kulturbuchtipps.de veröffentlicht regelmäßig Rezensionen zu neuen Büchern aus den Kultur- und Geisteswissenschaften.
Bereits 1802 hatte August Wilhelm Schlegel eine sehr dezidierte Meinung, was Neuerscheinungen betrifft… – Ich betrachte es daher als eine wichtige kulturelle Aufgabe, die Spreu vom Weizen zu trennen und Ihnen hier die wichtigsten und lesenswerten Sachbücher aus der geradezu unüberschaubaren Menge an Neuerscheinungen auf dem deutschen Buchmarkt vorzustellen.
Hier sehen Sie eine kurze Zusammenfassung der aktuellen Rezensionen bei kulturbuchtipps.de:
Daniel Stähr: „Die neuen Propheten — Wie Ökonomen unsere Zukunft verspielen“
Daniel Stährs Buch „Die neuen Propheten — Wie Ökonomen unsere Zukunft verspielen“ ist ein Angriff, der leise beginnt und seine Schärfe erst allmählich entfaltet. Es ist kein Pamphlet, kein wütendes Gegenmanifest gegen eine angeblich allmächtige Zunft, sondern ein kulturkritischer Essay in Buchlänge, der sich für die Bedingungen interessiert, unter denen ökonomisches Denken zur dominierenden Deutungsinstanz unserer Gegenwart werden konnte. Stähr schreibt nicht aus der Pose des Außenseiters, sondern aus der Perspektive eines Kenners, der sich seiner Nähe zum Gegenstand bewusst ist und gerade daraus eine skeptische Haltung entwickelt. Das verleiht dem Buch jene Ambivalenz, die es lesenswert, aber auch angreifbar macht.
Der Autor hat bereits 2024 zusammen mit dem Literatur- und Kulturwissenschaftler Simon Sahner das hübsche (vor allem sprachkritische) Buch „Die Sprache des Kapitalismus“ verfasst, ebenfalls im Verlag S. Fischer erschienen. — Sprachkritik ist auch in diesem Fall als Systemkritik zu verstehen, so dass es nicht verwundert, dass der Autor mit seinem neuen Buch noch tiefer in die komplexen Zusammenhänge und Abhängigkeiten der gesellschaftlichen, wirtschaftlichen und politischen Systeme eintaucht, um diese schonungslos offenzulegen.
Im Zentrum steht die Beobachtung, dass Ökonomen in politischen und medialen Debatten eine Rolle übernommen haben, die über fachliche Beratung weit hinausgeht. Sie treten als Deuter der Zukunft auf, als Instanz, die sagt, was möglich ist und was nicht, welche politischen Optionen realistisch erscheinen dürfen und welche als naiv oder verantwortungslos gelten müssen. Stähr wählt dafür bewusst den Begriff des Propheten, nicht um religiöse Inhalte zu unterstellen, sondern um auf eine strukturelle Ähnlichkeit hinzuweisen. Wie Propheten versprechen diese Ökonomen Orientierung in Zeiten der Unsicherheit. Sie formulieren Warnungen und Heilsversprechen, sprechen von Wachstumschancen und Krisenszenarien, von notwendigen Reformen und unausweichlichen Einschnitten. Der entscheidende Punkt ist für Stähr dabei nicht, dass Prognosen falsch sein können, sondern dass sie oft mit einem Anspruch auf Alternativlosigkeit verbunden werden, der politische Auseinandersetzung verengt.
Nicolas Mahler: „Ach, die dumme Literatur! — Ausgewählt und gezeichnet von Mahler“
Schon der Titel von „Ach, die dumme Literatur!“ klingt wie ein Seufzer, halb ironisch, halb erschöpft, und tatsächlich ist dieses schmale, elegant gestaltete Buch nichts anderes als eine Sammlung solcher Seufzer — allerdings nicht von irgendwem, sondern von den großen Namen der Literaturgeschichte. In Briefen, Tagebüchern und Notizen stöbert der Wiener Zeichner und Autor Nicolas Mahler und fördert dabei eine erstaunliche Wahrheit zutage: Schriftsteller sind, wenn sie über ihre eigene Arbeit sprechen, selten erhaben, oft verzweifelt und bisweilen schlicht unerquicklich komisch. Das Buch versammelt solche Äußerungen und kombiniert sie mit Mahlers lakonischen, auf das Wesentliche reduzierten Zeichnungen, die die Melancholie und Komik dieser Selbstzeugnisse pointieren. Von Schreibhemmungen über verletzte Eitelkeiten bis zu der unerquicklich banalen Realität von Honoraren und Lesereisen entsteht so ein kaleidoskopisches Bild des literarischen Betriebs — eines Betriebs, der weniger von Genie als von Zweifel lebt.
Diese kurze Skizze des Inhalts täuscht jedoch darüber hinweg, wie präzise das Buch komponiert ist. Mahler arrangiert die Stimmen der Vergangenheit wie ein Dirigent, der weiß, wann er das Pathos kippen lassen muss, damit es ins Komische umschlägt. Wenn Hermann Hesse über die Unmöglichkeit klagt, „etwas Rechtes“ zu Papier zu bringen, oder Max Frisch lakonisch feststellt, es gelinge ihm „fast nichts“, dann liegt in der Wiederholung dieser Geständnisse weniger Tragik als eine fast tröstliche Routine. Selbst Ingeborg Bachmann, deren Werk heute zum Kanon gehört, erscheint hier als jemand, der sich mit erstaunlicher Konsequenz selbst sabotiert. Mahler macht daraus kein Tribunal, sondern eine Galerie menschlicher Schwächen, in der sich der Leser unweigerlich wiedererkennt.
Charles Lewinsky: „Eine andere Geschichte“
„Eine andere Geschichte“ beginnt unspektakulär, beinahe zurückhaltend, als wolle der Autor sich entschuldigen, überhaupt da zu sein. Im Zentrum steht ein Mann, dessen Leben sich nicht in spektakulären Wendungen, sondern in leisen Verschiebungen entfaltet. Eine Begegnung, eine Erinnerung, ein Gespräch, das keines ist, weil das Entscheidende nicht ausgesprochen wird. Die Handlung folgt weniger einer äußeren Dramaturgie als einer inneren Bewegung: Vergangenheit und Gegenwart überlagern sich, Möglichkeiten werden durchgespielt, verworfen, neu gedacht. Es ist die Geschichte eines Lebens, das auch anders hätte verlaufen können — und vielleicht gerade deshalb so ist, wie es ist.
Diese knappe Skizze täuscht über das eigentliche Ereignis des Romans hinweg: seine Sprache. Lewinsky interessiert sich nicht primär für das, was geschieht, sondern für das, was zwischen den Sätzen geschieht. Der elliptische Dialog ist dabei nicht bloß ein Stilmittel, sondern die eigentliche Substanz des Buches. — Der elliptische Was?! Kurz zur Erklärung: Bei einem elliptischen Dialog lesen wir nur die eine Seite eines Dialogs, während wir nicht lesen können, sondern mitdenken müssen, was die andere Person sagt; es ist in etwa so, als ob man einem Telefonat zuhört, wobei der Gesprächspartner am anderen Ende der Leitung nicht gehört werden kann. Auf das literarische Schreiben übertragen bedeutet das: Figuren sprechen miteinander, aber sie sprechen nicht aus, was sie meinen. Sie umkreisen einander, lassen Sätze abbrechen, antworten auf etwas, das nie formuliert wurde. Der Leser wird gezwungen, die Lücken zu füllen, Bedeutungen zu rekonstruieren, sich selbst in das Gespräch einzuschreiben. Diese Technik erzeugt eine eigentümliche Spannung, die nicht aus Handlung entsteht, sondern aus dem ständigen Gefühl, dass etwas Entscheidendes im Verborgenen bleibt.
Daniel Siemens: „Der Fotograf Fred Stein — Ein deutsch-jüdisches Leben 1909-1967“
Eine Schwierigkeit dieses Buches liegt paradoxerweise bereits in der Erwartung, die sein Titel weckt: Daniel Siemens kündigt eine klassische Künstlerbiografie an, doch tatsächlich entfaltet er ein vielschichtiges, methodisch reflektiertes Porträt, das sich zwischen historischer Rekonstruktion und essayistischer Annäherung bewegt. „Der Fotograf Fred Stein — Ein deutsch-jüdisches Leben 1909–1967“ ist weniger die Geschichte eines souveränen Künstlers als die eines Lebens, das von politischen Umbrüchen geprägt, unterbrochen und umgeformt wird.
Fred Stein wird 1909 in Dresden geboren und wächst in einem assimilierten jüdischen Milieu auf. Sein ursprünglicher Berufsweg führt ihn nicht direkt zur Kunst, sondern zur Jurisprudenz — ein Detail, das Siemens mit Bedacht hervorhebt, weil es die Bruchlinie seines Lebens umso deutlicher markiert. Mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten wird Stein als Jude aus dem akademischen und beruflichen Leben ausgeschlossen. Die Emigration wird zur Notwendigkeit. Über Umwege gelangt er zunächst nach Paris, wo er sich der Fotografie zuwendet — nicht zuletzt, weil sie ihm als Exilant eine leichter zugängliche Erwerbs- und Ausdrucksform bietet. Später zwingt ihn der deutsche Einmarsch auch dort zur Flucht; schließlich findet er in New York eine neue, wenn auch prekäre Existenz.
Daniel Siemens zeichnet diese biografischen Stationen nicht als geradlinige Entwicklung, sondern als Abfolge erzwungener Neuorientierungen. Gerade die jüdische Herkunft wird dabei zum strukturierenden Moment, allerdings nicht im Sinne einer statischen Identität.
Christiane Rösinger: „The Joy of Ageing“
Wie bitte?? Christiane Rösinger schreibt einen „Altersratgeber“?! — Das ist ein Buch, das man lesen muss! Und natürlich nicht nur „man“, sondern vor allem die Frau von heute. Den Schwerpunkt legt Frau Rösinger auf das Älterwerden von Frauen, was ja auch nur natürlich ist; schließlich ist sie selbst schon lebenslang eine solche, und über Männer gibt es sowieso nicht so viel zu sagen. Für die meisten Exemplare über 60 fallen ihr nur die leider erwartbaren Zuschreibungen ein: grummelig, uninteressant und immer nur mit den eigenen Problemen beschäftigt.
Dementsprechend muss sich der männliche Leser (und somit auch der Verfasser dieser Zeilen) darauf einstellen, eine Menge über die weibliche Sichtweise auf das Altern zu erfahren, manchmal mehr, als einem lieb ist, was am Ende aber gar nicht so weit weg ist von den männlichen Sorgen.
Die Lektüre gestaltet sich von Anfang an als sehr unterhaltsam. Wer hier einen klassischen Ratgeber erwartet — mit durchkonzipierter Gliederung, strukturiertem Aufbau, wissenschaftlichen Hintergrundinformationen — wird weitestgehend enttäuscht. Aber mal ehrlich, wer erwartet das schon?! Vielmehr hält man ein Buch in den Händen, das sich über weite Strecken wie ein autobiografischer Text über das Älterwerden liest — und genau das ist ja auch der eigentliche Sinn von Ratgebern: eine Sammlung von aus Lebenserfahrungen gespeisten Erkenntnissen.
Steffen Kopetzky: „Die Harzreise — Eine Deutschlanderkundung“
„Die Harzreise“. Wer während der Schulzeit ein Mindestmaß an literarischer Bildung genossen hat, wird sogleich an Heinrich Heine denken. Doch der Untertitel macht den Unterschied und weist den Weg: Der volle Titel „Die Harzreise — Eine Deutschlanderkundung“ signalisiert ein doppeltes Spiel: eine Bewegung durch Raum und Zeit, durch Landschaft und Literaturgeschichte.
Steffen Kopetzky folgt den Spuren von Heinrich Heine und dessen berühmter „Harzreise“, doch was zunächst wie eine Reverenz an ein kanonisches Werk erscheint, erweist sich rasch als eigenständige, gegenwartsbezogene Unternehmung. Im Zentrum steht eine Reise durch den Harz, lose orientiert an Heines Route, aber offen genug, um Umwege, Abschweifungen und zeitgenössische Perspektiven zuzulassen. Der Erzähler bewegt sich durch Orte, spricht mit Menschen, betrachtet Landschaften und historische Schichten, die sich überlagern. Eine lineare Handlung im klassischen Sinne gibt es kaum; vielmehr entfaltet sich das Buch als eine Folge von Eindrücken, Reflexionen und Beobachtungen, die sich allmählich zu einem vielstimmigen Bild Deutschlands verdichten.
Gerade in dieser Form liegt eine der auffälligsten Verschiebungen innerhalb von Kopetzkys Werk. Der 1971 geborene Autor hat sich mit Romanen wie „Risiko“ oder „Monschau“ einen Namen gemacht, die von großer historischer Spannweite und erzählerischer Dichte geprägt sind.
Edwin Frank: „Stranger than Fiction — Das 20. Jahrhundert in 30 Romanen“
Der amerikanische Lektor, Herausgeber und Essayist Edwin Frank gehört seit Jahrzehnten zu jenen diskreten, aber einflussreichen Figuren des Literaturbetriebs, die weniger durch ein umfangreiches eigenes Werk als vielmehr durch kuratorische Arbeit und intellektuelle Vermittlung prägen. Als Gründer der Reihe „New York Review Books Classics“ hat er vergessene oder randständige Texte des 20. Jahrhunderts wieder zugänglich gemacht und damit den literarischen Kanon zumindest partiell verschoben. Seine Bücher, darunter Essaysammlungen zur Weltliteratur, zeichnen sich durch eine Vorliebe für Grenzgänge zwischen Kritik, Literaturgeschichte und persönlicher Lektüreerfahrung aus.
In dieses Œuvre fügt sich auch „Stranger than fiction: Lives of the Twentieth-Century Novel“ (aus dem Jahre 2024) nahtlos ein, das jetzt in deutscher Übersetzung von Andreas Wirthensohn als „Stranger than Fiction — Das 20. Jahrhundert in 30 Romanen“ erschienen ist. Im Vergleich zu anderen neueren Überblickswerken zur Literatur des 20. Jahrhunderts, die häufig systematisch, theoriegeleitet oder stark akademisch ausgerichtet sind, setzt Frank bewusst auf eine essayistische Form, die sich zwischen subjektiver Lektüre und kulturhistorischer Reflexion bewegt.
Das Buch unternimmt den Versuch, das 20. Jahrhundert nicht entlang politischer Ereignisse oder klarer literaturgeschichtlicher Epochen zu erzählen, sondern durch eine Auswahl von dreißig Romanen, die als symptomatische Ausdrucksformen ihrer Zeit gelesen werden.
Nicole Garretón u.a. (Hg.): „Zum Umgang mit der deutschen Kolonialvergangenheit — Gegenwärtige und historische Perspektiven“
Es gibt Bücher, die sich wie geschlossene Räume lesen lassen, mit klar markierten Eingängen und Ausgängen, und es gibt solche, die eher an eine offene Debatte erinnern, an ein fortwährendes Gespräch, in dem Stimmen sich überlagern, einander widersprechen, sich korrigieren oder verstärken. Der von Nicole Garretón gemeinsam mit Johannes Jansen und Alina Marktanner herausgegebene Sammelband „Zum Umgang mit der deutschen Kolonialvergangenheit — Gegenwärtige und historische Perspektiven“, erschienen im Wallstein Verlag, gehört eindeutig zur zweiten Kategorie. Er ist kein Buch, das Antworten bündelt, sondern eines, das Fragen in Bewegung hält — und gerade darin liegt sein eigentlicher Reiz, aber auch seine Herausforderung.
Schon die Anlage des Bandes macht deutlich, dass hier ein anderer Zugriff gewählt wird als in vielen klassischen Studien zur deutschen Kolonialgeschichte. Es geht weniger um die detaillierte Rekonstruktion kolonialer Ereignisse im Kaiserreich als um die vielgestaltige Nachgeschichte dieser Epoche: darum, wie über Kolonialismus gesprochen wurde und wird, wie er erinnert, verdrängt, umgedeutet wird. Der Fokus verschiebt sich von der Geschichte selbst auf ihre Repräsentationen — von den Archiven der Vergangenheit zu den Diskursen der Gegenwart. In diesem Sinne ist der Band weniger ein Beitrag zur Kolonialgeschichte im engeren Sinne als vielmehr zur historischen Selbstverständigung der Gegenwart.
R. C. Sherriff: „Vor uns die Zeit“
Der 1936 erschienene Roman „Vor uns die Zeit“, im Original „Greengates“, entfaltet seine Handlung mit jener unaufdringlichen Sorgfalt, die für das Erzählen von R. C. Sherriff charakteristisch ist. Im Mittelpunkt steht das Ehepaar Baldwin, das sich nach dem Eintritt des Mannes in den Ruhestand ein neues Leben auf dem Land erhofft. Das titelgebende Haus „Greengates“ erscheint zunächst als Verheißung: ein Ort der Ruhe, der Erfüllung, vielleicht sogar eines späten Glücks. Doch bald zeigt sich, dass die neue Lebensphase keineswegs die erhoffte Harmonie mit sich bringt. Die vertrauten Rollen beginnen zu erodieren, unausgesprochene Spannungen treten zutage, und die gemeinsame Zeit, die nun im Übermaß vorhanden ist, wird zur Herausforderung. Sherriff zeichnet diese Entwicklung mit großer Zurückhaltung nach, vermeidet dramatische Zuspitzungen und lässt die Konflikte in kleinen Verschiebungen und leisen Irritationen sichtbar werden. Gerade dadurch bleibt genug Raum für den Leser, sich selbst ein Bild zu machen und die Figuren in ihrer Ambivalenz zu erfassen.
