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Rezensionen von Büchern aus den Kultur- und Geisteswissenschaften

Aktuelle Rezensionen

kulturbuchtipps.de veröffentlicht regelmäßig Rezensionen zu neuen Büchern aus den Kultur- und Geisteswissenschaften.

Bereits 1802 hatte August Wilhelm Schlegel eine sehr dezidierte Meinung, was Neuerscheinungen betrifft… – Wir betrachten es daher als eine wichtige kulturelle Aufgabe, die Spreu vom Weizen zu trennen und Ihnen hier die wichtigsten und lesenswerten Sachbücher aus der geradezu unüberschaubaren Menge an Neuerscheinungen auf dem deutschen Buchmarkt vorstellen.


Hier sehen Sie eine kurze Zusammenfassung der aktuellen Rezensionen bei kulturbuchtipps.de:


Harald Welzer: „Die smarte Diktatur — Der Angriff auf unsere Freiheit“Harald Welzer: „Die smarte Diktatur – Der Angriff auf unsere Freiheit“

Wir leben in einer freiheitlich-demokratischen Gesellschaft und haben ein Wohlstandsniveau erreicht, das historisch und auch im globalen Vergleich einzigartig ist. Uns geht es also gut, ja, sogar sehr gut. — Noch.

Wir sind dabei, unsere Freiheit zu verlieren. Mehr noch: Wir geben immer mehr Freiheiten freiwillig ab. Aus unseren noch bestehenden demokratischen Verhältnissen heraus handeln viele von uns vorsätzlich antidemokratisch und arbeiten fleißig mit an der Abschaffung unserer Freiheit und am Ende der Demokratie.

Was ist hier los? Und sind das nicht wieder einmal die übertriebenen Ängste linker Spinner, die sich nicht einfach mit der Realität abfinden können? Wird hier nicht wieder einmal gegen den „bösen Kapitalismus“ gewettert? Werden die Menschen nicht einfach nur verunsichert und mit einem völlig falschen Feindbild konfrontiert?


Hilmar Schäfer (Hg.): “Praxistheorie — Ein soziologisches Forschungsprogramm”Hilmar Schäfer (Hg.): “Praxistheorie — Ein soziologisches Forschungsprogramm”

Eine Soziologie der Praxis ist eine an der Physis orientierte Soziologie. Sie wird sich immer mit materiellen Dingen befassen. Das klingt durchaus plausibel, denn eine wissenschaftliche Beschäftigung mit immateriellen Phänomenen, was auch immer diese sein mögen, verkäme zu einer reinen Textwissenschaft, schreibt Frank Hillebrandt, einer der Autoren dieses im Transcript-Verlag erschienenen Readers zur Soziologie der Praxis.

Praxistheorie — dieser seltsam anmutende Begriff beschreibt höchst präzise, worum es dieser neuen soziologischen Disziplin geht: um eine theoretische Beschäftigung der soziologischen Praxis. Was zunächst wie ein Widerspruch klingt, offenbart sich auf den zweiten Blick als ein faszinierendes Forschungsfeld, das noch weitgehend unerschlossen ist.

Natürlich denkt man sofort an Pierre Bourdieus Beschäftigung mit der Praxeologie als einen Modus der Beobachtung gesellschaftlicher Zustände, der sich auf die Beziehungen zwischen den sozialen Strukturen und den Dispositionen der sozialen Akteure bezieht. Doch die Begriffsgeschichte der Praxeologie reicht viel weiter zurück, bis ins 17. Jahrhundert. Davon soll hier jedoch nicht die Rede sein, sondern es geht um die aktuellen Trends einer soziologisch fundierten und inspirierten Theorie der Praxis in ihren zahlreichen Facetten.


Barbara Hoidn (Hg.): „Demo:Polis — Das Recht auf Öffentlichen Raum“Barbara Hoidn (Hg.): „Demo:Polis — Das Recht auf Öffentlichen Raum“

Kürzlich ging ich mit meiner Kamera auf der Hochterrasse hinter dem neuen Bikini-Haus in Berlin spazieren und fotografierte. Schon nach wenigen Augenblicken trat ein freundlicher Mann in einem dunklen Anzug an mich heran, gab sich als Security zu erkennen und bat mich, das Fotografieren zu unterlassen. Es stellte sich heraus, dass die von der Straße frei zugängliche Terrasse kein öffentlicher Raum, sondern Privatgelände ist, auf dem das Hausrecht des Eigentümers gilt und nicht das öffentliche.

