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Rezensionen von Büchern aus den Kultur- und Geisteswissenschaften

Aktuelle Rezensionen

kulturbuchtipps.de veröffentlicht regelmäßig Rezensionen zu neuen Büchern aus den Kultur- und Geisteswissenschaften.

Bereits 1802 hatte August Wilhelm Schlegel eine sehr dezidierte Meinung, was Neuerscheinungen betrifft… – Wir betrachten es daher als eine wichtige kulturelle Aufgabe, die Spreu vom Weizen zu trennen und Ihnen hier die wichtigsten und lesenswerten Sachbücher aus der geradezu unüberschaubaren Menge an Neuerscheinungen auf dem deutschen Buchmarkt vorstellen.


Hier sehen Sie eine kurze Zusammenfassung der aktuellen Rezensionen bei kulturbuchtipps.de:


Hans Fallada: “Kleiner Mann — was nun?”Hans Fallada: „Kleiner Mann – Was nun?“ (Originalfassung)

Der Aufbau-Verlag hat sich schon länger um die literarische Aufarbeitung des Gesamtwerks von Hans Fallada verdient gemacht. Nun ist Falladas vielleicht berühmtester und erfolgreichster Roman „Kleiner Mann — was nun?“ in der Originalfassung erschienen.

Die Publikations- und Editionsgeschichte dieses Romans liest sich selbst wie ein Krimi. Geschrieben 1932, wird „Kleiner Mann — was nun?“ noch im selben Jahr gedruckt. Allerdings weist das Buch bereits erhebliche Streichungen auf, die mehr als eine textliche Straffung des Materials bedeuteten und viele Szenen betrafen, die zu jener Zeit aufgrund ihrer Freizügigkeit eventuell hätten Anstoß erregen können. Wenn man das weiß, fällt einem unwillkürlich Erich Kästners „Gang vor die Hunde“ ein, der kurz zuvor aus denselben Gründen zurechtgestutzt wurde und mit dem neuen Titel „Fabian“ zu einem großen Erfolg wurde.

Am Vorabend der Machtergreifung der Nationalsozialisten beschreibt Fallada sehr ausführlich und lebensnah das Leben der Leute aus kleinen Verhältnissen. Die prekäre wirtschaftliche Lage der kleinen Leute in der Weltwirtschaftskrise wird ebenso greifbar wie die angespannte politische Situation jener Zeit der Straßenkämpfe zwischen Links und Rechts. Es gelingt Fallada, mit seinen Protagonisten Pinneberg, Lämmchen und dem kleinen Purzel ein Bild der Zeit zu malen, das trotz aller Widernisse einen Optimismus ausstrahlte, der viele Leser ansteckte.


Eike Rautenstrauch: „Berlin im Feuilleton der Weimarer Republik — Zur Kulturkritik in den Kurzessays von Joseph Roth, Bernard von Brentano und Siegfried Kracauer“Eike Rautenstrauch: „Berlin im Feuilleton der Weimarer Republik — Zur Kulturkritik in den Kurzessays von Joseph Roth, Bernard von Brentano und Siegfried Kracauer“

Eike Rautenstrauch hat seine Dissertation über das Berlin-Bild im Feuilleton der Zwanziger Jahre geschrieben. Anhand von drei exemplarischen Autoren — Joseph Roth, Bernard von Brentano und Siegfried Kracauer — möchte er zeigen, wie sich alle drei anhand von Architekturfigurationen in den kulturellen Diskurs ihrer Zeit eingeschrieben haben. Seine Arbeit verbindet erstmals literaturwissenschaftliche und kulturhistorische Ansätze in der Forschung.

Essays sind ein dankbarer Untersuchungsgegenstand literaturwissenschaftlicher Forschung. Wie es dem wissenschaftlichen Anspruch dieses Fachs entspricht, wird vor allem die literarische Form untersucht, während der Inhalt jener Essays zumindest nicht im Vordergrund steht, sondern eher als eine Nebensache behandelt wird. Im Gegensatz hierzu betont der kulturhistorische Ansatz der Feuilletonforschung viel mehr die inhaltliche Ebene des Gegenstands, also die Frage, was in den Feuilletons aus historischer Sicht behandelt wurde. Die Form selbst, die mediale Vermittlung, spielt eher eine Nebenrolle.


Michael Pauen: „Die Natur des Geistes“Michael Pauen: „Die Natur des Geistes“

Die Philosophie des Geistes galt lange Zeit als eine der wichtigsten Disziplinen der Theoretischen Philosophie. Was ist der menschliche Geist? Wie hängen Körper, Geist und Seele zusammen? Wie ist das Verhältnis von Geist und Verstand, von Gehirn und Welt, beschaffen und wie formt? Wie bestimmt der Geist unsere Wahrnehmung der Realität und die Beschaffenheit unseres Bewusstseins?

