kulturbuchtipps.de

Rezensionen von Büchern aus den Kultur- und Geisteswissenschaften

Aktuelle Rezensionen

kulturbuchtipps.de veröffentlicht regelmäßig Rezensionen zu neuen Büchern aus den Kultur- und Geisteswissenschaften.

Bereits 1802 hatte August Wilhelm Schlegel eine sehr dezidierte Meinung, was Neuerscheinungen betrifft… – Wir betrachten es daher als eine wichtige kulturelle Aufgabe, die Spreu vom Weizen zu trennen und Ihnen hier die wichtigsten und lesenswerten Sachbücher aus der geradezu unüberschaubaren Menge an Neuerscheinungen auf dem deutschen Buchmarkt vorstellen.


Vorschau

Die folgenden Bücher werden in Kürze rezensiert:

Voltaire: “Über Toleranz”

Detlef Bluhm (Hg.): “Bücherdämmerung – Über die Zukunft der Buchkultur”

Gunter Weidenhaus: “Soziale Raumzeit”

Henri Bergson: “Materie und Gedächtnis”

Kurt Schwitters: “Auguste Bolte (eine Doktorarbeit)*”

Heinrich Kaulen, Christina Gansel (Hg.): “Literaturkritik heute”

Zadie Smith: “Sinneswechsel – Gelegenheitsessays”

Horst D. Brandt (Hg.): “Disziplinen der Philosophie”

Rudyard Kipling: “Die späten Erzählungen”

Johannes Hübner: “Einführung in die theoretische Philosophie”

Anton Grabner-Haider, Klaus S. Davidowicz, Karl Prenner: “Kulturgeschichte des 19. Jahrhunderts”

Thomas Piketty: “Das Kapital im 21. Jahrhundert”

Mathias Schreiber: “Würde – Was wir verlieren, wenn sie verloren geht”

 


Hier sehen Sie eine kurze Zusammenfassung der aktuellen Rezensionen bei kulturbuchtipps.de:


Walter Benjamin: “Ausgewählte Werke in fünf Bänden”

In dieser Auswahl aus dem umfangreichen Oeuvre des Philosophen, Philologen und Kulturwissenschaftlers Walter Benjamin finden sich alle wichtigen Werke, zumindest auszugsweise, wieder. Beginnend mit seiner Dissertation “Der Begriff der Kunstkritik in der Romantik”, “Goethes Wahlverwandtschaften”, “Ursprung des deutschen Trauerspiels”, viele literaturwissenschaftliche und medienästhetische Texte, metaphisisch-geschitsphilosophische Abhandlungen, populäre Publikationen wie die “Berliner kindheit um neunzehnhundert” oder die “Einbahnstraße” sowie natürlich seine bekanntesten Texte wie “Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reprouzierbarkeit” und das unvollendete “Passagen-Werk”.

Die hier versammelten Texte stammen aus der kritisch-revidierten Gesamtausgabe der Werke Walter Benjamins im Suhrkamp-Verlag – mit dem kleinen, jedoch leider nicht unbedeutenden Unterschied, dass alle Kommentare und Fußnoten weggelassen wurden.


Eva Menasse: “Lieber aufgeregt als abgeklärt. Essays”

Der Diskurs ist für Eva Menasse „jenes vielstimmige, oft nervige Meinen und Streiten, in dem eine offene Gesellschaft ihre Übereinkünfte und Frontlinien, Tabus und Dringlichkeiten überprüft und verändert“. Es ist die Aufgabe des Schriftstellers, an diesem Diskurs aktiv teilzunehmen und mit seiner Meinung nicht hinter dem Berg zu halten.

Dieses teilnehmende Handeln schließt auch immer das potentielle Scheitern und eine spätere Revision der eigenen Standpunkte mit ein. Nicht selten ist es auch die eigene Gegeninstanz im Kopf, welche auch die Autorin sehr gut kennt und die schon beim Schreiben die eigene Meinung zu widerlegen droht. Wenn dann doch einmal ein Meinungsartikel ohne Gegenpositionen fertig ist, so grenzt dies schon an ein kleines Wunder.