Dieses Beispiel zeigt, dass der öffentliche Raum längst nicht mehr überall und für jedermann verfügbar ist, auch wenn keine Schilder auf diesen Sachverhalt ausdrücklich hinweisen. Was für den Fotografen schnell zu einer handgreiflichen und nachhaltigen Erkenntnis werden kann, ist für den normalen Fußgänger oft nicht so leicht zu erkennen.

Geht man in London an der Themse entlang, so fallen die vielen Hinweisschilder auf, die mit „Private Public Property“ beschriftet sind. Hier ist längst Normalität, was in unseren Städten zwar noch die Ausnahme ist, aber immer mehr zunimmt: der Verlust an öffentlichen Räumen zugunsten einer eingeschränkten und meist nur unter öffentlichem Druck gewährten Zugänglichkeit in Absprache mit dem Privateigentümer des Grundstücks.


Frank-Lothar Kroll: „Geburt der Moderne – Politik, Gesellschaft und Kultur vor dem Ersten Weltkrieg“Frank-Lothar Kroll: „Geburt der Moderne – Politik, Gesellschaft und Kultur vor dem Ersten Weltkrieg“

In den 1970er und 1980er Jahren gab es eine dominante Strömung unter den Historikern, die geschichtliche Entwicklung des deutschen Kaiserreichs als einen nationalen Sonderweg zu betrachten, der letztendlich direkt in den Nationalsozialismus führte. Jene „Sonderwegs-Historiker“ um Hans-Ulrich Wehler prägten und prägen bis heute unser Bild vom Kaiserreich und seiner Sonderstellung im internationalen Vergleich.

Dass diese Perspektive falsch und stark verengend war, belegen die zahlreichen Ergebnisse der jüngeren kulturwissenschaftlichen Forschung. Doch während die Zeit der Weimarer Republik und die Untersuchung des Ersten Weltkriegs und seiner Folgen bereits in vielen Publikationen ihren Niederschlag gefunden haben, scheint die historische Betrachtung des Kaiserreichs aus dieser neuen Perspektive nur in wenigen Veröffentlichungen Berücksichtigung zu finden; Ausnahmen bestätigen die Regel.

Nun ist in der stets wachsenden Reihe der Publikationen des kleinen, aber rührigen be.bra-Verlages zur „Deutschen Geschichte des 20. Jahrhunderts“ ein neuer Band erschienen, der mit den alten Vorurteilen aufräumt.


Julia Cagé: „Rettet die Medien – Wie wir die vierte Gewalt gegen den Kapitalismus verteidigen“Julia Cagé: „Rettet die Medien – Wie wir die vierte Gewalt gegen den Kapitalismus verteidigen“

Wenn wir uns die Situation der Medien vergegenwärtigen, so scheint der scharfe Wind zurzeit von einer anderen Seite zu kommen: „Lügenpresse! Lügenpresse!“ skandiert der Mob in Deutschlands Straßen — wohl wissend, dass man sich hierbei nationalsozialistischen Vokabulars bedient, was die Sache nicht besser, sondern nur noch trauriger bzw. alarmierender macht.

Doch über diese vorübergehenden Vorfälle am Rande der intelligenten Gesellschaft legt sich seit Jahren eine ganz andere Ebene fundamentaler und existentieller Bedrohung der freien Presse: Es ist der Kapitalismus selbst, der hier in seiner perfektionierten und reinsten Form auch vor den Medien Halt macht in seiner Umstrukturierungs-, Zentralisierungs- und Effektivierungs-Wut.

Die französische Wissenschaftlerin hat ihre Forschungsergebnisse über diesen globalen Trend im Rahmen ihrer Tätigkeit als „Assistant Professeur d´Économie am Institut d´Études Politiques“ in Paris zu einem Buch verdichtet, das auf Französisch den aussagekräftigeren Titel trägt: „Sauver les médias. Capitalisme, financement participatif et démocratie“. Aha, es geht also auch um die verschiedenen möglichen Rechts- und Finanzierungsformen der Medien, auch abseits von Werbung und der Finanzierung durch interessierte Sponsoren.


Reinhold Messner: „Die Grenzen der Seele wirst du nicht finden — Über die Fragen unserer Zukunft“Reinhold Messner: „Die Grenzen der Seele wirst du nicht finden — Über die Fragen unserer Zukunft“

Wer regelmäßig die Frankfurter Buchmesse besucht, dem wird ebenso regelmäßig ein älterer Herr mit wilder grauer Mähne und einem lächelnden Vollbart begegnen. Reinhold Messner ist eine Art Wiedergänger des Buchmarkts, und auf nahezu jeder Buchmesse scheint er pünktlich sein neues Buch vorstellen zu wollen.

