Aktuelle Rezensionen

kulturbuchtipps.de veröffentlicht regelmäßig Rezensionen zu neuen Büchern aus den Kultur- und Geisteswissenschaften.

Bereits 1802 hatte August Wilhelm Schlegel eine sehr dezidierte Meinung, was Neuerscheinungen betrifft… – Ich betrachte es daher als eine wichtige kulturelle Aufgabe, die Spreu vom Weizen zu trennen und Ihnen hier die wichtigsten und lesenswerten Sachbücher aus der geradezu unüberschaubaren Menge an Neuerscheinungen auf dem deutschen Buchmarkt vorzustellen.


Hier sehen Sie eine kurze Zusammenfassung der aktuellen Rezensionen bei kulturbuchtipps.de:


Christian Lux (Hg.): „Lesen — Die schönsten Geschichten über die Magie der Bücher“

Ein Buch kann vieles sein: Speicher, Werkzeug, Fenster, Zuflucht. Aber Lesen ist mehr als die Tätigkeit, die ein Buch in Gang setzt. Wer lesen kann, besitzt ein Instrument von eigentümlicher Macht. Er kann sich in Welten bewegen, die nicht die seinen sind, kann mit den Gedanken eines Menschen denken, der seit Jahrhunderten tot sein mag, kann Erfahrungen aufnehmen, die ihm das eigene Leben niemals bieten wird. Lesen erweitert das Dasein nicht bloß um Informationen, sondern um Perspektiven. Es erlaubt uns, probeweise andere Existenzen zu bewohnen. Ein guter Roman leiht uns für einige Stunden ein fremdes Bewusstsein; ein Gedicht verändert die Temperatur der Sprache; ein Essay zwingt uns, einen vertrauten Gedanken aus einer ungewohnten Richtung anzusehen. Der Leser lebt dann nicht einfach sein Leben, sondern mehrere Leben zugleich.

Das klingt inzwischen beinahe wie eine kulturgeschichtliche Sentimentalität. Und doch besitzt diese Sentimentalität einen ziemlich harten Kern. Denn Lesen ist eine Kulturtechnik, die Zeit verlangt. Wer einen längeren Text liest, muss sich auf eine Ordnung einlassen, die nicht von ihm selbst stammt. Er kann nicht beliebig weiterscrollen, abbrechen, wechseln, reagieren. Ein Text besitzt eine Dramaturgie, und der Leser muss ihr folgen. Darin liegt bereits eine kleine Schule der Freiheit: Man unterwirft sich freiwillig einer fremden Gedankenbewegung, um am Ende mit einem erweiterten eigenen Urteil daraus hervorzugehen.


Richard Hemmer u. Daniel Meßner: „Mehr Geschichten aus der Geschichte — Auf den Spuren verblüffender Erfindungen und kurioser Tüfteleien“

Die Geschichtswissenschaft hat ein Problem mit guten Geschichten. Sie braucht sie, weil niemand sich für die Vergangenheit interessiert, solange diese nur aus Jahreszahlen, Institutionen und Strukturbegriffen besteht. Aber sie muss ihnen zugleich misstrauen, weil eine gute Geschichte etwas besitzt, das die historische Wirklichkeit nur selten besitzt: einen Anfang, eine Dramaturgie und ein Ende.

Richard Hemmer und Daniel Meßner machen aus diesem Widerspruch ein Erfolgsmodell. Seit 2015 erzählen sich die beiden Historiker Woche für Woche im Podcast Geschichten aus der Geschichte vergessene Ereignisse, ungewöhnliche Persönlichkeiten und überraschende historische Zusammenhänge. Daraus sind inzwischen mehr als zehn Jahre Podcast-Geschichte und mehrere hundert Episoden entstanden. Nach dem ersten gemeinsamen Buch folgt nun Mehr Geschichten aus der Geschichte, diesmal mit dem Untertitel Auf den Spuren verblüffender Erfindungen und kurioser Tüfteleien. Zwanzig Geschichten auf 256 Seiten führen in die Wissenschafts- und Technikgeschichte: zu Erfindungen, Werkzeugen, Irrtümern, Zufallsfunden und jenen Umwegen, aus denen wissenschaftlicher Fortschritt gelegentlich hervorgeht.