Die Figurenkonstellation ist überschaubar, doch sorgfältig austariert: Mr. Baldwin, der sein Arbeitsleben hinter sich gelassen hat, sucht nach einer neuen Ordnung, nach einer Form von Bedeutung, die ihm zuvor durch seine berufliche Tätigkeit vermittelt wurde. — Mrs. Baldwin hingegen sieht sich mit der plötzlichen, permanenten Anwesenheit ihres Mannes konfrontiert, die ihre bislang eingespielten Routinen durcheinanderbringt. Zwischen beiden entsteht kein offener Konflikt, sondern eine Atmosphäre leiser Reibung, die sich aus unterschiedlichen Erwartungen speist. Nebenfiguren — Nachbarn, Bekannte, flüchtige Begegnungen — fungieren weniger als eigenständige Charaktere, denn als Spiegel und Kontrastfolie, an denen sich die innere Entwicklung der Hauptfiguren ablesen lässt.
Marc Spranger: „Unkopierbar: Warum unsere Kreativität im KI-Zeitalter überlebt oder verschwindet“
Mit seinem programmatisch betitelten Buch „Unkopierbar“ legt Marc Spranger im Verlag Walter de Gruyter eine Streitschrift vor, die sich in die gegenwärtige Debatte um künstliche Intelligenz mit bemerkenswerter Entschiedenheit einmischt. Schon der Titel ist weniger Beschreibung als Behauptung: Es gibt — so Sprangers Überzeugung — einen Kern menschlicher Kreativität, der sich nicht simulieren, nicht automatisieren, nicht industrialisieren lässt. In einer Epoche, die von generativen Systemen fasziniert ist, wirkt diese These wie ein trotziges Beharren auf der Singularität des Menschen.
Marc Spranger hat unter anderem Bildende Kunst und Ökonomie studiert; dieses breite Spektrum von einer künstlerischen bis zur ökonomischen Praxis erzeugt ein interessantes Spannungsfeld, das der Autor als doppelte Perspektive für seine Auseinandersetzung mit KI und Kreativität nutzt. Spranger beschäftigt sich seit Jahren mit Innovationsprozessen in Unternehmen, schreibt jedoch nicht aus kulturpessimistischer Distanz, sondern aus der Nähe zur Praxis. Wer seine berufliche Laufbahn betrachtet — zwischen Strategieberatung, Managementverantwortung und publizistischer Tätigkeit —, erkennt rasch die biografische Folie dieses Buches: Hier argumentiert keiner, der die digitale Transformation von außen kommentiert, sondern einer, der ihre Verheißungen und Zumutungen in Organisationen erlebt hat. „Unkopierbar“ liest sich denn auch wie die Summe dieser Erfahrung — als Versuch, im Rauschen technologischer Euphorie eine anthropologische Schneise zu schlagen.
Die Grundfigur des Arguments ist klar konturiert. Maschinen, so Spranger, mögen inzwischen Texte verfassen, Bilder erzeugen oder Melodien komponieren. Doch all dies bleibe, bei aller technischen Raffinesse, in einem entscheidenden Sinne derivativ: Es speise sich aus vorhandenen Daten, aus bereits Gesagtem, Gesehenem, Gedachtem.
Joseph J. Ellis: „1776 — Der Sommer der Revolution“
Es gibt zahlreiche Bücher über die Amerikanische Revolution, die sich wie Monumente ausnehmen und bereits durch ihr äußeres Erscheinungsbild bemüht sind, die epochale Bedeutung der historischen Ereignissen zu unterstreichen: wuchtig, umfassend, bemüht um Totalität. Und es gibt Bücher, die sich stattdessen auf einen Moment konzentrieren — einen Sommer, einige Monate, eine prekäre Abfolge von Entscheidungen —, und gerade darin die ganze Fragilität eines historischen Umbruchs sichtbar machen. Joseph J. Ellis gehört mit seinem Werk „1776 — Der Sommer der Revolution“ eindeutig zur zweiten Kategorie, und doch zielt sein Zugriff auf nichts Geringeres als eine Revision unserer Wahrnehmung der amerikanischen Gründungsgeschichte.
Ellis, der zu den profiliertesten Erzählern der amerikanischen Frühgeschichte zählt, hat sich in seinen früheren Arbeiten immer wieder an den „Founding Fathers“ abgearbeitet, an George Washington, Thomas Jefferson oder John Adams, und dabei eine Mischung aus psychologischer Feinzeichnung und politischer Analyse entwickelt, die ihn von vielen seiner Kollegen unterscheidet. Doch in diesem Buch verschiebt er die Perspektive auf bemerkenswerte Weise: Nicht die großen Ideen, nicht die berühmten Texte — etwa die Unabhängigkeitserklärung — stehen im Zentrum, sondern die prekäre militärische Realität eines Sommers, in dem alles hätte scheitern können.
Jo Failer: „Ich denk nicht dran — Ein Vermächtnis zu Lebzeiten“
Manche Bücher kann man nicht einfach nur lesen, sondern man muss sie betreten — wie ein Raum, dessen Wände sich langsam verschieben, während man noch versucht, die Tür hinter sich zu schließen. Jo Failers „Ich denk nicht dran — Ein Vermächtnis zu Lebzeiten“ gehört zu diesen seltenen, verstörend stillen und zugleich eigentümlich hellen Texten, die sich einer eindeutigen Gattung entziehen. Erinnerungs-Schnipsel, Krankheitsbericht, Selbstvergewisserung, literarische Intervention — all das trifft zu und zugleich nicht. Denn was Jo Failer hier unternimmt, ist weniger die Niederschrift einer Diagnose als vielmehr der Versuch, dem Verschwinden eine Form zu geben, die nicht Defizit, sondern Gegenwart bedeutet.
Die biografischen Koordinaten sind schnell skizziert und doch von erheblicher Fallhöhe: Jo Failer, ein Mann in der Mitte des Lebens, beruflich etabliert, sozial eingebunden, geistig wach — und dann die Diagnose: Demenz mit 51. Ein Einschnitt, der in der kulturellen Vorstellung noch immer als das radikale Ende von Autonomie, Identität und Sprache gilt. Während viele Erzählungen über Demenz retrospektiv von Angehörigen geschrieben werden oder den fortschreitenden Verlust dokumentieren, entscheidet sich der Autor für einen anderen Weg: Er schreibt aus dem Inneren des Prozesses, nicht als Chronist des Verfalls, sondern als Zeuge einer Gegenwart, die sich selbst entgleitet.
Thomas David: „Begegnungen mit Virginia Woolf“
Dies ist ein schönes Buch, wie man ihm selten begegnet. Der Autor erscheint als ein kultivierter und bestens informierter Flaneur, und wir haben das Vergnügen, ihn auf seinen Wegen durch London und Umgebung zu begleiten — auf Wegen, die ihn (und uns) zu den Wirkungsstätten und Lebensorten von Virginia Woolf und den wichtigsten Menschen in ihrer Nähe führen. Kenntnisreich durchstreift Thomas David diese Kulturlandschaft und gibt uns einen überaus detaillierten Einblick in eine vergangene Welt.
Der Text lädt ein zu einer flanierenden Lektüre: Thomas David schreibt in essayistischer Form, sich vorsichtig nähernd, schauend, abwartend, sich herantastend, und in dieser Form erinnert die Sprache seiner kurzen Essays an eine eigenartige Mischung aus Baedeker und Proust: So viele Details, so viele feine Nuancen in der Wahrnehmung, atmosphärische Verdichtung und immer wieder auch die dahinterliegenden, sich erst auf den zweiten Blick erschließenden Zusammenhänge erläuternden Informationen, die in Schachtelsätzen ausgeführt oder durch die Aneinanderreihung von Adjektiven mitgeliefert werden — so wie in diesem langen Satz. Diese Eigenart drosselt an vielen Stellen das Lesetempo, was dem Gesamteindruck jedoch überhaupt nicht schadet, sondern im Gegenteil die Aufmerksamkeit des Lesers sowohl fordert als auch fördert.
Thomas David schreibt als Kulturjournalist für Zeitungen, Zeitschriften und Radio, hat aber auch einige Bücher zu kulturellen Themen veröffentlicht: Er gehört zu jenen literarischen Grenzgängern, die sich mit leisem Ernst und unaufgeregter Beharrlichkeit an den Rändern der großen Kanones bewegen. Seine bisherigen Veröffentlichungen kreisten, sofern man sie als lose Umlaufbahnen eines Denkens begreifen will, stets um Figuren der europäischen Geistesgeschichte (Melville, Philip Roth, Autoren-Interviews) und Kunstgeschichte, um Übergänge zwischen Kunst, Literatur und Leben, zwischen Werk und Welt. Es sind Bücher, die weniger erklären als umkreisen, weniger festlegen als öffnen.
Charlotte Mew: „Alle belebten Dinge halten den Atem an — Gedichte“
Der Band „Alle belebten Dinge halten den Atem an“ versammelt Gedichte von Charlotte Mew, deren Werk lange Zeit eher als Randphänomen der englischen Literaturgeschichte wahrgenommen wurde und erst in jüngerer Zeit jene Aufmerksamkeit erfährt, die seiner eigentümlichen Modernität entspricht. Schon der Titel der deutschen Ausgabe evoziert jenes Moment des Innehaltens, das für Mews Schreiben zentral ist: eine Welt im Zustand gespannter Stille, in der jede Regung zugleich Möglichkeit und Bedrohung darstellt. Diese Gedichte entstehen aus einer historischen Schwelle heraus, aus jener Übergangszeit zwischen viktorianischer Ordnung und moderner Verunsicherung, und sie tragen die Spuren dieses Umbruchs in jeder Zeile.
Was zunächst auffällt, ist die eigentümliche Perspektive, die Mew auf ihre Gegenstände richtet. Anders als viele ihrer Zeitgenossen, die das lyrische Ich noch als stabilen Mittelpunkt der Wahrnehmung inszenieren, lässt Mew dieses Zentrum brüchig werden. Ihre Gedichte sind bevölkert von Figuren, Stimmen, Szenen, die oft nur fragmentarisch erscheinen, wie durch einen Schleier betrachtet. Der Blick ist dabei weder rein subjektiv noch objektiv, sondern oszilliert zwischen beiden Polen. Immer wieder entstehen Momente, in denen das Beobachtete sich der Beobachtung entzieht, in denen die Grenze zwischen Innen- und Außenwelt porös wird. Gerade darin liegt eine überraschende Nähe zu späteren Entwicklungen der literarischen Moderne: Die Wirklichkeit erscheint nicht mehr als gegebene Ordnung, sondern als etwas Fragiles, stets Gefährdetes.
Heinrich Mann: „Rummelplatz Berlin“
Es gehört zu den eigentümlichen Ironien der deutschen Literaturgeschichte, dass ausgerechnet der entschiedenste Kritiker des wilhelminischen Bürgertums und seiner Machtgesten jenes Milieu mit einer fast unheimlichen Intimität beschrieb, die sich nur aus Nähe speisen kann. Heinrich Mann, der ältere Bruder des kanonisch gewordenen Thomas Mann, hat Berlin nie einfach nur bewohnt; er hat sich an dieser Stadt gerieben, sie als Bühne, als Versuchsanordnung, als moralisches Labor genutzt. Seine biografische Verbindung zu Berlin ist weniger die eines Verwurzelten als die eines wachen, mitunter verletzten Beobachters, der im Strom der Metropole jene Symptome erkannte, die er später in seinen Romanen und Essays zu einem Panorama der Macht verdichtete.
Geboren in der hanseatischen Enge von Lübeck, zog es Heinrich Mann früh in die Großstadt. Berlin, das um die Jahrhundertwende zur imperialen Schaltzentrale des Deutschen Reiches aufstieg, bot ihm genau jene Mischung aus politischer Aufladung und sozialer Beweglichkeit, die seinem Temperament entsprach. Hier, in den Cafés, Redaktionen und Salons, formierte sich sein Blick auf die Gesellschaft als ein Gefüge von Masken, Rollen und strategischen Anpassungen. Berlin war für ihn kein bloßer Ort, sondern ein Aggregatzustand des Sozialen: beschleunigt, nervös, durchzogen von Hierarchien, die sich zugleich stabilisierten und ständig infrage stellten.
In den Jahren vor dem Ersten Weltkrieg wurde Berlin zum Resonanzraum seiner literarischen Produktion. Der Roman „Professor Unrat“ — später durch den Film „Der blaue Engel“ popularisiert — ist zwar nicht ausdrücklich in Berlin verortet, doch die Atmosphäre der wilhelminischen Disziplinargesellschaft, die er schildert, trägt deutlich die Züge der Hauptstadt.
Wolfgang Ullrich: „Memokratie — Soziale Medien und autoritäre Bildpolitik“
Wissenschaft ist mitunter ein hartes Geschäft. In manchen Disziplinen muss sich der Forschende mit Inhalten auseinandersetzen, die schwer zu ertragen sind. Umso größer ist die Bewunderung für jene Forschenden, die sich auf der Suche nach Erkenntnis ganz bewusst in jene Gefahrenzonen geistiger Umnachtung, bösartiger Absichten und des gemeingefährlichen Schwachsinns begeben. Die neuen Formen der autoritären Bildpolitik und der rechten Propaganda in den sozialen Medien sind ganz offensichtlich solche Gefahrenzonen, und der Kulturwissenschaftler Wolfgang Ullrich hat keine Mühen gescheut, die komplexen Strukturen und machtpolitischen Verflechtungen zu erforschen, die für jenen Schwall an Falschinformationen und gezielter Steuerung der Massen durch plakative und extreme Bild-Text-Kombinationen (genannt: „Memes“) verantwortlich sind. Erfreulicherweise scheint seine mentale Gesundheit trotz dieser andauernden dummdigitalen Dauerbestrahlung keinen Schaden davongetragen zu haben.
Wolfgang Ullrich hat sich in den vergangenen Jahren als ein scharfsinniger Diagnostiker der visuellen Gegenwartskultur etabliert. Mit seinem Buch „Memokratie — Soziale Medien und autoritäre Bildpolitik“ legt er nun eine ebenso provokante wie ambitionierte Analyse vor, die den Anspruch erhebt, ein neues Paradigma politischer Kommunikation zu beschreiben: die Herrschaft der Bilder im Zeitalter algorithmisch verstärkter Aufmerksamkeit. Ullrich knüpft dabei an seine früheren Arbeiten zur Konsumästhetik, zur Macht der Bilder und zur Rolle von Kunst im Kapitalismus an, erweitert seinen Blick jedoch entschieden in Richtung politischer Theorie und Medienkritik.
Uwe Neumahr: „Die Buchhandlung der Exilanten — Paris 1940. Zuflucht und Widerstand“
Die Buchhandlung der Exilanten beginnt, wie so viele große Geschichten des 20. Jahrhunderts beginnen: mit einer Tür, die sich öffnet. Man tritt ein, und es ist nicht nur ein Laden, es ist ein Versprechen. Bücherregale, die sich bis zur Decke recken, Papierstapel, Gespräche, die in der Luft hängen bleiben, weil sie zu klug oder zu kühn sind, um sofort zu enden. Und irgendwo zwischen diesen Regalen stehen zwei Frauen, die nicht ahnen können — oder es vielleicht doch ahnen —, dass ihre Buchhandlungen einmal zu Rettungsbooten werden würden.
Uwe Neumahr erzählt diese Geschichte mit einer leisen Beharrlichkeit, die sich nicht in den Vordergrund drängt. Es ist kein Buch der großen Thesen, sondern eines der genauen Beobachtungen, der behutsamen Annäherungen. Und vielleicht liegt gerade darin seine eigentliche Kraft: dass es nicht behauptet, das Paris der Zwischenkriegszeit zu erklären, sondern es in Bewegung zeigt, als ein Geflecht aus Begegnungen, Zufällen, Hoffnungen.
Da ist Adrienne Monnier, die mit ihrer „Maison des Amis des Livres“ einen Ort schafft, der zugleich Laden, Salon und Zuflucht ist. Eine Frau mit einem Gespür für Literatur, das weniger von Markt als von Leidenschaft bestimmt ist. Und da ist Sylvia Beach, deren „Shakespeare and Company“ auf der anderen Straßenseite liegt, als müsse zwischen beiden Buchhandlungen ein unsichtbarer Strom fließen. Zwei Räume, zwei Temperamente, zwei Sprachen – und doch ein gemeinsamer Rhythmus.
Susanne Heim: „Die Abschottung der Welt — Als Juden vor verschlossenen Grenzen standen 1933-1945“
Als im 20. Jahrhundert Millionen Menschen vor Verfolgung, Entrechtung und schließlich Vernichtung flohen, standen sie nicht nur einem mörderischen Regime gegenüber, sondern einer Welt, die sich verschloss. In ihrem Buch „Die Abschottung der Welt — Als Juden vor verschlossenen Grenzen standen 1933–1945“ rekonstruiert die Berliner Historikerin und Politikwissenschaftlerin Susanne Heim jene globale Konstellation, in der die nationalsozialistische Judenpolitik auf eine internationale Ordnung traf, die Migration nicht als humanitäre Verpflichtung, sondern als Risiko behandelte. Es ist ein Buch über die Dialektik von Verfolgung und Souveränität, über Aktennotizen, Visaquoten, diplomatische Konferenzen – und über das moralische Versagen einer Staatenwelt, die sich selbst als zivilisiert verstand.
Als langjährige Mitarbeiterin am Berliner Forschungszentrum zur Geschichte des Nationalsozialismus — bekannt ist insbesondere ihre Mitwirkung an der Edition der Verfolgungs- und Vernichtungspolitik des „Dritten Reiches“ — hat die Autorin sich mit der bürokratischen und institutionellen Struktur nationalsozialistischer Politik intensiv befasst. Ihr Zugang ist quellennah, präzise, kühl. Doch die Kühle der Darstellung kontrastiert mit der historischen Hitze des Gegenstands. Gerade diese methodische Nüchternheit verleiht dem Buch seine Wucht: Es zeigt, dass die Katastrophe nicht nur in den Exzessen der Gewalt lag, sondern ebenso in der Normalität administrativer Verfahren.
