren. Die Beziehung der Deutschen zu den Franzosen war lange Zeit von einem antagonistischen Klima geprägt. Was die einen „Kultur“ nannten, war für die anderen „civilisation“ und umgekehrt. Jeder hielt den jeweils Anderen für moralisch und kulturell (oder eben zivilisatorisch) unterlegen.

Wenn man als Nachbarland solch ein kulturelles Gegengewicht hat, kann man sich wunderbar profilieren und abgrenzen; gleichwohl schielt man immer öfter heimlich über den Zaun um zu sehen, was der Nachbar so treibt. Die Auseinandersetzung mit der Kultur des Anderen fällt dann mitunter nicht leicht, und letztlich ist es immer auch eine Auseinandersetzung mit der eigenen Kultur.


Friederike v. Bünau, Hauke Hückstädt (Hg.): „95 Anschläge. Thesen für die Zukunft“

Das Lutherjahr 2017 bringt es mit sich, dass das 500-jährige Jubiläum des Thesenanschlags von Wittenberg einen bunten Rattenschwanz an Publikationen nach sich zieht, die im Fahrwasser des reformatorischen Gedankens frischen Wind in die deutschen Bücherhallen wehen sollen. Wenn man die Mehrzahl solcher Publikationen getrost übersehen kann, sollte man dem hier vorliegenden Titel seine Beachtung schenken.

Friederike v. Bünau ist Geschäftsführerin der Kulturstiftung der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau. Hauke Hückstädt leitet das Literaturhaus in Frankfurt am Main. Diese beiden beruflichen Positionierungen verraten schon ein wenig über die mögliche inhaltliche Ausrichtung dieses Sammelbandes. Und in der Tat geht es um unsere Kultur, um die Werte, die uns verbinden, und um die Art und Weise, wie wir uns die Zukunft vorstellen.

Welche Werte sind uns wichtig? Wie leben wir eigentlich, und wie wollen wir leben? Welche gesellschaftlichen Spielregeln bestimmen unser Zusammenleben? Worauf basiert unsere Wertekultur? Ist die Gesellschaft durch die Ökonomie geprägt oder gestaltet die Gesellschaft selbst die ökonomischen Regeln?


Inge Traxler, Hans Traxler: „Unser Lichtenberg“

Schon wieder und noch eine Lichtenberg-Ausgabe?! — Ja, aber was für eine! Wir kennen Georg Christoph Lichtenberg als den großen Spaßmacher der Aufklärungszeit, und viele kennen Hans Traxler als einen genialen Cartoonisten und Mitglied der Neuen Frankfurter Schule. Seinerzeit hatte Traxler zusammen mit Robert Gernhardt, F. K. Waechter, Eckhard Henscheid und anderen die Kunstwelt gehörig aufgerüttelt.

Hans Traxler malt Lichtenberg, und seine Frau Inge sucht die Texte aus. Das klingt vielleicht banal und beliebig, ist es aber überhaupt nicht. Denn während Traxlers spitze Feder in gewohnter Manier die Aphorismen oder Textfragmente auf den Punkt bringt, ist Inge Traxlers Auswahl aus dem sehr umfangreichen und schwierig zu erschließenden Textwerk Lichtenbergs alles Andere als eklektisch.


Fred Herzog: „Modern Color“

Der Farbraum, der uns in den Fotos von Fred Herzog begegnet, nimmt den Betrachter mit auf eine Zeitreise in die 1960er Jahre. Die in dem Bildband „Modern Color“ publizierten Aufnahmen stammen aus jener Zeit und liefern ein farbiges Abbild der kanadischen Stadt Vancouver, in der Fred Herzog seit Anfang der 1950er Jahre lebt. Kurz danach veränderte die Stadt grundlegend ihr Gesicht. Insofern ist der Begriff der Zeitreise hier im doppelten Sinne zu verstehen.