Entscheidend ist jedoch immer die subjektive Stellungnahme des Schriftstellers sowohl zu aktuellen als auch zu zeitübergreifenden politischen und gesellschaftlichen Themen. Kollegen, die sich rein auf ihr literarisches Werk konzentrieren und sich nicht an öffentlichen Debatten beteiligen (wollen), kommen Eva Menasse vor „wie Kinder, die nie mitspielen wollen, weil man ja auch einmal verlieren könnte“. Wenn einem jedoch die öffentliche Meinung zu einem bestimmten Thema so falsch erscheint, dass man gar nicht anders kann, als dagegen anzuschreiben, erst dann gelangt man als Schreibende an einen Punkt, an dem jener „unausweichliche Akt der Selbstbehauptung“, jene öffentliche Stellungnahme, letzten Endes auch zu einem Gefühl der Genugtuung führen muss.


Aleida Assmann: “Im Dickicht der Zeichen”

Aleida Assmann gilt als eine der bedeutendsten Kulturwissenschaftlerin unserer Zeit. In diesem Sammelband sind nun endlich auf Anregung des Suhrkamp Verlags zahlreiche verstreute Aufsätze und Beiträge Assmanns zusammengetragen worden, die sich mit medien- und kulturwissenschaftlichen Fragestellungen beschäftigen. Zusammen bilden sie, wie Aleida Assmann selbst im Vorwort schreibt, das „auf der Strecke gebliebene Buch“, in dem sie eine „Studie über Gebrauch, Herstellung und Deutung von Zeichen in wechselnden historischen und kulturellen Kontexten“ vorlegt.

Aus der Aby-Warburg-Tradition kommend, hatte sich Assmann schon in den sechziger Jahren, als an den deutschen Unis die K-Gruppen aktiv und der Marxismus en vogue war, einer neuen historischen Kulturwissenschaft verschrieben, die ihre Impulse vor allem durch Michel Foucault bekam. Sein Buch „Die Ordnung der Dinge“ erschien 1972 in deutscher Übersetzung und wurde für die junge Studentin der Anglistik und Ägyptologie zur Blaupause einer neuartigen Form der historisch verstandenen Beschäftigung mit kultur- und humanwissenschaftlichen Dispositiven.


Uwe Timm: Montaignes Turm. Essays”

Es ist das kleine Turmzimmer seines Schlosses, in das sich Michel de Montaigne zurückzog, umgeben von den Büchern seiner Bibliothek, und in dem er, bisweilen aus dem Turmfenster in den Garten schauend, auf die reise zu sich selbst aufbrach und seine Gedanken als kleine „Versuche“ niederschrieb. Damit begründete Montaigne eine neue Textsorte, die bis heute zu den edelsten Gewächsen der Literatur gehört: den Essay.

Jetzt ist ein Essayband von Uwe Timm erschienen, der, nach dem ersten Essay benannt, den Titel „Montaignes Turm“ trägt. In diesem kleinen, nicht einmal 190 Seiten umfassenden, handlichen Büchlein mit Lesebändchen sind zehn Essays versammelt, die sich alle, mehr und weniger, mit Literatur, Kunst und Kultur beschäftigen.

Wenn eingangs behauptet wurde, dass die Textsorte Essay zum Edelsten gehört, was ein Schriftsteller zu produzieren vermag, so muss natürlich eine wichtige Einschränkung gemacht werden: Die Qualität eines Essays steht und fällt selbstverständlich mit dem Talent des Autors; kann der Mensch nicht schreiben, wird er auch keinen vernünftigen Essay zustande bringen, den zu lesen Vergnügen bereitet.


Peter Schneider: “An der Schönheit kann´s nicht liegen…”

Nein, Berlin ist wahrlich keine Schönheit! Das Aschenputtel unter den europäischen Hauptstädten kann weder auf eine lange glorreiche Geschichte zurückblicken, noch mit der reichen und erhabenen Architektur vergangener Jahrhunderte punkten; Berlins Skyline ist im Vergleich zu Chicago oder Frankfurt ein Witz, der Funkturm ist eine kleine Kopie des Pariser Eiffelturms, Berlin hat keine Küstenlinie, kein Bankenviertel, keine Prachtboulevards. In Berlin ist alles eine Nummer zu klein, zu piefig. Die berühmte „Berliner Schnauze“ kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass selbst hinter einer schicken Fassade keine echte Substanz steckt; und um diesen offensichtlichen Makel zu kaschieren, hält sich der Berliner an das, was er am besten kann: sich in die eigene Tasche lügen.

Umso eifriger wird in Berlin seit jeher das Prädikat “Weltstadt” im Munde geführt, in einem Munde, der oft zu laut und vorlaut seine Meinung herausposaunt, obwohl ihn niemand nach seiner Meinung gefragt hat. – Schön, reich, edel, kulturelle Avantgarde, technologischer Entwicklungsstandort: all dies ist Berlin nicht. “An der Schönheit kann´s nicht liegen”, konstatiert Peter Schneider darüber hinaus in seinem gleichnamigen Buch. Aber was ist es dann, was Berlin in den Augen von vielen Millionen Besuchern pro Jahr so anziehend macht?

