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Rezensionen von Büchern aus den Kultur- und Geisteswissenschaften

Aktuelle Rezensionen

kulturbuchtipps.de veröffentlicht regelmäßig Rezensionen zu neuen Büchern aus den Kultur- und Geisteswissenschaften.

Bereits 1802 hatte August Wilhelm Schlegel eine sehr dezidierte Meinung, was Neuerscheinungen betrifft… – Wir betrachten es daher als eine wichtige kulturelle Aufgabe, die Spreu vom Weizen zu trennen und Ihnen hier die wichtigsten und lesenswerten Sachbücher aus der geradezu unüberschaubaren Menge an Neuerscheinungen auf dem deutschen Buchmarkt vorstellen.


Vorschau

Die folgenden Bücher werden in Kürze rezensiert:

Detlef Bluhm (Hg.): „Bücherdämmerung – Über die Zukunft der Buchkultur“

Henri Bergson: „Materie und Gedächtnis“

Kurt Schwitters: „Auguste Bolte (eine Doktorarbeit)*“

Zadie Smith: „Sinneswechsel – Gelegenheitsessays“

Horst D. Brandt (Hg.): „Disziplinen der Philosophie“

Johannes Hübner: „Einführung in die theoretische Philosophie“

Mathias Schreiber: „Würde – Was wir verlieren, wenn sie verloren geht“

 


Hier sehen Sie eine kurze Zusammenfassung der aktuellen Rezensionen bei kulturbuchtipps.de:


Pirmin Stekeler: Hegels Phänomenologie des Geistes – Ein dialogischer Kommentar (2 Bände)“Pirmin Stekeler: „Hegels Phänomenologie des Geistes – Ein dialogischer Kommentar“ (2 Bände)

Hegels „Phänomenologie des Geistes“ gilt unter Philosophie-Studenten als eines jener Werke, die man nicht verstehen kann, wenn man sie nur liest. Allein lesen bringt gar nicht, man braucht eine Anleitung, einen Philosophie-Professor, mindestens eine gute Vorlesung mit begleitendem Seminar und schließlich viel, viel Zeit. Wenn dann endlich einmal der berühmte Groschen gefallen ist, öffnet sich der hermetische Text und Hegels Denken wird verständlich und nachvollziehbar.

Kann man eine solch komplexe Studiensituation auch mit einer kommentierten Ausgabe des Textes simulieren? Diesen Versuch hat Pirmin Stekeler nun mit seinem zweibändigen Hegel-Kommentar im renommierten Felix-Meiner-Verlag unternommen. Die dort in der grünen Reihe der Philosophischen Bibliothek erscheinenden Titel vertreten allesamt den Anspruch, sowohl den philosophischen Originaltext als auch das nötige Hintergrundwissen mitzuliefern, um den Text auch in seiner Tiefe verstehen zu können.

Pirmin Stekeler, Jahrgang 1952, ist Universitätsprofessor für Theoretische Philosophie an der Universität Leipzig und Vorstandsmitglied der Internationalen Hegel-Vereinigung. Das sind schon einmal gute Voraussetzungen, doch es bleibt die Frage nach der Vermittelbarkeit jener doch sehr komplexen Inhalte, Argumentations- und Denkprozesse, wie man sie mit Hegels Philosophie verbindet.


Rudyard Kipling: "Die späten Erzählungen"Rudyard Kipling: „Die späten Erzählungen“

„Das Dschungelbuch“ ist wohl für die meisten Leser die erste Assoziation, die sie — wenn überhaupt — mit dem Namen Rudyard Kipling verbinden. Dann fallen manchen Leuten vielleicht noch „Kim“ und die „Genau-so-Geschichten“ („Just so“ Stories) ein, und das war´s. Doch es wäre grundfalsch, Kipling deshalb als einen reine Kinderbuch-Autoren abzustempeln. Dies wäre in etwa so intelligent, wie dasselbe mit Erich Kästner zu tun, ihn auf „Emil und die Detektive“ und „Das fliegende Klassenzimmer“ zu reduzieren und dabei den „Fabian“ und seinen vielen Erzählungen und seine Lyrik für Erwachsene auszublenden.

Rudyard Kipling wurde 1865 in Bombay geboren, also im Süden der Britischen Kronkolonie. Somit besaß Kipling selbstverständlich die britische Staatsbürgerschaft und war von Kindheit an mit der britischen Sprache vertraut. Mit fünf Jahren verließ er bereits den indischen Subkontinent und kam nach England, wo er die Vorzüge einer klassisch viktorianischen Erziehung genoss, die er jedoch eher als Zwang und als eine Last empfand. 1882 kehrte er nach Indien zurück, jedoch nicht nach Bombay, sondern nach Lahore, wo seine Eltern inzwischen lebten. Diese Rückkehr in seine indische Heimat wurde für Kipling zu einer Befreiung aus dem Korsett der viktorianischen Konventionen.

