kulturbuchtipps.de

Rezensionen von Büchern aus den Kultur- und Geisteswissenschaften

Aktuelle Rezensionen

kulturbuchtipps.de veröffentlicht regelmäßig Rezensionen zu neuen Büchern aus den Kultur- und Geisteswissenschaften.

Bereits 1802 hatte August Wilhelm Schlegel eine sehr dezidierte Meinung, was Neuerscheinungen betrifft… – Wir betrachten es daher als eine wichtige kulturelle Aufgabe, die Spreu vom Weizen zu trennen und Ihnen hier die wichtigsten und lesenswerten Sachbücher aus der geradezu unüberschaubaren Menge an Neuerscheinungen auf dem deutschen Buchmarkt vorstellen.


Hier sehen Sie eine kurze Zusammenfassung der aktuellen Rezensionen bei kulturbuchtipps.de:


Harald Welzer: „Wir sind die Mehrheit – Für eine Offene Gesellschaft“

Denn wir leben in einer Zeit des „Post-„, in einer Zeit, die ihre großen Visionen verloren hat und nur noch das schwache Nachglimmen der jeweiligen Anti-Bewegungen zu registrieren vermag. Es ist kühl geworden in den trockenen Gefilden der Intellektuellen, und leidenschaftliche Charaktere wie Welzer werden mit Skepsis betrachtet. Denn von jenen gibt es neuerdings wieder eine ganze Reihe: Man findet sie nur leider viel häufiger am falschen Ende des politischen Spektrums, bei den Rechtspopulisten und den Neurechten, für die „Demokratie“, „Freiheit“, „Europa“ und „Pluralismus“ Schimpfwörter sind.

Diese Wahrnehmung mag jedoch täuschen, da die radikalen und rassistischen Ausfälle der Populisten deutlich präsenter in den Medien präsentiert und kommentiert werden, als die Äußerungen der vernünftigen und besonnenen Mehrheit.

Plötzlich kriechen ihre kruden Ideen und Ideologien wieder wie blasse Kröten aus jenen abgelegenen braunen Sümpfen hervor, die man seit Jahrzehnten abgeschrieben hatte und trockengelegt zu haben glaubte. Jetzt sind sie wieder da, die Werwölfe im Schafspelz, doch das rassistisches Heulen von damals hat sich mithilfe von viel Kreide in ein geschmeidiges populistisches Stimmchen verwandelt, das mit Leichtigkeit die Schäfchen um sich sammelt.


Oliver Ruf, Verena Hepperle, Christof Hamann (Hg.): „Wie aus Theorie Praxis wird — Berufe für Germanisten in Medien, Kultur und Wissenschaft“

Frei nach Friedrich Schiller könnte man die Frage stellen: „Was heißt und zu welchem Ende studiert man Literaturwissenschaft?“ Den ersten Teil der Frage wird sich jeder leicht selbst beantworten können, der diesen Studiengang gewählt hat; interessant wird jedoch die Beantwortung des zweiten Teils.

Es mag Leute geben, die ein Studienfach ganz im Sinne eines „l’art pour l’art“ um seiner selbst willen studieren. Meistens ist es jedoch so, dass man neben dem eigentlichen Erkenntnisgewinn auch gewisse berufliche Absichten mit einem Studium verbindet: sei es der Erwerb einer größeren Fachkompetenz, die es einem nach dem Abschluss des Studiums ermöglichen soll, im Beruf auf interessante Positionen vorzurücken, sei es der Berufswechsel, der mit einem solchen Studium angestrebt wird.

Das vorliegende Buch „Wie aus Theorie Praxis wird“ setzt genau an diesem Punkt an und versucht Germanisten den beruflichen Einstieg nicht nur schmackhaft zu machen, sondern auch zu erleichtern.


