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Rezensionen von Büchern aus den Kultur- und Geisteswissenschaften

Aktuelle Rezensionen

kulturbuchtipps.de veröffentlicht regelmäßig Rezensionen zu neuen Büchern aus den Kultur- und Geisteswissenschaften.

Bereits 1802 hatte August Wilhelm Schlegel eine sehr dezidierte Meinung, was Neuerscheinungen betrifft… – Wir betrachten es daher als eine wichtige kulturelle Aufgabe, die Spreu vom Weizen zu trennen und Ihnen hier die wichtigsten und lesenswerten Sachbücher aus der geradezu unüberschaubaren Menge an Neuerscheinungen auf dem deutschen Buchmarkt vorstellen.


Hier sehen Sie eine kurze Zusammenfassung der aktuellen Rezensionen bei kulturbuchtipps.de:


Alan Bennett: „Geht ins Museum“

In der SALTO-Reihe des Wagenbach-Verlags ist ein neues Büchlein von Alan Bennett erschienen, das den schlichten Titel „Geht ins Museum“ trägt. Nun könnte man den Titel einerseits so interpretieren, dass es heißt: Alan Bennett geht ins Museum. Das ist auf jeden Fall richtig, doch auch jene alternative Interpretation, dass es sich um eine Aufforderung an die Leserschaft handeln könnte (Geht ins Museum!) ist naheliegend.

Wenn wir als Leser jemanden dabei beobachten und begleiten sollen, der ins Museum geht, so klingt das zunächst nicht besonders spannend. Da es sich jedoch um Alan Bennett handelt, wird die Angelegenheit schon interessanter. Den meisten Leserinnen dürfte Bennett bekannt sein als der Autor des wunderschönen Romans „Die souveräne Leserin“; das ist natürlich in Anbetracht der jahrzehntelangen schriftstellerischen und essayistischen Produktion des Autors ein klein wenig ungerecht, aber letztlich okay.


Umberto Eco: „Pape Satàn — Chroniken einer flüssigen Gesellschaft oder Die Kunst, die Welt zu verstehen“

Seit 1985 schrieb Umberto Eco für das römische Nachrichtenmagazin L´Espresso eine Kolumne mit dem Titel „La Bustina di Minerva“ (Die Büste der Minerva). Diese knappen Notizen zum Zeitgeschehen waren meist so kurz, dass sie, wie Umberto Eco bereits in der ersten Kolumne schriebe, auf die Fläche eines ausgeklappten Streichholzbriefchens passten. Deshalb wurden jene Zeitkommentare im Deutschen auch „Streichholzbriefe“ genannt.

In der vorliegenden Taschenbuchausgabe (das Hardcover ist bereits 2017 im Hanser Verlag erschienen) finden wir eine Auswahl jener Streichholzbriefe aus der Zeit von 2000 – 2015. Umberto Eco ist 2016 im Alter von 84 Jahren gestorben. Doch seine Texte werden weiterwirken, denn der berühmte Schriftsteller, Philosoph und Medienwissenschaftler war eine der wichtigsten intellektuellen Stimmen Italiens.


Mirko Moritz Kraetsch: „Berlin — Abseits der Pfade — Band 1 und 2“

Als gebürtiger Berliner meint man, seine Stadt zu kennen. Wahrscheinlich geht das nicht nur einem Berliner so, sondern jedem, der einen Reiseführer über seine Heimatstadt vor sich liegen hat. Aber den Berliner zwickt das ganz besonders. Schließlich ist es doch seine Stadt, diese wunderbare Stadt, die sich schon immer selbst so gerne als „Weltstadt“ bezeichnet hat, weil sie nicht warten wollte, bis es mal einer von außen tut. Nein, Berlin „is´ meene Stadt und ick kenne ihr“, denkt sich der Berliner, und fertig.