Schon bald widmete sich der junge Kipling dem Schreiben und arbeitete zunächst als Redakteur einer örtlichen Zeitung und später als Korrespondent. Gleichzeitig widmete er sich dem Schreiben von literarischen Texten, kleinen Erzählungen und Lyrik. Erste Erfolge ließen nicht lange auf sich warten, und schon sechs Jahre später, damals war er gerade einmal 23 Jahre alt, hatte er schon sechs Bände mit eigenen Erzählungen veröffentlicht.


Eckhard Schumacher, Katharina Krüger (Hg.): Wolfgang Koeppen (TEXT+KRITIK Nr. 34)Eckhard Schumacher, Katharina Krüger (Hg.): Wolfgang Koeppen (TEXT+KRITIK Nr. 34)

Es ist das Verdienst der Publikationen aus der Edition TEXT+KRITIK, uns das Leben und Werk eines Künstlers in ihrer oft engen Verknüpfung näherzubringen. Die im Jahr 1963 von Heinz Ludwig Arnold gegründete und von ihm herausgegebene Zeitschrift TEXT+KRITIK befasste sich von Anfang an mit zeitgenössischen Autoren und anderen Künstlern. Originaltexte wurden mit Essays zu autorrelevanten Themen kontextualisiert und auf diese Weise einer erweiterten Leserschaft präsentiert. Die Zeitschrift wurde zunächst 1969 vom Richard Boorberg Verlag übernommen und 1973 in eine selbständige GmbH umgewandelt.

Die hier vorliegende Ausgabe über Wolfang Koeppen wurde 2014 von Eckhard Schumacher und Katharina Krüger in einer zweiten Auflage neu herausgegeben. Er beinhaltet Aufsätze von Judith Schalansky, Katharina Krüger, Walter Erhart, Jörg Schuster, Jürgen Klein, Elisabetta Mengaldo, Eckhard Schumacher, Hans-Ulrich Treichel, Christian Winter, Raimund Fellinger, Philip Koch sowie natürlich auch von Wolfgang Koeppen selbst. — Alle hier versammelten Autorinnen und Autoren befassen sich professionell mit Neuerer deutscher Literatur, meist im universitären Bereich und der Forschung oder im Literaturbetrieb.


Anton Grabner-Haider, Klaus S. Davidowicz, Karl Prenner: "Kulturgeschichte des 19. Jahrhunderts"Anton Grabner-Haider, Klaus S. Davidowicz, Karl Prenner: „Kulturgeschichte des 19. Jahrhunderts“

Man spricht gerne vom „langen 19. Jahrhundert“, das mit der Französischen Revolution von 1789 seinen Anfang nahm und mit dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs 1914 endet. – Doch wie man auch das 19. Jahrhundert zeitlich eingrenzen mag: Seine Entwicklungen und Ideen waren prägend vor allem für jene Zeit danach, und im 20. Jahrhundert wurden jene Entwicklungsprozesse auf die Spitze getrieben, in ihren Exzessen und Kämpfen ging die halbe Welt unter, und auch wir Heutigen sind noch geprägt von jenen Ideen, die im 19. Jahrhundert ihren Anfang nahmen.

Das 19. Jahrhundert war das Jahrhundert der Ideologien. Traditionalismus, Romantik, Sozialismus, Kommunismus, Nationalismus und Rassismus haben alle ihren Ursprung und ihre Blütezeit während jener Zeit. Sie bereiten gleichwohl die kriegerischen Konflikte des 20. Jahrhunderts vor. Oder anders formuliert: Was sich im 19. Jahrhundert abzeichnete, fand seine Vollendung im 20. Jahrhundert.

Untrennbar mit der politischen Entwicklung ist die Industrialisierung der westlichen Welt und mit jener wiederum die Transformation der gesellschaftlichen Schichtung verbunden. Die Industrialisierung bildet in der Bevölkerung eine neue Schicht von Arbeitern heraus und bereitet so den Übergang von der stratifikatorischen in die funktionale, segmentäre und arbeitsteilige Gesellschaftsform vor.