Stefan Bollmann: „Die literarische Hausapotheke — Lektüren für jede Lebenslage“
Der Mensch unserer Zeit ist auf der Suche nach Orientierung. Zu komplex sind die Weltzusammenhänge, und zu fragmentiert erscheint die Wirklichkeit. Wie kann man da noch seinen Platz finden?! Der metaphysische Halt ist weg, und die „transzendentale Obdachlosigkeit“ des Menschen wird bereits seit hundert Jahren bejammert. Künstliche Intelligenz ist Göttergeschenk und Teufelswerk zugleich, Kriege brechen aus überall um uns herum und hören nie mehr auf, die wirtschaftliche Lage ist fragil, die Zukunft wartet geifernd auf uns und dämmert uns tiefschwarz vom Horizont entgegen … Ach, herrjemine, was soll bloß aus uns werden? Oh! und ach! Was wird nur werden …?! Wie geht es weiter? Wo muss ich hin? Wer bin ich — und wenn ja, wo ist mein Platz in dieser zersplitterten Welt? Wer ist Freund? Wer ist Feind? Was esse ich morgen zu Mittag? Warum liebt mich Fräulein Schmidt nicht mehr — und was hat dieses Buch auf meinem Tisch zu suchen?!
Der Mensch unserer Zeit sehnt sich nach Klarheit und Sicherheit, nach Anleitung zu einem besseren Leben. Und wo ließe sich das besser finden als in der Literatur?! — Was sagt uns dieses Buch über unsere Kultur? — Vielleicht mehr, als uns lieb sein kann.
Stefan Bollmann ist ein schlauer Kopf, hat über Thomas Mann promoviert, viele erfolgreiche Sachbücher verfasst und betreibt mit freilesen.com einen wirklich interessanten Literaturblog.
Thomas Sparr: „‘Ich will fortleben, auch nach meinem Tod‘ — Die Biographie des Tagebuchs der Anne Frank“
Als im Frühjahr 1944 eine Fünfzehnjährige in einem Amsterdamer Hinterhaus den Wunsch formulierte, sie wolle auch nach ihrem Tod weiterleben, ahnte sie nicht, dass dieser Satz zu einem der wirkmächtigsten literarischen Selbstzeugnisse des 20. Jahrhunderts führen würde. Thomas Sparr nimmt diesen Wunsch ernst — nicht als pathetische Prophezeiung, sondern als Ausgangspunkt einer ungewöhnlichen Spurensuche. Sein Buch „Ich will fortleben, auch nach meinem Tod — Die Biographie des Tagebuchs der Anne Frank“ erzählt nicht noch einmal das Leben der Verfolgten, sondern verfolgt die Wandlungen eines Textes: vom privaten Heft einer jüdischen Jugendlichen zu einem globalen Erinnerungsort.
Sparr rekonstruiert in knappen, gut lesbaren Kapiteln die Stationen dieses Weges. Er beginnt im Versteck an der Prinsengracht, schildert die Schreibsituation im Hinterhaus, die Umarbeitungen, die Anne nach einem Radioaufruf der niederländischen Exilregierung vornahm, und die unterschiedlichen Fassungen des Tagebuchs. Er zeichnet nach, wie das Konvolut nach der Verhaftung der Untergetauchten zurückblieb, wie es aufbewahrt, übergeben, gesichtet und schließlich publiziert wurde. Das Buch ist mithin keine klassische Biografie Anne Franks, sondern die Lebensgeschichte eines Dokuments — seiner materiellen Gestalt, seiner editorischen Eingriffe, seiner Übersetzungen, seiner Inszenierungen auf Bühne und Leinwand und nicht zuletzt seiner politischen Instrumentalisierungen.
Christoph Ribbat: „In den Tag — Eine kurze Geschichte des Aufwachens“
Wenn das Buch „In den Tag — Eine kurze Geschichte des Aufwachens“ des Literatur- und Kulturwissenschaftlers Christoph Ribbat in diesen Tagen erscheint, ist das Aufwachen längst kein unschuldiger biologischer Vorgang mehr. Der Morgen hat sich in einen umkämpften sozialen Raum verwandelt: zwischen Smartphone-Alarm und Selbstoptimierungsratgeber, zwischen Frühschicht und „Miracle Morning“, zwischen Erschöpfung und Leistungsversprechen. Der Autor nimmt diesen scheinbar trivialen Moment — das Öffnen der Augen — zum Anlass für eine kleine Kulturgeschichte. Doch gerade in der Bescheidenheit des Sujets liegt die Provokation: Wer vom Aufwachen spricht, spricht schon bald auch von Arbeit und Disziplin, von Zeitregimen und Macht, von Intimität und Öffentlichkeit.
Das Buch versammelt kleine Anekdoten und interessante Fakten, die literarische, historische und popkulturelle Szenen des Erwachens durchstreifen und welche der Autor zusammengetragen und leicht lesbar aufbereitet hat. Christoph Ribbat liest Tagebücher und Romane, schaut in Filme und Serien, streift durch Schlaflabore und Werbekampagnen. Immer wieder kehrt er zu der Frage zurück, wie Gesellschaften ihre Subjekte in den Tag entlassen — und wie sie sie dabei formen. Das Aufwachen erscheint als Schwelle: zwischen Traum und Ordnung, Nacht und Norm, Innenwelt und Produktionsapparat. Die Texte sind essayistisch gebaut, gelehrt, aber nicht gelehrsam; sie verbinden Anekdote und Analyse, Nahaufnahme und kulturhistorischen Längsschnitt.
Judith Hermann: „Ich möchte zurückgehen in der Zeit“
Es gehört zu den eigentümlichen Bewegungen der Literatur, dass sie immer wieder dorthin zurückkehrt, wo das Erinnern unsicher wird. Gerade dort, wo Archive schweigen und Familiengeschichten brüchig sind, beginnt das Erzählen. Das neue Buch von Judith Hermann trägt einen Titel, der diese Bewegung bereits programmatisch formuliert: „Ich möchte zurückgehen in der Zeit“. Doch dieser Wunsch ist weniger ein nostalgischer als ein erkenntnistheoretischer. Die Erzählerin dieses schmalen, schwer einzuordnenden Textes versucht nicht, eine verlorene Vergangenheit wiederzubeleben. Sie versucht vielmehr zu verstehen, was es bedeutet, in einer Gegenwart zu leben, deren Fundament auf einem kaum aufgeklärten Teil der eigenen Familiengeschichte ruht.
Im Zentrum dieser Geschichte steht der Großvater. Über ihn weiß die Erzählerin nur wenig. Es existieren wenige Dokumente, einzelne Fotografien, verstreute Erinnerungen. Bekannt ist lediglich, dass er während des Zweiten Weltkriegs der SS angehörte und zeitweise im polnischen Radom stationiert war. Diese Information wirkt zunächst wie ein dunkler Punkt in einer genealogischen Skizze. Doch sobald man den historischen Kontext hinzunimmt, verändert sich ihre Bedeutung radikal.
Radom gehörte während der deutschen Besatzung zum sogenannten Generalgouvernement und war ein Ort nationalsozialistischer Gewaltpolitik. Dort existierte ein großes Ghetto, dessen jüdische Bevölkerung im Verlauf des Krieges systematisch deportiert und ermordet wurde.
George Orwell: „Zeilen der Zeit — Kolumnen aus einem Jahrhundert im Umbruch“
Die Kolumne ist eine eigentümliche literarische Form. Sie entsteht im Rhythmus der Woche, unter dem Druck des Tagesgeschehens, und doch kann sie – in seltenen Fällen – eine präzise Chronik einer Epoche werden. Die Texte, die George Orwell zwischen 1943 und 1946 unter dem Titel „As I Please“ für die britische Wochenzeitschrift Tribune schrieb und die nun in einer Auswahl zusammen mit wenigen weiteren Texten, die später entstanden sind, in dem Sammelband „Zeilen der Zeit“ versammelt sind, gehören zu diesen seltenen Fällen. Sie lesen sich heute weniger wie journalistische Gelegenheitsarbeiten als wie seismografische Aufzeichnungen einer historischen Übergangsphase: der letzten Jahre des Zweiten Weltkriegs und der unmittelbaren Nachkriegszeit.
Man muss sich zunächst fragen, unter welchen gesellschaftlichen Bedingungen diese Texte entstanden: Großbritannien befand sich während der Jahre 1943 bis 1945 noch im Krieg. Luftangriffe, Rationierung, Mobilisierung der Wirtschaft und eine stark regulierte Öffentlichkeit bestimmten den Alltag. Gleichzeitig begann sich bereits die politische Ordnung der Nachkriegszeit abzuzeichnen. Die britische Gesellschaft war geprägt von einer paradoxen Mischung aus patriotischer Einheitsrhetorik und tief verwurzelten Klassengegensätzen. Millionen Menschen lebten unter materiell eingeschränkten Bedingungen, während zugleich eine neue Erwartung an soziale Reformen wuchs. Die Labour-Regierung, die 1945 an die Macht kam, versprach den Ausbau des Sozialstaats und eine Neuordnung der Wirtschaft.
Lea Singer: „Eine Frage des Formats“
Lea Singers Roman „Eine Frage des Formats“ nimmt seinen Ausgang von einer Begebenheit, die auf den ersten Blick wie eine kunsthistorische Kuriosität wirkt: Ein Maler, berühmt für seine kompromisslose Körperlichkeit und seine schonungslose Nähe zum Modell, porträtiert eine Monarchin, deren öffentliche Existenz seit Jahrzehnten von Ritualen, Symbolen und kontrollierter Distanz bestimmt ist. Dass es sich bei diesem Maler um Lucian Freud und bei der Porträtierten um Queen Elizabeth II. handelt, verleiht der Konstellation eine zusätzliche Spannung — doch Singer interessiert sich weniger für das Anekdotische dieses Aufeinandertreffens als für die stillen, kaum sichtbaren Verschiebungen, die sich im Akt des Porträtierens selbst vollziehen.
Der Roman ist weder ein historischer Bericht über diese Sitzungen noch eine bloße literarische Ausmalung eines prominenten Ereignisses. Vielmehr entfaltet Singer eine vielschichtige Meditation über Sehen und Gesehenwerden, über Macht und Verletzlichkeit, über das Verhältnis von Bild und Person. Dabei bleibt sie ihrem poetischen Grundprinzip treu: Große kulturelle Figuren erscheinen bei ihr nicht als Monumente, sondern als fragile, tastende Subjekte, deren innere Bewegungen erst im Erzählen Kontur gewinnen. Das Besondere an „Eine Frage des Formats“ liegt gerade darin, dass der Text sich weigert, das Spektakel der Begegnung auszuspielen. Stattdessen verlangsamt er den Blick, richtet ihn auf Details, auf Pausen, auf das Unausgesprochene zwischen zwei Menschen, die in höchst unterschiedlichen, aber gleichermaßen engen Rollen gefangen sind.
Ronen Steinke: „Meinungsfreiheit — Wie Polizei und Justiz unser Grundrecht einschränken — und wie wir es verteidigen“
Ronen Steinke gehört zu jener Generation deutscher Juristen und Publizisten, die das Recht nicht als abgeschlossenes System begreifen, sondern als gesellschaftliches Versprechen, das ständig neu eingelöst werden muss. Geboren 1983, ausgebildet in Jura und Politikwissenschaft, arbeitete Steinke unter anderem als Journalist für große überregionale Zeitungen und ist seit Jahren als rechtspolitischer Korrespondent tätig. Sein publizistisches Profil hat er sich vor allem mit Büchern erarbeitet, die staatliche Macht kritisch beleuchten: über den Internationalen Strafgerichtshof, über die Aufarbeitung nationalsozialistischer Verbrechen oder über institutionellen Rassismus.
„Meinungsfreiheit – Wie Polizei und Justiz unser Grundrecht einschränken — und wie wir es verteidigen“ fügt sich folgerichtig in dieses Werk ein. Während andere aktuelle Veröffentlichungen zur Meinungsfreiheit häufig kulturkämpferisch argumentieren oder sich auf digitale Empörungskreisläufe konzentrieren, wählt Steinke einen juristisch-praktischen Zugriff. Er interessiert sich weniger für laute Debatten als für leise Aktenvermerke, für amtliche Bescheide von Ordnungswidrigkeiten, Strafbefehle und Gerichtsurteile, in denen sich zeigt, wie fragil ein Grundrecht im Alltag sein kann.
Marcel Hopp: „Was geht mich das an? — Warum wir den Rechtsruck nur gemeinsam stoppen können“
Marcel Hopp gehört zu jener Generation politischer Akteure, die weniger über Parteikarrieren als über biografische Brüche, soziale Medien und unmittelbare gesellschaftliche Erfahrungen sichtbar geworden sind. Geboren Ende der 1980er Jahre, aufgewachsen in der West-Berliner Gropiusstadt, einem urbanen Umfeld, das von sozialer Ungleichheit und kultureller Vielfalt gleichermaßen geprägt ist, fand Hopp früh zur politischen Arbeit. Seine Ausbildung als Lehrer, sein Engagement in der Bildungsarbeit und schließlich sein Weg in die parlamentarische Politik bilden den Hintergrund seines Schreibens. Anders als viele Autorinnen und Autoren politischer Sachbücher kommt Hopp nicht aus der Wissenschaft, sondern aus der politischen Praxis und der alltäglichen Auseinandersetzung mit gesellschaftlichen Konflikten. Bereits vor seinem aktuellen Buch hatte er sich in Essays, kurzen Publikationen und vor allem über digitale Kanäle mit demokratiepolitischen Fragen befasst. „Was geht mich das an?“ fügt sich in diese Linie ein, markiert aber zugleich einen Versuch der Verdichtung: weniger Kommentar, mehr umfassender Deutungsanspruch. Im Vergleich zu anderen jüngeren Veröffentlichungen zum Rechtsruck, die entweder analytisch-kühl oder polemisch zugespitzt auftreten, positioniert sich Hopp bewusst dazwischen – als politischer Erzähler, der erklären, mobilisieren und irritieren will, ohne sich ganz der Sprache der Wissenschaft oder der Agitation zu verschreiben.
Aldous Huxley: „Zeit der Oligarchen“
Heute liest man diesen Essay an vielen Stellen mit Gänsehaut. Der Hanser-Verlag hat mit „Zeit der Oligarchen“, dem Titel der deutschen Übersetzung, genau den richtigen, richtungsweisenden Ton getroffen; der Titel des englischen Originals („Science, Liberty and Peace“) klingt dagegen geradezu harmlos und seltsam indifferent.
Davon abgesehen, werden die heutigen Leser ihre Lektüre vor dem Hintergrund der neuen Weltordnung à la „TPX“ (Trump-Putin-Xi und anderer Autokraten) anders erleben als die Zeitgenossen Huxleys, die den 1946 erschienenen Essay mit ihren jeweiligen persönlichen Erfahrungen des Zweiten Weltkriegs gelesen haben. — Darüber wird noch zu sprechen sein.
Es ist der Verdienst des Hanser-Verlags, diesen 80 Jahre alten Text für die deutschsprachige Gegenwart aus dem Schattenreich des Vergessens gerettet zu haben. In der großartigen Übersetzung von Jürgen Neubauer wurde größtenteils erfolgreich versucht, das englische Original auch sprachlich in unsere Zeit zu heben. Die angenehm flüssige Lektüre wird einzig von einem wiederholt auftauchenden Begriff irritiert: dem „Boss“. An verschiedenen Stellen taucht dieser Begriff auf, es ist die Rede von der „Tyrannei der Bosse“, den „wirtschaftlichen Bossen“ oder den „kapitalistischen und staatlichen Bossen“ — ein Begriff mit vielen Bedeutungen.
In der Tat wird auch im englischen Originaltext von Huxley häufig der Begriff „boss“ verwendet, so dass eine entsprechende (Nicht-)Übersetzung zunächst keine Nachlässigkeit des Übersetzers ist. — Hierzu noch ein biografischer Einschub: Aldous Huxley ging 1937 nach Amerika und lebte fortan die meiste Zeit in Kalifornien. Er schrieb für eine globale englischsprachige Öffentlichkeit, aber eben auch für eine amerikanische, und genau hier wäre „boss“ ein adäquater, aus dem wirtschaftlichen Kontext stammender Begriff mit einer umgangssprachlichen und leicht pejorativen Färbung.
Julian Barnes’ Buch Abschiede ist kein Roman im klassischen Sinn, sondern ein schmales, konzentriertes Prosastück, das sich um einen der großen, unausweichlichen Grundvorgänge des menschlichen Lebens dreht: das Sich-Trennen, das Zurücklassen, das Fortgehen – und letztlich um den Abschied vom Leben selbst. In wenigen Worten lässt sich der Inhalt so umreißen: Barnes reflektiert über den Tod, über Trauer und Erinnerung, über das Weiterleben nach einem Verlust und über die Sprache, die uns dabei zur Verfügung steht. Es geht um persönliche Erfahrung, aber auch um Literatur, Philosophie und um die Frage, wie sich das Unaussprechliche dennoch sagen lässt. Mehr sollte man über den konkreten Verlauf dieses Buches kaum verraten, denn seine Wirkung entfaltet sich weniger durch Handlung als durch Ton, Gedankenführung und emotionale Genauigkeit.
Barnes’ Stil ist dabei sofort wiedererkennbar – und zugleich in einer Weise zugespitzt, die ihn von vielen seiner früheren Bücher unterscheidet. Er schreibt mit jener scheinbar leichten Eleganz, die komplexe Gedanken mühelos erscheinen lässt, ohne sie zu vereinfachen. Die Sätze sind klar, oft lakonisch, manchmal ironisch gebrochen, dann wieder von einer stillen, fast schmerzhaften Genauigkeit. Wie so oft bei Barnes liegt die Kunst darin, dass sich hinter der Ruhe der Prosa eine enorme gedankliche Beweglichkeit verbirgt. Abschweifungen sind präzise gesetzt, Anekdoten nie bloß schmückendes Beiwerk, sondern Bausteine eines größeren Nachdenkens über Zeit, Endlichkeit und Erinnerung.