Warum ist Berlin sexy? Zum einen ist es natürlich die Tatsache, dass in Berlin alles billig ist. In keiner anderen europäischen Hauptstadt kann man sich für zehn bis zwanzig Euro satt essen und/oder besaufen; Berlin kennt keine Polizeistunde, und auch morgens um vier ist jeder Club bequem mit den öffentlichen Verkehrsmitteln zu erreichen. Doch das allein reicht nicht aus, meint Peter Schneider. Berlins Attraktivität liegt auch und in erster Linie in seiner Vergangenheit, im Faszinierenden, Weltgeschichtlichen und im Monströsen:


Slavoj Zizek: “Blasphemische Gedanken. Islam und Moderne”

Nach den Anschlägen auf Charlie Hebdo im Januar 2015 ist der richtige Moment gekommen, um über die Ursachen und Hintergründe nachzudenken, meint der berühmte slowenische Philosoph und Kulturkritiker Slavoj Zizek, einer der wichtigsten Denker unserer Zeit. Genau das hat er getan und jetzt den kurzen, aber ungeheuer gehaltvollen Essay “Islam and Modernity: Some Blasphemic Reflexions” geschrieben, der auf deutsch im Ullstein-Verlag erschienen ist.

Den “Akt des Denkens mit der Hitze des Augenblicks in Einklang” zu bringen, ist keine leichte Aufgabe. Nahezu täglich werden wir in den Medien mit neuen Gräueltaten des IS konfrontiert. Die öffentlichen Enthauptungen, Massenvergewaltigungen und Folter von Ungläubigen zeigen einen scheinbar blindwütigen Terror und menschenverachtende Orgien der Gewalt in bislang ungekanntem Ausmaß. Allzu voreilig wird der Islamische Staat lediglich als ein verbrecherisches Vorhaben abgetan, die Menschen gewaltsam unter die Knechtschaft eines vormodernen Gottesstaates zu zwingen; doch Zizek zeigt in seinem Essay, dass die Realität viel komplexer und die Zusammenhänge viel naheliegender sind.

Das “Spektakel vom 11. Januar 2015″, wie er es nennt, der gemeinsame Schulterschluss der westlichen Staatsmänner auf der Trauerfeier für die Opfer der Anschläge auf Charlie Hebdo, sei ein “Bild der Heuchelei” gewesen. Mit “Wladimir Putin, Netanjahu & Co.” hätten genau jene Oberhäupter miteinander “geturtelt, die für den Schlamassel verantwortlich sind, in dem wir stecken”.


Nicola Steffen: “Porn Chic – Die Pornifizierung des Alltags“

Die westliche Kultur ist komplett sexualisiert. Was in den Siebziger und Achtziger Jahren noch als audiovisuelle Ausdrucksform einer Parallelgesellschaft galt – der Pornofilm als Produkt einer gesellschaftlichen Randzone, der Porno-Industrie – ist heute zum intrinsischen Merkmal unserer Kultur mutiert. Heute gibt es den „Porn Chic“, und das Werturteil „porn“ hat, wie „cool“ oder „krass“, längst Einzug in die jugendliche Alltagssprache gehalten.

Was ist mit einer Gesellschaft los, die keinen Unterschied mehr macht zwischen Kultur und Porno? Die Porno als integralen Bestandteil der eigenen Kultur versteht und die offene Zurschaustellung von Geschlechtsteilen, masturbatorischen Bewegungen und obszöner Sprache als Befreiung feiert bzw. längst als selbstverständlich und als keines weiteren Kommentars mehr nötig ansieht?

Nicola Steffen hat für ihre Dissertation über den „Porn Chic“ über 1.000 Clubflyer analysiert und dabei festgestellt, wie tief die Porno-Ästhetik in unserer Gegenwartskultur verankert ist. Nicht nur in der Werbung und in der Pop-Kultur sind Sex und Porno zum neuen Standard geworden, sondern vor allem die rapide Ausbreitung der sozialen Medien sowie die technologische Evolution des Internets haben zu einem steilen Anstieg der pornifizierten Inhalte einerseits und zu einem steilen Absturz der Erregungskurven andererseits geführt.