Michael Sommer: „Dirty Rome — Die schmutzige Seite der Antike“

Rom hat ein Hygieneproblem. Das ist zunächst keine sonderlich überraschende Nachricht. Wer die antike Metropole nicht ausschließlich durch die marmorne Brille von Forum, Pantheon und Augustusstatue betrachtet, weiß seit Langem, dass zwischen den Säulen nicht nur Philosophen wandelten, sondern auch Bettler, Prostituierte, Sklaven, Abfallhändler, Kleinkriminelle und Menschen, die ihre Notdurft dort verrichteten, wo gerade Platz war. Neu ist an Michael Sommers „Dirty Rome“ deshalb weniger die Entdeckung des Schmutzes als die Konsequenz, mit der er ihn zum Organisationsprinzip seiner Geschichte des römischen Alltags macht. Das ist ein kluger Zugriff — und zugleich ein ziemlich raffinierter Marketingcoup. Denn Sommer zeigt, dass der Dreck nicht einfach die hässliche Rückseite einer ansonsten bewundernswerten Zivilisation war. Er war in erheblichem Maß ein Produkt eben jener Größe, die wir an Rom bewundern.

Das Buch ist in zehn große Kapitel gegliedert, deren lateinische Leitbegriffe bereits den Anspruch verraten, aus der vermeintlichen Nebensache eine historische Systematik zu machen. „Squalor“ handelt von Schmutz, Gestank und schlechter Luft, „Fames“ von Hunger und mangelhafter Ernährung, „Cenaculum“ von Wohnungsnot und Mietwucher, „Morbus“ von Krankheit und medizinischer Versorgung. Es folgen „Seditio“, also Gewalt, Massaker und Bürgerkrieg, „Infamia“, die soziale Stigmatisierung, „Servitus“, die Sklaverei, „Ambitus“, Vetternwirtschaft und Machtmissbrauch, „Meretrix“, Frauenfeindlichkeit und sexuelle Ausbeutung, sowie schließlich „Rumor“, die Welt der Gerüchte und Fake News. Den zehn Kapiteln geht ein programmatischer Auftakt voraus, der mit der Formel von „edler Einfalt“ und „stiller Größe“ abrechnet; ein Epilog und ein wissenschaftlicher Apparat schließen den Band ab.


Maryanne Wolf: „Bücher lesen — Über die Kunst des Lesens im digitalen Zeitalter“

Es gehört zu den eigentümlichen Ironien unserer Zeit, dass wir ausgerechnet dann über das Ende des Lesens zu sprechen beginnen, als so viel gelesen wird wie nie zuvor. Millionen Menschen tragen heute Bibliotheken in der Hosentasche, lesen Nachrichten, Romane, wissenschaftliche Texte, Kommentare, Wikipedia-Artikel, Chatnachrichten und Gebrauchsanweisungen auf Smartphones. Noch nie war geschriebene Sprache so allgegenwärtig. Und doch hat sich das Unbehagen an der Zukunft des Lesens festgesetzt. Maryanne Wolf gehört zu den klügsten und zugleich angreifbarsten Stimmen dieses Unbehagens. Ihr 2018 erstmals erschienenes Buch „Reader, Come Home“, das 2019 auf Deutsch unter dem Titel „Schnelles Lesen, langsames Lesen“ bei Penguin erschien, liegt jetzt unter dem Titel „Bücher lesen“ in einer schönen broschierten Ausgabe bei Pantheon vor. Es ist eine Verteidigung des langsamen, konzentrierten, nachdenklichen Lesens gegen eine digitale Umwelt, die Aufmerksamkeit zur Ware gemacht hat. Das Problem beginnt dort, wo aus dieser berechtigten Kulturkritik eine Art Neuro-Epos des gedruckten Buches wird.


Philipp Ruch: „Der Rückfall — Der rätselhafte Triumph der NSDAP am 14. September 1930. Wie eine Demokratie in nur einer Wahlnacht sterben kann“

Der 14. September 1930 gehört zu jenen Daten der deutschen Geschichte, die im Rückblick eine geradezu unheimliche Eindeutigkeit gewinnen. An diesem Tag wurde die NSDAP von einer politischen Splitterpartei zur zweitstärksten Kraft im Reichstag. 1928 hatte sie 2,6 Prozent der Stimmen und zwölf Mandate erhalten; zwei Jahre später waren es 18,3 Prozent und 107 Abgeordnete. Die Wahlbeteiligung lag bei 82 Prozent. Was den Zeitgenossen als dramatischer politischer Umbruch erscheinen musste, erhielt erst durch die folgenden Jahre seinen endgültigen Schrecken: Aus dem Wahlerfolg von 1930 führte kein gerader Weg zur nationalsozialistischen Diktatur, wohl aber begann mit ihm jene politische Verschiebung, in deren Verlauf die Republik ihre Fähigkeit verlor, die Kräfte, die sie zerstören wollten, wirksam einzuhegen.

