kulturbuchtipps.de

Rezensionen von Büchern aus den Kultur- und Geisteswissenschaften

Aktuelle Rezensionen

kulturbuchtipps.de veröffentlicht regelmäßig Rezensionen zu neuen Büchern aus den Kultur- und Geisteswissenschaften.

Bereits 1802 hatte August Wilhelm Schlegel eine sehr dezidierte Meinung, was Neuerscheinungen betrifft… – Wir betrachten es daher als eine wichtige kulturelle Aufgabe, die Spreu vom Weizen zu trennen und Ihnen hier die wichtigsten und lesenswerten Sachbücher aus der geradezu unüberschaubaren Menge an Neuerscheinungen auf dem deutschen Buchmarkt vorstellen.


Hier sehen Sie eine kurze Zusammenfassung der aktuellen Rezensionen bei kulturbuchtipps.de:


Gerhard Staguhn: „Der Penis-Komplex – Eine Analyse: biologisch, geschlechtlich, psychologisch, persönlich“

Ein Mann packt aus. — Schon ist beim Leser das Kopfkino in Gang gesetzt. Sollte der Autor etwa wirklich…?

Gerhard Staguhn ist studierter Germanist und Theologe, hat jahrelang für das Feuilleton der FAZ geschrieben und verfasste mehrere Bücher zu naturwissenschaftlichen und religiösen Themen, vor allem für jugendliche Leser. Nun also ein Buch über „des Mannes bestes Stück“. Ist es auch wieder ein Buch für Jugendliche? — Nein, zumindest nicht in erster Linie; denn der kleine Freund, der dem Mann anhänglich ist (und an dem jeder Mann so sehr hängt) ist aus der Menschheitsgeschichte nicht wegzudenken.

Denn er (Er) ist nicht nur für die menschliche Fortpflanzung wesentlich, sondern hat Kultur- und Weltgeschichte geschrieben! Ende: nicht absehbar. Wenngleich der Einfluss des Penis´ auf den Weltenlauf in letzter Zeit merklich schwindet.


Maria Zinfert (Hg.): “Kracauer Fotoarchiv”

In seinem Essay “Die Photographie” schrieb Siegfried Kracauer 1927: „Die Photographie erfaßt das Gegebene als ein räumliches (oder zeitliches) Kontinuum, die Gedächtnisbilder bewahren es, insofern es etwas meint.“ Was sind Gedächtnisbilder? – Kracauer versteht darunter lückenhafte Bilder, die eben nicht den gesamten räumlichen oder zeitlichen Verlauf miteinbeziehen, sondern das Wesentliche, das für das Gedächtnis Relevante hervorheben. Gedächtnisbilder sind nur dann von Bedeutung, wenn sie wahr sind, und wahr sind sie nur dann, wenn in ihnen die ganze Geschichte der gezeigten Person in einem einzigen Bild erzählt wird: Ja, das ist die Großmutter, wie wir sie kannten! Genau so war sie gewesen! – Ein Bild, das trifft, wird zu einem Gedächtnisbild.

In seinem wohl bekanntesten Essay über das „Ornament der Masse“ ging es Kracauer um die Analyse von „unscheinbaren Oberflächenäußerungen“. Die Oberfläche, das Oberflächliche, war ihm nicht nur das Offensichtliche, sondern ein Zugang zum Inneren der Dinge, zu ihrem Dahinter. Was im Kern sich anders darstellen mag, was seinem Gehalt nach gestaltet und geformt ist, wird oft durch eine glänzende und unscheinbare Oberfläche kaschiert. Denken wir an unsere heutige Werbe- und Warenwelt, so kann man auch von einer hübschen Verpackung sprechen, die uns darüber hinwegtäuschen soll, dass wir es mit ganz anderswertigen Dingen oder Inhalten zu tun haben, als die Verpackung uns glauben machen soll.