Christian Keysers: „Unser empathisches Gehirn – Warum wir verstehen, was andere fühlen“

Vielleicht wird man in wenigen Jahren spöttisch auf die „Spiegelneuronen“ zurückblicken und diese Theorie menschlicher Empathie belächeln; aber das Bild eines neuronalen Spiegelns ist hübsch und leicht verständlich, weshalb man sich seiner bedienen sollte, solange man keine bessere Erklärung für empathisches Verhalten gefunden hat.

Christian Keysers hat nun ein ganzes Buch über das Phänomen menschlicher Empathie geschrieben, das unlängst als Taschenbuch bei btb herausgekommen ist. Keysers darf das, denn er besitzt die nötige Kompetenz: Als Hirnforscher mit internationaler Reputation beschäftigt er sich seit Jahren mit dem Spiegelneuronenkonzept; so konnte er zeigen, dass sich jenes Konzept auch auf unser Verständnis der Emotionen anderer anwenden lässt.

 


Ian McEwan: “Kindeswohl”

Fiona ist Richterin am High Court in London. Ihr Spezialgebiet sind Kinder. Kinder in Not, in zerrütteten Familien, in interreligiösen Konflikten, in Grenzsituationen. Als Unmündige sind Kinder die ersten Opfer ehelicher oder familiärer Auseinandersetzungen. Ist es erlaubt, für einen 17-jährigen, an Leukämie leidenden Jungen, dessen Eltern Zeugen Jehovas sind, die Behandlung mit Bluttransfusionen zu erzwingen, um sein Leben zu retten?

Oder wie steht es mit dem Fall jener beiden Mädchen, die im Norden Londons bei den Charidim, ultraorthodoxen Juden, leben und nicht nur in ihren Mobilitätsrechten eingeschränkt werden? Oder die Tochter, die von ihrem muslimisch-fundamentalistischen Vater nach Marokko entführt wird, um dort verheiratet zu werden…

 


Interview mit Thomas Suddendorf zu seinem Buch “Der Unterschied. Was den Mensch zum Menschen macht.”

KULTURBUCHTIPPS: Herr Suddendorf, Sie haben ein Buch geschrieben über den Unterschied zwischen dem Mensch und anderen Tieren. Warum Sie das gemacht haben, kann man sich fast denken: Sie sind Entwicklungspsychologie und primatenforscher in Australien; Sie lehren und forschen an der Universität von Queensland. Und trotzdem muss es ja einen letzten Anstoß gegeben haben, dieses Buchprojekt zu beginnen.

THOMAS SUDDENDORF: Eigentlich hat mich die Frage nach dem Unterschied schon immer fasziniert. Selbst als Jugendlicher hatte ich mir die Frage gestellt, was uns zu diesem seltsamen Wesen macht. Warum sind wir nicht so wie andere Affen? Diese Frage hat mich schon immer gereizt, und deshalb habe ich auch damals Entwicklungspsychologie und Vergleichende Psychologie studiert. Ich denke nämlich, dass der Unterschied zwischen uns und den anderen Affen nicht so sehr in unserem Körper zu finden ist (der nicht so deutlich voneinander unterscheidet), sondern in den geistigen Fähigkeiten.


Thomas Suddendorf: “Der Unterschied. Was den Mensch zum Menschen macht.”

Die Frage ist wahrscheinlich so alt wie die Menschheit selbst: Was unterscheidet den Menschen vom Tier? – Die naheliegendste Antwort wäre natürlich: der Mensch! Nur der Mensch ist in der Lage, sich vom Tier (und dem eigenen Tier-Sein) zu distanzieren. Tier tun es nicht, oder zumindest sehen sie keine Notwendigkeit für eine Distanzierung.

Der Mensch ist ein Mängelwesen. Das wissen wir nicht erst seit dem Anthropologen Arnold Gehlen, sondern aus eigener Erfahrung. Kommt ein Mensch auf die Welt, so ist er das hilfloseste Würmchen auf der Welt. Aber wird der Mensch älter, so macht er den Unterschied.

Was also ist der Unterschied, wenn es ihn gibt? Die Philosophen machen sich seit über 2000 Jahren darüber Gedanken. Der Urtrieb des Menschen, sich zu besondern, sich also für etwas Besseres zu halten bzw. zu machen, lässt sich einfach nicht wegdiskutieren. Wir haben dieses Bedürfnis nach einer Sonderstellung, doch was sind die Alleinstellungsmerkmale des Menschen?