Seit vielen Jahren haben die Neurowissenschaften und der rein naturwissenschaftliche Blick auf den Geist und das Bewusstsein den Diskurs über die Natur des Geistes bestimmt, doch eine Erklärung des Geistes scheint ferner denn je. Michael Pauen ist jedoch der Meinung, dass es durchaus eine plausible Erklärung für das Phänomen des Bewusstseins gibt.

Die Forschungsgeschichte zeigt, dass sich die Vorstellungen von Gehirn und Geist immer wieder verändert haben. Je nach Forschungs- und Erkenntnisstand wurden beide Begriffe unterschiedlich wahrgenommen und in ihren Funktionen definiert. Wenn also heute das Problem der Bestimmung des menschlichen Bewusstseins unlösbar erscheint, so heißt dies noch lange nicht, dass das auch in Zukunft so bleiben muss. Pauen möchte mit seinem Buch einer solch zukünftigen Lösung den Weg ebnen.


Marion Beckers (Hg.): „Alice Lex-Nerlinger – Fotomonteurin und Malerin“Marion Beckers (Hg.): „Alice Lex-Nerlinger – Fotomonteurin und Malerin“

Nicht selten sind es gerade nicht die berühmten Namen der ersten Reihe, die mit ihrem Kunstschaffen ein für die jeweilige Strömung charakteristisches Bild abgeben; zu sehr überstrahlen ihre Namen die Rezeption des Publikums und lenken von der künstlerischen Aussage ab. Sondern oft sind es gerade jene Künstler aus der zweiten Reihe, in deren Werken wir den Zeitgeist viel reiner und unverbrauchter, ja unverstellter, nachempfinden können.

Alice Lex-Nerlinger war (und ist bis heute) eine solche Künstlerin der zweiten Reihe, deren Oeuvre lange Zeit vernachlässigt wurde – sehr zu unrecht. Geboren 1893 in Berlin als Tochter des Gaslampen-Fabrikanten Heinrich Pfeffer, besuchte sie nach der Schule die dortige Unterrichtsanstalt des Kunstgewerbemuseums und studierte, breit gefächert, Architektur, Ornamentik und Textilhandwerk. Dort lernte sie ihren späteren Mann, den Maler Oskar Nerlinger, kennen. Aber auch die anderen Kommilitonen sind nicht ganz unbekannt: George Grosz, Karl Hubbuch, Eva Peter und Hannah Höch.


Erich Kästner: "Notabene 45 – Ein Tagebuch"Erich Kästner: „Notabene 45 – Ein Tagebuch“

Erich Kästner ist bekannt für seine spitze Zunge und seinen lakonischen Humor. Beides lässt er nicht nur in seinen zahlreichen Romanen, Erzählungen und Gedichten aufblitzen, sondern auch in seinen Tagebuchaufzeichnungen. Als einer, der dageblieben ist, als der Terror des Dritten Reiches die halbe Welt verwüstete, hat er in kleinen unauffälligen Kladden fleißig notiert, was er gesehen und erlebt hat.

Kästners Bücher landeten schon bald nach der Machtergreifung durch die Nationalsozialisten auf den Scheiterhaufen der Bücherverbrennung im Mai 1933. Kästner schaute sich das Spektakel aus dem Hintergrund an; seitdem wusste er Bescheid, wie es um seine künstlerische Freiheit stand. Kurz darauf wurde ihm von oberster Ebene ein Schreibverbot erteilt. Seine Bücher konnten nur noch im Ausland publiziert werden.


Daniel Morat u. a.: „Weltstadtvergnügen — Berlin 1890-1930“Daniel Morat u. a.: „Weltstadtvergnügen — Berlin 1890-1930“

Während Berlin seit den 1870er Jahren einen in Europa unvergleichbaren Aufschwung nahm — zwischen 1870 und 1890 verdoppelte sich die Einwohnerzahl, und allein zwischen 1900 und 1910 stieg die Bevölkerungszahl um 1 Million von 2,7 auf 3,7 Mio. Einwohner —, begann sich in diesem großstädtischen Moloch eine Freizeitkultur zu entwickeln, die, vor allem in den 1920er Jahren, den Vergleich mit Paris, London oder New York nicht scheuen brauchte.