Vancouver ist eine vergleichsweise junge Stadt. In den 1860er Jahren im Zuge des „gold rush“ gegründet, hat sich Vancouver bis heute immer wieder neu erfunden und auch sein Stadtbild radikal verändert. Dies Wandlungsfähigkeit muss Fred Herzog auch aufgefallen sein, so dass sein Portrait des Vancouvers der 1960er Jahre nicht zuletzt auch eine konservatorische Motivation gehabt haben mag. Doch anders als viele Fotografen seiner Zeit, griff Herzog zum Farbfilm statt zur monochromen Variante, wohl einfach aus dem Grund, weil die Farbe zum Alltag dazugehört. – „Ich malte mir aus, wie ich vielleicht fünfzig oder hundert Jahre später den Menschen zeigen müsste, wie die Stadt einmal ausgesehen hat.“ sagte Herzog einmal selbst über seine Motivation.


Georg Christoph Lichtenberg: „Wenn ein Buch und ein Kopf zusammenstoßen… – Aphorismen und andere Sudeleien“

Sammlungen mit Aphorismen und Auszügen aus den Sudelbüchern Lichtenbergs gibt es zuhauf. Was bereits beim flüchtigen Durchblättern eine kurzweilige Lektüre verspricht, stellt sich in den meisten Fällen bei genauerer Betrachtung als eine mehr oder weniger beliebig getroffene Auswahl aus den Aufzeichnungen Lichtenbergs heraus, deren Qualität stark vom Herausgeber abhängt.

Die hier vorliegende Auswahl von Ulrich Joost verfolgt einen anderen Ansatz und deshalb sticht auch diese Sammlung von Aphorismen aus der Menge der Lichtenberg-Publikationen heraus. Der Germanist und Sprachwissenschaftler Ulrich Joost ist Professor an der Universität Darmstadt und hat sich über viele Jahre intensiv mit der Erforschung und Herausgabe des Werkes und vor allem der Briefe von Georg Christoph Lichtenberg beschäftigt. Mit anderen Worten, Joost kennt seinen Forschungsgegenstand sehr genau und ist demnach auch prädestiniert, eine solche Sammlung von kurzen Einträgen Lichtenbergs herauszugeben.


Hamed Abdel-Samad, Mouhanad Khorchide: „Ist der Islam noch zu retten? – Eine Streitschrift in 95 Thesen“

Der aus Ägypten stammende Islamkritiker Hamed Abdel-Samad und der Münsteraner Professor für Islamische Religionspädagogik Mouhanad Khorchide sind durch die Medien bekannte Muslime, die beide durchaus, eine kritische Haltung gegenüber ihrer eigenen Glaubensgemeinschaft einzunehmen, in der Lage sind. Hamed Abdel-Samad hat seinen Mut damit bezahlt, dass gegen ihn eine Mord-Fatwa verhängt wurde; seitdem steht er seit Jahren unter Polizeischutz. Doch eine kritische Haltung einzunehmen, gehört jedoch zu den Grundübungen eines intelligenten Menschen, der sich seines Verstandes bedienen kann und will. Somit sind die Voraussetzungen für eine interessante und anregende Diskussion in diesem Buch recht gut.

Nehmen wir also das Buch zur Hand und werfen wir einen kurzen Blick auf den Klappentext: „Die Angst vor dem Islam geht um in Europa. Zu Recht, sagt Hamed Abdel-Samad, denn er ist eine Religion, die zu Gewalt und Diskriminierung aufruft. Das ist nur eine Lesart des Koran, erwidert der Münsteraner Professor Mouhanad Khorchide und fordert für den Islam eine Reformation, denn er sei im Kern eine Religion der Barmherzigkeit.“


Philip Siegel: „Drei Zimmer, Küche, Porno — Warum immer mehr Menschen in die Sex-Branche einsteigen“