Philipp Ruch hat diesem Wahltag sein neues Buch gewidmet: „Der Rückfall. Der rätselhafte Triumph der NSDAP am 14. September 1930: Wie eine Demokratie in nur einer Wahlnacht sterben kann“. Schon der Titel verrät, dass der Autor keine konventionelle Geschichte der Weimarer Republik schreiben will. Der 1981 in Dresden geborene Philosoph, politische Aktionskünstler und Gründer des Zentrums für Politische Schönheit kommt nicht aus der klassischen deutschen Parteien- und Verfassungsgeschichte. Er verbindet politische Philosophie mit Geschichtsdenken und politischer Intervention. Das erklärt zugleich die Stärke und die Schwäche seines Buches: Ruch interessiert sich weniger für die vollständige Rekonstruktion eines historischen Vorgangs als für den Moment, in dem sich die Wahrnehmung des politisch Möglichen verändert.


Ralf Höller: „Aus dem Geschichtsbuch gefallen“

Die Geschichte hat ein eigentümliches Gedächtnis. Sie merkt sich die Namen derer, die gesiegt haben, und vergisst mit bemerkenswerter Zuverlässigkeit jene, die unterlegen waren, verschwanden oder schlicht zur falschen Zeit am falschen Ort waren. Das ist zunächst kein Skandal, sondern eine Folge ihrer eigenen Mechanik. Wer einen Krieg gewinnt, hinterlässt Archive, Denkmäler, Münzen, Gesetze und Nachkommen, die seinen Erfolg weitererzählen. Wer verliert, verliert häufig nicht nur den Kampf, sondern auch die Möglichkeit, über den Kampf zu berichten. Die Sieger besitzen die Mittel der Überlieferung. Sie verfügen über die Archive, die Institutionen, die Schulbücher und später über die Straßennamen. So entsteht jene eigentümliche Täuschung, die wir Geschichte nennen: Wir halten das, was überliefert wurde, für das, was geschehen ist.

Walter Benjamin hat dieser Täuschung mit einer Radikalität widersprochen, die bis heute nichts von ihrer Unbequemlichkeit verloren hat. Für ihn war Geschichte niemals ein neutrales Reservoir vergangener Tatsachen, aus dem sich der Historiker lediglich bedienen müsste. Geschichte ist vielmehr ein Kampfplatz, auf dem noch die Toten gefährdet sind.


Jakob Schwerdtfeger: „Punkt Punkt Komma Strich, fertig ist die Kunstgeschicht“

Man muss Kunstgeschichte nicht unbedingt lustig finden. Man sollte sie nur nicht fürchten. Genau an dieser Furcht setzt Jakob Schwerdtfeger an. Vor einem Gemälde beginnt für viele Menschen nämlich nicht das Sehen, sondern die Einschüchterung: Man steht da, betrachtet einen Menschen mit seltsam langem Hals, eine Heilige mit goldener Aura oder ein Gewirr aus geometrischen Formen und wartet darauf, dass einem jemand erklärt, was man darin gefälligst erkennen soll. Kunst hat in unserer Gesellschaft einen eigentümlichen Status. Sie gilt als öffentlich zugänglich und bleibt zugleich sozial codiert. Jeder darf ins Museum, aber längst nicht jeder fühlt sich dort zu Hause. Schwerdtfeger hat diese Distanz erkannt und versucht, sie mit einem Mittel zu überwinden, das in der Kunstvermittlung noch immer ein wenig unter Verdacht steht: Humor.