Interview mit Tom Rachman auf der Frankfurter Buchmesse 2014

KULTURBUCHTIPPS: Tom, wir haben uns vor genau vier Jahren hier auf der Frankfurter Buchmesse getroffen und über Ihren ersten Roman „Die Unperfekten“ gesprochen. In Ihrem ersten Roman ging es um den Aufstieg und Fall einer Tageszeitung. In Ihrem neuen Buch geht es um den Aufstieg und Fall großer Mächte. Können Sie uns etwas mehr dazu sagen?

TOM RACHMAN: Es ist richtig, dass mich das Aufeinanderprallen unserer Kultur und unserer Technologien besonders interessiert. In meinem ersten Roman „Die Unperfekten“ ist der Plot ganz im Milieu einer verschwindenden Tageszeitung angesiedelt, in dem all die neuen Entwicklungen der Informationstechnologien unglaublich wichtig sind und Stück für Stück die alten Strukturen zerstören. Mein neuer Roman beginnt hingegen in einem kleinen Buchladen, der ebenso stark von den neuen Technologien und dem veränderten Konsumverhalten beeinflusst wird und ums Überleben kämpfen muss. Doch gleich nach diesem Anfang bewegt sich der Plot in eine völlig andere Richtung.

[weiterlesen...]


Tom Rachman: „Aufstieg und Fall großer Mächte“

Vor vier Jahren sorgte Tom Rachmans Roman „Die Unperfekten“für einige Furore auf dem deutschen Buchmarkt. Jetzt erscheint pünktlich zur Frankfurter Buchmesse 2014 sein neuer Roman: „Aufstieg und Fall großer Mächte“. Worum geht es? Eine junge Frau auf dem Weg zu sich selbst. Das klingt als Plot nicht allzu originell, aber die Art und Weise, wie Tom Rachman diese Suche gestaltet, ist bemerkens- und lesenswert.

Tooly Zylberberg ist eine junge Frau, die in ihrem Leben schon viel gesehen und an vielen orten gelebt hat: die Vereinigten Staaten, Großbritannien, Thailand, Kenia… Toolys junges Leben hat eine bewegte Vergangenheit, doch sie spricht nicht gern darüber, wenn sie gefragt wird. Denn sie „hat“ diese Vergangenheit nicht; ihre Geschichte ist voller Rätsel – vor allem für sie selbst. Deswegen beschließt Mathilda, wie Tooly wirklich heißt, auf die Suche nach ihrer eigenen Geschichte zu gehen. Der Roman ist dementsprechend aus zwei sich überlagernden Handlungswelten aufgebaut: der Rahmenerzählung, der diegetischen Welt der jungen Frau, die sich auf die Suche nach sich selbst begibt, und der innerdiegetischen Welt der Binnenerzählung ihrer früheren Erlebnisse in allen Teilen der Welt.


Markus Morgenroth: „Sie kennen dich! Sie haben dich! Sie steuern dich!“

Der reißerische Titel lässt zunächst nichts Gutes ahnen. Zu sehr klingt es nach dem paranoiden Schub eines Digitaljournalisten, der auf den seit einiger Zeit ziemlich rasant fahrenden Zug aufspringen und von der allgemeinen Datenklau-Phobie der Massen profitieren möchte.

Doch schon nach einem kurzen Blick auf die Vita des Autors und in den Inhalt des vorliegenden Buches wird klar, dass hier einer schreibt, der weiß, wovon er redet. Ein erfreulicher Umstand, der in der Flut der digitalphobischen Literatur unserer Tage nicht häufig zu finden ist.

Spätestens seit dem „NSA-Skandal“, der nur durch den medialen Hype zu einem echten Skandalon geworden ist, wobei er doch eigentlich nur bestätigt, was man ohnehin schon geahnt bzw. mit Bezug auf die technische Machbarkeit der globalen Datenabgreife vorausgesetzt hatte, hat nun auch in Deutschland eine Art Bewusstwerdungsprozess eingesetzt, was die Volatilität von digitalen Daten betrifft.


Volker Kruse: „Geschichte der Soziologie“ / Hartmut Rosa, David Strecker, Andrea Kottmann: „Soziologische Theorien“

Wenn man in der Situation ist, sich über ein neues Wissensgebiet grundlegend zu informieren, so bietet es sich an, einführende Literatur zur Hand zu nehmen, um sich einen ersten Überblick über die unbekannte Materie zu verschaffen. Wenn es um Einführungen in geisteswissenschaftliche Disziplinen geht, sind die broschierten Titel der „utb basics“-Reihe für den Studenten die erste Wahl. So verhält es sich auch mit den folgenden beiden Einführungen in die Soziologie, die hier kurz vorgestellt werden sollen.