Bereits im Jahr 2000 hatte sich der Kölner Journalist Philipp Siegel schon einmal mit der Porno-Kultur in Deutschland beschäftigt. Seine Recherchen in der Film-Industrie führten zu dem Buch „Porno in Deutschland: Reise durch ein unbekanntes Land“. Seitdem sind nicht nur 17 Jahre vergangenen, sondern es haben derart radikale Veränderungen stattgefunden, dass die Bezeichnung „Revolution“ kaum übertrieben ist: Hatte Siegel im Jahr 2000 die omnipotente Marktbeherrschung durch eine Handvoll von Pornoproduzenten beschrieben, die nicht nur den Markt unter sich aufteilten, sondern mit ihren Produktionen den Geschmack des Publikums nach ihren Wünschen beeinflussen konnten, so begegnete ihm bei den Recherchen zu diesem neuen Blick auf die Pornowelt eine völlig andere Situation, die ihn zunächst irritierte, dann jedoch zunehmend faszinierte.

Im Jahr 2017 wird der Markt durch eine beispiellose Demokratisierung der Produktionsverhältnisse bestimmt. Dank der neuen technologischen Errungenschaften, wie kleiner digitaler Kameras und schnellster Internetverbindungen, ist heutzutage jeder in der Lage, seinen eigenen Live-Stream zu erzeugen bzw. Videoclips in HD-Qualität anzubieten.

Die aufwändigen Pornofilm-Produktionen alter Manier sind geradezu nur noch eine Randerscheinung der Pornoindustrie; ganz neue Geschäftszweige und Berufsbilder sind im Zuge der technischen Weiterentwicklung entstanden; Communities von Amateuren, die mit ihrem Hobby Geld verdienen oder die sich zum Sex vor der Kamera verabreden, haben zu einer weiteren Demokratisierung der ehemals hierarchisch und an rein ökonomischen Mustern orientierten Strukturen in der Sexindustrie geführt.


Florence Braunstein, Jean-Francois Pépin: „1 Kilo Kultur“

Dieses Buch wiegt mehr als 1 Kilo; das ist nicht schlimm, gibt jedoch einen deutlichen Hinweis auf die Handlichkeit dieses Handbuches. Nein, es ist kein Taschenbuch, doch das tut der Tatsache keinen Abbruch, dass es sich bei diesem Titel um ein wirklich hochinteressantes Projekt handelt.

Denken wir an die Kulturgeschichte des Abendlandes, so sollte uns automatisch Egon Friedells „Kulturgeschichte der Neuzeit“ (erschienen in drei Bänden von 1927-1931) in den Sinn kommen. Das hier vorliegende einbändige Werk setzt jedoch nicht erst (wie Friedell) mit dem ausgehenden Mittelalter und der Epoche der Renaissance ein, sondern versucht eine Kulturgeschichte der Menschheit vom Anbeginn ihrer Existenz. Die Vor- und Frühgeschichte der Menschheit wird hier ebenso kulturgeschichtlich analysiert, wie die folgenden Jahrtausende bis zur Gegenwart. Das ist ein mutiges Projekt, denn es setzt einen weitgefassten Kulturbegriff voraus, der zumindest für die Vor- und Frühgeschichte auf seinen alten begriffsgeschichtlichen Kern und Ausgangspunkt zurückweist: „cultura“, lateinisch für „Bearbeitung“, „Pflege“ und „Ackerbau‘.


Gerhard Staguhn: „Der Penis-Komplex – Eine Analyse: biologisch, geschlechtlich, psychologisch, persönlich“

Ein Mann packt aus. — Schon ist beim Leser das Kopfkino in Gang gesetzt. Sollte der Autor etwa wirklich…?

Gerhard Staguhn ist studierter Germanist und Theologe, hat jahrelang für das Feuilleton der FAZ geschrieben und verfasste mehrere Bücher zu naturwissenschaftlichen und religiösen Themen, vor allem für jugendliche Leser. Nun also ein Buch über „des Mannes bestes Stück“. Ist es auch wieder ein Buch für Jugendliche? — Nein, zumindest nicht in erster Linie; denn der kleine Freund, der dem Mann anhänglich ist (und an dem jeder Mann so sehr hängt) ist aus der Menschheitsgeschichte nicht wegzudenken.