Heinrich Geiselberger (Hg.): Die große Regression — Eine internationale Debatte über die geistige Situation der Zeit“

„Hic sunt leones“ (hier leben die Löwen): Mit diesen Worten markierten Kartographen jene unbekannten, weißen Flecken auf ihren Landkarten. Keiner wusste, wie es dort aussah und wer dort lebte. Solche weißen Flecken auf den Landkarten weiten sich seit einigen Jahren aus; es sind keine unbekannten Länder, sondern Regionen ohne Staatlichkeit, die durch Krieg und Terror ihrer staatlichen Strukturen beraubt worden sind. Syrien, Irak, und Afghanistan sind solche Länder, die im normalen Sinne schon längst keine funktionierenden Staaten mehr sind. Aus jenen Ländern und aus vielen Regionen Afrikas fliehen die Menschen, und ihre Migrationsbewegungen bringen in Europa in Handlungsnot. Denn nicht nur Krieg und Terror, sondern auch die globalen Auswirkungen des Neoliberalismus führen zu massenhafter Migration.

„Der Unmut über den Neoliberalismus und seine Krise kann unterschiedliche politische Formen annehmen. Manifestierte sich der Protest aufseiten der Linken oftmals in Form von gut vernetzten sozialen Bewegungen, so entstanden aufseiten der Rechten […] neue Parteien, andere wurden von Grund auf umgestaltet.“ So beschreibt die italienische Politikwissenschaftlerin Donatella della Porta die Situation: „Der Eindruck, wir erlebten eine große Regression, beruht auf Ereignissen, die im britischen Brexit und im Sieg Donald Trumps bei den Präsidentschaftswahlen gipfelten.“


Philipp Blom: „Gefangen im Panoptikum – Reisenotizen zwischen Aufklärung und Gegenwart“

Das Panoptikum ist eine englische Erfindung. Jeremy Bentham machte sich im 19. Jahrhundert Gedanken über Gefängnisse. Die optimale Gefängnis-Architektur ermöglichte die bestmögliche Überwachung der größtmöglichen Zahl von Gefangenen. Bentham nannte seine Erfindung passender Weise „Panoptikum“.

Es wurden nicht viele Panoptiken gebaut, und noch weniger Exemplare sind heute noch erhalten. Philipp Blom hat ein solches Panoptikum auf Kuba entdeckt, es ist das halb zerfallene Presidio Modelo, in dem einst auch Fidel Castro einsaß, bevor er die Kubanische Revolution initiierte.

Die in einem weiten Rund angeordneten Zellen waren zum Mittelpunkt des Kreises hin offen und nur durch Gitter gesichert. In der Mitte dieses weiten Kreises stand ein Wachturm, der durch einen unterirdischen Gang zugänglich war und von dem aus ein unsichtbarer Wächter jederzeit in alle Zellen schauen und deren Insassen kontrollieren konnte.


Harald Welzer: „Wir sind die Mehrheit – Für eine Offene Gesellschaft“

Denn wir leben in einer Zeit des „Post-„, in einer Zeit, die ihre großen Visionen verloren hat und nur noch das schwache Nachglimmen der jeweiligen Anti-Bewegungen zu registrieren vermag. Es ist kühl geworden in den trockenen Gefilden der Intellektuellen, und leidenschaftliche Charaktere wie Welzer werden mit Skepsis betrachtet. Denn von jenen gibt es neuerdings wieder eine ganze Reihe: Man findet sie nur leider viel häufiger am falschen Ende des politischen Spektrums, bei den Rechtspopulisten und den Neurechten, für die „Demokratie“, „Freiheit“, „Europa“ und „Pluralismus“ Schimpfwörter sind.

Diese Wahrnehmung mag jedoch täuschen, da die radikalen und rassistischen Ausfälle der Populisten deutlich präsenter in den Medien präsentiert und kommentiert werden, als die Äußerungen der vernünftigen und besonnenen Mehrheit.

Plötzlich kriechen ihre kruden Ideen und Ideologien wieder wie blasse Kröten aus jenen abgelegenen braunen Sümpfen hervor, die man seit Jahrzehnten abgeschrieben hatte und trockengelegt zu haben glaubte. Jetzt sind sie wieder da, die Werwölfe im Schafspelz, doch das rassistisches Heulen von damals hat sich mithilfe von viel Kreide in ein geschmeidiges populistisches Stimmchen verwandelt, das mit Leichtigkeit die Schäfchen um sich sammelt.


Oliver Ruf, Verena Hepperle, Christof Hamann (Hg.): „Wie aus Theorie Praxis wird — Berufe für Germanisten in Medien, Kultur und Wissenschaft“

Frei nach Friedrich Schiller könnte man die Frage stellen: „Was heißt und zu welchem Ende studiert man Literaturwissenschaft?“ Den ersten Teil der Frage wird sich jeder leicht selbst beantworten können, der diesen Studiengang gewählt hat; interessant wird jedoch die Beantwortung des zweiten Teils.