Nun ist es Frühjahr, die Leipziger Buchmesse ist gerade vorbei (ohne Reinhold Messner im Gepäck), und doch liegt nun ein frisches neues Interview-Bändchen mit ihm auf dem Tisch des Rezensenten. Im Gespräch mit Michael Albus geht es um Gott und die Welt und alles, was dazwischenliegt.

Messner gebe, so der Klappentext, einen „Einblick in sein Leben und Denken“. Das will man auch hoffen, dass er sich nicht irgendwas ausdenkt und ins Blaue hineinfaselt! Aber schauen wir uns dieses Gespräch etwas genauer an…


Konrad Ott: "Zuwanderung und Moral"Konrad Ott: „Zuwanderung und Moral“

Seit über einem Jahr sind wir in Deutschland von akuter Zuwanderung bedroht. Bis in die kleinsten Ortschaften des Landes, ja selbst im hinterwinkligsten Thüringen, stehen die Zeichen auf Veränderung; selbst auf dem plattdeutschen Land besteht die potenzielle Gefahr kultureller Bereicherung durch Migranten und Flüchtlinge.

Doch wie soll sich der Durchschnittsdeutsche zu diesem realen Phänomen der radikalen Veränderung seiner Lebensumstände verhalten? Soll er es befürworten oder fürchten? Soll er protestieren oder applaudieren? Sich der Willkommens- oder der Hass-Kultur anschließen?

Ein kleines tapferes Reclam-Bändchen ist nun angetreten, die Ordnung in unseren verwirrten Köpfen wiederherzustellen. Nicht nur die Medien, sondern auch die Diskussionen am Stammtisch und am heimischen Frühstückstisch sind gespickt mit Vorurteilen, mit falsch verwendeten Begriffen und völlig überzogenen Erwartungen. Das beginnt schon bei der Frage, mit wem man es eigentlich zu tun hat…


Uwe Krüger: „Mainstream — Warum wir den Medien nicht mehr trauen“Uwe Krüger: „Mainstream — Warum wir den Medien nicht mehr trauen“

Glauben Sie alles, was Sie lesen? Was im Fernsehen gesendet wird? Was im Internet steht? In der heutigen Zeit ist mehr denn je die eigene Medienkompetenz gefragt. Es wäre naiv zu glauben, dass die Medien nur die Wahrheit und nichts als die Wahrheit verbreiten.

Das war eigentlich schon immer so, aber heutzutage scheint sich die Medienlandschaft in einem Transformationsprozess zu befinden, der zu einem medialen Spektrum führt, dessen informative Inhalte seltsam nivelliert zu sein scheinen. Woher das kommt und wie man damit umzugehen hat, ist unter Anderem das Thema dieses interessanten Buches von Uwe Krüger.

Der Autor ist wissenschaftlicher Mitarbeiter der Abteilung Journalistik an der Universität Leipzig. Vor einigen Jahren hat sein Buch „Meinungsmacht“ über die Alpha-Journalisten in Deutschland zu einer breiten öffentlichen Diskussion geführt. Jetzt beschäftigt er sich mit der Glaubwürdigkeit der Massenmedien und dem Phänomen des Mainstreams.


Riccardo Bavaj: „Der Nationalsozialismus“Riccardo Bavaj: „Der Nationalsozialismus“

Manchmal stellt sich, wenn man ein neues Buch zur Rezension auf den Tisch gelegt bekommt, ein spontaner Reflex ein, der sich später zum Glück als falsch entpuppt. So geschehen auch bei diesem Buch über den Nationalsozialismus. Der erste Gedanke war: Es gibt doch schon einen Haufen Bücher über den Nationalsozialismus, warum also noch eins? Welchen Sinn hat es, diese nun wirklich in allen Richtungen durchpflügte Forschungsfeld ein weiteres Mal zu beackern??

Riccardo Bavaj lehrt europäische Geschichte des 20. Jahrhunderts an den St. Andrews University in Schottland. Das klingt zunächst einmal nicht besonders prädestinierend, um eine fundierte Einführung über den deutschen Nationalsozialismus schreiben zu können, doch das hauptsächliche Forschungsgebiet des Autors sind die Weimarer Republik und das Dritte Reich.