Denn er (Er) ist nicht nur für die menschliche Fortpflanzung wesentlich, sondern hat Kultur- und Weltgeschichte geschrieben! Ende: nicht absehbar. Wenngleich der Einfluss des Penis´ auf den Weltenlauf in letzter Zeit merklich schwindet.


Maria Zinfert (Hg.): “Kracauer Fotoarchiv”

In seinem Essay “Die Photographie” schrieb Siegfried Kracauer 1927: „Die Photographie erfaßt das Gegebene als ein räumliches (oder zeitliches) Kontinuum, die Gedächtnisbilder bewahren es, insofern es etwas meint.“ Was sind Gedächtnisbilder? – Kracauer versteht darunter lückenhafte Bilder, die eben nicht den gesamten räumlichen oder zeitlichen Verlauf miteinbeziehen, sondern das Wesentliche, das für das Gedächtnis Relevante hervorheben. Gedächtnisbilder sind nur dann von Bedeutung, wenn sie wahr sind, und wahr sind sie nur dann, wenn in ihnen die ganze Geschichte der gezeigten Person in einem einzigen Bild erzählt wird: Ja, das ist die Großmutter, wie wir sie kannten! Genau so war sie gewesen! – Ein Bild, das trifft, wird zu einem Gedächtnisbild.

In seinem wohl bekanntesten Essay über das „Ornament der Masse“ ging es Kracauer um die Analyse von „unscheinbaren Oberflächenäußerungen“. Die Oberfläche, das Oberflächliche, war ihm nicht nur das Offensichtliche, sondern ein Zugang zum Inneren der Dinge, zu ihrem Dahinter. Was im Kern sich anders darstellen mag, was seinem Gehalt nach gestaltet und geformt ist, wird oft durch eine glänzende und unscheinbare Oberfläche kaschiert. Denken wir an unsere heutige Werbe- und Warenwelt, so kann man auch von einer hübschen Verpackung sprechen, die uns darüber hinwegtäuschen soll, dass wir es mit ganz anderswertigen Dingen oder Inhalten zu tun haben, als die Verpackung uns glauben machen soll.


Heinrich Geiselberger (Hg.): Die große Regression — Eine internationale Debatte über die geistige Situation der Zeit“

„Hic sunt leones“ (hier leben die Löwen): Mit diesen Worten markierten Kartographen jene unbekannten, weißen Flecken auf ihren Landkarten. Keiner wusste, wie es dort aussah und wer dort lebte. Solche weißen Flecken auf den Landkarten weiten sich seit einigen Jahren aus; es sind keine unbekannten Länder, sondern Regionen ohne Staatlichkeit, die durch Krieg und Terror ihrer staatlichen Strukturen beraubt worden sind. Syrien, Irak, und Afghanistan sind solche Länder, die im normalen Sinne schon längst keine funktionierenden Staaten mehr sind. Aus jenen Ländern und aus vielen Regionen Afrikas fliehen die Menschen, und ihre Migrationsbewegungen bringen in Europa in Handlungsnot. Denn nicht nur Krieg und Terror, sondern auch die globalen Auswirkungen des Neoliberalismus führen zu massenhafter Migration.