Hanns Zischler: “Kafka geht ins Kino”

Kafka und das Kino. Die Faszination war einfach zu groß. Das Wunder der bewegten Bilder zog den jungen Schriftsteller schon früh in seinen Bann. Welch starken Effekt die Kinobilder auf die damaligen Zuschauer gehabt haben müssen, können wir uns heute nur schwer vorstellen. Wir leben in einer von Bildern überfluteten Welt und kennen es nicht anders.

Seitdem Kafkas Texte dank ihrer Rettung und Bewahrung durch Kafkas Freund Max Brod an die Öffentlichkeit gelangten, wird Kafka in der Literaturwissenschaft rauf und runter dekliniert. Alle Texte Kafkas werden immer wieder analysiert, und alle Facetten des Autors scheinen ausgeleuchtet, und trotzdem hat Hanns Zischler mit seinem Kino-Kafka einen ganz eigenen Beitrag zur Kafka-Forschung geleistet, der auch von der Wissenschaft wahrgenommen und aufgegriffen wurde.

Im Jahr 1909 begann Kafka mit dem Tagebuchschreiben, und sein erster Eintrag lautete: „Die Zuschauer erstarren, wenn der Zug vorbeifährt.“ Diese Notiz bezog sich auf den kurzen Stummfilm Die Ankunft eines Zuges auf dem Bahnhof von La Ciotat, aus dem Jahre 1896. Was schon in diesem ersten Satz deutlich wird, ist Kafkas natürliche Beobachtungsgabe: Nicht er selbst erstarrt, als er den Zug auf der Leinwand auf sich zufahren sieht, sondern er registriert, wie die anderen Zuschauer um ihn herum erstarren, wie sie auf das Phänomen des Kinofilms reagieren.


Gernot Böhme: „Ästhetischer Kapitalismus“

Es gab mal eine Zeit, in der die Aufgabe der Wirtschaft in erster Linie darin bestand, die Bedürfnisse der Menschen zu befriedigen: Nahrung, Kleidung, Wohnen und ein wenig Freizeitgestaltung waren die Bereiche, für die produziert wurde. Nur die Ältesten unter uns dürften sich an diese Zeit des Mangels nach dem Krieg noch erinnern. Schon in den 1950er Jahren jedoch erlebte Deutschland ein Wirtschaftswunder; es wurde so viel produziert, dass nicht nur der einheimische Markt gesättigt war, sondern Deutschland als Exportweltmeister die ganze Welt mit deutschen Waren beglücken konnte.

Schnell sprach man von einer Überflussgesellschaft oder von einer Wohlstandsgesellschaft, in die sich das Land binnen weniger Jahre verwandelt hatte. Seitdem geht es nicht mehr vorrangig um das Stillen lebensnotwendiger Bedürfnisse, sondern um das Wecken von Begehrnissen, wie Gernot Böhme es nennt.

Die deutsche Wirtschaft, das gegenwärtige kapitalistische System, folgt unbeirrt dem Paradigma des Wachstums. Nur indem die Wirtschaft permanente Zuwächse generiert, kann der Wohlstand erhalten und ausgebaut werden, so das Mantra der Wirtschaft und die Vorgabe für alle politischen Entscheidungen.


Peter Walther: „Hans Fallada – Die Biographie“

Noch eine Fallada-Biographie? Diese Frage stellt sich in der Tat, weil mit der Biographie von Jenny Williams – 2002 ebenfalls im Aufbau-Verlag erschienen –bereits eine hervorragende Arbeit vorliegt. Dennoch ist diese neue Biographie von Peter Walther jener von Williams aus mehreren Gründen vorzuziehen.

Zum einen ist gerade in den vergangenen Jahren eine Reihe von neuen Dokumenten aufgetaucht, die Falladas Leben und Werk teilweise in ein neues Licht rücken; zum anderen ist Walthers Biographie deutlich umfangreicher und gewichtet die einzelnen Lebensstationen anders. Es mag nicht zuletzt vielleicht auch der Tatsache geschuldet sein, dass Williams a) als Frau und b) als Irin den Stoff, aus dem das Leben gewoben wird, anders behandeln als ein männlicher Biograph.