In diesem Buch geht es um die Entstehung, den Aufstieg und die Herrschaft des NS-Regimes, also auch und vor allem um die Zeit vor 1933. Wie konnte es zur Machtergreifung Hitlers kommen? Wo liegen die Wurzeln jenes nationalen Sozialismus deutscher Prägung? Welche Faktoren waren für den Aufstieg der völkischen Bewegung ausschlaggebend?


Heidrun Reinhard: „Mondo Veneziano — Menschen und Paläste am Canal Grande”Heidrun Reinhard: „Mondo Veneziano — Menschen und Paläste am Canal Grande”

Thomas Mann nannte Venedig „die unwahrscheinlichste aller Städte“. Seit Jahrhunderten beflügelt die Lagunenstadt die Fantasie ihrer Besucher. Als fester Punkt auf der Route der Grand Tour wurde Venedig zum integralen Bestandteil jeder Bildungs- und Italienreise. Die zahlreichen Eindrücke und die Erzählungen über diese faszinierende und geheimnisvolle Stadt trugen ihrerseits zur Legendenbildung bei und nährten die europäische Sehnsucht nach dem Zauber jener Stadt auf dem Wasser und ihrer Bewohner.

Wer schon einmal Venedig besucht hat, kennt diese seltsame Wirkung, die von der Atmosphäre dieser Stadt ausgeht. Das Labyrinth aus kleinen steinernen Brücken und verwinkelten Wegen, die durch schmale Tore und immer entlang des Wassers in immer unbekanntere, doch stets lockende Winkel führen, übt einen Reiz aus, dem sich wohl niemand entziehen kann.

Ganz anders, viel luftiger und breiter, ist der Canal Grande. Seine Wasser sind viel belebter und vom Brausen der unzähligen Boote durchwühlt, die Menschen und Waren auf dieser breiten Wasserstraße entlangbefördern. Hier stehen die großen Paläste, die repräsentativsten Häuser der Stadt, deren Fassaden man bewundert, doch deren Inneres nur die Wenigsten betreten dürfen. Was mag sich hinter diesen wunderschönen Mauern befinden? Wer wohnt und wohnte in diesen herrschaftlichen Häusern und schaute aus den Fenstern auf diesen Canal?


Boris von Brauchitsch (Hg.): „Alles außer Arbeit – Berliner Lust in den Zwanziger Jahren“Boris von Brauchitsch (Hg.): „Alles außer Arbeit – Berliner Lust in den Zwanziger Jahren“

In seiner Einleitung bringt uns Boris von Brauchitsch auf Kurs: Er führt ein in die Alltagswelt der Zwanziger Jahre, in die entstehende Freizeitkultur und ihre bevorzugten Etablissements: das Varieté, die Kneipe, der Lunapark, das Strandbad und die Wälder. Die Weimarer Jahre waren geprägt durch die neu entstehende Massenkultur, medial begleitet von Radio und Film.

Berlin war 1920 die drittgrößte Stadt der Welt, nach New York und London. 1925 übersprang die Einwohnerzahl die 4-Millionen-Marke. Das Berliner Leben zeichnete sich vor allem durch sein hohes Tempo aus: Hier musste alles sofort erledigt werden; Stillstand bedeutete schon damals Rückstand. Wer nicht mitmachte, fiel hinten runter. So ging es vielen damals.

Die Dynamisierung nahezu aller Lebensbereiche machte auch vor der Freizeitkultur nicht Halt. Schon damals kannte man die Vergnügungspflicht und den Anspruch, in der zur Verfügung stehenden Zeit möglichst viel zu erleben — ein Gefühl, dass uns auch heute nicht ganz unbekannt ist.


PaTrick Bahners: „Entenhausen — Die ganze Wahrheit“PaTrick Bahners: „Entenhausen — Die ganze Wahrheit“

Die Prämisse der Duckforschung lautet: Es gibt Entenhausen wirklich. Ansonsten macht das alles ja auch keinen Sinn! Aber herrlich ist dieser ernsthafte Forschergeist, den der Autor hier an den Tag legt! Das Buch kam bereits 2014 (in gebundener Form) heraus, doch jetzt ist eine „Lustige Taschenausgabe“ dieses Titels erschienen.

Die duckologischen Studien sind in ihrer Stringenz nicht zu übertrumpfen. Wir wissen nämlich viel mehr über die Ducks und über Entenhausen, als unser Schulwissen vermittelt! Wenn man erst einmal richtig zu forschen beginnt, stößt man überall auf Hinweise, wie es in Entenhausen wirklich zugeht!

PaTrick Bahners — der Name ist Programm — nimmt uns mit auf seine Forschungsreise nach Entenhausen; er bringt uns sozusagen auf die richtige Bahn. Der Trick dabei ist, dass wir ihm glauben.