Nach dem Ersten Weltkrieg und dem Zusammenbruch des deutschen Kaiserreiches schaffte die junge und gebrechliche Demokratie der Weimarer Republik die politischen und gesellschaftlichen Rahmenbedingungen für eine Freisetzung kreativer und künstlerischer Kräfte auf allen Ebenen der Kultur. Die Arbeitsbedingungen verbesserten sich grundlegend, plötzlich gab es so etwas wie „Freizeit“, die der Erholung von Körper und Geist dienen sollte und mit „Sinn“ gefüllt werden wollte. Das junge Heer der Angestellten wollte sich nach Feierabend amüsieren. Der Siegeszug des neuen Mediums Film und die Ära der großen Lichtspieltheater wäre ohne eine entsprechend ausgebildete Angestellten-Kultur undenkbar.


Peter Hoeres: „Die Kultur von Weimar – Durchbruch der Moderne“Peter Hoeres: „Die Kultur von Weimar – Durchbruch der Moderne“

Mit seinen rund vier Millionen Einwohnern war Berlin in der 1920er Jahren die drittgrößte Stadt Europas nach London und Paris. Der Erste Weltkrieg war verloren, das Kaiserreich zerschlagen, und die junge Weimarer Demokratie stand auf wackligen Füßen; bald schon lieferten sich Kommunisten und Faschisten – auch und gerade in Berlin – erbitterte Straßenschlachten.

Doch gleichzeitig war die Weimarer Republik vor allem auf kulturellem und sozialen Gebiet eine Zeit des Aufbruchs und des leidenschaftlichen Experimentierens. Als sei durch den Zusammenbruch des konservativen Kaiserreichs eine seit langem unterdrückte Energie freigesetzt worden, die sich auf nahezu allen Gebieten der Kultur und des alltäglichen Lebens zu entfalten versuchte.

Peter Hoeres befasst sich in seinem Buch mit der „Kultur von Weimar“ und versucht einen Überblick über die verschiedenen kulturellen Strömungen zu bieten und den Leser auf eine imaginäre Reise in diese aufregende Zeit zwischen den Weltkriegen zu nehmen.


Harald Welzer: „Die smarte Diktatur — Der Angriff auf unsere Freiheit“Harald Welzer: „Die smarte Diktatur – Der Angriff auf unsere Freiheit“

Wir leben in einer freiheitlich-demokratischen Gesellschaft und haben ein Wohlstandsniveau erreicht, das historisch und auch im globalen Vergleich einzigartig ist. Uns geht es also gut, ja, sogar sehr gut. — Noch.

Wir sind dabei, unsere Freiheit zu verlieren. Mehr noch: Wir geben immer mehr Freiheiten freiwillig ab. Aus unseren noch bestehenden demokratischen Verhältnissen heraus handeln viele von uns vorsätzlich antidemokratisch und arbeiten fleißig mit an der Abschaffung unserer Freiheit und am Ende der Demokratie.

Was ist hier los? Und sind das nicht wieder einmal die übertriebenen Ängste linker Spinner, die sich nicht einfach mit der Realität abfinden können? Wird hier nicht wieder einmal gegen den „bösen Kapitalismus“ gewettert? Werden die Menschen nicht einfach nur verunsichert und mit einem völlig falschen Feindbild konfrontiert?


Hilmar Schäfer (Hg.): “Praxistheorie — Ein soziologisches Forschungsprogramm”Hilmar Schäfer (Hg.): “Praxistheorie — Ein soziologisches Forschungsprogramm”

Eine Soziologie der Praxis ist eine an der Physis orientierte Soziologie. Sie wird sich immer mit materiellen Dingen befassen. Das klingt durchaus plausibel, denn eine wissenschaftliche Beschäftigung mit immateriellen Phänomenen, was auch immer diese sein mögen, verkäme zu einer reinen Textwissenschaft, schreibt Frank Hillebrandt, einer der Autoren dieses im Transcript-Verlag erschienenen Readers zur Soziologie der Praxis.

Praxistheorie — dieser seltsam anmutende Begriff beschreibt höchst präzise, worum es dieser neuen soziologischen Disziplin geht: um eine theoretische Beschäftigung der soziologischen Praxis. Was zunächst wie ein Widerspruch klingt, offenbart sich auf den zweiten Blick als ein faszinierendes Forschungsfeld, das noch weitgehend unerschlossen ist.

Natürlich denkt man sofort an Pierre Bourdieus Beschäftigung mit der Praxeologie als einen Modus der Beobachtung gesellschaftlicher Zustände, der sich auf die Beziehungen zwischen den sozialen Strukturen und den Dispositionen der sozialen Akteure bezieht. Doch die Begriffsgeschichte der Praxeologie reicht viel weiter zurück, bis ins 17. Jahrhundert. Davon soll hier jedoch nicht die Rede sein, sondern es geht um die aktuellen Trends einer soziologisch fundierten und inspirierten Theorie der Praxis in ihren zahlreichen Facetten.