Erich Fromm: “Die Kunst des Liebens”Erich Fromm: „Die Kunst des Liebens“

Es ist nicht unwahrscheinlich, dass Sie dieses Buch bereits aus Ihrer Jugend kennen. Erich Fromms „Kunst des Liebens“ gehört genauso zum Kanon jener Bücher, die man als Jugendlicher gelesen haben musste, wie der „Steppenwolf“ von Hermann Hesse oder „Tonio Kröger“ von Thomas Mann.

Doch sagen Sie jetzt, nicht, dass Sie das Buch kennen und sich noch gut daran erinnern, was drinsteht! Eine erneute Lektüre lohnt sich, wobei es nicht wichtig ist, ob Sie 30, 50 oder gar 70 Jahre alt sind.

Die Lektüre eines Buches ist immer altersbedingt verschieden. Der jeweils vorhandene Erfahrungshorizont entscheidet zu nicht unerheblichen Anteilen darüber, ob wir Gefallen an einem Buch finden oder nicht, und er bestimmt, ob ein Buch uns etwas zu sagen vermag oder nicht.

Als ich kürzlich Fromms „Kunst des Liebens“ zur Hand nahm, war es die Begegnung mit einem alten Bekannten. Wir hatten uns fast vier Jahrzehnte aus den Augen verloren, und doch wussten wir sofort, mit wem wir es zu tun haben. In der Zwischenzeit hatte ich Einiges über mein Gegenüber erfahren.


Umberto Eco: „Bekenntnisse eines jungen Schriftstellers“Umberto Eco: „Bekenntnisse eines jungen Schriftstellers“

Als Umberto Eco seinen Weltbestseller „Der Name der Rose“ schrieb, war er bereits 57 Jahre alt. Da war er also älter als ich, und das alleine ist schon erstaunlich. Umberto Ecos eigentliches Interesse galt und gilt in erster Linie der Semiotik, der Zeichenlehre; er lehrte viele Jahre an der Universität Bologna hat lange Zeit gebraucht, bis er – bildlich gesprochen – zum ersten Mal die Seiten wechselte und sich als Schriftsteller betätigte. Dass „Der Name der Rose“ sogleich zu einem Welterfolg werden würde, hatte niemand geahnt, am wenigsten er selbst. Der Roman war lediglich die konsequente Weiterführung seiner Beschäftigung mit jenen Themen, die ihn seit seiner Jugend in den Bann zogen: der Mediävistik und eben der Semiotik.

In dem kleinen Büchlein „Bekenntnisse eines jungen Schriftstellers“ gibt Eco Auskunft über seine schriftstellerische Tätigkeit, über den komplexen Entstehungsprozess seiner bekanntesten Romane — „Der Name der Rose“, „Das Foucaultsche Pendel“, „Die Insel des vorigen Tages“ und „Baudolino“.

Der Leser erfährt, wie es zu jenem Plot kam, der sich in einem abgelegenen Kloster zuträgt; welche Bedeutung die Namen der fiktiven Personen haben; wie sich Eco immer wieder erklären muss, wenn ihn Leser nach den realen Orten seiner Geschichten fragen usw. Es ist ein Blick hinter die Kulissen — oder besser: in die Schreibstube des Autors.


Richard David Precht: „Erkenne Dich selbst – Eine Geschichte der Philosophie 1“Richard David Precht: „Erkenne Dich selbst – Eine Geschichte der Philosophie 1“

Es ist ein Großprojekt. Nur wenigen Philosophen würde man heute noch zutrauen, eine publikumswirksame Philosophie-Geschichte zu schreiben. Zumal das Thema selbst für den interessierten Laien ziemlich spröde klingt: eine Geschichte der Philosophie. Das bedeutet: 2500 Jahre abendländischer Philosophie, im ersten Teil angefangen mit den Vorsokratikern bis in die Renaissance.

Richard David Precht dürfte weit und breit der einzige populäre Philosoph sein, dem es gelingen könnte, ein solches Mammut-Projekt nicht nur durchzustehen (bzw. durchzuschreiben), sondern auch von einer breiten Masse gelesen zu werden. Seit seinem Erstlings-Erfolg „Wer bin ich – und wenn ja wie viele?“ ist er von den Bestseller-Listen nicht mehr wegzukriegen. Das Beste daran ist: Er wird nicht nur gekauft, sondern auch gelesen!

Sein auf drei Bände konzipiertes Geschichts-Projekt ist nicht nur ehrgeizig, sondern vielleicht sogar in der Lage, dem gewöhnlichen deutschen Leser eine große Portion Kenntnisse aus der langen und wechselhaften Geschichte der Philosophie zu vermitteln, welches jener später gewinnbringend für das eigene Denken und Handeln verwenden kann. Wenn dies gelänge, hätte Precht in der Tat ein Meisterstück vollbracht: die philosophische Erziehung eines großen Lesepublikums!