Jakob Schwerdtfeger ist dafür eine ungewöhnliche, aber geradezu ideale Figur. 1988 in Hannover geboren, studierte er Kunstgeschichte und arbeitete anschließend längere Zeit als Kunstvermittler am Frankfurter Städel Museum. Ein Digitorial über Claude Monet, an dem er beteiligt war, erhielt den Grimme Online Award. Seit 2012 steht Schwerdtfeger auf Bühnen, zunächst auch als Freestyle-Rapper und Poetry-Slammer, inzwischen als Stand-up-Comedian. Er verbindet also zwei Welten, die sich auf den ersten Blick nur schwer miteinander vertragen: die akademisch institutionalisierte Kunstgeschichte und die populäre Unterhaltung. Heute vermittelt er Kunst auf der Bühne, in Podcasts, Videos und sozialen Medien; seine Kurzvideos erreichen nach Angaben des Verlags ein Millionenpublikum.


Joseph Roth: „Berliner Flair“

Joseph Roth kam nicht nach Berlin, um Berliner zu werden. Das ist der erste Satz, den man sich vor seinen Berliner Feuilletons stellen sollte. Er kam, weil Berlin Arbeit versprach, Zeitungen brauchte und weil ein Journalist, der von seiner Feder leben wollte, an der Spree bessere Aussichten hatte als anderswo. Die Stadt war ihm zunächst kein Schicksalsort, sondern ein beruflicher Zufall. Aber gerade aus diesem Zufall entstand eine der eigentümlichsten literarischen Beziehungen zwischen einem Schriftsteller und einer europäischen Metropole der zwanziger Jahre. Roth hat Berlin weder zum mythischen Sehnsuchtsort erhoben noch es, wie so manche späteren Berlin-Legenden, zum Schauplatz einer ununterbrochenen modernen Glückserfahrung verklärt. Er beobachtete die Stadt. Und zwar mit der Genauigkeit eines Mannes, der weiß, dass man einer Stadt umso genauer auf die Finger sehen muss, je weniger man in ihr zu Hause ist.

Der im BeBra Verlag erschienene Band Berliner Flair versammelt einige der schönsten Berlin-Texte Roths und führt damit in eine Stadt zurück, die uns inzwischen beinahe vertrauter geworden ist als den Menschen, die damals in ihr lebten. Denn unser Bild der 1920er Jahre ist längst von der nachträglichen Ikonographie der „Goldenen Zwanziger“ überformt: Charleston, Bubikopf, Kinopaläste, Warenhäuser, elektrische Reklame, Nachtleben, Avantgarde.


Walter Benjamin: „Berliner Kindheit um Neunzehnhundert“

Walter Benjamins Berliner Kindheit um Neunzehnhundert beginnt nicht mit einer Geburt, nicht mit einer Familie und auch nicht mit jener feierlichen Geste, mit der die Autobiographie gewöhnlich ihr Recht auf das eigene Leben anmeldet. Dieses Buch besitzt keinen Lebenslauf. Es besitzt Zimmer, Höfe, Straßen, Gegenstände, Gerüche, Namen und Geräusche. Ein Kind erinnert sich hier nicht an das, was ihm geschehen ist; die Welt erinnert sich durch das Kind an sich selbst. Darin liegt die eigentümliche Kühnheit dieses schmalen Textes. Benjamin verwandelt die Erinnerung nicht einfach nur in einen Blick zurück, sondern in ein Verfahren der Erkenntnis. Das Vergangene wird nicht rekonstruiert, es wird an seinen Resten sichtbar gemacht.

Die Herausgeberin der aktuellen Reclam-Ausgabe 2026 von Walter Benjamins vielleicht bekanntestem Text ist die Literatur- und Kulturwissenschaftlerin, Hochschullehrerin, Essayistin und Schriftstellerin Andrea Gnam; in ihrem Nachwort macht sie auf eine Überlegung Benjamins aus der Einbahnstraße aufmerksam, die einen besonders präzisen Schlüssel zu diesem Text liefert. Benjamin unterscheidet dort drei Ebenen des Textes: eine musikalische, die sich in Sprache, Rhythmus und Klang entfaltet; eine architektonische, die den Aufbau und die innere Ordnung betrifft; und eine textile, die aus einem Gewebe von Verknüpfungen und Verweisen besteht.


Eva Menasse: „Alleinruhelage“

Man bekommt gelegentlich Bücher auf den Tisch, bei denen man schon vor der ersten Seite weiß, was von einem erwartet wird. Man soll die Autorin würdigen, die Preise erwähnen, die literarische Bedeutung andeuten, ein paar gesellschaftliche Großwetterlagen darüberlegen und am Ende möglichst einen Satz finden, der auf dem Umschlag noch als Lob funktionieren könnte.