Es mag Leute geben, die ein Studienfach ganz im Sinne eines „l’art pour l’art“ um seiner selbst willen studieren. Meistens ist es jedoch so, dass man neben dem eigentlichen Erkenntnisgewinn auch gewisse berufliche Absichten mit einem Studium verbindet: sei es der Erwerb einer größeren Fachkompetenz, die es einem nach dem Abschluss des Studiums ermöglichen soll, im Beruf auf interessante Positionen vorzurücken, sei es der Berufswechsel, der mit einem solchen Studium angestrebt wird.

Das vorliegende Buch „Wie aus Theorie Praxis wird“ setzt genau an diesem Punkt an und versucht Germanisten den beruflichen Einstieg nicht nur schmackhaft zu machen, sondern auch zu erleichtern.


Hanns Zischler: “Kafka geht ins Kino”

Kafka und das Kino. Die Faszination war einfach zu groß. Das Wunder der bewegten Bilder zog den jungen Schriftsteller schon früh in seinen Bann. Welch starken Effekt die Kinobilder auf die damaligen Zuschauer gehabt haben müssen, können wir uns heute nur schwer vorstellen. Wir leben in einer von Bildern überfluteten Welt und kennen es nicht anders.

Seitdem Kafkas Texte dank ihrer Rettung und Bewahrung durch Kafkas Freund Max Brod an die Öffentlichkeit gelangten, wird Kafka in der Literaturwissenschaft rauf und runter dekliniert. Alle Texte Kafkas werden immer wieder analysiert, und alle Facetten des Autors scheinen ausgeleuchtet, und trotzdem hat Hanns Zischler mit seinem Kino-Kafka einen ganz eigenen Beitrag zur Kafka-Forschung geleistet, der auch von der Wissenschaft wahrgenommen und aufgegriffen wurde.

Im Jahr 1909 begann Kafka mit dem Tagebuchschreiben, und sein erster Eintrag lautete: „Die Zuschauer erstarren, wenn der Zug vorbeifährt.“ Diese Notiz bezog sich auf den kurzen Stummfilm Die Ankunft eines Zuges auf dem Bahnhof von La Ciotat, aus dem Jahre 1896. Was schon in diesem ersten Satz deutlich wird, ist Kafkas natürliche Beobachtungsgabe: Nicht er selbst erstarrt, als er den Zug auf der Leinwand auf sich zufahren sieht, sondern er registriert, wie die anderen Zuschauer um ihn herum erstarren, wie sie auf das Phänomen des Kinofilms reagieren.


Gernot Böhme: „Ästhetischer Kapitalismus“

Es gab mal eine Zeit, in der die Aufgabe der Wirtschaft in erster Linie darin bestand, die Bedürfnisse der Menschen zu befriedigen: Nahrung, Kleidung, Wohnen und ein wenig Freizeitgestaltung waren die Bereiche, für die produziert wurde. Nur die Ältesten unter uns dürften sich an diese Zeit des Mangels nach dem Krieg noch erinnern. Schon in den 1950er Jahren jedoch erlebte Deutschland ein Wirtschaftswunder; es wurde so viel produziert, dass nicht nur der einheimische Markt gesättigt war, sondern Deutschland als Exportweltmeister die ganze Welt mit deutschen Waren beglücken konnte.

Schnell sprach man von einer Überflussgesellschaft oder von einer Wohlstandsgesellschaft, in die sich das Land binnen weniger Jahre verwandelt hatte. Seitdem geht es nicht mehr vorrangig um das Stillen lebensnotwendiger Bedürfnisse, sondern um das Wecken von Begehrnissen, wie Gernot Böhme es nennt.

Die deutsche Wirtschaft, das gegenwärtige kapitalistische System, folgt unbeirrt dem Paradigma des Wachstums. Nur indem die Wirtschaft permanente Zuwächse generiert, kann der Wohlstand erhalten und ausgebaut werden, so das Mantra der Wirtschaft und die Vorgabe für alle politischen Entscheidungen.