Theodor W. Adorno: "Ausgewählte Werke in sieben Bänden"Theodor W. Adorno: „Ausgewählte Werke in 7 Bänden“

Theodor W. Adorno ist ohne Frage einer der bedeutendsten deutschen Intellektuellen des 20. Jahrhunderts. Er gilt als einer der Hauptvertreter der Kritischen Theorie sowie als Mitbegründer der Frankfurter Schule. Zusammen mit Max Horkheimer gründete er in Frankfurt das gesellschaftskritische Institut für Sozialforschung, das nach der Machtübernahme der Nazis ins Exil gehen musste, zunächst nach Paris und dann in die USA.

Mit dem 14 Jahre älteren Siegfried Kracauer verband Adorno eine lebenslange Freundschaft, die zunächst in einem Lehrer-Schüler-Verhältnis bestand. Gemeinsam las man am Wochenende Kant, und Kracauers textkritischer Blick auf Kants Philosophie wurde auch für den jungen Adorno prägend. In jenen frühen Jahren hatte sich Adorno noch nicht vollends für die Philosophie und Soziologie entschieden, sondern verfolgte noch seinen Traum von einer Karriere als Musiker und Komponist. So nahm er bei dem Schönberg-Schüler Alban Berg Unterricht und übte sich in der Komposition von Neuer Musik. Doch seine Talente lagen in einem anderen Bereich.

Adornos philosophisches, soziologisches und musiktheoretisches Werk prägte die Geistesgeschichte des 20. Jahrhunderts wie kaum ein Zweites. Mit der Frankfurter Schule lieferte er die theoretische Grundlage für die 68er-Bewegung. Die vorliegende Auswahl macht nun endlich die wichtigsten Texte und Schriften des breiten Werks Adornos kompakt verfügbar.


Stefan Bollmann: „Frauen, die lesen, sind gefährlich und klug“Stefan Bollmann: „Frauen, die lesen, sind gefährlich und klug“

Natürlich sind Frauen gefährlich. Das war schon immer so. Aber ganz besonders brenzlig wurde es, seitdem die Frauen auch das Lesen lernen durften. Mit dem lese kam natürlich die Leselust, denn Frauen sind ja triebgesteuerte, emotionale Wesen, denen mit Vernunft nicht beizukommen ist — meinten die Männer jener Zeit.

Der Siegeszug des Romans als literarische Gattung wäre ohne die leselustigen Frauenzimmer seiner Zeit nicht möglich gewesen. Männer lesen so etwas nicht: keine Ritterromane, keine Liebesgeschichten, kein Schmachtfetzen und billige Heftchen-Romane. Doch die Frauen lasen das alles – und noch viel mehr. Die Emanzipation der Frau, ihr Ausstieg aus ihrer (nicht ganz selbst) verschuldeten Unmündigkeit, war eng verknüpft mit der weiblichen Alphabetisierung.

Und spätestens ab diesem Punkt wurde es gefährlich für die Männerwelt: Wer lesen kann, der kann auch denken. Natürlich konnten Frauen das schon immer. Aber jetzt konnten sie ihre Gedanken auch richtig formulieren, konnten sie aufschreiben, weitergeben, teilen, sich austauschen über ihre Belange. Sie konnten sich artikulieren und ihre Ansprüche geltend machen.


Heinrich Kaulen, Christina Gansel (Hg.): "Literaturkritik heute"Heinrich Kaulen u. Christin Gansel (Hg.): „Literaturkritik heute“

Was kann, was darf, was muss Literaturkritik bewirken? Diese Frage stellt sich nicht nur der Rezensent, sondern auch die Literaturwissenschaft. Eine aktuelle Bestandsaufnahme dieser Diskussion ist nun in einem facettenreichen Sammelband beim Verlag Vandenhoeck und Ruprecht erschienen – herausgegeben von Heinrich Kaulen und Christina Gansel.

Heinrich Kaulen hat Germanistik, Philosophie, Pädagogik und Sozialwissenschaften an der Universität Bonn studiert. Heute ist er Professor für Neuere deutsche Literatur an der Philipps-Universität Marburg. Mitherausgeberin Christine Gansel lehrt am Institut für Deutsche Philologie der Universität Greifswald.