Eva Menasses „Alleinruhelage“ schien mir zunächst genau in diese Kategorie zu gehören. Ein Roman über eine Frau nach dem Ende ihrer Ehe, ein Haus am See, Gartenarbeit, Nachbarn, Erinnerungen, ein wenig deutsch-deutsche Geschichte und natürlich eine Wienerin, die seit Jahrzehnten in Berlin lebt: Das roch zunächst nach jener Sorte Gegenwartsliteratur, in der das Private so lange mit Bedeutung aufgeladen wird, bis auch der defekte Wasserhahn noch als Metapher für die gesellschaftliche Verfassung durchgeht.


Sinthujan Varatharajah: „Wo Zeit stehen bleibt — Vom Tourismus und seiner Gewalt“

Auf dem Tisch liegt ein Buch, dessen Titel zunächst fast harmlos klingt: „Wo Zeit stehen bleibt. Vom Tourismus und seiner Gewalt“. Erst der Untertitel verrät, dass hier nicht vom Reisen als Freizeitbeschäftigung die Rede sein soll. Es geht um Tourismus als eine Form des Sehens, des Besitzens und des Vergessens; um die eigentümliche Gewalt, die dort entstehen kann, wo Menschen einen Ort als Urlaubsziel betrachten, während andere mit eben diesem Ort eine Geschichte von Krieg, Vertreibung, Kolonialismus oder Verlust verbinden. Schon der Paratext des Buches setzt dabei ein Zeichen. Sinthujan Varatharajah wird als „Essayist*in“ und „politische*r Geograf*in“ bezeichnet, die Geschlechtszugehörigkeit also nicht in die vertrauten Kategorien von Mann und Frau übersetzt. Man könnte das als jene gegenwärtig beliebte Form literarischer Selbstinszenierung lesen, mit der ein Verlag sein Buch für ein queeres, urbanes und politisch sensibilisiertes Publikum interessant macht. Bei Varatharajah wäre eine solche Erklärung jedoch zu kurz gegriffen. Die nonbinäre Selbstpositionierung gehört seit Jahren zur öffentlichen Erscheinung der Person; sie ist nicht erst für dieses Buch erfunden worden.


Jamie Bartlett: „Wie man mit KI spricht (und wie besser nicht)“

Unsere Zeiten sind schnelllebig. Gerade wenn es um topaktuelle Themen geht — und dazu gehört definitiv das Thema KI —, so sind Bücher in der Regel nicht das geeignetste Medium zur Wissensvermittlung. Oft sind die Inhalte schon wieder veraltet, sobald das Buch gedruckt ist. — Doch das vorliegende Buch macht eine Ausnahme.

Jamie Bartlett gehört zu den bekanntesten britischen Tech-Journalisten. Wenn es um Künstliche Intelligenz (KI) geht, gehört der für die BBC arbeitende Journalist zu den ersten Adressen, an die man nach sich wenden würde, wenn man Fragen hat, die dieses Wissensgebiet betreffen. — Wie schön, dass nun sein in diesem Jahr im englischen Sprachraum erschienener Bestseller „How to speak to AI (and how not to)“ auch in deutscher Übersetzung erhältlich ist! — Worum geht es?!


Jasmin Lörchner und Eva Maria Schnurr (Hg.): „Das andere Mittelalter — Philosophinnen, Demokratie, Nachhaltigkeit: Wie die Menschen vor 1000 Jahren wirklich lebten und dachten“

Wenn wir an das Mittelalter denken, sehen wir selten das Mittelalter. Wir sehen eine Erfindung der Neuzeit: dunkle Burgen, Pest und Scheiterhaufen, fanatische Mönche, rohe Ritter, abergläubische Bauern, eine Welt aus Gewalt, Hunger und religiöser Angst. Zwischen dem Untergang der Antike und dem Auftritt der Renaissance scheint sich in dieser Vorstellung ein gewaltiger historischer Abgrund aufzutun. Die Menschheit fällt zurück, verliert Wissen und Vernunft, lebt ein Jahrtausend lang in geistiger Dämmerung — bis irgendwann die Renaissance die Fenster öffnet und wieder Licht in die Welt lässt.