Die Geschichte der Soziologie beginnt mit Auguste Comte in der Mitte des 19. Jahrhunderts. Comte war der Überzeugung, dass die gesellschaftliche Entwicklung sich nach dem theologischen und metaphysischen Stadium zu seiner Zeit im positiven Stadium befände. Der Siegeszug der Wissenschaften schien es möglich zu machen, auch in der Gesellschaft und im sozialen Miteinander Gesetzmäßigkeiten zu entdecken und nach deren Erkenntnis positiv steuernd auf die gesellschaftliche Entwicklung einzuwirken. Diesen Gedanken wird am Ende des 19. Jahrhunderts Émile Durkheim mit seiner Wissenschaft von den „sozialen Tatbeständen“ aufgreifen und weiterverfolgen.

Die von Volker Kruse verfasste „Geschichte der Soziologie“ beschreibt das Leben und Werk der wichtigsten Vertreter der Soziologie von ihren Anfängen (Auguste Comte) bis in die 1970er Jahre (Alfred Schütz) und gibt auf diese Weise kompetent und leicht verständlich Auskunft über die großen Strömungen in der historischen Entwicklung des Fachs.


Deutsches Historisches Museum (Hg.): „Der Erste Weltkrieg in 100 Objekten“

Wir begreifen die Welt um uns herum, indem wir uns einen Begriff von ihr machen, die Gegenständlichkeit der Welt mit Namen und Begriffen versehen.

Die Sprache in ihrer originär menschlichen Form als Verständigungsmedium hilft uns, einerseits die Dinge um uns herum zu benennen, so dass wir in der Lage sind, uns über diese Dinge auszutauschen; andererseits benutzen wir die Sprache, um uns von den Dingen zu distanzieren, sie als etwas außerhalb unser selbst zu verstehen.

Auf diese Weise helfen uns sowohl die Dinge, die Objekte, als auch die Begriffe und Namen, die wir ihnen geben, unser Bild von der Welt zu individualisieren.

Genau auf dieselbe Weise sind wir in der Lage, uns über die Dinge einem Themenkomplex zu nähern, der ansonsten schon allein aufgrund seiner Komplexität und seiner Historizität für uns unbegreiflich bleiben muss. Die Rede ist vom Ersten Weltkrieg, jener „Urkatastrophe“ der Menschheit von einhundert Jahren.


Andreas „Spider“ Krenzke: Die letzte WG von Prenzlauer Berg“

Wenn die Kinder da sind, wird man zu einem anderen Menschen. Wenn man nach Prenzlauer Berg zieht, auch. Es sind die Geschichten, die das Leben schreibt, nur eben viel lustiger, weil sie im Berliner Szenekiez spielen, in dem es Holzspielzeug vom Himmel regnet und Dich die Kinder mit kalten, aber sehr fettigen Grünkernbratlingen bewerfen, wenn Du nicht nett zu ihnen bist…

Lustige Kindergeburtstage im Prenzlauer Berg, die für die gastgebenden Eltern im Handumdrehen zur Neuinszenierung der Schlacht von Stalingrad mutieren; Kevin, Robin und der Muezzin, Dick und Doof auf Usedom, morgens vor der Wald-Kita oder zu Besuch in der letzten WG von Prenzlauer Berg…

„Das alles und noch viel mehr würd‘ ich lesen, wenn ich…“ – ja was eigentlich? Auf der Suche nach kurzweiligem Frohsinn, gepaart mit einer angenehmen Berliner Schnauze und mit einem Basso Continuo Prenzlauer-Berg-Hipstertum ist man bei „Spider“ und seinen kleinen Geschichten aus Deutschlands kinderreichster Enklave genau an der richtigen Adresse. – Sonst nicht.


Dorothee Meyer-Kahrweg, Hans Sarkowicz (Hg.): „Unterwegs in der Geschichte Deutschlands – Von Karl dem Großen bis zur Gegenwart“

1200 Jahre deutscher Geschichte in einem Taschenbuch zu erzählen, was soll das Neues bringen? haben wir nicht schon genügend Geschichtsbücher? Müssen wir uns jetzt noch einmal – und wieder einmal in aller Oberflächlichkeit, die der begrenzte Raum gebietet, mit der deutschen Geschichte beschäftigen?

Ja, es war eine durchaus skeptische Haltung, die ich dem hier beschriebenen Buch gegenüber einnahm, bevor ich die erste Seite aufgeschlagen hatte. Eher missmutig machte ich mich ans Werk – und wurde eines Besseren belehrt.