Die beiden Herausgeber haben ihren Job gut gemacht. Sie versammeln in diesem Band zwanzig Autorinnen und Autoren, die alle entweder aus der literaturwissenschaftlichen Lehre oder aus der Praxis stammen. Germanistik-Professoren, wissenschaftliche Mitarbeiter, Literatur-Redakteure und Lehrer steuern ihre Sicht auf die großen Fragen an die Literaturkritik bei.


Katharina Mahrenholtz u. Dawn Parisi: “Literatur! - Eine Reise durch die Welt der Bücher“Katharina Mahrenholtz u. Dawn Parisi: “Literatur! – Eine Reise durch die Welt der Bücher“

Ein Freund erzählte mir vor Jahren die Geschichte, wie er mit seiner damals fünfjährigen Tochter ins Aquarium gegangen war. Die Kleine war ganz aufgeregt, und als endlich die Eintrittskarten gekauft waren, stürmte sie an allen anderen Besuchern vorbei zum erstbesten Wasserbecken und schrie begeistert: „Fische!!“ – Ja, was denn sonst?!“

Als ich das hier zu besprechende Buch auf dem Tisch liegen sah, fiel mir wieder diese nette Geschichte ein: „Literatur! – Eine Reise durch die Welt der Bücher“. Es fällt nicht schwer, sich ein kleines Mädchen mit einer großen runden Brille vorzustellen, das begeistert in eine Buchhandlung rennt und ruft: „Bücher!!!“ Bücher sind etwas Wunderschönes. Sie ermöglichen uns das Abtauchen in andere Welten; sie führen uns hinter neue Horizonte und erweitern unseren eigenen.

Wenngleich man solche Aussagen über Kochbücher, Reiseführer und Selbsthilfe-Bücher nur bedingt treffen kann, so gelten sie auf jeden Fall für all jene Bücher, die mit dem Label „Literatur“ versehen werden: fiktionale Texte, Prosa, Drama und Lyrik.


Edith Silbermann u. Amy-Diana Colin (Hg.): “Czernowitz – Stadt der Dichter. Geschichte einer jüdischen Familie aus der Bukowina (1900-1948)“Edith Silbermann u. Amy-Diana Colin (Hg.): “Czernowitz – Stadt der Dichter. Geschichte einer jüdischen Familie aus der Bukowina (1900-1948)“

Czernowitz ist ein Sehnsuchtsort und war einst die Kulturhauptstadt einer seit langer Zeit versunkenen Welt. Heute liegt die Hauptstadt der Bukowina in der westlichen Ukraine; sie gehörte einst zum Habsburgerreich Österreich-Ungarn, zu Polen, Rumänien, Russland und jetzt zur Ukraine.

Seit Jahrhunderten lebten Juden in der Bukowina, bis der Holocaust diesem kulturellen Hotspot im Südosten Europas einen grausamen Garaus machte. Bereits am Ende des 19. Jahrhunderts hatte die Bukowina eine vielschichtige deutschsprachige, rumänische, ukrainische und jiddische Dichtung und eine Reihe mehrsprachiger Schriftsteller hervorgebracht. Die Liste der bedeutenden Söhne und Töchter dieser Stadt ist lang. Allein aus dem Bereich der Literatur seien hier stellvertretend nur Selma Meerbaum-Eisinger, Paul Celan, Rose Ausländer und Gregor von Rezzori genannt. Die Schicksals- und Leidensgeschichten der jüdischen Bevölkerung der Bukowina sind durch zahlreiche literarische Werke und auch durch die historische Forschung ins Bewusstsein vieler Deutscher gerückt.

Edith Silbermann war mittendrin in diesem kulturellen Schmelztiegel. So vertraute sie ihrer Nichte (Amy-Diana Colin) in einem Gespräch an, dass Paul Celan zu ihren engen Jugendfreunden zählte. Zu jenem Freundeskreis gehörte u. a. auch Rose Ausländer. Ihr Vater, Karl Horowitz, war ein begeisterter Büchersammler, und so war seine umfangreiche Bibliothek für den jungen Celan eine unerschöpfliche Inspirationsquelle.


Nadine Werner: “Archäologie des Erinnerns – Sigmund Freud in Walter Benjamins Berliner Kindheit”Nadine Werner: “Archäologie des Erinnerns – Sigmund Freud in Walter Benjamins Berliner Kindheit”

Von Walter Benjamin stammt das Konzept einer „Dialektik des Erwachens“ in Bezug auf die Erinnerung. Benjamin hat sich intensiv mit den Phänomenen des Traums und des Rausches beschäftigt und seine Erkenntnisse vor allem in seinem Passagen-Werk beschrieben. Doch schon früher setzte er seine Erkenntnisse literarisch um. So ist auch seine „Berliner Kindheit um 1900“ kein biographischer Text im herkömmlichen Sinne, sondern vielmehr der Versuch, mit Hilfe von fragmentarischen Denkbildern eine Konstruktion der Wirklichkeit zu schaffen.