„Der Unmut über den Neoliberalismus und seine Krise kann unterschiedliche politische Formen annehmen. Manifestierte sich der Protest aufseiten der Linken oftmals in Form von gut vernetzten sozialen Bewegungen, so entstanden aufseiten der Rechten […] neue Parteien, andere wurden von Grund auf umgestaltet.“ So beschreibt die italienische Politikwissenschaftlerin Donatella della Porta die Situation: „Der Eindruck, wir erlebten eine große Regression, beruht auf Ereignissen, die im britischen Brexit und im Sieg Donald Trumps bei den Präsidentschaftswahlen gipfelten.“


Philipp Blom: „Gefangen im Panoptikum – Reisenotizen zwischen Aufklärung und Gegenwart“

Das Panoptikum ist eine englische Erfindung. Jeremy Bentham machte sich im 19. Jahrhundert Gedanken über Gefängnisse. Die optimale Gefängnis-Architektur ermöglichte die bestmögliche Überwachung der größtmöglichen Zahl von Gefangenen. Bentham nannte seine Erfindung passender Weise „Panoptikum“.

Es wurden nicht viele Panoptiken gebaut, und noch weniger Exemplare sind heute noch erhalten. Philipp Blom hat ein solches Panoptikum auf Kuba entdeckt, es ist das halb zerfallene Presidio Modelo, in dem einst auch Fidel Castro einsaß, bevor er die Kubanische Revolution initiierte.

Die in einem weiten Rund angeordneten Zellen waren zum Mittelpunkt des Kreises hin offen und nur durch Gitter gesichert. In der Mitte dieses weiten Kreises stand ein Wachturm, der durch einen unterirdischen Gang zugänglich war und von dem aus ein unsichtbarer Wächter jederzeit in alle Zellen schauen und deren Insassen kontrollieren konnte.


Harald Welzer: „Wir sind die Mehrheit – Für eine Offene Gesellschaft“

Denn wir leben in einer Zeit des „Post-„, in einer Zeit, die ihre großen Visionen verloren hat und nur noch das schwache Nachglimmen der jeweiligen Anti-Bewegungen zu registrieren vermag. Es ist kühl geworden in den trockenen Gefilden der Intellektuellen, und leidenschaftliche Charaktere wie Welzer werden mit Skepsis betrachtet. Denn von jenen gibt es neuerdings wieder eine ganze Reihe: Man findet sie nur leider viel häufiger am falschen Ende des politischen Spektrums, bei den Rechtspopulisten und den Neurechten, für die „Demokratie“, „Freiheit“, „Europa“ und „Pluralismus“ Schimpfwörter sind.

Diese Wahrnehmung mag jedoch täuschen, da die radikalen und rassistischen Ausfälle der Populisten deutlich präsenter in den Medien präsentiert und kommentiert werden, als die Äußerungen der vernünftigen und besonnenen Mehrheit.

Plötzlich kriechen ihre kruden Ideen und Ideologien wieder wie blasse Kröten aus jenen abgelegenen braunen Sümpfen hervor, die man seit Jahrzehnten abgeschrieben hatte und trockengelegt zu haben glaubte. Jetzt sind sie wieder da, die Werwölfe im Schafspelz, doch das rassistisches Heulen von damals hat sich mithilfe von viel Kreide in ein geschmeidiges populistisches Stimmchen verwandelt, das mit Leichtigkeit die Schäfchen um sich sammelt.


Oliver Ruf, Verena Hepperle, Christof Hamann (Hg.): „Wie aus Theorie Praxis wird — Berufe für Germanisten in Medien, Kultur und Wissenschaft“

Frei nach Friedrich Schiller könnte man die Frage stellen: „Was heißt und zu welchem Ende studiert man Literaturwissenschaft?“ Den ersten Teil der Frage wird sich jeder leicht selbst beantworten können, der diesen Studiengang gewählt hat; interessant wird jedoch die Beantwortung des zweiten Teils.

Es mag Leute geben, die ein Studienfach ganz im Sinne eines „l’art pour l’art“ um seiner selbst willen studieren. Meistens ist es jedoch so, dass man neben dem eigentlichen Erkenntnisgewinn auch gewisse berufliche Absichten mit einem Studium verbindet: sei es der Erwerb einer größeren Fachkompetenz, die es einem nach dem Abschluss des Studiums ermöglichen soll, im Beruf auf interessante Positionen vorzurücken, sei es der Berufswechsel, der mit einem solchen Studium angestrebt wird.

