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Rezensionen von Büchern aus den Kultur- und Geisteswissenschaften

Aktuelle Rezensionen

kulturbuchtipps.de veröffentlicht regelmäßig Rezensionen zu neuen Büchern aus den Kultur- und Geisteswissenschaften.

Bereits 1802 hatte August Wilhelm Schlegel eine sehr dezidierte Meinung, was Neuerscheinungen betrifft… – Wir betrachten es daher als eine wichtige kulturelle Aufgabe, die Spreu vom Weizen zu trennen und Ihnen hier die wichtigsten und lesenswerten Sachbücher aus der geradezu unüberschaubaren Menge an Neuerscheinungen auf dem deutschen Buchmarkt vorstellen.


Hier sehen Sie eine kurze Zusammenfassung der aktuellen Rezensionen bei kulturbuchtipps.de:


Stefan Weidner: „1001 Buch — Die Literaturen des Orients“

Der Orient, das ist seit jeher die perfekte Projektionsfläche für all unsere Träume, Sehnsüchte und Ängste: das Morgenland, das Land der Märchen und Sagen, der unbekannten Schönheiten und der geheimnisvollen Riten und die Wiege einer Jahrtausende alten Kultur.

Doch gab es den „Orient“ überhaupt? Ist er nicht vielmehr ein Produkt des Kolonialismus und des eurozentrischen Blicks auf das „Morgenland“, wie der Kulturwissenschaftler Edward Said in seinem berühmten Buch „Orientalism“ (1978) bemerkte?

Damit sind wir schon mitten in einer postkolonialen Diskussion, die auch der Islamwissenschaftler und Übersetzer, Stefan Weidner, an den Anfang von „1001 Buch“, seiner bemerkenswerten Literaturgeschichte der orientalischen Literaturen gestellt hat.


Sabina Becker: „Experiment Weimar — Eine Kulturgeschichte Deutschlands 1918-1933“

Das Jahr 2019 ist Jubiläumsjahr. Vor 100 Jahren wurde die Weimarer Republik ausgerufen. Diese erste Republik auf deutschem Boden war nicht nur eine logische Folge des verlorenen Ersten Weltkriegs, dessen Erblasten ihr in die Wiege gelegt wurden, sondern es war auch eine spannende, turbulente und durchaus hoffnungsvolle Phase der deutschen Geschichte, die bereits nach 14 Jahren mit dem Siegeszug des Nationalsozialismus wieder ihr Ende fand.

Der Buchmarkt hat uns in diesem Jahr mit vielen Titel zur Weimarer Republik beschenkt: viele Bildbände zu den unterschiedlichsten Themen, ein sehr erfolgreicher Mehrteiler nach den Kriminalromanen von Volker Kutscher, zahlreiche Titel zur politischen Zeitgeschichte sowie weitere Sachbücher zu den unterschiedlichsten Spezialthemen.


Frank Goyke: „Wandern in Berlin — Auf den schönsten Wegen durch die Stadt“

Der Berliner ist nicht gerade für seine Bescheidenheit bekannt. Grundsätzlich können wir Berliner „allet“: Wir haben die größte Stadt, das größte Schienennetz, die größte Klappe. Warum also nicht auch noch die besten Wanderwege der Republik?!

Okay, ganz so hoch wollen wir das Ganze nicht aufhängen, manchmal sind wir auch zu Kompromissen bereit. Wie wäre es dann also mit den „schönsten Wegen durch die Stadt“? Einer, der sich hier bestens auskennt und der es wissen muss, ist Frank Goyke, passionierter Wanderer und gebürtiger Rostocker, Jahrgang 1961.


Wolfgang Meyer-Hentrich: „Wahnsinn Kreuzfahrt — Gefahr für Natur und Mensch“

Es gibt Bücher, die können einem echt die Laune vermiesen. Das beginnt bei diesem Buch sogar schon mit dem Cover: Zu sehen ist ein Kreuzfahrtschiff-Monster am Horizont vor einer Altstadt-Kulisse. Kann eigentlich nur Venedig sein.

Seit Langem ist bekannt, dass Kreuzfahren umweltschädlich ist: Die Luxusliner fahren mit Schweröl, blasen ihren Dreck sowohl auf hoher See als auch im Hafen in die Luft, verpesten die Umwelt, erwärmen die Meere und sorgen durch die Masse von Tagestouristen für chaotische Zustände in jenen Häfen, die sie regelmäßig anlaufen.