Katherine Mansfield: „Glück — Meistererzählungen“
Es gibt Anthologien, die wie literarische Sammelalben funktionieren, lose zusammengehalten von einem Thema, das mehr verspricht als es tatsächlich einlöst. Katherine Mansfields „Glück“ gehört nicht dazu. Der Titel wirkt zwar auf den ersten Blick wie ein programmatisches Versprechen, doch er entpuppt sich rasch als feinsinnig ironischer Schlüssel zu einem Werk, das Glück nicht als Zustand, sondern als Moment begreift, als flüchtige Erregung, als innere Überdehnung, die oft in Ernüchterung oder Verstummen mündet. Mansfield schreibt nicht über das Glück, sie schreibt über seine Zerbrechlichkeit – und über die menschliche Neigung, es dort zu vermuten, wo es am wenigsten Bestand hat.
Die in dieser Anthologie versammelten Erzählungen entstanden überwiegend in den letzten Jahren ihres Lebens, in einer Zeit, in der Mansfield bereits schwer krank war und sich zugleich in einer Phase außergewöhnlicher literarischer Produktivität befand. Geboren 1888 in Wellington als Tochter einer wohlhabenden neuseeländischen Familie, kam sie als junge Frau nach Europa, studierte in London, lebte in Deutschland, Frankreich und England und bewegte sich in den intellektuellen Zirkeln der frühen Moderne.
Wer sich Helene Böhlaus Roman „Halbtier!“ nähert, dem öffnet sich eine erzählerische Welt, in der psychologische Feinzeichnung und gesellschaftliche Reibung sich in einer eigentümlich schimmernden Prosa verbinden. Der Roman führt zwei Figuren zusammen, die unterschiedlicher kaum sein könnten: eine junge Frau, deren innere Entwicklung zwischen Konvention und Freiheitsdrang oszilliert, und ein Mann, dessen ungebändigtes, instinktgeleitetes Wesen ihn im gesellschaftlichen Gefüge zum Fremdkörper macht.
Zwischen ihnen entspinnt sich ein Beziehungsgeflecht, das von Faszination und Abstoßung zugleich geprägt ist. Vieles bleibt in Andeutungen gehalten, denn Böhlau interessiert nicht das melodramatische Auftrumpfen, sondern das Aufblitzen jener seelischen Zwischenräume, in denen Menschen zu sich selbst finden oder sich verlieren. Wer die Lektüre antritt, sollte deshalb nicht nach spektakulären Wendungen suchen, sondern nach der feinen Verästelung von Motiven, die Böhlaus Werk seit jeher kennzeichnen.
Helene Böhlau, 1856 in Weimar geboren, gehört zu den schillerndsten und zugleich am meisten unterschätzten Stimmen des literarischen Kaiserreichs.
Annemarie Stoltenberg (Hg.): „Magie des Lesens — Die schönsten Geschichten über die Liebe zum Buch“
Man kann dieses Buch von vorn lesen oder irgendwo in der Mitte aufschlagen, man kann sich treiben lassen oder gezielt verweilen – und genau darin liegt bereits eine seiner stillen Aussagen. „Magie des Lesens – Die schönsten Geschichten über die Liebe zum Buch“ ist kein Band, der auf ein Ziel zustrebt, sondern einer, der den Zustand des Lesens selbst feiert: das Innehalten, das Versinken, das Wiederauftauchen mit veränderter Wahrnehmung. Herausgegeben von Annemarie Stoltenberg, versammelt diese Anthologie Texte aus verschiedenen Jahrhunderten, literarischen Traditionen und Temperamenten, die alle um ein gemeinsames Zentrum kreisen: die Erfahrung, dass Bücher mehr sind als bedrucktes Papier, dass sie Lebensräume öffnen, Erinnerungen prägen und manchmal sogar Rettungsanker sein können.
Die Herausgeberin hat eine Auswahl literarischer Miniaturen, Essays, Erinnerungsstücke und erzählerischer Reflexionen zusammengetragen, in denen Autorinnen und Autoren über ihr Verhältnis zum Lesen, zu Büchern und zur eigenen Lesebiografie sprechen. Manche Texte erinnern sich an frühe Kindheitserlebnisse, an das heimliche Lesen unter der Bettdecke oder an das erste Buch, das sich wie eine Offenbarung anfühlte. Andere kreisen um die Einsamkeit des Lesens, um seine tröstende Kraft oder um das seltsame Glück, in der Gesellschaft eines Buches ganz bei sich zu sein. Wieder andere betrachten das Lesen mit ironischer Distanz, als kultivierte Marotte, als liebenswerte Obsession oder als gelegentlich auch anstrengende Pflicht. Zusammen ergeben diese Stimmen kein geschlossenes Lehrgebäude, sondern ein vielschichtiges Mosaik.
Andrea Gnam: „Bilder und Wörter — Kleine Kulturgeschichte einer brillanten Allianz“
Andrea Gnams Buch „Bilder und Wörter — Kleine Kulturgeschichte einer brillanten Allianz“ bewegt sich auf einem Terrain, das zugleich vertraut und erstaunlich unterbelichtet ist: der jahrtausendealten, wechselvollen Beziehung zwischen dem Sichtbaren und dem Sagbaren, zwischen Bild und Sprache. Dass diese beiden kulturellen Ausdrucksformen einander nicht bloß ergänzen, sondern sich wechselseitig formen, herausfordern und manchmal auch bekämpfen, ist eine Einsicht, die in der Kunst- und Kulturgeschichte mindestens so alt ist wie die berühmte Paragone-Debatte der Renaissance, in der es darum ging, welche Kunstform die höchste von allen sei. Gnam greift diesen Gedanken auf, löst ihn jedoch aus dem engen Rahmen kunsttheoretischer Spezialdiskurse und entfaltet ihn als weitgespannte, essayistisch grundierte Kulturgeschichte, die sich von der Antike bis in die Gegenwart erstreckt.
Was den Inhalt betrifft, so folgt das Buch keiner strengen Chronologie, sondern eher einer Folge von gedanklichen Annäherungen. Die Autorin untersucht, wie Bilder Worte ersetzen, provozieren oder überflüssig machen können, ebenso wie sie zeigt, wie Worte Bilder evozieren, rahmen oder sogar erst hervorbringen.
Ulrich Steinvorth: „Was Philosophie war, ist und sein kann“
Ulrich Steinvorths schmales Buch trägt einen Titel, der größer klingt, als es der Umfang zunächst vermuten lässt. „Was Philosophie war, ist und sein kann“ kündigt nichts Geringeres an als eine Selbstvergewisserung einer Disziplin, die sich seit zweieinhalb Jahrtausenden zwischen Weltdeutung, Kritik und Selbstzweifel bewegt. Dass dieses Unterfangen in ein handliches Reclam-Bändchen gepresst wird, ist Teil des Programms. Steinvorth tritt nicht mit der Geste des Systembauers auf, sondern mit der Haltung eines erfahrenen Gesprächspartners, der noch einmal zusammenfassen möchte, was er in Jahrzehnten des Denkens und Lehrens für wesentlich hält. Das Ergebnis ist weniger eine Einführung im klassischen Sinn als eine konzentrierte Meditation über den Sinn und die Möglichkeit philosophischen Denkens.
Inhaltlich folgt das Buch einer losen chronologischen Bewegung. Steinvorth beginnt bei den Anfängen der Philosophie im antiken Griechenland, bei jenen frühen Denkern, die sich erstmals von mythologischen Erklärungen lösten und die Welt aus sich selbst heraus verstehen wollten. Er streift Platon und Aristoteles, verweilt bei den Umbrüchen der Neuzeit, bei Descartes, Kant und Hegel, und endet schließlich in der Gegenwart, in der Philosophie sich mit den Naturwissenschaften, der politischen Praxis und der eigenen gesellschaftlichen Randständigkeit auseinandersetzen muss.
Jens Jäger: „Medienmetropole Berlin – Kommunikation, Netzwerke und Öffentlichkeit im Kaiserreich“
Jens Jägers Heft „Medienmetropole Berlin — Kommunikation, Netzwerke und Öffentlichkeit im Kaiserreich“ ist ein schmaler, aber gedanklich dicht gepackter Versuch, jene Stadt sichtbar zu machen, die im historischen Rückblick allzu oft hinter den großen politischen Chiffren des Kaiserreichs verschwindet. Berlin erscheint hier nicht primär als Hauptstadt des Wilhelminismus, als Bühne imperialer Gesten und monumentaler Architektur, sondern als vibrierender Kommunikationsraum, in dem Zeitungen, Telegrafen, Agenturen, Salons, Vereine und Kaffeehäuser ein Geflecht bilden, das Öffentlichkeit erst herstellt. Jäger interessiert sich weniger für die medialen Produkte als für die Bedingungen ihrer Möglichkeit: für Wege, Knotenpunkte, Akteure und Routinen, die Information zirkulieren lassen und Meinungen formen.
Das Heft führt in konzentrierter Form durch die Entwicklung Berlins zur führenden Medienmetropole des Deutschen Reiches. Jäger skizziert die explosionsartige Ausweitung der Presse, die Verdichtung journalistischer Arbeitsweisen, den Aufstieg der Nachrichtenagenturen und die zunehmende Professionalisierung von Kommunikation. Dabei geraten nicht nur Redaktionen und Verleger in den Blick, sondern auch technische Infrastrukturen wie Telegrafie und Telefonie sowie soziale Orte der Kommunikation, in denen sich politische, kulturelle und wirtschaftliche Eliten begegnen.
Es gibt Bücher, die erscheinen pünktlich zu ihrer Zeit, und solche, die ihre Zeit verfehlen, um Jahrzehnte später mit umso größerer Präzision gelesen zu werden. Paul Wieglers Roman „Gabriele“ gehört unzweifelhaft zur zweiten Kategorie. Dass dieser Text erst jetzt, viele Jahrzehnte nach dem Tod seines Autors, aus dem Schatten eines Archivs ins Licht der Öffentlichkeit tritt, ist mehr als eine editorische Fußnote. Es verändert den Blick auf ein Werk, das nicht nur literarisch, sondern auch zeitgeschichtlich eine eigentümliche Schwebe besitzt: geschrieben in einer Epoche der Umbrüche, entdeckt in einer anderen, gelesen in einer dritten. „Gabriele“ von Paul Wiegler ist damit selbst ein Roman über Zeit — über ihr Vergehen, ihre Verzögerungen und ihre merkwürdigen Rückkopplungen.
Im Zentrum der Erzählung steht eine junge Frau aus verarmtem Adel, aufgewachsen zwischen provinzieller Enge und den Verlockungen einer großen Stadt. Gabriele ist die Tochter eines Barons, dessen gesellschaftlicher Rang nur noch eine formale Hülle ist, während die ökonomische Wirklichkeit längst andere Gesetze diktiert. Sie bewegt sich zwischen dem Landsitz der Familie und Wien, zwischen Herkunft und Zukunft, zwischen der Erwartung, eine Rolle auszufüllen, und dem leisen Wunsch nach einem selbstbestimmten Leben.
Walter Ruprechter: „Vom Hausen und Wohnen — In Zwischenräumen daheim“
Walter Ruprechters Buch über das Hausen und Wohnen betritt ein Terrain, das auf den ersten Blick vertraut wirkt und sich doch rasch als überraschend unwegsam erweist. Wer hier einen Ratgeber für bessere Grundrisse, nachhaltige Baumaterialien oder zeitgemäße Wohnmodelle erwartet, wird schnell eines Besseren belehrt. Ruprechter interessiert sich nicht für das Wohnen als Problem technischer Optimierung, sondern für das Wohnen als Denkfigur, als kulturelle Praxis und als existenzielle Grundbedingung menschlichen Lebens. Sein Buch ist weniger Anleitung als Einladung: zum Innehalten, zum Nachdenken darüber, was es eigentlich bedeutet, irgendwo zu sein und sich dort — vorübergehend oder dauerhaft — heimisch zu fühlen.
Inhaltlich bewegt sich der Text zwischen sehr unterschiedlichen Ebenen. Ruprechter beginnt beim elementaren Schutzraum, bei Formen des Hausens, die dem Körper näher sind als dem Begriff von Architektur: Gehäuse, Hülle, Unterschlupf. Von dort aus entfaltet er eine Geschichte des Wohnens, die nicht linear erzählt wird, sondern in tastenden Bewegungen, in gedanklichen Schleifen und Rückgriffen.
Martin Pfaffenzeller und Eva-Maria Schnurr (Hg.): „Die letzten Tagen von Pompeji — So lebten die Römer im Schatten des Vulkans“
In der kaum zu überbietenden Vielfalt historischer Reflexionen über das antike Pompeji zeichnet der Sammelband „Die letzten Tage von Pompeji — So lebten die Römer im Schatten des Vulkans“ ein Panorama, das den Ausbruch des Vesuvs als historischen Fixpunkt wie ein Prisma erscheinen lässt, durch das eine ganze Gesellschaft reflektiert wird. Was hier, im Schatten des Vulkans, vor 1946 Jahren zu Ende ging, wird in diesem Buch nicht nur als Naturkatastrophe, sondern als vielstimmiger Ausdruck menschlicher Existenz in all ihren Ambivalenzen sichtbar: das alltägliche Leben, soziale Spannungen, religiöse Praktiken, intimer Genuss und die letzte Unvorhersehbarkeit des Todes. Der Band vereint Beiträge von SPIEGEL-Redakteurinnen, Wissenschaftsjournalistinnen und ausgewiesenen Fachleuten aus Archäologie, Altertumskunde und Kulturgeschichte zu einem Kaleidoskop antiker Lebenswelten.
Der inhaltliche Kern ist ein weites Feld: Anstelle einer monolithischen Erzählung präsentiert der Sammelband eine Serie von sehr fokussierten Essays, die aus verschiedenen Blickwinkeln den Alltag in Pompeji rekonstruieren. So erfährt der Leser, wie erotische Wandbilder über die Sexualmoral Auskunft geben, welche Risiken Gladiatorenkämpfe bargen und wie Drogen im römischen Alltag genutzt wurden; gleichsam aufschlussreich sind Exkurse zur Wohnsituation, zur sozialen Lage der Versklavten, zum medizinischen Wissen der Zeit oder zu kultischen Praktiken in den Tempeln der Stadt.
Helmuth Kiesel: „Schreiben in finsteren Zeiten — Geschichte der deutschsprachigen Literatur 1933-1945“
Auf dem Schreibtisch lag ein massiver Backstein: 1316 Seiten Text zuzüglich eines umfangreichen wissenschaftlichen Apparats, das war schon eine Ansage. Als im November 2025 „Schreiben in finsteren Zeiten“ erschien, war bereits abzusehen, dass ein gewichtiges Werk vorlag — nicht allein wegen seiner nahezu 1.400 Seiten, sondern weil ein ausgewiesener Kenner der deutschen Literaturgeschichte sich der wohl schwierigsten Phase der deutschsprachigen Literatur annahm.
Helmuth Kiesel, emeritierter Professor für Neuere deutsche Literatur an der Universität Heidelberg, hat mit diesem Buch nicht nur eine weitere Monografie veröffentlicht, sondern eine epochale literaturhistorische Erzählung vorgelegt, die das Dritte Reich und seine literarische Produktion in all ihren Widersprüchen, Gefährdungen und ästhetischen Nuancen sichtbar macht. In seinem neuen Band unternimmt Kiesel den ehrgeizigen Versuch, die deutschsprachige Literatur von 1933 bis 1945 in einer umfassenden Gesamtdarstellung zu rekonstruieren.
Ulrich Raulff: „Wie es Euch gefällt — Eine Geschichte des Geschmacks“
Ulrich Raulffs Buch „Wie es euch gefällt — Eine Geschichte des Geschmacks“ ist ein intellektueller Streifzug durch jene kulturellen, historischen und sozialen Landschaften, in denen sich der Begriff des Geschmacks über Jahrhunderte hinweg ausgebildet hat. Raulff nähert sich diesem Thema mit der für ihn typischen Mischung aus Belesenheit, essayistischem Wagemut und einem gewissen Hang zum assoziativen Denken.
Dabei entsteht ein Buch, das weniger eine chronologisch geordnete Geschichte beschreibt, als vielmehr eine vielschichtige Erkundung des Geschmacks als gesellschaftliche Sinnpraxis. Der Autor meidet didaktische Stränge und starre Argumentationsgerüste und bevorzugt eine Form, die eher an gelehrte Plaudereien im besten Sinne erinnert: ein mäanderndes, aber über weite Strecken fesselndes Denken über das Denken, ein Innehalten über die Art und Weise, wie wir Schönes, Wertvolles oder Fragwürdiges beurteilen.
Raulff definiert Geschmack als einen historisch wandelbaren, zugleich gesellschaftlich regulierenden und zutiefst persönlichen Code der Wahrnehmung.
George Gissing: „Der zahlende Hausgast“
„Der zahlende Hausgast“ — im englischen Original „The Paying Guest“ — erschien 1895 und gehört zu jener Reihe von Gesellschaftsstudien, mit denen George Gissing seine literarische Handschrift zwischen moralischer Ernüchterung und psychologischer Präzision schärfte. Wer dieses schmale, oft übersehene Werk zur Hand nimmt, begegnet einem Autor, der das soziale Gefüge der viktorianischen Mittelklasse mit beinahe anthropologischer Akribie durchleuchtet und dessen Blick stets zugleich kühl registrierend und leise mitleidend bleibt. Schon in der ersten Szene, in der die verarmte Familie Mumford einen „zahlenden Gast“ aufnimmt, setzt Gissing den Ton: eine fein vibrierende Mischung aus ironischer Distanz und beinahe schmerzlicher Aufmerksamkeit für die Zwänge der Respektabilität, in denen seine Figuren sich verfangen.