Das vorliegende Buch „Wie aus Theorie Praxis wird“ setzt genau an diesem Punkt an und versucht Germanisten den beruflichen Einstieg nicht nur schmackhaft zu machen, sondern auch zu erleichtern.


Hanns Zischler: “Kafka geht ins Kino”

Kafka und das Kino. Die Faszination war einfach zu groß. Das Wunder der bewegten Bilder zog den jungen Schriftsteller schon früh in seinen Bann. Welch starken Effekt die Kinobilder auf die damaligen Zuschauer gehabt haben müssen, können wir uns heute nur schwer vorstellen. Wir leben in einer von Bildern überfluteten Welt und kennen es nicht anders.

Seitdem Kafkas Texte dank ihrer Rettung und Bewahrung durch Kafkas Freund Max Brod an die Öffentlichkeit gelangten, wird Kafka in der Literaturwissenschaft rauf und runter dekliniert. Alle Texte Kafkas werden immer wieder analysiert, und alle Facetten des Autors scheinen ausgeleuchtet, und trotzdem hat Hanns Zischler mit seinem Kino-Kafka einen ganz eigenen Beitrag zur Kafka-Forschung geleistet, der auch von der Wissenschaft wahrgenommen und aufgegriffen wurde.

Im Jahr 1909 begann Kafka mit dem Tagebuchschreiben, und sein erster Eintrag lautete: „Die Zuschauer erstarren, wenn der Zug vorbeifährt.“ Diese Notiz bezog sich auf den kurzen Stummfilm Die Ankunft eines Zuges auf dem Bahnhof von La Ciotat, aus dem Jahre 1896. Was schon in diesem ersten Satz deutlich wird, ist Kafkas natürliche Beobachtungsgabe: Nicht er selbst erstarrt, als er den Zug auf der Leinwand auf sich zufahren sieht, sondern er registriert, wie die anderen Zuschauer um ihn herum erstarren, wie sie auf das Phänomen des Kinofilms reagieren.


Gernot Böhme: „Ästhetischer Kapitalismus“

Es gab mal eine Zeit, in der die Aufgabe der Wirtschaft in erster Linie darin bestand, die Bedürfnisse der Menschen zu befriedigen: Nahrung, Kleidung, Wohnen und ein wenig Freizeitgestaltung waren die Bereiche, für die produziert wurde. Nur die Ältesten unter uns dürften sich an diese Zeit des Mangels nach dem Krieg noch erinnern. Schon in den 1950er Jahren jedoch erlebte Deutschland ein Wirtschaftswunder; es wurde so viel produziert, dass nicht nur der einheimische Markt gesättigt war, sondern Deutschland als Exportweltmeister die ganze Welt mit deutschen Waren beglücken konnte.

Schnell sprach man von einer Überflussgesellschaft oder von einer Wohlstandsgesellschaft, in die sich das Land binnen weniger Jahre verwandelt hatte. Seitdem geht es nicht mehr vorrangig um das Stillen lebensnotwendiger Bedürfnisse, sondern um das Wecken von Begehrnissen, wie Gernot Böhme es nennt.

Die deutsche Wirtschaft, das gegenwärtige kapitalistische System, folgt unbeirrt dem Paradigma des Wachstums. Nur indem die Wirtschaft permanente Zuwächse generiert, kann der Wohlstand erhalten und ausgebaut werden, so das Mantra der Wirtschaft und die Vorgabe für alle politischen Entscheidungen.


Peter Walther: „Hans Fallada – Die Biographie“

Noch eine Fallada-Biographie? Diese Frage stellt sich in der Tat, weil mit der Biographie von Jenny Williams – 2002 ebenfalls im Aufbau-Verlag erschienen –bereits eine hervorragende Arbeit vorliegt. Dennoch ist diese neue Biographie von Peter Walther jener von Williams aus mehreren Gründen vorzuziehen.