Auf der Meta-Ebene jedoch sind die Beschäftigung mit dem Gedächtnis und dem Erinnern die zentralen Bezugspunkte seiner „Berliner Kindheit“. Benjamin verwendet für seine spezifische Form des Erinnerns den Begriff des „Eingedenkens“. Für Benjamin ist das Eingedenken als die bewusste Vergegenwärtigung des Vergangenen stets auch ein Blick zurück in die Zukunft der Vergangenheit. Nach seinem Geschichtsverständnis ist die Vergangenheit niemals abgeschlossen; vielmehr bleibt die Vergangenheit auch im wiederholten Prozess ihrer bewussten Vergegenwärtigung offen für eine Rettung ihrer damaligen Zukunft, so dass auch die Geschichte selbst niemals fixiert kann, sondern stets aufs Neue geschrieben werden muss.


Sergiusz Michalski: "Einführung in die Kunstgeschichte"Sergiusz Michalski: „Einführung in die Kunstgeschichte“

Die Reihe der Einführungen aus dem WBG-Verlag sind bekannt für ihre konzisen und gut lesbaren Büchern zu verschiedenen geisteswissenschaftlichen Themenbereichen. Die jetzt vorliegende „Einführung in die Kunstgeschichte“ steht diesem Anspruch in nichts nach. Ihr Verfasser, Sergiusz Michalski, ist Professor für Kunstgeschichte an der Uni Tübingen.

Eine Einführung in die Kunstgeschichte zu geben, ist ein komplexes und schwieriges Unterfangen. Denn wo soll man anfangen? Was soll man einbeziehen und was weglassen? Der vorgegebene Umfang dieser Einführungsreihe von nur etwa 160 Seiten lässt die Frage aufkommen, wie solch ein umfangreiches Themengebiet in solcher Kürze vorgestellt werden kann, ohne allzu oberflächlich zu werden.

Michalski hat sich entschlossen, eine besondere Perspektive auf die Kunstgeschichte einzunehmen, die – wie könnte es anders sein? – manches einbezieht und anderes weglässt.


Heinrich Zille: "Das Alte Berlin - Photographien von Heinrich Zille 1890-1910"Heinrich Zille: „Das Alte Berlin – Photographien von Heinrich Zille 1890-1910“

Jeder kennt Heinrich Zille, den „Pinsel Heinrich“, wie ihn Tucholsky liebevoll taufte. Seine Zeichnungen sind weltberühmt, ihr Witz spiegelt den Humor der armen Leute, der Bettler, Huren, Hausierer, Kinder und Mütter aus den Arbeitervierteln der Berliner Großstadt um die Jahrhundertwende. Sein Blick für die kleinen Geschichten am Rande und für das Typische jener Zeit um 1900 machten Zille und seine „Zille-Figuren“ unsterblich.

Zilles Berlin ist das alte Berlin vor den Weltkriegen, und bei aller Sozialromantik, die man bei der Betrachtung jener Bilder empfinden könnte, bleiben sie doch ein realistisches Abbild jener prekären Verhältnisse und ein Zeitdokument für die Nachwelt.

Was bislang über Zilles Zeichnungen, seine Charaktere und schrägen Figuren gesagt wurde, bewahrheitet sich umso mehr bei der Betrachtung seiner Photographien. Zille war begeistert von dem neuen Medium der Photographie, und er machte ausgiebigen Gebrauch von den Möglichkeiten jener neuen Technik. Interessanterweise wurde seinen Photographien bislang nicht die gleiche Aufmerksamkeit zuteil wie seinen Zeichnungen. Zu Unrecht, wie der neue, schöne und reich bebilderte Katalog von Schirmer / Mosel beweist.


Lily Brett: „Immer noch New York“Lily Brett: „Immer noch New York“

Wer Lily Brett kennt, weiß, dass ihre Geschichten untrennbar mit New York verbunden sind: Manhattan und Brooklyn sind die Orte, an denen Bretts Geschichten spielen, wo sie ihre Begegnungen macht und ihre Erlebnisse hat, die sie mit ihren Lesern teilt. – Wer Lily Brett noch nicht kennt, sollte das schleunigst nachholen, denn mit Lily Brett hat man eine neue Freundin gewonnen.