Die Handlung lässt sich vergleichsweise knapp skizzieren und entwickelt dennoch eine atmosphärische Dichte, die weit über den äußeren Plot hinausreicht: Die Mumfords, bemüht um den Erhalt eines Lebensstandards, der ihnen ökonomisch längst entglitten ist, beschließen, mit der Aufnahme einer Mieterin ihre finanzielle Lage zu stabilisieren. Dass ausgerechnet die junge Louise Derrick, lebhaft, unberechenbar und unkonventionell, in dieses stille, beinahe unter Druck stehende Haushaltssystem tritt, ist der Funke, der die still schwelenden Konflikte der Familie entzündet.
Florian Illies: „Wenn die Sonne untergeht — Familie Mann in Sanary“
Florian Illies hat mit Wenn die Sonne untergeht — Familie Mann in Sanary ein Buch geschrieben, das zugleich Familiendrama, Exilstudie und Sommeridylle ist. Im Mittelpunkt steht der Sommer 1933, in dem Thomas und Katia Mann mit ihren sechs Kindern im südfranzösischen Sanary-sur-Mer Zuflucht suchen. Der Ort ist sonnendurchglüht und doch von Bedrohung überschattet. Die Familie hat Deutschland verlassen, ohne zu wissen, ob sie je zurückkehren wird. Illies konzentriert sich auf diese drei Monate, auf das Leben im Übergang, auf das Schwanken zwischen Sicherheit und Verlust, auf die noch ungebrochene Routine des Familienalltags, die schon von der Ahnung der Katastrophe durchzogen ist.
Der Autor geht dabei nicht chronologisch oder dokumentarisch vor. Er erzählt in dichten Szenen, in Momentaufnahmen, die wie Fotografien wirken. Das Leben der Manns erscheint als ein Mosaik aus Streit, Sehnsucht und schöpferischem Trotz. Thomas Mann hadert mit dem Exil, seine Kinder rebellieren, Katia versucht, alles zusammenzuhalten. Die Sonne und das Meer, der Duft des Südens, die Musik des Sohnes Michael, die intellektuelle Unruhe von Klaus und Erika — all das wird mit leichter Hand zu einem sommerlichen Tableau verbunden, das zugleich heiter und melancholisch ist.
Judith Kessler: „Kann denn Liebe Sünde sein? — Auf den Spuren des Liedtexters Bruno Balz“
Judith Kesslers Buch Kann denn Liebe Sünde sein? — Auf den Spuren des Liedtexters Bruno Balz ist mehr als eine Biografie. Es ist eine Wiederbegegnung mit einer Gestalt, die das deutsche Unterhaltungslied der 1930er und 1940er Jahre geprägt hat und zugleich zu jenen gehört, die die Geschichte in ihren Fußnoten verschluckt. Bruno Balz — der Mann, der Zeilen wie „Ich weiß, es wird einmal ein Wunder gescheh’n“ schrieb, die Zarah Leander unsterblich machte — lebte ein Doppelleben zwischen Glamour und Gefahr. Kessler erzählt von diesem Leben mit detektivischer Geduld, literarischer Einfühlung und einem ausgeprägten Sinn für die Ambivalenzen einer Epoche, in der selbst die schillerndste Melodie einen Schatten warf.
Bruno Balz wurde 1902 in Berlin geboren, jenem Ort, der ihm Heimat, Bühne und Bedrohung zugleich wurde. Schon früh zog es ihn in die Welt des Varietés und der Operette, in die leuchtenden Halbwelten, in denen Ironie und Sentiment so eng beieinander liegen. Als Textdichter machte er rasch Karriere, arbeitete später mit Komponisten wie Michael Jary zusammen und lieferte den Soundtrack zur deutschen Sehnsucht nach Glanz und Unbeschwertheit in dunkler Zeit. Doch Balz war homosexuell, und das machte ihn unter dem NS-Regime zu einem Gejagten. Mehrfach wurde er verhaftet, gedemütigt, beinahe vernichtet — und doch überlebte er, weil seine Lieder gebraucht wurden.
Marie-Luise von der Leyen: „Die Skandalösen — Frauen, die sich ihre Freiheit genommen haben“
Marie-Luise von der Leyens Buch Die Skandalösen — Frauen, die sich ihre Freiheit genommen haben ist ein Werk, das von seiner Autorin mit sichtlicher Zuneigung für seine Protagonistinnen und einem feinen Sinn für Dramaturgie komponiert wurde. Es ist kein Lexikon weiblicher Lebensläufe, kein Kompendium über Emanzipationsgeschichte — vielmehr eine Folge von Miniaturen, sorgfältig poliert, doch nicht ohne Kanten. Von der Leyen stellt neun Frauen vor, die in sehr unterschiedlichen Zeiten lebten, aber eines gemein hatten: Sie widersetzten sich dem Erwartbaren, dem Vorgezeichneten, und sie taten es mit einer Entschiedenheit, die zu ihrer Zeit als Provokation empfunden wurde. Dass die Autorin sie „skandalös“ nennt, verrät dabei weniger über ihre Protagonistinnen als über die Gesellschaften, in denen diese sich bewegten.
Die Autorin wählt einen erzählerischen Zugang, der den Leser in das jeweilige Leben hineinzieht, ohne sich in Daten und Fußnoten zu verlieren. Sie beschreibt mit einem Blick, der nicht der des Historikers, sondern der des Beobachters ist — einer, der Charaktere studiert, Temperamente, Eigenwilligkeiten. Die Lebensgeschichten entfalten sich in knappen, pointierten Szenen. Die Autorin setzt auf Bewegung statt Chronologie, auf Stimmungen statt Statistiken. So wird aus der Biografie eine Art Erzählung über Selbstbehauptung: der Moment, in dem eine Frau aufsteht und sagt, sie wolle anders leben, wird zum dramaturgischen Kern.
Hauke Friederichs u. Rüdiger Barth: Deutschland 1946 — Das Wunder beginnt“
Deutschland im Jahr 1946 — ein Land aus Staub und Schweigen, von Rauch und Hoffnung umhüllt. Die Städte liegen in Trümmern, die Moral ebenso. Und doch regt sich in den Rissen der Ruinen bereits ein leises Leben, ein vorsichtiger Wille zum Neubeginn. In diese Zwischenzeit führen Hauke Friederichs und Rüdiger Barth den Leser in ihrem eindringlichen Buch Deutschland 1946 — Das Wunder beginnt. Der Titel klingt verheißungsvoll, fast trotzig. Denn wer das Jahr 1946 mit dem Wort „Wunder“ versieht, wagt einen Spagat: zwischen der noch kaum verheilten Katastrophe und dem Glauben an die Möglichkeit eines neuen Anfangs.
Friederichs und Barth nähern sich diesem Jahr nicht als Historiker, die auf Distanz bedacht sind, sondern als Chronisten eines tastenden Erwachens. Sie zeichnen ein Panorama des Alltags, das weniger von großen Reden als von kleinen Gesten lebt: Menschen, die in ausgebrannten Theatern wieder spielen, Mütter, die Suppe aus Kohlenasche kochen, junge Männer, die in den Trümmern Handel treiben und dabei eine neue Ökonomie erfinden. Aus diesen Miniaturen entsteht ein feingliedriges Bild jener ersten Nachkriegsmonate, das von Armut, Anarchie und einer erstaunlichen Vitalität zugleich erzählt. Es ist, als hätte der Schutt selbst begonnen, von Neuem zu träumen.
Die Autoren erzählen szenisch, fast filmisch. Sie lassen den Leser durch Räume gehen, die nach Ruß und Hoffnung riechen, sie montieren Stimmen, Zitate, Zeitungsnotizen zu einem vibrierenden Mosaik.
Christoph Poschenrieder: „Fräulein Hedwig“
Christoph Poschenrieders neuer Roman Fräulein Hedwig ist ein stilles, aber eindringliches Buch über das Schicksal einer Frau, die zwischen Jahrhundertwende und NS-Zeit in ihrer Rolle gefangen ist — als Lehrerin, als Tochter, als psychisch fragile Einzelgängerin. Fräulein Hedwig, das war Fräulein Hedwig Poschenrieder, geboren am 3. März 1884, gestorben am 25. Juli 1944. Der Roman rekonstruiert ihr Leben aus den wenigen Dokumenten, die sich im Familienbesitz fanden, und ergänzt sie durch offizielle Dokumente, Krankenakten und viele weiteren Details, die der Autor bei seiner umfangreichen Recherche zusammenträgt.
Auf den ersten Blick erzählt der Roman eine unspektakuläre Lebensgeschichte, doch unter der Oberfläche entfaltet sich ein feines Panorama gesellschaftlicher Normen, innerer Zwänge und historischer Gewaltmechanismen. Das Buch liest sich ein Roman, betritt jedoch die Ebene des fiktionalen Erzählens nur an den Leerstellen der Biografie; der Text beschreibt die Suche nach den Einzelheiten eines nahezu vergessenen Lebens — eines Lebens, dessen Ende auch mit dem Euthanasie-Programm im Dritten Reich in Verbindung steht.
Hanno Sauer: „Klasse — Die Entstehung von Oben und Unten“
Hanno Sauers Buch Klasse — Die Entstehung von Oben und Unten ist ein philosophisch-soziologisches Werk über Status, Anerkennung und soziale Ungleichheit — und zugleich ein Grenzgang zwischen Wissenschaft und Essay. Sauer schreibt nicht als empirischer Forscher, sondern als Denker, der bestehende Studien, Theorien und Alltagsbeobachtungen zu einem moralpsychologischen Gesamtbild der Klassengesellschaft verknüpft. Das Buch will erklären, warum Menschen ständig Statussignale aussenden und wie dadurch Hierarchien entstehen, die sich selbst erhalten.
Sein Forschungsansatz ist dabei bewusst interdisziplinär, aber methodisch unscharf. Sauer führt keine eigenen Untersuchungen durch, sondern interpretiert fremde Befunde. Er argumentiert plausibel, nicht beweisend; überzeugend, aber nicht überprüfbar. Das verleiht seinem Werk essayistische Freiheit, kostet jedoch wissenschaftliche Präzision. Begriffe wie „Status“ oder „Prestige“ bleiben anschaulich, aber theoretisch unsystematisch. Wenn er Modelle aus Spiel- oder Evolutionspsychologie heranzieht, geschieht das eher metaphorisch als analytisch. Wer empirische Strenge erwartet, wird enttäuscht; wer jedoch moralische und kulturelle Einsicht sucht, wird reich belohnt.
Wolfgang Detel u. Helga Detel-Seyffarth: „Anthropologie — Was uns Menschen ausmacht“
Wolfgang Detel und Helga Detel-Seyffarth haben mit ihrem Buch Anthropologie — Was uns Menschen ausmacht, erschienen im Reclam-Verlag, ein Werk vorgelegt, das auf kompaktem Raum nichts weniger versucht, als den Menschen selbst in den Blick zu nehmen. Nicht das Individuum, nicht die Gesellschaft, nicht die Kultur oder die Biologie allein — sondern das Ganze der menschlichen Existenz. Es ist der Versuch, eine Disziplin zu umreißen, deren Grenzen sich beständig verschieben, weil sie eben den Menschen zum Gegenstand hat, dieses wandelbare, reflexive, sich selbst hinterfragende Wesen. Anthropologie, so lernen wir gleich zu Beginn, ist kein geschlossenes Lehrgebäude, sondern eine offene, interdisziplinäre Fragestellung: Was heißt es, Mensch zu sein?
Um diesen Kern kreisen die Autoren mit bewundernswerter Ruhe und Präzision. Sie tun es nicht im Ton der akademischen Belehrung, sondern in einem fließenden, fast sokratischen Gesprächsstil, der die Leserinnen und Leser zum Mitdenken auffordert.
Roger Willemsen: „Liegen Sie bequem? — Vom Lesen und von Büchern“
Roger Willemsen war nie nur ein Literaturvermittler, nie bloß ein Kritiker, der die Bücher anderer las, um sie zu bewerten. Er war ein leidenschaftlicher Flaneur durch das Reich der Gedanken, ein Sammler von Sätzen, ein Liebhaber des gedruckten Wortes, der in jedem Text die Spuren der Menschlichkeit suchte. Sein posthum erschienenes Buch Liegen Sie bequem? — Vom Lesen und von Büchern ist eine Hommage an diese Leidenschaft. Es versammelt Essays, Reden, Glossen und kleine Betrachtungen über das Lesen, über Autoren, über das Leben mit Literatur — und über das Leben durch Literatur. Dabei entsteht weniger ein systematisches Werk als eine Art literarisches Tagebuch, ein Nachlassband voller funkelnder Splitter, in denen Willemsens Geist noch einmal aufflackert, ironisch, melancholisch und hellwach.
Das Buch beginnt mit der scheinbar harmlosen Frage, die dem Titel seinen Namen gibt: „Liegen Sie bequem?“ — eine Frage, die in einer Buchhandlung an einen Kunden gerichtet sein könnte, der sich auf ein Sofa setzt, aber bei Willemsen zur poetischen Metapher für das Lesen wird.
Erik-Ernst Schwabach: „Bilderbuch einer Nacht“
Der Roman Bilderbuch einer Nacht von Erik‑Ernst Schwabach ist das jüngst in deutscher Sprache erschienene Werk eines Autors, der weitgehend vergessen war — umso bemerkenswerter ist nun die Entdeckung eines virtuosen Großstadtromans, der in seiner Anlage und Sprache zu seiner Zeit bemerkenswert modern wirkt. In einer einzigen Herbstnacht in einer pulsierenden Großstadt — es handelt sich sehr wahrscheinlich um Berlin — kreuzen sich die Lebenspfade zahlreicher Figuren: ein junger, frisch verheirateter Arzt, der auf einer Gesellschaft in einer Bankiersvilla einem Seitensprung nahekommt; ein mittelloser Arbeiter, der sich auf einen Einbruch einlässt; eine Hausfrau, die ohne Wissen ihres Mannes sich prostituiert; Barmädchen im Café Budapest oder in der Kolibri-Bar; eine Bordellbesitzerin, die sich „Baronin“ nennt; eine Schauspielerin, ein aufstrebender Dichter — sie alle sind in jener Nacht unterwegs auf der Suche nach Anerkennung, nach Liebe, nach Aufstieg, Sex, Geld. Der Roman ist in losen, teils fragmentarisch verbundenen Episoden komponiert, die weniger einen durchgehenden Handlungsbogen verfolgen als verschiedene Perspektiven und Stimmungen jener Nacht einfangen.
Ulrike Gastmann: „Lessons for Life — 99 Menschen, die dein Leben besser machen“
Ulrike Gastmanns Lessons for Life liest sich wie ein Rendezvous mit neunundneunzig klugen Stimmen. Der Band versammelt kurze Porträts von Künstlern, Sportlern und Denkern – von Patti Smith über Roger Federer bis Jane Goddall — und destilliert aus jedem Leben eine Lektion. Heraus kommt kein Ratgeber im üblichen Sinn, sondern ein fein komponiertes Kompendium von Haltungen, die Orientierung bieten, ohne Vorschriften zu machen. Die hundertste Lektion, so suggeriert Gastmann, bleibt die eigene.
Ulrike Gastmann ist wahrlich keine Unbekannte; sie schreibt seit Jahren als Kolumnistin für die Zeit. Ihr journalistischer Blick, geschult an Beobachtung und Verdichtung, prägt die Form dieses Buches. Sie stammt aus Thüringen, studierte Literaturwissenschaft und fand früh zur Sprache als Medium der Empathie. Das erklärt ihre Fähigkeit, komplexe Lebenswege in wenige, aber scharfe Striche zu fassen, ohne sie zu trivialisieren.
Volker Weidermann: „Wenn ich eine Wolke wäre — Mascha Kaléko und die Reise ihres Lebens“
Volker Weidermanns Wenn ich eine Wolke wäre. Mascha Kaléko und die Reise ihres Lebens ist eine Hommage, eine Lebensbeschreibung und zugleich eine Rückkehrgeschichte, die sich wie ein Roman liest, ohne auf die Fiktion auszuweichen. Von der ersten Seite an zieht der Autor den Leser in eine erzählerische Szene hinein: Mascha Kaléko steht am Deck eines Schiffes, winkt ins Verschwinden, lässt Mann und Sohn zurück. Dieses Bild — halb Abschied, halb Aufbruch — ist programmatisch für den Ton des Buches: nah an der Figur, präzise in den Details, mit feiner Dramaturgie. Weidermann schreibt als Feuilletonist, nicht als Chronist im archivischen Sinn, und diese Entscheidung prägt jede Seite: Er erzählt in Szenen, ordnet historische Abläufe nicht als Katalog von Fakten, sondern als Abfolge verdichteter Momente, die sich zu einem stimmigen Bild fügen.
Der Lebensweg, den er dabei nachzeichnet, ist von ständiger Bewegung geprägt. Geboren 1907 im galizischen Chrzanów, wächst Kaléko in einer Familie auf, die vor Pogromen und politischer Unsicherheit nach Deutschland flieht.
Harald Welzer: „Das Haus der Gefühle — Warum Zukunft Herkunft braucht“
Welzers neues Werk Das Haus der Gefühle — Warum Zukunft Herkunft braucht ist in vielerlei Hinsicht eine Fortsetzung und zugleich eine Korrektur seines bisherigen Denkens. Es ist ein Buch, das nicht nur gelesen, sondern erlebt werden möchte, weil es immer wieder die Grenzen zwischen persönlicher Erinnerung, soziologischer Analyse und politischer Diagnose überschreitet. Schon der Titel verrät, dass es Welzer um mehr geht als um das Aufzählen wissenschaftlicher Thesen: Er sucht nach einem Bild, einer Metapher, die trägt. „Haus der Gefühle“ — das ist keine beiläufige Wortschöpfung, sondern ein Fundament, auf dem sich ein Großteil seines Argumentationsgebäudes erhebt.