Das ist eine schöne Geschichte. Nur hat sie mit der Geschichte wenig zu tun. Das Mittelalter war niemals so dunkel, wie es die späteren Jahrhunderte haben wollten. Es war auch nicht die kindliche Vorstufe einer Moderne, die bereits alle Maßstäbe für das Kommende in sich trug. Es war eine eigene Welt mit eigenen Formen des Denkens, Handelns und Zusammenlebens, mit Gewalt und Fürsorge, religiösem Eifer und intellektueller Neugier, starren Hierarchien und erstaunlichen Möglichkeiten sozialer Bewegung. Vor allem aber war es eine Welt voller Widersprüche.


Günter Karl Bose: „Legenden / Captions — Geschichten zu Fotografien. Essays“

Fotografien genießen seit ihrer Erfindung den Ruf, Wirklichkeit festzuhalten. Sie gelten als unmittelbare Zeugnisse dessen, was einmal gewesen ist. Doch dieser Glaube gehört zu den hartnäckigsten Illusionen der Moderne. Eine Fotografie zeigt vieles — und erklärt fast nichts. Sie hält einen Augenblick fest, verschweigt jedoch seine Vorgeschichte, seine Folgen und seine Bedeutung. Wer ein altes Foto betrachtet, sieht zunächst nur Lichtspuren aus einer vergangenen Zeit. Erst Sprache macht daraus Geschichte.

Mit dieser ebenso einfachen wie weitreichenden Einsicht beginnt der geistige Horizont von Günter Karl Boses Essayband Legenden / Captions – Geschichten zu Fotografien. Das Buch handelt nicht von der Fotografie als Kunstform, nicht von Kameratechnik und auch nicht von einer Geschichte des Mediums. Sein eigentlicher Gegenstand liegt in jener schmalen Zone zwischen Bild und Text, die gewöhnlich übersehen wird: der Bildunterschrift. Bose versteht sie nicht als nachträgliche Erläuterung eines bereits vollständigen Bildes, sondern als dessen eigentliche Voraussetzung. Fotografien sprechen nicht aus sich selbst. Sie erhalten ihre historische Aussagekraft erst durch den Kontext, den ihnen Namen, Orte, Daten und Erzählungen verleihen.


Franziska zu Reventlow: „Ellen“

Franziska zu Reventlows „Ellen Olestjerne“ gehört zu jenen Romanen, die ihre eigentliche Sprengkraft erst lange nach ihrem Erscheinen entfalten. Als das Buch 1903 veröffentlicht wurde, ließ es sich durchaus als Künstlerroman, als autobiographisch gefärbte Entwicklungsgeschichte oder als literarischer Beitrag zur damals heftig diskutierten „Frauenfrage“ lesen. Heute hingegen erscheint es als Dokument einer Epoche, in der sich die Fundamente bürgerlicher Lebensentwürfe bereits sichtbar zu verschieben begannen. Reventlow erzählt nicht einfach die Geschichte einer jungen Frau. Sie beschreibt die allmähliche Erosion einer Welt, deren Werte noch als selbstverständlich gelten, deren Überzeugungskraft jedoch längst brüchig geworden ist. Genau darin liegt die Modernität dieses Romans: Er handelt weniger von einer Rebellion als von einem Erwachen. Seine Heldin entdeckt nicht die Freiheit — sie entdeckt zunächst, dass das, was man ihr als Natur, Moral oder Bestimmung verkauft hat, nichts anderes ist als eine gesellschaftliche Konstruktion.


Gunna Wendt: „Frauen von morgen — Die Schwestern Richthofen im Kreise der Bohème“

Es gehört zu den eigentümlichen Gewohnheiten der Geschichte, dass sie ihre Erinnerungen nachträglich ordnet. Sie bewahrt Namen auf, verwirft andere, erhebt manche Menschen zu Symbolfiguren und lässt andere in den Fußnoten verschwinden, obwohl gerade sie das geistige Klima ihrer Zeit vielleicht präziser verkörperten als jene, die später Denkmäler erhielten. Historisches Erinnern folgt selten den Maßstäben historischer Bedeutung. Es folgt Erzählungen. Es bevorzugt Helden, Genies und Katastrophen. Dazwischen aber existieren jene Biographien, in denen sich eine Epoche gleichsam beiläufig ausspricht. Sie sind keine Randnotizen der Geschichte, sondern ihre empfindlichsten Seismographen. Zu diesen Biographien gehören Else und Frieda von Richthofen.