Mit anderen Worten: Kreuzfahrer sind die Pest. Das war, genau genommen, schon immer so. Selbst die christlichen Kreuzfahrer haben, wie wir wissen, nicht nur Gottes Segen zu Muslimen und Heiden getragen, sondern auch Krankheiten und Seuchen, militärische Gewalt und die kapitalistische Wirtschaftsweise. Aber das ist ein anderes Thema. — Oder doch nicht?


Harald Welzer: „Alles könnte anders sein — Eine Gesellschaftsutopie für freie Menschen“

Geht es um gesellschaftspolitische Fragen, so ist Harald Welzer in der Regel nicht weit. Es gibt im deutschsprachigen Raum wohl kaum einen Wissenschaftler, der so rührig ist und seine tiefschürfenden und wichtigen Gedanken in ebenso leicht verständliche als auch wissenschaftlich fundierte Worte fassen kann, wie Harald Welzer.

Somit ist es keine große Überraschung, mit „Alles könnte anders sein“ einen weiteren Titel des Autors im Verlag S. Fischer zu entdecken, der sich einem aktuellen Thema widmet: dem Fehlen einer tragfähigen und praktikablen Gesellschaftsutopie für unsere an positiven Zukunftsvisionen so armen Gegenwart.

Wir sind alle sehr gut darin, die Zukunft schwarz zu malen: Alles ist furchtbar, der Klimawandel, die Verschmutzung der Weltmeere, die Zerstörung der Natur unseres Planeten, die Verstopfung der Innenstädte durch den Autoverkehr, die Zuwanderung, die Digitalisierung aller Lebensbereiche, Krieg und Krankheiten usw.


Ralph Gleis (Hg.): „Gustave Caillebotte — Maler und Mäzen des Impressionismus“

Im Sommer 2019 lädt die Alte Nationalgalerie der Staatlichen Museen zu Berlin zu einer großen Impressionisten-Schau. Im Mittelpunkt steht eine Person, die weniger bekannt ist als die berühmten Impressionisten Renoir, Manet, Monet, Pissarro, Degas oder Cezanne, und doch war Gustave Caillebotte eine zentrale Figur, die als Mäzen zum einflussreichen Wegbereiter für die Anerkennung des Impressionismus als moderne Kunst in Frankreich wurde und gleichzeitig als impressionistischer Maler eine ganze Reihe von bedeutenden Werken schuf, die uns heute durch ihre Komposition und Motivauswahl beeindrucken.

Der Alten Nationalgalerie in Berlin ist es gelungen, Caillebottes vielleicht bekanntestes Bild — „Rue de Paris, temps de pluie“ (Straße in Paris, Regenwetter) von 1877 — als Leihgabe vom Art Institute of Chicago für diese Ausstellung zu entleihen. Um dieses Bild herum wird die Ausstellung mit Bildern der französischen Impressionisten aus der umfangreichen Sammlung der Nationalgalerie gestaltet, die in direkter Beziehung zu Caillebotte standen.


Katharina Grätz: „Alles kommt auf die Beleuchtung an — Theodor Fontane – Leben und Werk“

Im Fontanejahr 2019 hat man den Eindruck, dass der gütige alte Herr, unser „Wanderer durch die Mark Brandenburg“, der „bedeutendste Vertreter des Bürgerlichen Realismus“, Theodor Fontane nicht nur als Projektionsfläche für die kollektive Sehnsucht nach einer vermeintlich guten alten Zeit herhalten muss, sondern auch groß angelegten marktstrategischen Prozeduren unterworfen wird, die sein Leben und Werk in allen nur erdenklichen Formaten einem möglichst breiten Publikum zur Verkostung präsentiert werden soll.

Mit anderen Worten ist der Buchmarkt voll von mehr oder weniger brillanten Biografien und zahlreichen Neuausgaben seiner literarischen Werke, nicht selten auch in Form von neuen monographischen Anthologien zu den unterschiedlichsten Oberbegriffen. Doch neben all diesen ausufernden und für den laienhaften (nicht-wissenschaftlichen) Leser in ihrer Ausführlichkeit kaum interessanten, sondern in eher überfordernden Publikationen, gibt es noch einige „Perlen“, die der besonderen Erwähnung wert sind. Eine solche Perle ist die jüngst im Reclam-Verlag publizierte, kleine Biografie von Katharina Grätz, die als Taschenbuch erschienen ist.