Die beiden Herausgeber arbeiten beim Hessischen Rundfunk: Dorothee Meyer-Kahrweg als Autorin und Regisseurin und Hans Sarkowicz als Leiter des Bereichs Kultur und Wissenschaft. So weit, so schön. Was die Qualität dieses Buches ausmacht, sind weniger die Herausgeber – ohne deren vermittelnde und editorische Leistung schmälern zu wollen -, sondern vielmehr die Autoren der vielen Beiträge dieses Kompendiums der deutschen Geschichte: eine bunte Mischung aus Historikern, Politikwissenschaftlern, Schriftstellern, Theaterwissenschaftler, Musikwissenschaftlern, Journalisten, Germanisten und Romanisten. Sie alle zeichnen die wichtigsten Entwicklungslinien der deutschen Geschichte nach und liefern durch ihre fundierten Beiträge ein umfassendes und vielseitiges Bild unserer Geschichte.


Britta Böhler: “Der Brief des Zauberers”

Zürich 1936. In Küsnacht sitzt der Zauberer im Exil und schreibt einen Brief an die Neue Zürcher Zeitung, der sein Leben grundlegend verändern sollte – noch einmal, endgültig.

Thomas Mann kehrte 1933 von einer Winterreise nach Arosa nicht mehr nach Deutschland zurück. Zu gefährlich war es für ihn dort geworden. In der Schweiz suchte seine Frau Katia nach einer neuen Bleibe, nur vorübergehend sollte der Aufenthalt in der Schweiz sein, nur solange, bis man in Deutschland wieder zur Vernunft gekommen wäre.

In Küsnacht, schön gelegen am Zürcher See, sehnt sich Thomas Mann nach der Großzügigkeit und den Annehmlichkeiten der Münchner Villa in der Poschingerstraße zurück. Noch mehr macht ihm jedoch die räumliche Distanz zu seinen Lesern Sorge. Die deutsche Sprache und die deutsche Kultur sind seine Lebenswelt. Wenn die Nazis nun seine Bücher in Deutschland verbieten, was bleibt ihm dann noch?


Interview mit Tillmann Bendikowski auf der Leipziger Buchmesse 2014 über sein Buch „Sommer 1914“

RALPH KRÜGER: Herr Bendikowski, in Ihrem neuen Buch beschreiben Sie die Stimmung im Sommer 1914 aus fünf verschiedenene Perspektiven, indem Sie auf Tagebucheinträge von fünf Personen aus unterschiedlichen sozialen und lokalen Kontexten zurückgreifen. Die Hauptthese, die Sie in Ihrem Buch vertreten, ist, dass die Legende von einer nationalen “Jubelstimmung” historisch betrachtet nicht stimmt und dass es im Sommer 1914 in Deutschland keinen flächendeckenden Hurra-Patriotismus und eine allgemeine Kriegslust nicht gegeben hat.

TILMANN BENDIKOWSKI: Es war das Anliegen meines Buches, diesen Mythos von einer allgemeinen Kriegsbegeisterung, diesen so oft beschworene “Geist von 1914″ zu fassen, von dem wir in der Wissenschaft inzwischen wissen, dass es gar nicht so einheitlich war und dass wir das sozial, regional, nach Alter und nach Geschlechtern, nach Professionen und auch nach Zeitpunkten ausdifferenzieren müssen. Es geht ja um die Frage: Wie ziehen die Deutschen in den Krieg? Und das ist auch eine aktuelle Frage, weil auch heute deutsche Soldaten in Kriege ziehen.

[Weiterlesen...]


Tillmann Bendikowski: „Sommer 1914. Zwischen Begeisterung und Angst – wie Deutsche den Kriegsbeginn erlebten“

Im Sommer 1914 herrschte im deutschen Kaiserreich eine allgemeine Kriegseuphorie. Man sehnte einen großen Krieg herbei, der endlich wieder die alte Ordnung stabilisieren würde. – So lautet die offizielle Version der Geschichtsschreibung, die zusammen mit der alleinigen deutschen Kriegsschuld am Ersten Weltkrieg fast hundert Jahre lang in den Schulen gelehrt wurde. Doch diese kollektive Begeisterung für den Krieg hat es im Sommer 1914 nie gegeben. Die Legende von der deutschen Kriegseuphorie wurde durch die Kriegspropaganda geschürt und hat sich in den Köpfen festgesetzt, weil sie so gut in das Bild passte, welches man sich von den Deutschen im Kaiserreich machen wollte.