Der Name Richthofen ist bis heute von einem anderen Mythos besetzt. Fast unwillkürlich denkt man an den „Roten Baron“, an die Luftkämpfe des Ersten Weltkriegs, an jene Verbindung aus aristokratischem Selbstverständnis, technischem Fortschritt und militärischer Romantik, die das wilhelminische Deutschland noch immer begleitet wie ein hartnäckiger Schatten.


Samra Kljajic: „Femme fatale — Die weibliche Macht im Schatten der Geschichte“

Geschichte kennt keine Stimmen. Sie kennt Überlieferungen. Das Vergangene spricht nicht selbst; es wird zum Sprechen gebracht — durch Archive, Auswahl, Erinnerung und durch die Gegenwart, die in die Ruinen der Vergangenheit hinabsteigt, um dort Antworten auf ihre eigenen Fragen zu suchen. Jede Geschichtsschreibung erzählt deshalb niemals nur, was gewesen ist. Sie erzählt auch, wer wir sind und wonach wir suchen.

Samra Kljajics Buch Femme fatale — Die weibliche Macht im Schatten der Geschichte erscheint in einer Zeit, in der die Vergangenheit selbst zum Gegenstand gesellschaftlicher Auseinandersetzungen geworden ist. Die Frage, welche Menschen, Gruppen und Erfahrungen im historischen Gedächtnis sichtbar werden, ist längst nicht mehr allein eine Angelegenheit der Fachwissenschaft. Sie berührt Fragen nach Identität, politischer Selbstverständigung und kultureller Deutungshoheit. Geschichte ist nicht nur ein Archiv des Gewesenen — sie ist ein Spiegel, in dem Gesellschaften ihre eigenen Wertvorstellungen erkennen.


Jens Wietschorke: „Chronist der wilden Jahre — Mit Siegfried Kracauer durch die Weimarer Republik“

Kaum eine Epoche der deutschen Geschichte ist mit so vielen Bildern überlagert worden wie die Weimarer Republik. Vor dem inneren Auge tauchen schillernde Revuetheater auf, verrauchte Caféhäuser, Charleston tanzende Paare, expressionistische Straßenschluchten, politische Straßenschlachten und jene eigentümliche Mischung aus fiebriger Aufbruchsstimmung und latenter Untergangsahnung, die im Rückblick zum Markenzeichen der zwanziger Jahre geworden ist. Doch historische Wirklichkeit erschöpft sich selten in ihren ikonischen Bildern. Sie verbirgt sich oft in den unscheinbaren Gesten des Alltags, in den Routinen einer Gesellschaft, in ihren Schaufenstern, Bahnhöfen, Kinos, Hotels oder Warenhäusern. Genau dort setzte der Blick Siegfried Kracauers an. Jens Wietschorkes „Chronist der wilden Jahre — Mit Siegfried Kracauer durch die Weimarer Republik“ folgt diesem Blick mit bemerkenswerter Konsequenz.


Shelly Kupferberg: „Stunden wie Tage“

Die Erinnerung an die nationalsozialistische Vergangenheit hat in der deutschen Literatur viele Formen gefunden. Sie hat sich in Familienromanen artikuliert, in Dokumentationen, in literarischen Rekonstruktionen und in Erzählungen über die zweite und dritte Generation nach der Shoah. Mit „Stunden wie Tage“ wählt Shelly Kupferberg einen Weg, der weder die großen historischen Linien noch die spektakuläre Biografie ins Zentrum rückt. Ihr Interesse gilt einer Figur aus dem Hintergrund: Martha, einer Frau, deren Leben im Berliner Alltag zunächst unscheinbar erscheint und gerade dadurch zu einem literarischen Zugang zur Geschichte wird.

Martha ist Hausbesorgerin in einem Berliner Mietshaus. Sie kennt die Bewohner, die Geräusche des Hauses, die wechselnden Stimmungen in den Wohnungen. Was zunächst wie die Beschreibung einer gewöhnlichen Existenz wirkt, erweist sich als Ausgangspunkt einer Geschichte, in der sich die politischen Erschütterungen des 20. Jahrhunderts im Privaten spiegeln. Das Mietshaus wird zum Schauplatz einer Entwicklung, in der Nachbarschaften zerbrechen, Menschen verschwinden und die staatlich organisierte Verfolgung der jüdischen Bevölkerung in die alltäglichen Beziehungen eindringt.