Der Ausgangspunkt ist so einfach wie bestechend: Jeder Mensch wird in einem Raum, einem Ort, einer Behausung mit der Welt bekannt gemacht. Dieses „erste All“ — wie Welzer das mit Anleihen bei Gaston Bachelard nennt — prägt die Art, wie wir später die Welt wahrnehmen.
Christine Benz: „How to retire — 18 Wege zu finanzieller Sicherheit und persönlicher Erfüllung nach dem Job“
Die sogenannte Boomer-Generation der zwischen 1956 und 1965 Geborenen geht nach und nach in Rente. Sie werden Boomer genannt, weil es besonders starke Jahrgänge waren, die das deutsche Wirtschaftswunder in der frühen Bundesrepublik (und aus anderen Gründen auch in der DDR) in jener Phase des Aufschwungs ermöglichten; doch darauf kommt es hier gar nicht an, denn How to Retire ist ganz allgemein ein Ratgeber zum Thema Ruhestandsplanung, und die in ihm enthaltenen Tipps sind natürlich für alle Gold wert, die sich aus Altersgründen mit dem eigenen Ruhestand beschäftigen.
Kleiner Tipp am Rande: Es ist ratsam, diese Planung nicht erst mit 60 in Angriff zu nehmen, sondern sich auch ruhig schon fünf oder gar zehn Jahre früher die Frage zu stellen, wie man sich das Leben nach dem Berufsleben vorstellt …
Ein weiblicher Neuzugang im Altenheim! Ein hochinteressantes Ereignis und eine willkommene Gelegenheit für den alten Rebellen, Mr Woodruff, seine Chancen beim weiblichen Geschlecht gewinnbringend zu nutzen, denn jene Unbekannte soll ein Zimmer mit Waschbecken bekommen, das kürzlich „auf natürliche Weise“ frei geworden war; so was passiert in Altenheimen öfters.
Mr Woodruff, der seinem Charakter nach auf Deutsch auch gut Haudruff heißen könnte, hat es sich zur Restlebensaufgabe gemacht, ein wenig Anarchie in den Laden zu bringen und seinen Mitbewohnern durch sein Beispiel klarzumachen, dass sie alle nicht mehr so wirklich viel Zeit haben, um noch etwas Spaß zu haben. Dementsprechend turbulent und auf eine typisch britisch-skurrile Art läuft die Handlung dieser kurzen Erzählung aus dem Ruder.
Was so anscheinend witzig und leicht beginnt, kippt aber schnell ins Gegenteil; der ironische und sarkastische Ton des Erzählers bleibt durchgehend erhalten, aber im Hintergrund treibt ein zunächst unsichtbarer weiterer Akteur sein Unwesen: Es ist das die Pandemie auslösende Corona-Virus.
Brianna Wiest: „The Life that´s waiting – Befreie Dich von negativen Gedanken und finde Deinen Weg“
Am Anfang braucht es die Stille, den Moment wenigstens vorübergehender Absonderung und des Rückzugs aus dem Lärm unserer hektischen Gegenwart. Erst in dieser Stille können wir die leise Stimme in unserem Innern wieder hören. Es ist jene Stimme, die uns aus der Tiefe unserer unbewussten Grübeleien entgegenhallt – The Life That’s Waiting – Befreie dich von negativen Gedanken und finde deinen Weg ist nicht nur der Name eines neuen Buches, sondern ein vorbildhaftes Angebot an die stille Stimme in uns, die längst weiß, dass sie mehr will.
Erfolgsautorin Brianna Wiest, bekannt durch den Bestseller 101 Essays, die dein Leben verändern werden, wendet sich in ihrem neuen Buch an diejenigen, die stets mit dem eigenen Denken hadern, die sich im ständigen Vergleich mit anderen verlieren, die Angst haben, den nächsten Schritt ins eigene Leben zu tun. Sie schreibt von einem Leben, das bereits wartet – wenn wir nur bereit sind, uns von dem zu lösen, was uns davon abhält.
Charlotte Mew: „Einige Arten zu lieben – Erzählungen“
Charlotte Mew – das ist eine Stimme, die flüstert und zerschneidet, die streichelt und sticht, die verstört, entzückt und sich nie ganz einfangen lässt. Mit der Erzähl- und Gedichtsammlung Einige Arten zu lieben liegt nun ein auf Deutsch zugängliches Konzentrat eines Werks vor, das so eigen ist, dass es weder im Kanon seiner Zeit noch im feministischen Nachhall der 1980er Jahre je bequem Platz nahm. Die Autorin, die sich von der Welt zurückzog und zugleich so genau in sie hineinsah, lässt sich weder als viktorianische Träumerin noch als frühe Avantgardistin festlegen – sie ist ein Solitär. Wer heute Charlotte Mew liest, begegnet einer Sprachkraft, die ebenso poetisch wie präzise ist, einer Fabulierlust, die durch ihre dunklen Schattenräume führt, und einer Autorin, die das Innenleben ihrer Figuren mit chirurgischer, oft melancholischer Hingabe seziert.
Der Erzählband umfasst eine Auswahl von Geschichten, die zwischen 1894 und 1914 entstanden sind.
Klaus Zeyringer, Ursula Prutsch: „Breaking News – Zeitgeschehen in der Presse von 1648-2001“
Will man etwas über die Vergangenheit erfahren, so ist man auf einen „Mittler“, ein Medium, angewiesen. Der Zugang zu dem, was wir als „Geschichte“ bezeichnen, erschließt sich nur medial; eine dieser historischen „Quellen“, wie sie in der Geschichtswissenschaft genannt werden, sind Zeitungen und Zeitschriften, also gedruckte Texte und Illustrationen aus vergangenen Zeiten. Interessant bei der Verwendung historischer Quellen (und jeweils kritisch zu hinterfragen) ist der jeweilige Grad ihrer Objektivität: Wie verlässlich sind ihre Aussagen? Wie gefärbt sind die Berichte von vergangenen Ereignissen?
Es ist die Aufgabe des Historikers, jene Quellen zu sichten, zu evaluieren und auszuwählen, sodann aus ihnen Original-Material der jeweiligen Zeit zusammenzustellen und zu zitieren, um die eigenen Thesen über den Lauf der Geschichte zu bekräftigen und gegebenenfalls gegen andere Argumente zu verteidigen. Damit wird klar, dass also unsere Interpretation der Vergangenheit – was wir allgemein übereinstimmend als die „wahre“ Erzählung der „Geschichte“ anerkennen – immer nur eine Momentaufnahme des jeweiligen Konsenses sein kann.
Klaus Willbrand, Daria Razumovych: „Einfach Literatur — Eine Einladung“
Wer regelmäßig in den sozialen Medien unterwegs ist und sich für Literatur begeistert, was nicht zwingend ein Widerspruch in sich selbst sein muss, der dürfte den freundlichen alten Mann, der, gemütlich umgeben von Büchern, in seinem Antiquariat sitzt und die Fragen einer jungen Frau beantwortet, schon einmal gesehen haben.
Die Rede ist von Klaus Jochen Willbrand, der ohne Übertreibung sein ganzes Leben dem Lesen und der Liebe zur Literatur verschrieben hat. Anfang dieses Jahres ist dieses Leben zu Ende gegangen, Willbrand verstarb am 29. Januar 2025 in einem Kölner Krankenhaus im Alter von 83 Jahren.
Während der Corona-Pandemie geriet sein Antiquariat in eine wirtschaftliche Krise. 2024 stand es kurz vor dem Aus, bis er der Germanistin Daria Razumovych begegnete. Gemeinsam begannen sie, Bücher online zu präsentieren – zunächst zögerlich, doch bald mit großem Erfolg. Auf TikTok und Instagram wurde Willbrand als „ältester Bookfluencer Deutschlands“ bekannt.
Hasso Spode: „Traum Zeit Reise — Eine Geschichte des Tourismus“
Der Begriff „Tourismus“ entstammt dem französischen Wort tour, das wiederum aus dem lateinischen tornare – „drehen“ – abgeleitet ist. Es beschreibt sinnbildlich eine Bewegung, die irgendwann wieder zum Ausgangspunkt zurückkehrt. Heute verbinden wir mit Tourismus meist Urlaubsreisen, Erholung und Mobilität. Doch der Weg dorthin war lang, geprägt von politischen, technischen, gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Veränderungen. Die Geschichte des Tourismus ist auch eine Geschichte des Fortschritts – und der Wechselwirkung zwischen Menschen und Orten.
In seinem neuen Sachbuch über die Geschichte des Tourismus schöpft Hasso Spode, apl. Professor für Historische Soziologie an der Leibniz-Universität Hannover und Ehrenvorsitzender des Historischen Archivs zum Tourismus an der TU Berlin, aus dem umfangreichen Wissen seiner jahrzehntelangen wissenschaftlichen Beschäftigung mit diesem Thema. So ist mit Traum Zeit Reise ein neues Lehrbuch und Kompendium zur Tourismus-Geschichte entstanden, das seinen kulturgeschichtlichen Schwerpunkt im deutschen Sprachraum setzt und sowohl für Studierende als auch für einen weiteren Kreis interessierter Leser geeignet ist.
Immer wieder gelingt es dem Autor, den Blick zu weiten und kollektive, gesellschaftliche Stränge herauszuarbeiten. Etwa wenn er vom Aufstieg der Individualreisen spricht, von Backpackern, Kulturtouristen, Aktivurlaubern – denjenigen, die fernab der Pauschalblase Erfahrungen suchen.
Walter Benjamin: „Einbahnstraße“ (Faksimile-Ausgabe)
Walter Benjamins Einbahnstraße, erstmals erschienen im Jahr 1928, ist ein außergewöhnliches Werk, das sich jeder konventionellen Gattungszuordnung entzieht und bis heute als Schlüsseltext der literarischen Moderne und kritischen Theorie gilt. In seinen fragmentarisch angeordneten Prosastücken gelingt es Benjamin, Beobachtungen, Reflexionen, Aphorismen und poetische Bilder zu einem Gefüge zu verdichten, das zugleich intellektuell anspruchsvoll und literarisch kunstvoll ist. Die Besonderheit dieses Textes liegt nicht nur in seiner inhaltlichen Vielschichtigkeit, sondern auch in seiner Form, die den Bruch mit traditionellen philosophischen und literarischen Darstellungsweisen markiert. Einbahnstraße ist Ausdruck eines Denkens, das sich nicht mehr in linearen Argumentationen erschöpft, sondern das Zerklüftete und Assoziative der Moderne in seiner Struktur widerspiegelt.
Benjamins Leben zur Zeit der Entstehung des Buches war geprägt von tiefgreifenden persönlichen, politischen und intellektuellen Umbrüchen. Nach dem Scheitern seiner akademischen Laufbahn – seine Habilitation wurde nicht angenommen – lebte Benjamin als freier Schriftsteller, Übersetzer und Kritiker in prekären Verhältnissen. Seine Begegnung mit der sowjetischen Schauspielerin und Kommunistin Asja Lācis im Jahr 1924 war nicht nur emotional bedeutsam, sondern auch philosophisch folgenreich. Lācis brachte Benjamin mit marxistischem Gedankengut und der sowjetischen Avantgarde in Berührung. Diese Einflüsse veränderten seine Perspektive auf Literatur, Gesellschaft und Geschichte grundlegend.
Werner Plumpe: „Gefährliche Rivalitäten — Wirtschaftskriege – Von den Anfängen der Globalisierung bis zu Trumps Deal-Politik“
Wirtschaft und Krieg – zwei Worte, die sich in der Geschichte nie ganz voneinander trennen ließen, auch wenn das ökonomische Zeitalter der Moderne immer wieder das Gegenteil zu suggerieren versuchte. Werner Plumpe, emeritierter Frankfurter Wirtschaftshistoriker, legt mit Gefährliche Rivalitäten ein Werk vor, das diese trügerische Trennung eindrucksvoll aufhebt. In einem Bogen, der sich von den ersten kolonialen Expansionen über die industriellen Weltwirtschaften bis hin zu Donald Trumps Zoll- und Deal-Politik spannt, erzählt er von den Spannungen, Überspannungen und Eskalationen, die entstehen, wenn ökonomische Konkurrenz nicht mehr als Spiel unter Gleichen verstanden wird, sondern als Nullsummenspiel um nationale Interessen.
„Rivalitäten sind der Normalzustand.“ — So lautet die Prämisse dieser interessanten Neuerscheinung. Der bekannte Wirtschaftshistoriker Werner Plumpe begibt sich auf die Suche nach sich wiederholenden Mustern bei der Untersuchung historischer wirtschaftlicher Konflikte bis in unsere Gegenwart hinein. Er möchte „die historischen Linien dieser Wellenbewegung und die Muster“ nachzeichnen, die sich bei genauerer Betrachtung vergangener Rivalitäten erkennen lassen: vom „Umschlag von Rivalitäten in offenen Konflikt oder in eine zumindest zeitweilige Herausbildung geordneter Kooperationen“.
Konrad Merz: „Ein Mensch fällt aus Deutschland“
Es ist ein schmales Buch, äußerlich beinahe unscheinbar, doch innerlich ein Dokument von eruptiver politischer und menschlicher Wucht: Ein Mensch fällt aus Deutschland von Konrad Merz, erstmals 1936 im Amsterdamer Querido Verlag erschienen, gehört zu den eindringlichsten Zeugnissen der deutschen Exilliteratur. Es ist der Bericht eines Ausgestoßenen, eines Flüchtlings, eines „Gefallenen“ – nicht im militärischen, sondern im moralischen, existentiellen Sinn. Und mehr noch: Es ist der Versuch, eine Sprache zu finden für das Unaussprechliche – für die geistige Implosion einer Nation und die Seelenqualen jener, die dieser Implosion entkommen, aber niemals entronnen sind.
Ein Mensch fällt aus Deutschland ist ein Roman – oder vielmehr: ein autobiographisch grundierter Bericht – der sich der üblichen narrativen Konvention entzieht. Keine kohärente Handlung, keine traditionelle Dramaturgie; stattdessen ein Mosaik aus Erinnerungen, Reflexionen, Begegnungen und inneren Monologen. Es ist – literaturwissenschaftlich gesprochen – eine Katabasis, ein Abstieg in das Exil und in das eigene Ich des Autors.
Christopher Ryan und Cacilda Jethá: „Sex – Die wahre Geschichte“
Es ist hilfreich, wenn man gleich zu Anfang mit einigen Missverständnissen aufräumt: Wir stammen nicht von den Affen ab; wir sind Affen, genauer gesagt: Menschenaffen! Wir Menschen der westlichen Welt haben eine ziemlich verkorkste Wahrnehmung, wenn wir wirklich glauben, dass wir als Menschen „über“ der Natur stünden. Machen wir uns nichts vor! Wir sind bestenfalls vergleichbar mit einem „Surfer, der seine zitternden Beine in ein Brett ‚über‘ den Ozean stemmt“. Eine falsche Bewegung, ein unachtsamer Moment, und schon wird uns unsere innere Natur ins Wasser werfen oder sogar in die Tiefe ziehen …
In ihrem wundervoll unterhaltsamen und sehr klugen Buch wagen die beiden Wissenschaftler Christopher Ran und Cacilda Jethá eine steile These: Vor etwa zehntausend Jahren vollzog sich mit der agrarischen Revolution ein radikaler Wandel im Umgang mit der Sexualität, die es ermöglichte, dass sie „seit Jahrhunderten von Religionen unterdrückt, von Medizinern pathologisiert, von Wissenschaftlern geflissentlich ignoriert“ wurde.
Christopher Ryan und Cacilda Jethá präsentieren in ihrem Werk Sex – Die wahre Geschichte eine provokante Neubewertung der menschlichen Sexualität.
Werner Bartens: „Leib und Seele — Eine Reise durch die Geschichte der Medizin“
Werner Bartens’ Buch Leib und Seele – Eine Reise durch die Geschichte der Medizin ist eine facettenreiche Erkundung der Medizingeschichte, die sowohl die Fortschritte als auch die bleibenden Kontinuitäten in der medizinischen Praxis beleuchtet. Bartens, ein erfahrener Arzt, Historiker und Wissenschaftsjournalist, verbindet in seinem Werk medizinisches Fachwissen mit kulturellen und gesellschaftlichen Perspektiven, um ein umfassendes Bild der Entwicklung der Medizin zu zeichnen.
Auf über 500 Seiten, unterstützt durch zahlreiche Illustrationen, lädt Bartens die Leser ein auf eine Zeitreise, die viel mehr als „nur“ eine Reise durch die Geschichte der Medizin ist. Denn das Leben eines Menschen ist und war schon immer natürlich verbunden mit Krankheit und Tod, mit der Hoffnung auf Linderung oder Heilung. Medizingeschichte ist auch eine Geschichte der Versuche, den menschlichen Körper zu erforschen und verstehen, die Ursachen von Krankheiten zu erkennen und zu behandeln. Sie ist somit immer auch ein Abbild der historischen Vorstellungen von der Welt und dem Handlungsspielraum des Menschen innerhalb der jeweiligen religiösen oder ideologischen Grenzen.
Stefan Maiwald: „Meine Bar in Italien – Warum uns der Süden glücklich macht“
Wenn Stefan Maiwald über Italien schreibt, so ist es, als würde er nicht bloß ein Land beschreiben, sondern ein Versprechen. Ein Versprechen auf Wärme, auf das langsame Ticken der Uhren, auf Gespräche mit Fremden, die sich binnen Minuten in Vertraute verwandeln – und auf ein Leben, das seinen Sinn nicht im Funktionieren, sondern im Genießen findet. In Meine Bar in Italien – Warum uns der Süden glücklich macht verknüpft Maiwald persönliche Anekdoten, feine kulturphilosophische Beobachtungen und eine gute Prise augenzwinkernden Charmes zu einer Liebeserklärung an ein Land, das ihm Heimat geworden ist. Zugleich ist es eine leise Kritik an der deutschen Rastlosigkeit und Selbstoptimierung, in der das Dolce Vita oft wie ein unerreichbarer Mythos erscheint.