Selbstverständlich besitzt auch Jenny Williams entsprechende Qualifikationen; als ausgebildete Germanistin arbeitete sie viele Jahre als Associate Professor an der Dublin City University mit dem Schwerpunkt Übersetzungswissenschaft und hat viele Aufsätze zu Leben und Werk Hans Falladas veröffentlicht.


Deborah Vietor-Engländer: „Alfred Kerr – Die Biographie“

Die Schwester der Autorin, Shulamit Engländer Amir, wurde mit zwölf Jahren durch einen Kindertransport von Prag ins englische Exil gebracht und gerettet. Sie empfahl der jüngeren Schwester die Lektüre des Jugendromans „Als Hitler das rosa Kaninchen stahl“ (1971) von Kerrs Tochter Judith. Dadurch inspiriert, begann sich die renommierte Literaturwissenschaftlerin mit dem Leben und Werk von Alfred Kerr.

Judith Kerr beschrieb das Leben ihres Vaters Alfred und die Flucht der Familie in jenem Roman auf eine Art und Weise, die die Autorin stark an ihren eigenen Vater Otokar Engländer und an seine Erzählungen erinnerte. Beide Männer teilten in London dasselbe Schicksal des ungewollten Exils. Über die Beschäftigung mit Alfred Kerr, das Studium seiner Briefe und Aufzeichnungen lernte die Autorin auch ihren eigenen Vater und seine Lebensverfassung im Exil besser verstehen. Daher verwundert es nicht, dass die Beschreibungen der Exil-Situation, der „Sprachlosigkeit“ in einem fremdsprachigen Land sowie der permanent zwischen Hoffnung und Verzweiflung pendelnden Gemütsverfassung der deutschen Exilanten zu den stärksten und eindrücklichsten Passagen dieser großen Biographie zählen. Die Autorin gab diesem letzten Abschnitt der Kerr-Biographie den treffenden Titel „Der Sturz ins Nichts“.


Quentin Bajac, Lucy Gallun u. a. (Hg.): “Die große Geschichte der Photographie. Die Moderne: 1920 bis 1960“

Ohne Übertreibung darf man feststellen, dass sich im New Yorker MoMA (Museum of Modern Art) die weltweit wohl wichtigste Fotosammlung befindet. Sie ist eine wahre Fundgrube von ikonischen Meisterwerken der Photographie, und es lassen sich in ihr auch immer wieder neue und überraschende Entdeckungen machen. Schon in den 1930er Jahren begann man hier, photographische Kunst zu sammeln und in Ausstellungen zu zeigen.

Wenn ein so grundlegendes Buchprojekt wie „Die große Geschichte der Photographie“, die auf insgesamt drei umfangreiche Bände ausgelegt ist, sich auf die Sammlungen des MoMA New York stützt, so hat es die richtige Wahl getroffen, weil sich in eben jenen Sammlungen nahezu alle Inkunabeln der Photographie-Geschichte finden lassen.

Der vorliegende zweite Band, der nach dem Band III (1960 bis heute) als zweiter der Trilogie erscheint, beschreibt die Geschichte der Photographie in den entscheidenden Jahren von 1920 bis 1960. Der dritte und letzte Band (1839 bis 1920) wird aller Voraussicht nach im Laufe dieses Jahres (2017) erscheinen.


Habbo Knoch: „Grandhotels — Luxusräume und Gesellschaftswandel in New York, London und Berlin um 1900“

Wenn man die Stichworte „Grandhotel“ und „1900“ hört, spulen sich vor dem geistigen Auge sofort die entsprechenden Filmszenen ab: mondäne Gesellschaften, die sich in großzügigen Hotelhallen und opulent ausgeschmückten Speisesälen treffen; Treffpunkte für die High Society; Kristallisationspunkte der Urbanität; unbeschreiblicher Luxus und exklusive Räume für ein weltgewandtes Publikum; eine perfekte Bühne für Dandys und halbseidene Schönheiten; Auftrittsorte und Meeting Points für die Aristokratie und den Geldadel.