Eine Freundin, die regelmäßig in Briefen ihre Erlebnisse in New York beschreibt und uns ihre Lieblingsorte in dieser unüberschaubaren Metropole verrät. Seinen ganzen Zauber entfalten diese kurzen Erzählungen besonders dann, wenn man selbst schon einmal in New York war und das eine oder andere Café oder besucht hat oder zu Fuß durch dieselben Straßen spaziert ist, ja vielleicht sogar Ähnliches erlebt hat wie die Autorin.

Wie New York wirklich ist, kann man jemanden, der noch nie da war, nur schwer vermitteln. Was soll man sagen? Es ist laut, bunt, hektisch, ruppig, zärtlich, busy und relaxed, zauberhaft und abstoßend. Es ist eben einfach – New York.


Tobias Hoffmann (Hg.): Zeitenwende. Von der Berliner Secession zur Novembergruppe. 1898 bis 1919Tobias Hoffmann (Hg.): Zeitenwende. Von der Berliner Secession zur Novembergruppe. 1898 bis 1919

Die Ausstellung Zeitenwende im Berliner Bröhan-Museum befasst sich mit der vielleicht dynamischsten Zeit der deutschen Kunstgeschichte. Innerhalb von nur zwanzig Jahren bilden die Ausstellung und der hier vorgestellte Katalog jene „Tour de Force“ der deutschen Kunst ab, die sich aus ihrer Emanzipation vom offiziellen Kunstbetrieb des Wilhelminischen Kaiserreichs bis zu den revolutionären Künstlergruppen zu Beginn der Weimarer Republik derart rasant entwickelte, dass jene Kultur der Abspaltung, der Secession, dazu führte, dass sich immer neue Künstlervereinigungen bildeten, deren Hauptziel zunächst in der Abgrenzung gegenüber ihrer Muttervereinigung bestand und dann erst in einem zweiten Schritt auch die Abgrenzung und Ablehnung des offiziellen Kunstbetriebs beinhaltete.

Der Katalog setzt mit der Berliner Secession ein, die sich 1898 unter der Leitung von Max Liebermann bildete. Alexandra Panzert, eine der kompetenten Autoren der interessanten Beiträge und Einführungen in die jeweiligen Ausstellungsabschnitte, weist gleich zu Beginn darauf hin, dass die Berliner Secessionen in erster Linie aus einer negativen Haltung heraus entstanden: Sie verweigerten sich den bestehenden Verhältnissen des kaiserlichen Kunstbetriebs und dem herrschenden bürgerlichen Kunstverständnis. Sie waren jedoch keine Künstlervereinigungen, die einer bestimmten neuen Malschule anhingen, einen eigenen Stil verfolgten und am Kunstmarkt etablieren wollten. Insofern greift das gängige Bild der Avantgarde im Zusammenhang mit den Berliner Secessionen nicht wirklich.


Rebekka Reinhard (C) Peter LindberghTelefon-Interview mit Rebekka Reinhard am 19.11.15 über ihr Buch „Kleine Philosophie der Macht (nur für Frauen)“

RALPH KRÜGER: Hallo, Frau Reinhard! Schön dass wir uns am Telefon über ihr neues Buch, die „Kleine Philosophie der Macht (nur für Frauen“ unterhalten können. Sie haben ja schon eine ganze Reihe von Büchern geschrieben: über die Sinn-Diät, über die Schönheit, über Mode, über das Irren… – nun also ein Buch über die Philosophie der Macht, aber speziell für Frauen. zunächst stellt sich mir die Frage, wie Sie auf das Thema gekommen sind. Vielleicht ist die Antwort ja nahe liegend, aber vielleicht können Sie uns zum Einstieg ein wenig über Ihre Motivation erzählen, sich mit diesem Thema zu beschäftigen.

REBEKKA REINHARD: Das ist eine gute Frage, die ich mir auch schon gestellt habe. Denn in der Tat habe ich mich selbst in meiner Identität nie als besonders fraulich oder weiblich empfunden, weil ich mich selbst schon immer sehr stark mit meiner philosophischen Tätigkeit identifiziert habe. Ich habe mich also schon immer mit Schreiben, mit logischem und analytischem Denken, mit philosophischem Argumentieren beschäftigt; außerdem habe ich auch keine typische Frauen-Biographie: Ich habe keine Familie, ich habe keine Kinder, ich bin nicht verheiratet. – Ich habe aber doch gemerkt, als ich auf die 40 zugegangen bin, dass ich diesem Thema „Frau-Sein und weibliche Identität“ nicht ausweichen kann.