Stefan Maiwald, geboren 1971 in Braunschweig, ist längst kein Tourist mehr in Italien. Er lebt seit vielen Jahren mit seiner Familie in Grado, einer kleinen Stadt in der Nähe von Venedig. Seine Bücher zeichnen sich durch Beobachtungsgabe, eine erzählerische Leichtigkeit und kluge Alltagsphilosophie aus. Maiwald gehört zu den deutschsprachigen Autoren, die Italien nicht bloß bereisen, sondern es durchdringen wollen – mit Herz, Witz und Reflexion.
Marcel Lewandowsky: „Die globale Rechte – Geschichte, Erfolgsbedingungen, Auswirkungen“
Marcel Lewandowsky legt mit Die globale Rechte. Geschichte, Erfolgsbedingungen, Auswirkungen ein umfassendes, differenziertes und hochaktuelles Werk vor, das die weltweiten Erscheinungsformen der radikalen und extremen Rechten systematisch analysiert. Auf rund 140 Seiten gelingt es ihm, historische Entwicklungen, ideologische Gemeinsamkeiten und strategische Innovationen der Rechten aus globaler Perspektive verständlich darzustellen.
Seine zentrale These lautet: Die „globale Rechte“ ist kein homogener Block, sondern ein loses Netzwerk national geprägter Bewegungen, die sich durch gemeinsame Ideologiebausteine wie Nationalismus, Ungleichheitsvorstellungen, Antifeminismus und Antisemitismus auszeichnen, sich jedoch unterschiedlich historisch und kulturell verorten lassen.
Lewandowsky beginnt mit einer akribischen Begriffsarbeit. Was bedeutet es, politisch „rechts“ zu sein?
Hartmut Lange: „Der etwa vierzigjährige Mann“
Wer sich auf die Werke Hartmut Langes einlässt, betritt eine literarische Welt, die sich durch stille Präzision, existenzielle Tiefe und eine unverwechselbar melancholische Atmosphäre auszeichnet. Hartmut Lange ist ein Autor des Unausgesprochenen, des metaphysischen Staunens, ein Chronist seelischer Risse und metaphysischer Verstörungen. Seine Texte — insbesondere seine Novellen — wirken ein wenig wie lichtscheue Miniaturen, die das Banale transzendieren und in der Alltäglichkeit das Surreale, das Bedrohliche, das Unfassbare bloßlegen. Ein Autor, der sich jedem Zeitgeist widersetzt und genau dadurch von literarischer Dauer und Bedeutung ist.
Geboren wurde Hartmut Lange am 31. März 1937 in Berlin-Spandau. Seine Kindheit und Jugend waren von den Nachwirkungen des Zweiten Weltkriegs geprägt, die Spaltung Berlins und die ideologischen Frontstellungen der frühen Bundesrepublik hinterließen tiefe Spuren in seiner Biografie. Er studierte zunächst Theaterwissenschaft, Germanistik und Philosophie in Ost-Berlin.
Andrew Leigh: „Die kürzeste Geschichte der Wirtschaft“
In einer Zeit, in der ökonomische Debatten oft von Fachjargon und komplexen Modellen dominiert werden, gelingt es Andrew Leigh mit seinem Werk Die kürzeste Geschichte der Wirtschaft, einen klaren und zugänglichen Überblick über die Entwicklung wirtschaftlicher Systeme zu bieten. Auf lediglich 228 Seiten (zzgl. Anhang) entfaltet er eine narrative Reise von der Frühzeit der Menschheit bis zur modernen globalisierten Wirtschaft.
Leigh beginnt mit der landwirtschaftlichen Revolution, die den Übergang von nomadischen Jägern und Sammlern zu sesshaften Agrargesellschaften markierte. Diese Veränderung ermöglichte nicht nur eine stabile Nahrungsversorgung, sondern auch die Entwicklung von Arbeitsteilung und Handel. Im weiteren Verlauf des Buches beleuchtet er zentrale wirtschaftliche Konzepte wie Spezialisierung, Geld, Handel und Innovationen, die die wirtschaftliche Entwicklung maßgeblich beeinflusst haben.
Martin Puchner: „Kultur – Eine neue Geschichte der Welt“
Martin Puchners Werk Kultur – Eine neue Geschichte der Welt ist ein ambitioniertes Projekt: Es versucht, die Geschichte der Menschheit durch das Prisma der Kultur zu erzählen und dabei einen neuen, integrativen Blick auf die Entwicklung kultureller Ausdrucksformen zu werfen. Puchner, Professor für Englische und Vergleichende Literaturwissenschaft an der Harvard University, ist bekannt für seine interdisziplinären Ansätze und seine Fähigkeit, komplexe kulturelle Phänomene verständlich zu machen.
Puchner beginnt seine Darstellung mit der These, dass Kultur nicht nur ein Nebenprodukt menschlicher Zivilisation ist, sondern deren treibende Kraft. Er definiert Kultur als die Gesamtheit der menschlichen Bemühungen, Bedeutung zu schaffen und zu vermitteln. Dabei unterscheidet er zwischen „Know-how“ – dem technischen Wissen – und „Know-why“ – dem kulturellen Wissen, das sich mit dem Sinn und Zweck menschlichen Handelns auseinandersetzt. Diese Unterscheidung bildet die Grundlage für seine kulturhistorische Erzählung, die von den frühesten Höhlenmalereien bis zur modernen Popkultur reicht.
Hans Fallada: „Berliner Abenteuer“
Hans Fallada, der mit bürgerlichem Namen Rudolf Ditzen hieß, kam 1899 mit sechs Jahren das erste Mal nach Berlin, als sein Vater, der Richter Wilhelm Ditzen, in Berlin den Posten des Kammergerichtsrats übernahm. Die Familie lebte damals in der Schöneberger Luitpoldstraße.
Der vorliegende Band aus der schönen Reihe Berliner Orte im BeBra Verlag widmet sich dem Schriftsteller und seiner besonderen Beziehung zu Berlin. Nahezu alle hier versammelten Texte stammen aus zwei Buchveröffentlichungen, die Fallada während des Zweiten Weltkriegs unter den besonderen Bedingungen und trotz der nationalsozialistischen Zensur veröffentlichen konnte: Damals bei uns daheim von 1941 und Heute bei uns zu Haus aus dem Jahr 1943.
Martina Heßler: „Sisyphos im Maschinenraum – Eine Geschichte der Fehlbarkeit von Mensch und Technologie“
Martina Heßler ist eine renommierte Historikerin mit einem Schwerpunkt auf Technikgeschichte. Nach ihrer Promotion an der TU Darmstadt im Jahr 2000 war sie in verschiedenen wissenschaftlichen Positionen tätig, unter anderem an der Universität Bielefeld, der RWTH Aachen und der Hochschule für Gestaltung Offenbach. Seit 2019 ist sie Professorin für Technikgeschichte an der TU Darmstadt. Heßler hat zahlreiche Publikationen zur Kulturgeschichte der Technik, zur Geschichte des Mensch-Maschine-Verhältnisses und zu technologischen Fehlern veröffentlicht. Ihre Arbeiten zeichnen sich durch eine interdisziplinäre Herangehensweise aus, die historische, kulturelle und technologische Aspekte miteinander verknüpft.
Insgesamt bietet Sisyphos im Maschinenraum eine tiefgründige Analyse der kulturellen Konstruktion von Fehlbarkeit im Kontext technologischer Entwicklungen. Heßler zeigt auf, wie die Vorstellung von menschlicher Unvollkommenheit und technischer Perfektion unsere Gesellschaft geprägt hat und plädiert für einen bewussteren Umgang mit Fehlern. Das Buch ist besonders geeignet für Leserinnen und Leser aus den Bereichen Technikgeschichte, Kulturwissenschaften, Soziologie und Philosophie sowie für alle, die sich für das Zusammenspiel von Menschen und Technik interessieren.
Kerstin Holzer: „Thomas Mann macht Ferien – Ein Sommer am See“
Thomas Mann macht mit seiner Familie Ferien am Tegernsee. Es ist Sommer 1918, der letzte Kriegssommer, der letzte Sommer des deutschen Kaiserreichs. Das Wetter ist schön, die Natur lädt ein zu langen Spaziergängen mit dem Hund, abends rudern die Eltern, Katia und Thomas, auf den See hinaus.
Es klingt zunächst nach einer, wie wir heute sagen würden, „perfekten Auszeit“, um Abstand zu finden vom Alltag und den täglichen Sorgen. Doch so einfach ist es nicht; der Weltkrieg hat längst seine Spuren auch im Deutschen Reich hinterlassen, es gibt Versorgungsschwierigkeiten, und selbst bei Familie Mann, einer wohlhabenden Familie aus bestem bürgerlichen Hause, sammeln die Kinder auf den nassen Waldpfaden ums Haus saftige Schnecken ein, die dann im Kochtopf landen für ein sättigendes Mahl.
Die Manns reisen mit einer großen Entourage an den Tegernsee. Mit fünf Kindern im Alter von drei Monaten bis zwölf Jahren, einer Köchin, einem Haus- und einem Kindermädchen und mit einem Hund.
Wilhelm Raabe: „Der Lar – Eine Oster-, Pfingst-, Weihnachts- und Neujahrsgeschichte“
Wilhelm Raabes Roman Der Lar, verfasst zwischen November 1887 und Oktober 1888 und erstmals 1889 veröffentlicht, zählt zu den weniger bekannten Werken des Autors. Dennoch bietet dieser Text einen tiefen Einblick in Raabes literarisches Schaffen und reflektiert die gesellschaftlichen Strömungen des späten 19. Jahrhunderts.
Der Roman beginnt mit dem Tod des alten Professors Dr. Kohl, eines wenig bekannten Germanisten, der während der Arbeit an einer Abhandlung verstirbt. Sein Sohn, Paul Warnefried Kohl, steht nach dem Verlust beider Eltern mittellos da, da das Familienvermögen zur Begleichung von Schulden aufgebraucht wird. Ohne Hab und Gut trifft Paul auf Rosine Müller, eine junge Klavierlehrerin, die ebenfalls eine schwierige Vergangenheit hat. Zusammen mit dem Tierarzt a. D. Dr. Franz de Paula Schnarrwergk ziehen beide in dasselbe Mietshaus ein. Im Verlauf der Geschichte entwickelt sich eine Beziehung zwischen Paul und Rosine, die schließlich in einer Ehe mündet. Mit Unterstützung von Pauls Freund, dem Maler Bogislaus Blech, gelingt es dem Paar, wirtschaftliche Stabilität zu erlangen und eine Familie zu gründen.
Hans-Erhard Lessing: „Das Fahrrad – Eine Kulturgeschichte“
Hans-Erhard Lessings Das Fahrrad – Eine Kulturgeschichte ist weit mehr als ein technikhistorisches Sachbuch. Es ist ein kulturelles Panorama, das von den frühesten Anfängen menschlicher Mobilitätsideen bis in unsere Gegenwart reicht. Lessing schildert die Geschichte des Fahrrads nicht nur als eine der technischen Innovation, sondern als ein gesellschaftliches Phänomen, das tief in unsere Alltagskultur, unsere Städte, unsere Vorstellungen von Freiheit und Fortschritt eingreift. Dabei wählt er einen multiperspektivischen Zugang – und ergänzt die „harten Faken“ immer wieder mit einem wachen Auge für Anekdoten, Kuriositäten und prägende Persönlichkeiten.
Den Auftakt bildet, wie sollte es anders sein, Karl Drais und seine Laufmaschine. Lessing beschreibt nicht nur die technische Konstruktion dieses ersten, lenkbaren Zweirads, sondern bettet sie kenntnisreich in ihre historischen Umstände ein. Hier wird der Klimawandel des Jahres 1816 – das sogenannte „Jahr ohne Sommer“ nach dem Ausbruch des Vulkans Tambora – als Katalysator technischer Innovation eingeführt. Drais, konfrontiert mit der Verknappung von Pferdefutter und Mobilitätsalternativen, entwickelte die Draisine als pragmatische wie visionäre Lösung. Lessing gelingt es, diese Episode plastisch zu schildern – mit dem Bild eines „reitenden“ Erfinders, der durch die Alleen Mannheims gleitet, die Aufmerksamkeit der Zeitgenossen auf sich zieht und dennoch im Schatten der Geschichte bleibt.
Ronald D. Gerste: „Wie Technik Geschichte macht – Von Gutenberg bis zum Smartphone“
In einer Ära, in der technologische Innovationen unser tägliches Leben durchdringen, stellt sich die Frage nach dem Einfluss dieser Entwicklungen auf den Verlauf der Geschichte. Ronald D. Gerste, Arzt und Historiker, widmet sich in seinem Werk Wie Technik Geschichte macht. Von Gutenberg bis zum Smartphone dieser Thematik. Er beleuchtet, wie technische Errungenschaften nicht nur Werkzeuge des Fortschritts, sondern auch treibende Kräfte gesellschaftlicher und politischer Veränderungen sind.
Der Autor beginnt seine Analyse mit Johannes Gutenberg, dessen Erfindung des Buchdrucks im 15. Jahrhundert eine Medienrevolution auslöste. Der Buchdruck ermöglichte eine schnellere Verbreitung von Informationen und trug maßgeblich zur Reformation und zur Aufklärung bei. Gerste zeigt, wie diese Technologie die Machtverhältnisse in Europa veränderte und den Weg für eine informierte Öffentlichkeit ebnete.
Thomas Wagner: „Abenteuer der Moderne — Die großen Jahre der Soziologie 1949-1969“
Thomas Wagners Buch Abenteuer der Moderne – Die großen Jahre der Soziologie 1949–1969 bietet eine tiefgreifende Analyse der Entwicklung der Soziologie in der Bundesrepublik Deutschland während der Nachkriegszeit. Im Zentrum steht die komplexe Beziehung zwischen Theodor W. Adorno und Arnold Gehlen, zwei bedeutenden, jedoch ideologisch gegensätzlichen Soziologen. Wagner beleuchtet, wie Adorno 1958 Gehlens Berufung nach Heidelberg mit dem Vorwurf des faschistischen Denkens verhinderte. Doch das spannungsreiche Verhältnis zwischen beiden begann schon früher. Trotz dieser Spannungen entwickelte sich zwischen beiden ein intensiver Austausch, der in privaten Treffen und gemeinsamen Rundfunkgesprächen mündete.
Wagner zeichnet in seinem auch stilistisch herausragenden Sachbuch ein lebendiges Bild der intellektuellen Landschaft der jungen Bundesrepublik, in der sich die Soziologie als Leitwissenschaft etablierte. Er zeigt, wie ehemalige Nationalsozialisten in diesem Prozess eine Rolle spielten und wie die Soziologie zur Deutung und Gestaltung der sich wandelnden Gesellschaft beitrug.
Steffen Schroeder: „Der ewige Tanz“
Steffen Schroeders Roman Der ewige Tanz beginnt im Sommer des Jahres 1928. Anita Berber, die einst gefeierte Tänzerin und Ikone der Weimarer Republik, liegt geschwächt in einem Berliner Krankenhaus. Jetzt, wo es zu Ende geht, gezeichnet von Krankheit und den Exzessen ihrer Vergangenheit, lässt sie ihr bewegtes Leben Revue passieren. Erinnerungen an ihre Kindheit bei der geliebten Großmutter Lu, die ersten Tanzstunden und die Anfänge ihrer Karriere in Berlin werden lebendig. Steffen Schroeder zeichnet das Bild einer Frau, die früh den Weg auf die Bühne fand und sich mit Leidenschaft dem Tanz verschrieb. Die Begegnungen mit Persönlichkeiten wie Fritz Lang und Marlene Dietrich, die später ihren Stil kopierte, sowie der Maler Otto Dix, der sie porträtierte, werden in diesen Rückblicken thematisiert. Der Roman beleuchtet Anitas Streben nach künstlerischer Selbstverwirklichung und die Herausforderungen, denen sie sich in einer von Konventionen geprägten Gesellschaft gegenübersah.
Aber es werden auch die dunkleren Kapitel von Berbers Leben beleuchtet. Ihre Beziehungen, insbesondere die zu Sebastian Droste und Henri Châtin-Hofmann, sind geprägt von Leidenschaft, aber auch von Drogenkonsum und Skandalen. Die gemeinsamen Auftritte mit Droste, wie die berüchtigten „Tänze des Lasters, des Grauens und der Ekstase“, sorgten für Aufsehen und führten zu gesellschaftlicher Ächtung.
Wolfgang Benz: „Exil – Geschichte einer Vertreibung 1933-1945“
Wolfgang Benz, einer der renommiertesten deutschen Historiker der Gegenwart, legt mit Exil. Geschichte einer Vertreibung 1933–1945 ein umfassendes Werk vor, das sich der Geschichte der Emigration aus dem nationalsozialistischen Deutschland widmet. Sein Buch ist eine eindrucksvolle Analyse eines bislang oft randständig behandelten Aspekts der NS-Zeit und beleuchtet mit großer Empathie und analytischer Schärfe die Schicksale von Menschen, die durch das NS-Regime zur Flucht gezwungen wurden. Auf rund 360 Seiten (plus Anhang) entfaltet Benz ein Panorama der Vertreibung, das sowohl die historischen, politischen und gesellschaftlichen Rahmenbedingungen als auch individuelle Lebenswege beleuchtet. Dabei gelingt es ihm, das Exil nicht nur als politischen und geografischen, sondern auch als psychologischen und kulturellen Ausnahmezustand darzustellen.