Andreas Austilat: „Mark Twain in Berlin – Bummel durch das europäische Chicago“Andreas Austilat: „Mark Twain in Berlin – Bummel durch das europäische Chicago“

Auf den ersten Blick scheint es verwegen, Mark Twain mit Berlin in Verbindung bringen zu wollen. Doch der berühmte amerikanische Schriftsteller kam 1891 nach Berlin und blieb mit seiner Familie bis 1892 in der Hauptstadt des deutschen Kaiserreiches.

Mark Twain reiste zu Lesungen und Vorträgen um die halbe Welt; das Geld musste eben stimmen. Natürlich war er seinerzeit auch in Europa unterwegs, wo man den Autor von Huckleberry Finn und Tom Sawyer ganz besonders feierte. So kam Twain auf seiner Reise durch Deutschland natürlich auch eines Tages nach Berlin.

Als Twain Berlin besuchte, befand sich die Stadt gerade auf dem Weg zur Industriemetropole. Zwischen 1890 und 1910 explodierte die Bevölkerungszahl explodierte, und Berlin platzte aus allen Nähten. Allein in den zwanzig Jahren zwischen 1870 und 1890 hatte sich die Einwohnerzahl verdoppelt, und wenige Jahre nach seinem Besuch ging das Wachstum dann erst richtig los: Allein zwischen 1900 und 1910 stieg die Bevölkerungszahl um 1 Million von 2,7 auf 3,7 Mio. Einwohner. Damit war Berlin seinerzeit die drittgrößte Stadt der Welt nach New York und London.


Michael Töteberg (Hg.): „Rainer Werner Fassbinder“ (text+kritik Nr. 103)Michael Töteberg (Hg.): „Rainer Werner Fassbinder“ (text + kritik Nr. 103)

Rainer Werner Fassbinder war ein Unikum in der deutschen Film- und Fernsehlandschaft. Seine subversive Art der Auseinandersetzung mit den politischen Verhältnissen machten ihn schnell zur Kultfigur des neuen deutschen Films. Seine Filme wurden zu modernen Klassikern, sein öffentliches Auftreten jedoch führte nicht selten zu Skandalen. Aber vielleicht ist beides auch gar nicht voneinander zu trennen? Wenn ein Künstler seinen Weg geht, sind Kompromisse nicht zu machen. Er muss sich über Konventionen erheben, wenn er etwas Außergewöhnliches schaffen will. Fassbinder hat das getan, und zwar mehrfach.

Fassbinder war Regisseur, Filmproduzent, Schauspieler und Autor. Er gilt zurecht als einer der wichtigsten Vertreter des Neuen Deutschen Films der 1970er und 1980er Jahre. Am 31. Mai 2016 würde Fassbinder 71 Jahre alt werden. Wäre er nicht 1982 bereits mit 37 Jahren verstorben, was hätten wir noch alles von ihm erwarten können?! Wie hätte er auf die Wende reagiert? Auf den 11. September und die Irak-Kriege? Auf den NSA-Skandal? Auf die aktuelle Flüchtlingskrise und das Versagen Europas?


Gerhard Paul: “Das visuelle Zeitalter — Punkt und Pixel”Gerhard Paul: “Das visuelle Zeitalter — Punkt und Pixel”

Der kreisförmige Rasterpunkt und der viereckige Pixelpunkt — dies sind die beiden Urelemente des visuellen Zeitalters. Mit dieser These beginnt Gerhard Paul seine beeindruckende und umfangreiche Monographie über das visuelle Zeitalter.

Seit der technischen Reproduzierbarkeit der Wirklichkeit durch die Fotografie und die reproduzierenden Drucktechniken hat sich der Blick auf die Welt — und in die Welt — radikal gewandelt. Was in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts begann, führte zur Mobilisierung des Auges und zur Herausbildung des „Visual Man“, des visuellen Menschen in seiner modernen Form.

Georg Simmel war sicherlich nicht der Erste, der auf den „Primat des visuellen Sinnes“ hingewiesen hat, aber jene aus seiner Großen Soziologie von 1908 stammende These steht im unmittelbaren Zusammenhang mit den Großstadterfahrungen der Moderne. In jener Zeit zu Beginn des 20. Jahrhunderts begann im Zuge der Industrialisierung ein radikaler Umwälzungsprozess in unserer Gesellschaft: Es waren die Anfänge der modernen Massengesellschaft und der sie begleitenden Massenkultur.


 

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