Rebekka Reinhard: „Kleine Philosophie der Macht (nur für Frauen)“Rebekka Reinhard: „Kleine Philosophie der Macht (nur für Frauen)“

Normalerweise würde diese Besprechung mit einem Satz beginnen, wie z.B.: „Man glaubt zu wissen,…“ Doch hier beginnt schon der Ärger. Wer ist eigentlich dieser „man“? Jene Generalisierung im Namen der Männlichkeit spricht automatisch für alle Frauen mit, so scheint es, und daran haben wir uns mittlerweile so sehr gewöhnt, dass es keinem (und keiner) mehr auffällt. Oder doch?

Rebekka Reinhard hat ein neues Buch geschrieben – eine kleine Philosophie der Macht (nur für Frauen). Philosophie – Macht – Frauen: Das klingt nach Geschlechterkampf, nach philosophischer Kriegsführung gegen die Männerwelt, ja vielleicht sogar ein wenig nach dem Rachefeldzug einer Philosophin gegen den männlich dominierten Wissenschaftsbetrieb?

Die Leserin darf beruhigt werden (und in diesem Fall auch der männliche Leser): All dies findet sich nicht in diesem schönen Buch, denn es geht um etwas ganz Anderes. Es soll hier gerade keine Macht-Philosophie oder –Phantasie entfaltet werden, die sich explizit gegen die Männer richtet, sondern die Autorin strebt ein neues solidarisches Miteinander der Geschlechter an, bei dem gerade das Geschlecht keine so große Rolle mehr spielt, wie es heutzutage noch der Fall ist.


Erich Kästner: „Sonderbares vom Kurfürstendamm – Berliner Beobachtungen“

Es fällt nicht schwer, diesen Kästner zu lieben. Wo Kästner draufsteht, kann man nichts falsch machen. Vor allem ein weiterer Band in der scheinbar endlosen Reihe von Kompilationen Kästner´scher Texte, die regelmäßig aus den unergründlichen Tiefen der Archive vom Atrium-Verlag geborgen und als Schätze der Welt geschenkt werden, darf ungesehen als ein Juwel betrachtet und für die heimische Lektüre in den Warenkorb gelegt werden.

Ja, Kästner zu lesen, das ist ein Vergnügen, selbst wenn es auch in diesem Band mit sonderbaren Geschichten aus Berlin um ernste Dinge geht: um sehr ernste Dinge, wie die Bücherverbrennung im Mai 1933, an der Kästner unfreiwillig gleich im doppelten Sinne (persönlich als Zuschauer und in Form seiner Bücher, die Goebbels dem Feuer überantwortet). Aber solche Texte dürfen auch in einem Band mit Berliner Beobachtungen nicht fehlen, denn die Zeit von 33 bis 45 verbrachte Kästner nicht in der Emigration, sondern in Deutschland, die meiste Zeit davon in Berlin. Nach 1933 konnte er nicht mehr publizieren, was ihn jedoch nicht davon abhielt, weiterhin Texte zu schreiben, die später, nachdem der ganze großdeutsche Zauber endlich vorbei war, zum Teil auch veröffentlicht wurden.


Walter Siebel: „Die Kultur der Stadt“

Hurra, die Stadtsoziologie und die Kulturwissenschaften haben eine neue Bibel! Walter Siebel, der als emeritierter Professor für Soziologie an der Carl-von-Ossietzky-Universität in Oldenburg lehrt, hat ein weiteres Standardwerk geschrieben, das die Kulturalität der Stadt in ihrer Komplexität zu fassen und somit den aktuellen Forschungsstand der kulturwissenschaftlichen und soziologischen Disziplinen abzubilden versucht.

Nun, was soll man sagen? Es ist ihm nicht nur gelungen, diesen hochkomplexen Gegenstand Stadt in seiner gegenwärtigen Ausprägung darzustellen, sondern darüber hinaus die vielschichtigen Verbindungen von Stadt und Stadtraum mit den kulturellen Aspekten ihrer Gestaltung zu korrelieren. Was dabei herausgekommen ist, darf zurecht als eine weitere bedeutende stadtsoziologische Publikation gelten. Siebel, der auf eine lange Reihe von Veröffentlichungen zurückblicken kann, hat sich seit jeher mit dem Phänomen Stadt beschäftigt, hat u. a. ein Lehrbuch zur Stadtsoziologie zusammen mit dem 2011 verstorbenen Stadtsoziologen Hartmut Häußermann geschrieben und gilt selbst als einer der wichtigsten Stadtsoziologen unserer Zeit.


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