Der Inhalt des Buches gliedert sich in mehrere Abschnitte, die unterschiedliche Aspekte des Exils thematisieren. Benz beginnt mit einer umfassenden Darstellung der politischen Entwicklung in Deutschland nach der Machtübernahme Hitlers im Jahr 1933.
Martin Korenjak: „Latein – Porträt einer Weltsprache“
Martin Korenjaks Buch Latein – Porträt einer Weltsprache bietet eine prägnante und fundierte Darstellung der lateinischen Sprache und ihrer herausragenden Rolle in der europäischen Kulturgeschichte. In sechs Kapiteln – Sprache, Literatur, Recht, Religion, Wissenschaft und einem abschließenden Ausblick – zeichnet Korenjak die Entwicklung des Lateinischen von seinen Ursprüngen bis in die Gegenwart nach.
Korenjak beginnt mit der Entstehung des Lateinischen im antiken Rom und verfolgt dessen Ausbreitung im Römischen Reich. Er beleuchtet die Transformation des Lateinischen von einer regionalen Sprache zur lingua franca Europas, die über Jahrhunderte hinweg in Verwaltung, Recht, Religion und Wissenschaft dominierte. Besonderes Augenmerk legt er auf die Rolle des Lateinischen in der Verbreitung des Christentums und dessen Funktion als Wissenschaftssprache bis ins 19. Jahrhundert. Im abschließenden Ausblick diskutiert Korenjak die heutige Bedeutung des Lateinischen und plädiert für dessen Erhalt als Schlüssel zum kulturellen Erbe Europas.
Andrey Gurkov: „Für Russland ist Europa der Feind – Warum meine Heimat mit dem Westen gebrochen hat“
Wir leben in unruhigen Zeiten. Wer wie ich (und auch der Autor des vorliegenden Buches) in Zeiten des Kalten Krieges und der klaren Fronten aufgewachsen ist und dann in den besten Jahren mit der Wende in der DDR, der Wiedervereinigung und dem Zusammenbruch des Ostblocks den Anbruch einer neuen (und hoffentlich friedlicheren!) Epoche miterleben, vom „wind of change“ bis hin zu einem „Ende der Geschichte“ träumen durfte, der fühlt sich nicht erst seit der russischen Annektierung der Krim, aber spätestens seit dem Angriffskrieg gegen die Ukraine, als wäre er nach einer durchzechten Nacht verkatert aufgewacht, und alles hat sich über Nacht zum Schlechten gewendet.
Es war und ist leider keine Veränderung, die plötzlich und unerwartet, also „über Nacht“ geschah, die Zeichen des Wandels waren für aufmerksame Beobachter schon lange zu sehen, aber wer ist schon ein aufmerksamer Beobachter des deutsch-russischen Verhältnisses? – Ich jedenfalls nicht, aber der Autor des vorliegenden Buches, Andrey Gurkov, ist ein solcher Experte, nicht nur, weil er Russe ist, 1959 in Moskau geboren, als Kind eines sowjetischen Auslandskorrespondenten in Ostberlin und später in Bonn aufgewachsen. Gurkov studierte Journalistik in Leipzig und Moskau, war in der Wende- und Nachwendezeit Chefredakteur der deutschen Ausgabe der Wochenzeitung Moskowskoje Nowosti und arbeitet seit 1993 in der russischen Redaktion der Deutschen Welle.
Marcel Dirsus: „Wie Diktatoren stürzen – und wie Demokraten siegen können“
In Zeiten wie diesen … ist das Buch von Marcel Dirsus ein wahrer Trostspender! Diktaturen halten sich mal kürzer, mal länger, aber niemals halten sie ewig. Tyrannentum ist ein riskantes Geschäft.
Marcel Dirsus beschäftigt sich seit mehr als zehn Jahren „mit Tyrannen und damit, wie sie an der Macht bleiben oder diese verlieren“. Seine Forschungsergebnisse hat er nun in diesem aufmunternden Buch zusammengefasst: How tyrants fall lautet der Titel des englischen Originals, das bereits im vergangenen Jahr erschien und nun in der deutschen Übersetzung von Sylvia Bieker und Henriette Zehner bei Kiepenheuer & Witsch erscheint.
Das politische Klima ist in den letzten Jahren deutlich rauer geworden; neben kleinen Schurkenstaaten kehren auch längst einige der großen „global player“ der demokratischen Idee eines gewaltfreien und friedlichen Miteinanders den Rücken und liebäugeln stattdessen mit autokratischen und diktatorischen Modellen politischer Macht.
Juri Felsen, geboren 1894 in Sankt Petersburg als Nikolai Freudenstein, war ein russischer Schriftsteller, dessen literarisches Schaffen lange Zeit in Vergessenheit geraten war. Erst in den letzten Jahren wurde sein Werk wiederentdeckt und gewürdigt.
Nach der Russischen Revolution emigrierte er 1921 nach Europa und ließ sich 1923 in Paris nieder. Dort etablierte er sich als einer der führenden Schriftsteller seiner Generation, beeinflusst von Autoren wie Marcel Proust, James Joyce und Virginia Woolf. Sein literarisches Schaffen stand an der Spitze der ästhetischen und philosophischen Strömungen der europäischen Literatur jener Zeit. Nach der deutschen Besetzung Frankreichs versuchte Felsen, in die Schweiz zu fliehen, wurde jedoch gefasst und im Konzentrationslager Drancy interniert. 1943 wurde er nach Auschwitz deportiert und dort ermordet.
Juri Felsen wurde oft als „russischer Proust“ bezeichnet, ein Hinweis auf seinen feinsinnigen Stil und seine tiefgehende psychologische Charakterzeichnung. Seine Werke reflektieren die inneren Konflikte und emotionalen Turbulenzen seiner Protagonisten, eingebettet in die kulturellen und sozialen Umwälzungen des frühen 20. Jahrhunderts.
Philip Ursprung: „Architektur der Gegenwart – 1970 bis heute“
Was lässt sich über die zeitgenössische Architektur sagen und wie ließe sich über sie reden? Der Professor für Kunst und Architektur an der ETH Zürich, Philip Ursprung, bietet in seinem klugen kleinen Einführungsband in der Reihe C.H. Beck Wissen einen niederschwelligen Zugang zu einem ziemlich komplexen Thema: die Architektur der Gegenwart.
Schon beim ersten Durchblättern dieses schmalen, 128 Seiten umfassenden Büchleins wird deutlich, dass die Fragestellung „Was ist Architektur?“ nur der Ausgangspunkt zu einer umfassenden Beschäftigung mit dem Thema sein kann. Architektur ist gebauter (oder besser: umbauter) Raum; sie ist Teil unseres Lebens, Teil unserer Bewegungen im Raum – ja, mehr noch: sie ist eine der Grundbedingungen für unsere Existenz, weil sie uns vor Kälte schützt und uns einen privaten Rückzugsraum schafft.
Das Buch bietet eine sehr komprimierte, aber interessante Analyse der Architekturgeschichte seit den 1970er Jahren.
Alice Berend: „Frau Hempels Tochter“
Alice Berend ist heute weitgehend in Vergessenheit geraten, obwohl sie in den 1910er und 1920er Jahren eine bedeutende Rolle in der deutschsprachigen Literatur spielte. Als Vertreterin einer literarischen Richtung, die sich durch gesellschaftliche Beobachtungsgabe, ironische Brechung und weibliche Perspektive auszeichnete, gehört sie zu jenen Autorinnen, die den Zeitgeist der ausgehenden wilhelminischen Ära und der beginnenden Weimarer Republik präzise einfangen konnten. Der Roman Frau Hempels Tochter, erstmals erschienen im Jahr 1913, ist ein herausragendes Beispiel ihres künstlerischen Schaffens und zugleich ein gesellschaftliches Dokument einer untergegangenen Welt.
Der Roman erzählt die Geschichte der jungen Else Hempel, die aus kleinbürgerlichen Verhältnissen stammt und sich in der großstädtischen Gesellschaft Berlins zurechtfinden muss. Ihre Mutter, Frau Hempel, ist eine pragmatische, biedere Frau, die große Hoffnungen in ihre Tochter setzt. Else, die eine gewisse Bildung und Intelligenz mitbringt, versucht, sich zwischen den Erwartungen ihrer Mutter, den Konventionen ihrer Zeit und ihren eigenen Wünschen und Träumen zu behaupten. Dabei gerät sie in die Kreise der bürgerlichen Gesellschaft, erlebt amouröse Verwicklungen, berufliche Enttäuschungen und eine langsame, aber stetige Emanzipation von traditionellen Rollenbildern.
Gabriela Wiener ist eine bedeutende Stimme der lateinamerikanischen Literatur, die es versteht, persönliche Erfahrungen mit gesellschaftlichen und historischen Themen zu verknüpfen. Ihr Werk bietet eine tiefgehende Reflexion über Identität, Kolonialismus und familiäre Verstrickungen. In ihrem neuen Roman Unentdeckt verfolgt sie dieselbe Absicht, sich mit diesen Themen — auch aus einer sehr persönlichen Perspektive — zu beschäftigen. Durch die Auseinandersetzung mit der Geschichte ihres Ururgroßvaters und den Auswirkungen des Kolonialismus auf ihre Familie und sich selbst, schafft sie ein Werk, das sowohl persönlich als auch universell relevant ist.
Die Inspiration für den Roman fand Gabriela Wiener während eines Besuchs im Musée du Quai Branly in Paris, wo sie die von Charles Wiener gesammelten Artefakte betrachtete. Diese Erfahrung veranlasste sie, über das koloniale Erbe und die Auswirkungen auf ihre eigene Identität nachzudenken. Ursprünglich plante sie, das Thema journalistisch zu bearbeiten, entschied sich jedoch später für eine fiktionale Herangehensweise, um die Lücken in der Familiengeschichte zu füllen und die emotionale Tiefe der Thematik zu erfassen.
Colette: „Vom Glück des Umziehens“
Sidonie-Gabrielle Colette, bekannt als Colette, war eine der bedeutendsten französischen Schriftstellerinnen des 20. Jahrhunderts. Ihr Leben war geprägt von literarischem Schaffen, künstlerischer Vielfalt und zahlreichen Ortswechseln, die sowohl freiwillig als auch unfreiwillig erfolgten. Diese Umzüge spiegeln die verschiedenen Phasen ihres bewegten Lebens wider und beeinflussten maßgeblich ihr Werk.
Colette wurde am 28. Januar 1873 in Saint-Sauveur-en-Puisaye, einem Dorf im Burgund, geboren. Sie wuchs als jüngstes von vier Geschwistern auf. Ihr Vater, Jules-Joseph Colette, war ein ehemaliger Offizier und Steuereinnehmer, der aufgrund einer Kriegsverletzung aus dem aktiven Dienst ausschied. Ihre Mutter, Adèle Eugénie Sidonie, genannt „Sido“, spielte eine zentrale Rolle in Colettes Leben und förderte früh ihre literarischen Neigungen. Die enge Beziehung zu ihrer Mutter spiegelte sich später in vielen ihrer Werke wider.
Michael Maar: „Das Blaubartzimmer – Thomas Mann und die Schuld“
Die Begriffe „Schuld“ und „Sünde“ durchziehen das Werk Thomas Manns wie ein roter Faden und spiegeln seine tiefgehende Auseinandersetzung mit moralischen, ethischen und existenziellen Fragen wider. Diese Themen sind nicht nur in seinen literarischen Werken präsent, sondern auch in seinem persönlichen Leben und den Reflexionen der Literaturwissenschaft über sein Œuvre von zentraler Bedeutung.
In der Novelle Der Erwählte greift Thomas Mann das mittelalterliche Motiv der „felix culpa“ auf, der glücklichen Schuld. Der Protagonist Gregorius wird aus einer inzestuösen Beziehung geboren und begeht später unwissentlich erneut Inzest, indem er seine eigene Mutter heiratet. Nach Jahren der Buße wird er schließlich zum Papst gewählt, was die Vorstellung unterstreicht, dass aus tiefster Schuld letztlich Gnade und Erhöhung erwachsen können. Mann reflektiert hier über die Dialektik von Sünde und Erlösung und stellt die Möglichkeit in den Raum, dass Verfehlungen letztlich zu höherer Erkenntnis und Läuterung führen können.
Herfried Münkler: „Macht im Umbruch – Deutschlands Rolle in Europa und die Herausforderungen des 21. Jahrhunderts“
Wir leben in turbulenten Zeiten und die subjektive Wahrnehmung einer Beschleunigung der Veränderungen scheint sich durch das zunehmende Tempo und die Taktung der Ereignisse zu bestätigen. Die ruhigen Zeiten sind vorbei, es wird zurecht allgemein von einer „Zeitenwende“ gesprochen, zunächst aufgrund der veränderten militärischen Lage in Europa durch den russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine und zuletzt durch die Beendigung der Nachkriegsordnung, die de-facto-Aufkündigung des atlantischen Bündnisses sowie durch die Abkehr der USA von ihren westlichen Bündnispartnern unter der Trump-Regierung.
In seinem neuen Buch (Macht im Umbruch – Deutschlands Rolle in Europa und die Herausforderungen des 21. Jahrhunderts) analysiert der renommierte Politikwissenschaftler Herfried Münkler diese und andere geopolitischen Veränderungen der Gegenwart und deren Auswirkungen auf Deutschland und Europa. Er argumentiert, dass sich die globale Machtordnung im Umbruch befindet und Deutschland eine neue Führungsrolle in Europa übernehmen muss. Dabei geht er auf zentrale Themen wie die Krise der Demokratie, die geopolitischen Herausforderungen Europas, das Verhältnis des Westens zu Russland und China sowie die Frage nach einer strategischen Autonomie der EU ein.
Thomas Mann: „Deutsche Ansprache – Ein Appell an die Vernunft“
Es gibt wohl nur wenige Texte, die in unseren Tagen trotz ihrer Historizität aktueller sind als Thomas Manns „Deutsche Ansprache“ aus dem Jahr 1930. Die Neuwahlen in Deutschland am kommenden Sonntag (23.02.25) werden die AfD als zweitstärkste politische Kraft im Bundestag stärker als je zuvor etablieren, und mit ihr wird das Narrativ einer libertären, nationalistischen und rechtskonservativen Politik weiter an Bedeutung gewinnen. Der Demokratieabbau von rechts mit dem raffinierten Einsatz demokratischer Mittel und populistischer Propaganda wird weiter voranschreiten, und den alten Volksparteien bleibt nur noch der Weg, über große Koalitionen die nötigen Mehrheiten zu bilden. Es sieht nicht mehr gut aus für die Demokratie, weltweit und nun auch in Deutschland nicht.
In seinem klugen und historisch einordnenden Essay (Nachwort) bringt der Historiker Jens Bisky die Dringlichkeit dieses Appells an die Vernunft und die Aktualität der Rede von Thomas Mann sehr gut zum Ausdruck. Zumindest in Deutschland haben wir zurzeit keinen Intellektuellen vom Rang eines Thomas Manns, der Vergleichbares leisten könnte. Wer den Mut hat, aufzustehen und zu warnen vor den Totengräbern, wer wirklich die Gefahr für die Demokratie durch rechte und rechtskonservative Ideologien beim Namen nennt, wer öffentlich ausspricht, dass nicht nur Wohlstand und Frieden, sondern auch Freiheit und Gleichheit vor dem Gesetz auf dem Spiel stehen – man sucht ihn (oder sie) vergebens.
Volker Weiß: „Das Deutsche Demokratische Reich – Wie die extreme Rechte Geschichte und Demokratie zerstört“
Volker Weiß gehört zu den führenden Experten für die Neue Rechte in Deutschland und analysiert in Das Deutsche Demokratische Reich, wie die extreme Rechte Geschichte instrumentalisiert und demokratische Werte infrage stellt. In seinem neuen Buch setzt sich Weiß mit den ideologischen und geschichtspolitischen Strategien auseinander, die von rechtsextremen Gruppen genutzt werden, um ihre Vorstellungen in den öffentlichen Diskurs einzuschreiben. Dabei legt er ein besonderes Augenmerk auf die Manipulation historischer Narrative und die Verwendung semantischer Verschiebungen zur politischen Einflussnahme.
Das Buch gliedert sich in mehrere Hauptkapitel, die jeweils unterschiedliche Aspekte der neurechten Ideologie beleuchten. Zu den wichtigsten zentralen Themen gehören die Geschichtspolitik der Rechten, die Resignifikation (Umdeutung) und Instrumentalisierung der deutschen Geschichte, vor allem durch eine Umdeutung des Nationalsozialismus mit dem Ziel seiner Rehabilitierung. Russland dient der Neuen Rechten in vielen Bereichen als ideologisches Vorbild und als Vorreiter bei der Dekonstruktion des demokratischen Systems.
David Krych: „Das Wiener Hetzamphitheater (1755–1796)“
David Krych widmet sich in seinem Werk Das Wiener Hetzamphitheater (1755–1796) einer in der Theater- und Kulturgeschichtsforschung bislang wenig beachteten Institution: dem Hetzamphitheater in Wien. Die Studie untersucht die Rolle der Tierhetzen als performative Praxis und ordnet sie in einen größeren theatralen und gesellschaftlichen Kontext ein. Dabei werden nicht nur die Aufführungspraktiken beleuchtet, sondern auch die materiellen und textlichen Hinterlassenschaften, insbesondere die sogenannten Hetzzettel, einer detaillierten Analyse unterzogen.
Sein Buch gliedert sich in mehrere thematische Abschnitte, die jeweils unterschiedliche Facetten des Wiener Hetzamphitheaters untersuchen. Ein zentraler Punkt ist die Verbindung der Tierhetzen zu anderen populären Theaterformen des 18. Jahrhunderts. Krych zeigt auf, dass sich zahlreiche Parallelen zwischen Tierkämpfen und Jahrmarkts- oder Opernaufführungen finden lassen. Interessanterweise wurden sogar Motive aus dem Hetzamphitheater in Theaterstücke und Opern übernommen.