Doch dann kommt da einer, der ist gar kein Berliner, und zeigt dem Eingeborenen, was es in seinem Habitat alles zu entdecken gibt! Man stelle sich mal vor! — Doch eigentlich hat das Ganze auch Tradition. Schon immer wurde den Berliner von Auswärtigen erklärt, was ihre Stadt so besonders macht. Denken wir an Alfred Kerr oder Robert Walser! An Franz Hessel oder Siegfried Kracauer! Nur wenige waren wirklich gebürtige Berliner: Walter Benjamin und Kurt Tucholsky beispielsweise.


Dana Giesecke, Hans-Georg Soeffner, Klaus Wiegandt (Hg.): „Welzers Welt — Störungen im Betriebsablauf“

In diesem Sommer (2018) wird Harald Welzer 60. Ein guter Anlass, Kollegen und Weggefährten um ihre Beiträge zu bitten und sich auf die eine oder andere Art mit „Welzers Welt“ auseinanderzusetzen. Der bekannte Sozialwissenschaftler und Gründer der Stiftung „Futur Zwei“ ist seit vielen Jahren in den Medien präsent. Als streitfreudiger Kämpfer für ein „Selbstdenken“ und Umdenken im Sinne der Nachhaltigkeit fällt er nicht zuletzt durch sein lässiges und unprätentiöses Auftreten auf.

„Welzers Welt ist einerseits gekennzeichnet von ‚Störungen im Betriebslauf‘ […] auf dem Weg in eine zweifelhafte Zukunft. Andererseits ruft Welzer zum Selbstdenken auf, weil Autonomie und Freiheit für ihn die zentralen Leitwerte seiner Vorstellung von Politik und Leben sind.“


L. J. Müller: „Sound und Sexismus — Geschlecht im Klang populärer Musik. Eine feministisch-musiktheoretische Annäherung“

Es gibt Gesangsstimmen, die klingen einfach sexy. Das ist aber nicht die Frage. Frauen wie Männer bedienen die gängigen Rollenklischees, seit es Vokalmusik gibt. Doch in unserer Gegenwart sind wir sensibler geworden, was die Verbindung von Sexualität und Macht betrifft, und wir achten sehr darauf, dass im zwischenmenschlichen Umgang Geschlechtergerechtigkeit herrscht.

Mit anderen Worten soll im Zuge der Gender-Politik ein allgemeines Bewusstsein für das „soziale Geschlecht“ (Gender — im Gegensatz zum biologischen Geschlecht (Sex)) geweckt werden, welches unser Zusammenleben stärker prägt, als viele es wahrhaben möchten.

Aus dieser Perspektive stellt sich natürlich die interessante Frage, inwieweit die Rollenklischees in der Popmusik bedient oder gar überstrapaziert werden.


Gerdien Jonker: „Etwas hoffen muss das Herz — Eine Familiengeschichte von Juden, Christen und Muslimen“

„Dieses Buch handelt von der Geschichte einer preußisch-jüdischen Familie mit einem ausgeprägten Sinn für Reformen.“ Aus der westpreußischen Heimat wandern die Oettingers über Berlin bis nach London. Die letzte Etappe nach Britisch-Indien sollte wegen des Ausbruchs des Zweiten Weltkriegs nicht mehr gelingen. Von der Mitte des 19. Jahrhunderts bis in die Nachkriegszeit reicht diese bemerkenswerte Familiengeschichte. Es ist vor allem eine Geschichte des Verhältnisses von Juden und Muslimen vor dem Hintergrund der Reformbewegungen.

„In der Geschichte der Familie Oettinger wechseln vier aufeinanderfolgende Generationen ihre Religion.“ Wäre diese Familiengeschichte die Grundlage für einen Roman, so müsste sich der Autor die Frage gefallen lassen, ob er die interkonfessionelle Mobilität seiner Figuren nicht ein wenig überstrapaziert. Doch alle hier geschilderten Begebenheiten sind wahr und keine Fiktion!