Zum einen ist gerade in den vergangenen Jahren eine Reihe von neuen Dokumenten aufgetaucht, die Falladas Leben und Werk teilweise in ein neues Licht rücken; zum anderen ist Walthers Biographie deutlich umfangreicher und gewichtet die einzelnen Lebensstationen anders. Es mag nicht zuletzt vielleicht auch der Tatsache geschuldet sein, dass Williams a) als Frau und b) als Irin den Stoff, aus dem das Leben gewoben wird, anders behandeln als ein männlicher Biograph.

Selbstverständlich besitzt auch Jenny Williams entsprechende Qualifikationen; als ausgebildete Germanistin arbeitete sie viele Jahre als Associate Professor an der Dublin City University mit dem Schwerpunkt Übersetzungswissenschaft und hat viele Aufsätze zu Leben und Werk Hans Falladas veröffentlicht.


Deborah Vietor-Engländer: „Alfred Kerr – Die Biographie“

Die Schwester der Autorin, Shulamit Engländer Amir, wurde mit zwölf Jahren durch einen Kindertransport von Prag ins englische Exil gebracht und gerettet. Sie empfahl der jüngeren Schwester die Lektüre des Jugendromans „Als Hitler das rosa Kaninchen stahl“ (1971) von Kerrs Tochter Judith. Dadurch inspiriert, begann sich die renommierte Literaturwissenschaftlerin mit dem Leben und Werk von Alfred Kerr.

Judith Kerr beschrieb das Leben ihres Vaters Alfred und die Flucht der Familie in jenem Roman auf eine Art und Weise, die die Autorin stark an ihren eigenen Vater Otokar Engländer und an seine Erzählungen erinnerte. Beide Männer teilten in London dasselbe Schicksal des ungewollten Exils. Über die Beschäftigung mit Alfred Kerr, das Studium seiner Briefe und Aufzeichnungen lernte die Autorin auch ihren eigenen Vater und seine Lebensverfassung im Exil besser verstehen. Daher verwundert es nicht, dass die Beschreibungen der Exil-Situation, der „Sprachlosigkeit“ in einem fremdsprachigen Land sowie der permanent zwischen Hoffnung und Verzweiflung pendelnden Gemütsverfassung der deutschen Exilanten zu den stärksten und eindrücklichsten Passagen dieser großen Biographie zählen. Die Autorin gab diesem letzten Abschnitt der Kerr-Biographie den treffenden Titel „Der Sturz ins Nichts“.


Quentin Bajac, Lucy Gallun u. a. (Hg.): “Die große Geschichte der Photographie. Die Moderne: 1920 bis 1960“

Ohne Übertreibung darf man feststellen, dass sich im New Yorker MoMA (Museum of Modern Art) die weltweit wohl wichtigste Fotosammlung befindet. Sie ist eine wahre Fundgrube von ikonischen Meisterwerken der Photographie, und es lassen sich in ihr auch immer wieder neue und überraschende Entdeckungen machen. Schon in den 1930er Jahren begann man hier, photographische Kunst zu sammeln und in Ausstellungen zu zeigen.

Wenn ein so grundlegendes Buchprojekt wie „Die große Geschichte der Photographie“, die auf insgesamt drei umfangreiche Bände ausgelegt ist, sich auf die Sammlungen des MoMA New York stützt, so hat es die richtige Wahl getroffen, weil sich in eben jenen Sammlungen nahezu alle Inkunabeln der Photographie-Geschichte finden lassen.

Der vorliegende zweite Band, der nach dem Band III (1960 bis heute) als zweiter der Trilogie erscheint, beschreibt die Geschichte der Photographie in den entscheidenden Jahren von 1920 bis 1960. Der dritte und letzte Band (1839 bis 1920) wird aller Voraussicht nach im Laufe dieses Jahres (2017) erscheinen.


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