Barbara Hoidn (Hg.): „Demo:Polis — Das Recht auf Öffentlichen Raum“Barbara Hoidn (Hg.): „Demo:Polis — Das Recht auf Öffentlichen Raum“

Kürzlich ging ich mit meiner Kamera auf der Hochterrasse hinter dem neuen Bikini-Haus in Berlin spazieren und fotografierte. Schon nach wenigen Augenblicken trat ein freundlicher Mann in einem dunklen Anzug an mich heran, gab sich als Security zu erkennen und bat mich, das Fotografieren zu unterlassen. Es stellte sich heraus, dass die von der Straße frei zugängliche Terrasse kein öffentlicher Raum, sondern Privatgelände ist, auf dem das Hausrecht des Eigentümers gilt und nicht das öffentliche.

Dieses Beispiel zeigt, dass der öffentliche Raum längst nicht mehr überall und für jedermann verfügbar ist, auch wenn keine Schilder auf diesen Sachverhalt ausdrücklich hinweisen. Was für den Fotografen schnell zu einer handgreiflichen und nachhaltigen Erkenntnis werden kann, ist für den normalen Fußgänger oft nicht so leicht zu erkennen.

Geht man in London an der Themse entlang, so fallen die vielen Hinweisschilder auf, die mit „Private Public Property“ beschriftet sind. Hier ist längst Normalität, was in unseren Städten zwar noch die Ausnahme ist, aber immer mehr zunimmt: der Verlust an öffentlichen Räumen zugunsten einer eingeschränkten und meist nur unter öffentlichem Druck gewährten Zugänglichkeit in Absprache mit dem Privateigentümer des Grundstücks.


Frank-Lothar Kroll: „Geburt der Moderne – Politik, Gesellschaft und Kultur vor dem Ersten Weltkrieg“Frank-Lothar Kroll: „Geburt der Moderne – Politik, Gesellschaft und Kultur vor dem Ersten Weltkrieg“

In den 1970er und 1980er Jahren gab es eine dominante Strömung unter den Historikern, die geschichtliche Entwicklung des deutschen Kaiserreichs als einen nationalen Sonderweg zu betrachten, der letztendlich direkt in den Nationalsozialismus führte. Jene „Sonderwegs-Historiker“ um Hans-Ulrich Wehler prägten und prägen bis heute unser Bild vom Kaiserreich und seiner Sonderstellung im internationalen Vergleich.

Dass diese Perspektive falsch und stark verengend war, belegen die zahlreichen Ergebnisse der jüngeren kulturwissenschaftlichen Forschung. Doch während die Zeit der Weimarer Republik und die Untersuchung des Ersten Weltkriegs und seiner Folgen bereits in vielen Publikationen ihren Niederschlag gefunden haben, scheint die historische Betrachtung des Kaiserreichs aus dieser neuen Perspektive nur in wenigen Veröffentlichungen Berücksichtigung zu finden; Ausnahmen bestätigen die Regel.

Nun ist in der stets wachsenden Reihe der Publikationen des kleinen, aber rührigen be.bra-Verlages zur „Deutschen Geschichte des 20. Jahrhunderts“ ein neuer Band erschienen, der mit den alten Vorurteilen aufräumt.


Julia Cagé: „Rettet die Medien – Wie wir die vierte Gewalt gegen den Kapitalismus verteidigen“Julia Cagé: „Rettet die Medien – Wie wir die vierte Gewalt gegen den Kapitalismus verteidigen“

Wenn wir uns die Situation der Medien vergegenwärtigen, so scheint der scharfe Wind zurzeit von einer anderen Seite zu kommen: „Lügenpresse! Lügenpresse!“ skandiert der Mob in Deutschlands Straßen — wohl wissend, dass man sich hierbei nationalsozialistischen Vokabulars bedient, was die Sache nicht besser, sondern nur noch trauriger bzw. alarmierender macht.

Doch über diese vorübergehenden Vorfälle am Rande der intelligenten Gesellschaft legt sich seit Jahren eine ganz andere Ebene fundamentaler und existentieller Bedrohung der freien Presse: Es ist der Kapitalismus selbst, der hier in seiner perfektionierten und reinsten Form auch vor den Medien Halt macht in seiner Umstrukturierungs-, Zentralisierungs- und Effektivierungs-Wut.

Die französische Wissenschaftlerin hat ihre Forschungsergebnisse über diesen globalen Trend im Rahmen ihrer Tätigkeit als „Assistant Professeur d´Économie am Institut d´Études Politiques“ in Paris zu einem Buch verdichtet, das auf Französisch den aussagekräftigeren Titel trägt: „Sauver les médias. Capitalisme, financement participatif et démocratie“. Aha, es geht also auch um die verschiedenen möglichen Rechts- und Finanzierungsformen der Medien, auch abseits von Werbung und der Finanzierung durch interessierte Sponsoren.


 

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