Peter Graf (Hg:): „Eine ungemein eigensinnige Auswahl unbekannter Wortschönheiten aus dem Grimmschen Wörterbuch“

Was die Gebrüder Grimm im Jahre 1838 begonnen hatten, fand erst 1961 mit Band 32 abgeschlossen; darin zeugen ca. 320.000 Stichwörter auf 34.824 Seiten von einem geradezu unfassbaren Sprachreichtum. Das „Deutsche Wörterbuch“ war ein Mammut-Unternehmen, und es finden sich darin eine Menge ungehobener Schätze. Nur zum Vergleich: Der aktuelle Duden bringt es lediglich auf 145.000 Stichwörter, also nicht einmal die Hälfte …

Wenn wir von den ungehobenen Schätzen sprechen: Was finden sich nicht alles für Sprachperlen in diesem Wörterbuch! — Hier eine zufällige Auswahl: „durchmausern“, „Krummhälserarbeit“, „Dienstflucht“, „blumenglücklich“, „Leseesel“, „stiegelfitzisch“, „dilledelle“, „bämmeln“ oder auch „schlafdürmelich“ usw. usw.


Titus Müller: „Einfach mal spazieren gehen“

Während der Lektüre dieses schönen kleinen Buches passiert etwas Eigenartiges: Der Leser wird zunächst durch den feinsinnigen Stil und den ruhigen Sprachduktus regelrecht entschleunigt: Das Alltagstempo fällt von ihm ab und er kommt zur Ruhe. Dann jedoch bemerkt er an sich eine Veränderung: Zunächst nur klein und unscheinbar, meldet sich eine innere Stimme, die den Wunsch nach Bewegung artikuliert.

Während wir täglich durch unser Leben hasten, getrieben von Terminen und Deadlines — also von Linien des Todes —, nehmen wir längst keine Notiz mehr von der Welt, die uns umgibt. Sind wir mal durch den stockenden Verkehr zu Wartezeiten verdammt, so geht der Blick in der Regel nach unten, aufs Smartphone, und eben nicht nach vorne.


Leïla Slimani: „Warum so viel Hass? — Essays“

In Frankreich ist Leïla Slimani längst zu einer festen Größe im kulturellen Leben und zu einer der wichtigsten literarischen Stimmen der Intellektuellen in Frankreich avanciert; in Deutschland hingegen ist sie immer noch vielen Lesern unbekannt. Bestenfalls ihre beiden Romane „All das zu verlieren“ und „Dann schlaf´ auch Du“ (für den Slimani den begehrten Prix Goncourt erhielt) haben hierzulande für Aufsehen gesorgt. In dem einen Roman geht es um die Sexsucht der Protagonistin, im zweiten um Kindsmord, in beiden Fällen also geht es um starke Gefühle und um die Abgründe der menschlichen Psyche, um die emotionale Abhängigkeit und Verlorenheit der Romanfiguren.


Hans Hütt: „Die 50er — Ein Jahrzehnt in Wörtern“ / „Die 60er — Ein Jahrzehnt in Wörtern“

Womit hat man sich in den 50er Jahren des vergangenen Jahrhunderts beschäftigt? Was prägte den Alltag der bundesrepublikanischen Nachkriegszeit und das Leben in der DDR zu jener Zeit? Der Journalist Hans Hütt hat in seiner neuen Buchreihe, die passenderweise im Duden-Verlag erscheint, vor allem einen genauen Blick auf eine Reihe von Begriffen geworfen, die seinerzeit zum alltäglich und allgegenwärtig waren, heute jedoch bei vielen älteren Lesern so manche Assoziationen und teilweise cverschüttete Erinnerungen zu wecken in der Lage sind.

Die kleinen Büchlein (jeweils nur 128 Seiten dick und durch zahlreiche Illustrationen aufgelockert) lesen sich wunderbar leicht und bieten einen anregenden Einblick in eine längst vergangenen Alltagswelt. Kurz gesagt: viel Lesespaß für wenig Geld!


Hans-Dieter Rutsch: „Der Wanderer — Das Leben des Theodor Fontane“

Die vorliegende Fontane-Biografie von Hans-Dieter Rutsch geht einen anderen, aber sehr interessanten Weg als die meisten Biografien, die zum Fontane-Jahr 2019 erschienen sind. „Der Wanderer“ nimmt den Leser mit auf eine Wanderung durch das Leben von Theodor Fontane. Doch was genau soll man darunter verstehen?