Peter Walther: „Hans Fallada – Die Biographie“

Noch eine Fallada-Biographie? Diese Frage stellt sich in der Tat, weil mit der Biographie von Jenny Williams – 2002 ebenfalls im Aufbau-Verlag erschienen –bereits eine hervorragende Arbeit vorliegt. Dennoch ist diese neue Biographie von Peter Walther jener von Williams aus mehreren Gründen vorzuziehen.

Zum einen ist gerade in den vergangenen Jahren eine Reihe von neuen Dokumenten aufgetaucht, die Falladas Leben und Werk teilweise in ein neues Licht rücken; zum anderen ist Walthers Biographie deutlich umfangreicher und gewichtet die einzelnen Lebensstationen anders. Es mag nicht zuletzt vielleicht auch der Tatsache geschuldet sein, dass Williams a) als Frau und b) als Irin den Stoff, aus dem das Leben gewoben wird, anders behandeln als ein männlicher Biograph.

Selbstverständlich besitzt auch Jenny Williams entsprechende Qualifikationen; als ausgebildete Germanistin arbeitete sie viele Jahre als Associate Professor an der Dublin City University mit dem Schwerpunkt Übersetzungswissenschaft und hat viele Aufsätze zu Leben und Werk Hans Falladas veröffentlicht.


Deborah Vietor-Engländer: „Alfred Kerr – Die Biographie“

Die Schwester der Autorin, Shulamit Engländer Amir, wurde mit zwölf Jahren durch einen Kindertransport von Prag ins englische Exil gebracht und gerettet. Sie empfahl der jüngeren Schwester die Lektüre des Jugendromans „Als Hitler das rosa Kaninchen stahl“ (1971) von Kerrs Tochter Judith. Dadurch inspiriert, begann sich die renommierte Literaturwissenschaftlerin mit dem Leben und Werk von Alfred Kerr.

Judith Kerr beschrieb das Leben ihres Vaters Alfred und die Flucht der Familie in jenem Roman auf eine Art und Weise, die die Autorin stark an ihren eigenen Vater Otokar Engländer und an seine Erzählungen erinnerte. Beide Männer teilten in London dasselbe Schicksal des ungewollten Exils. Über die Beschäftigung mit Alfred Kerr, das Studium seiner Briefe und Aufzeichnungen lernte die Autorin auch ihren eigenen Vater und seine Lebensverfassung im Exil besser verstehen. Daher verwundert es nicht, dass die Beschreibungen der Exil-Situation, der „Sprachlosigkeit“ in einem fremdsprachigen Land sowie der permanent zwischen Hoffnung und Verzweiflung pendelnden Gemütsverfassung der deutschen Exilanten zu den stärksten und eindrücklichsten Passagen dieser großen Biographie zählen. Die Autorin gab diesem letzten Abschnitt der Kerr-Biographie den treffenden Titel „Der Sturz ins Nichts“.


Quentin Bajac, Lucy Gallun u. a. (Hg.): “Die große Geschichte der Photographie. Die Moderne: 1920 bis 1960“

Ohne Übertreibung darf man feststellen, dass sich im New Yorker MoMA (Museum of Modern Art) die weltweit wohl wichtigste Fotosammlung befindet. Sie ist eine wahre Fundgrube von ikonischen Meisterwerken der Photographie, und es lassen sich in ihr auch immer wieder neue und überraschende Entdeckungen machen. Schon in den 1930er Jahren begann man hier, photographische Kunst zu sammeln und in Ausstellungen zu zeigen.

Wenn ein so grundlegendes Buchprojekt wie „Die große Geschichte der Photographie“, die auf insgesamt drei umfangreiche Bände ausgelegt ist, sich auf die Sammlungen des MoMA New York stützt, so hat es die richtige Wahl getroffen, weil sich in eben jenen Sammlungen nahezu alle Inkunabeln der Photographie-Geschichte finden lassen.

Der vorliegende zweite Band, der nach dem Band III (1960 bis heute) als zweiter der Trilogie erscheint, beschreibt die Geschichte der Photographie in den entscheidenden Jahren von 1920 bis 1960. Der dritte und letzte Band (1839 bis 1920) wird aller Voraussicht nach im Laufe dieses Jahres (2017) erscheinen.


Suche




Autoren und Verleger

Kategorien

Feed abonnieren

Links


Empfehlungen