Barbara Streidl: „Langeweile“

In Reclams kleiner Buchreihe der „100 Seiten“ finden sich Titel über dies und das, über Gott und die Welt — warum also nicht auch über die Langeweile?! Wir alle kennen Langeweile. In der Regel wird sie als ein ungeliebter Zustand empfunden, den man möglichst schnell wieder beenden und überwinden möchte. So assoziieren wir mit Langeweile meist Stillstand, Warten und Zeitverschwendung. Dies ist ein spätes Erbe unserer vom Christentum und vom anglo-amerikanischen Kapitalismus geprägten Gesellschaft; spätestens seitdem Benjamin Franklin 1748 in seiner Schrift „Advice to a Young Tradesmen“ das Motto „Zeit ist Geld“ herausgegeben hatte, wurde die Zeit ökonomisiert und dem Rentabilitätsdenken unterworfen.

Barbara Streidl zeigt in ihrem schlauen Essay über die Langeweile, dass wir sie aber auch ganz anders interpretieren könnten: als eine Zeit des Durchatmens, der Entschleunigung sowie als Quelle und Vorbedingung jeder Form von Kreativität. Denn der angestrengte und in stressige Arbeitsprozesse eingebundene Geist hat einfach keine Zeit für Kreativität; so gesehen, kann schnell aus einem ungeliebten und als sinnlos erachteten Wartezustand eine begrüßenswerte Unterbrechung des permanenten Wettlaufs werden.


Martin Meyer: „Gerade gestern — Vom allmählichen Verschwinden des Gewohnten“

Die Schweiz. Das Feuilleton der NZZ. Das steht für Gediegenheit. Seriosität. Korreliert man dies mit dem Phänomen des Verschwindens, so entsteht eine leicht melancholische Stimmung, vielleicht gepaart mit einer gewissen Sentimentalität und dem Gedanken, dass die wirklich guten Zeiten immer jene waren, die jetzt unwiederbringlich vorbei sind.

In solch eine leicht melancholische Stimmung gehüllt, lassen sich Meyers kurze Essays vielleicht am besten genießen. Es ist eine Stimmung, die fern jeder Larmoyanz und Trübsinnigkeit den Reichtum unserer Kultur vor unserem geistigen Auge entfaltet und zeigt, wie leicht wir uns auf das Gewohnte verlassen und wie sehr wir überrascht sind, wenn es eines Tages verschwunden ist.

Man wird diese anregende Lektüre wohl eher genießen, wenn man selbst ein gewisses Alter erreicht hat.


Jakob Augstein (Hg.): „Reclaim Autonomy — Selbstermächtigung in der digitalen Weltordnung“

Vor einigen Tagen landete eine Mail im Briefkasten: „Hitler war ein Britischer Agent! Wie kann man von einem Mann ein Wohlwollen gegenüber dem Deutschen Staat erwarten, der im Dienst einer fremden Macht stand? England‼ Um die Sache mehr zu verdeutlichen, warum sagt uns Niemand, daß der Großkopf Adolf perfekt Englisch sprach und Französisch? Wo war Hitler in der Zeit zwischen 1911 und 1914? Er war in England und Irland. Eigenartig, da gibt es eine Lücke in dem Geschichtsbewußtsein gewisser Leute. Das Victorianische Zeitalter mit anderen Mitteln läßt grüßen.“ [Die schönen Schreibfehler wurden bewusst nicht korrigiert.]

Wir haben sehr gelacht. Wie muss es im Kopf von Leuten aussehen, die solche Mails schreiben oder (noch schlimmer) solche Mails lesen für wahr halten?! — Es lässt sich nicht leugnen, dass wir seit AfD und Pegida, seit Trump und Bannon, seit Breitbart und Compact, seit Orbán, Strache, Kurz und Salvini, seit Marine Le Pen und Geert Wilders und wie sie alle heißen — kurz: seit dem internationalen Siegeszug der Rechten und Populisten in den letzten Jahren einen fundamentalen Paradigmenwechsel im Umgang mit den Medien beobachten müssen.


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