Theodor Fontane wird noch heute — wie schon in seinen letzten Lebensjahrzehnten — nicht nur als erfolgreicher Schriftsteller des Bürgerlichen Realismus und als solcher vor allem mit seinen Gesellschaftsromanen aus dem Berlin des 19. Jahrhunderts assoziiert, sondern vor allem als der Autor der berühmten „Wanderungen“ durch die Mark Brandenburg. Zwar ist diese Verkürzung auf das Wanderungen-Projekt nicht grundsätzlich falsch, bleibt aber eben doch eine starke und somit dem vielseitigen Künstler, Journalisten, Kritiker und Menschen Fontane nicht im Ansatz gerecht.


Günther Rüther: „Theodor Fontane — Aufklärer – Kritiker – Schriftsteller“

Wem die im Fontane-Jahr 2019 neu erschienenen „großen“ Biografien zu wuchtig sind und wer es lieber praktisch und kompakt mag, für den ist vielleicht das in der Weimarer Verlagsgesellschaft erschienene Buch von Günther Rüther interessant.

Der Politikwissenschaftler Dr. Günther Rüther, Jahrgang 1948, war bis 2014 Leiter der Abteilung Begabtenförderung und Kultur der Konrad-Adenauer-Stiftung und lehrt als Honorarprofessor am Institut für Politische Wissenschaft und Soziologie der Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn.

Sein Fontane-Buch ist eine 176 Seiten starke und reich illustrierte Biografie des großen „Aufklärers, Kritikers und Schriftstellers“, wie der Untertitel dieses Buches lautet. Für den Politikwissenschaftler ist naturgemäß die politische Entwicklung Fontanes von besonderem Interesse, und in der Tat war Fontanes politischer Weg alles Andere als gradlinig.


Iwan-Michelangelo D´Aprile: „Fontane — Ein Jahrhundert in Bewegung“

Im Fontane-Jahr 2019 wird der Buchmarkt anlässlich des 200. Geburtstags Theodor Fontanes mit einer ganzen Reihe von Biografien geflutet. Viele sind hervorragend geschrieben, entsprechen den hohen Anforderungen des heutigen Lesepublikums an den Biografen und gewähren einen mehr als umfassenden Einblick in das Leben und Werk Fontanes.

Doch eine Biografie sticht aus der Menge heraus und überstrahlt sie alle: die Biografie des Berliner Literaturwissenschaftlers und Historikers Iwan-Michelangelo D´Aprile. Die Gründe für diese Sonderstellung sind schnell benannt: Zum einen gelingt es D´Aprile, das Leben und Wirken Fontanes nicht einfach nur in chronologischer Abfolge der wichtigsten Stationen isoliert zu beschrieben, sondern es in den tiefgreifenden Umwälzungsprozess einzubetten, in den alle gesellschaftlichen Teilbereiche im Laufe des 19. Jahrhunderts einbezogen waren; zum anderen hebt sich der Autor durch die Schönheit seiner Sprache und die Klarheit seiner Formulierungen vom Gros der anderen Biografen ab.


Hans Dieter Zimmermann: „Theodor Fontane — Der Romancier Preußens“

Fontane ist 2019 in aller Munde: der Grand Seigneur aus Neuruppin, der große Romancier Preußen, einer der bedeutendsten Vertreter des Bürgerlichen Realismus, Zeitzeuge und Akteur des 19. Jahrhunderts, Apotheker und Bestseller-Autor, Revolutionär und Korrespondent im preußischen Staatsdienst, Freidenker und Artikelschreiber für die erzkonservative Kreuz-Zeitung, Frauenversteher und Familienmensch, Europäer und Preuße.

So vielschichtig wie das 19. Jahrhundert, so lebendig und abwechslungsreich verlief auch das Leben von Theodor Fontane. Die biografischen Eckdaten sind weithin bekannt; die Frage ist, was Biografen aus Anlass des 200. Geburtstags des großen Romanciers am Ende des Jahres 2019 daraus machen. Zimmermanns Fontane-Buch ist insofern eine rühmliche Ausnahme, als sich nicht nur mit dem Oberflächlichen begnügt, sondern keine Mühen scheut, tief in den Archiven gräbt und auf diesem Weg zu einem stimmigen Gesamtbild kommt. So präsentiert sich dem Leser eine ungeheuer dichte und komplexe Lebensbeschreibung, die bei allem Detailreichtum nicht erdrückend wird.


 

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