Den deutschen „Hurra-Patriotismus“ hat es selbstverständlich gegeben. Auch waren in den großen Städten, allen voran in Berlin, öffentliche Kundgebungen und spontane Versammlungen patriotischer Männer zu registrieren, was auch ausländischen Berichterstattern nicht verborgen blieb. Jedoch das Stimmungsbild in der Bevölkerung war, was die drohende Kriegsgefahr betrifft, viel bunter und vielschichtiger, als es bis vor kurzem noch in den Geschichtsbüchern stand.


Wilhelm Krull (Hg.): “Krieg von allen Seiten – Prosa aus der Zeit des Ersten Weltkrieges”

Will man der Atmosphäre jener Zeit vor einhundert Jahren nachspüren, den Jahren von 1914 bis 1918, so ist es nicht nur legitim, sondern eine gute Idee, sich den literarischen Werken jener Zeit zu nähern.

Wenn es um die Erfahrungen des Ersten Weltkriegs geht, so befindet natürlich Erich Maria Remarques „Im Westen nichts Neues“ unter den erstgenannten literarischen Werken. Doch es gibt eine ganze Reihe bemerkens- und erinnerungswerter Prosa, die in jener Zeit entstanden ist oder die Zeit des Ersten Weltkriegs zu ihrem diegetischen Thema macht.

Der Wallstein-Verlag hat sich seit vielen Jahren einen Namen als renommierter Wissenschaftsverlag gemacht, der einen seiner Schwerpunkte in der Historiographie hat. Pünktlich zum Jubiläum des Ersten Weltkriegs ist jetzt ein kleines Buch mit Kurzgeschichten erschienen, die den Weltkrieg thematisieren.


Marlene Halser (Hg.): “Go vegan! Warum wir ohne tierische Produkte glücklicher und besser leben”

Meistens ist es der turnusmäßig wiederkehrende Fleischskandal, der uns darüber nachdenken lässt, ob wir uns richtig ernähren, uns richtig verhalten und richtig leben. Die Überfischung der Meere, die industrielle Massentierhaltung, die Chemieindustrie und die scheinbar unbegrenzte Kreativität der Lebensmittelchemie, wenn es um die Entwicklung neuer Geschmacksstoffe, E-Stoffe oder Konservierungsstoffe geht – all das ist regelmäßig in der Lage, uns gründlich den Geschmack zu verderben.

Schon längst haben wir verstanden, dass konventionell produzierte Lebensmittel vielleicht gut schmecken, jedoch weder in Bezug auf die Umstände ihrer Herstellung und des Vertriebs noch in Bezug auf ihre Lebensmittelqualität viel mit Nachhaltigkeit unf Verantwortlichkeit zu tun haben.


Neil MacGregor: “Shakespeares ruhelose Welt – Eine Geschichte in 20 Objekten”

Es war der geniale Einfall von Neil MacGregor, dem Direktor des Britischen Museums, 100 Objekte aus den Beständen des Museums auszuwählen und anhand dieser Dinge „ Eine Geschichte der Welt in 100 Objekten“ zu erzählen. Diese objektorientierte Geschichtsschreibung machte McGregors Buchs zu einem Welterfolg – und auf diese Weise wahrscheinlich auch das Britische Museum noch bekannter, als es ohnehin schon ist.

Was läge für einen Briten wie MacGregor näher, als sich nach diesem umwerfenden Erfolg seiner Annäherung an historische Themen dem englischen Nationalhelden Nr. 1, dem literarischen Universum William Shakespeare auf dieselbe Art und Weise zu nähern.


Erich Maria Remarque: “Im Westen nichts Neues” (Sonderausgabe)

Im Sommer 1914 brach jene Urkatastrophe herein, die wir heute unter dem Namen Erster Weltkrieg in den Geschichtsbüchern finden. Diesem ersten globalen Krieg fielen nicht nur Millionen Menschen zum Opfer; die Wucht der Kriegsmaschinerie und das massenhafte gegenseitige Abschlachten in den Schützengräben ließ auch eine Zeit zu Ende gehen, die wir in der Rückschau als Belle Epoque bezeichnen.

Der Erste Weltkrieg besiegelte das Ende des „langen 19. Jahrhunderts“ und den Beginn des grausamsten und kriegerischsten Jahrhunderts seit Menschengedenken. In diesem Jahr ist das alles 100 Jahre her, und doch gibt es zum Glück viele Zeitdokumente, die uns das Ausmaß des Schreckens sichtbar machen können.

 


 

Suche




Autoren und Verleger

Kategorien

Feed abonnieren

Links


Empfehlungen