Auch die Literatur hat uns mit vielen Klischees versorgt, die unsere Vorstellung davon prägen, was in den Luxushotels der Zeit um 1900 vor sich ging, wer dort residierte und wie sich das Leben im Hotel abspielte. Filme und Literatur prägen unser Bild und unsere Vorstellungen vom Luxushotel und vom mondänen Treiben in den Grandhotels der Metropolen der klassischen Moderne.

Doch entsprechen diese medialen Bilder auch der historischen Realität? Der Historiker Habbo Knoch hat sich diese Frage gestellt und sich intensiv mit der Kulturgeschichte der Grandhotels um 1900 beschäftigt. Das Ergebnis dieser Forschung liegt seit einer Weile in Form eines umfangreichen Buches im Wallstein-Verlag vor: 496 prall gefüllte Seiten mit zahlreichen Abbildungen sowie mit einem umfangreichen Apparat und Literaturverzeichnis, wie es sich für die wissenschaftlichen Publikationen im Wallstein-Verlag gehört.


Karl Kraus: “Ausgewählte Werke” in vier Bänden (Hg.: Christian Wagenknecht)

Karl Kraus wurde 1874 Jičín, einer Kleinstadt im heutigen Tschechien, geboren und starb 1936 in Wien. Von 1899 bis 1933 gab er die Zeitschrift „Die Fackel“ heraus, deren alleiniger Autor er die meiste Zeit war; nur vor 1912 gab es noch andere Autoren, wie zum Beispiel Peter Altenberg, Houston Stewart Chamberlain, Egon Friedell, Else Lasker-Schüler, Adolf Loos und Frank Wedekind.

„Die Fackel“ darf zurecht als das Hauptwerk von Karl Kraus angesehen werden. Doch obwohl die Zeitschrift insgesamt mehr als 20.000 Seiten umfasst, ist Kraus´ Werk damit noch nicht hinreichend umrissen. Zahlreiche Theaterstücke, Dramen, Gedichte, Aphorismen-Sammlungen und weitere Texte zeichnen Karl Kraus als einen Ausnahme-Schriftsteller aus. Betrachtet man die schier unglaubliche Produktivität von Karl Kraus, so kommt man zu der Ansicht, dass der Mann sein Leben vorwiegend schreibend verbracht haben muss.

Wer viel zu sagen hat, erzeugt auch schnell Widerspruch. Karl Kraus hatte nicht viele Freunde, dafür jedoch umso mehr Feinde. Stefan Zweig bezeichnete Kraus in seinen Memoiren „Die Welt von Gestern“ als den „Meister des giftigen Spotts“. Ein Sprach-Erzieher ersten Ranges, war Karl Kraus stets darauf bedacht, der Presse, die er abfällig als „Journaille“ bezeichnete, die Leviten zu lesen.


Andreas Mayer: „Sigmund Freud zur Einführung“

„Wer sich um ein Verständnis der Kulturen der westlichen Welt des 20. Jahrhunderts bemüht, wird eine Auseinandersetzung mit dem Werk von Sigmund Freud schwerlich vermeiden können.“ — So beginnt die Einführung in das Werk von Sigmund Freud, die jüngst von Andreas Mayer im Junius-Verlag erschienen ist.

Andreas Mayer lehrt in Paris und kann bereits auf eine stattliche Liste von Publikationen zur Geschichte der Humanwissenschaften, zum Verhältnis von Wissenschaft und Kunst sowie zur Geschichte der Psychoanalyse verweisen. Die im Junius-Verlag erscheinende Reihe der Einführungen möchte Interessierten die Möglichkeit eröffnen, sich über einzelne Autoren oder Themen zu orientieren; kompetent, fundiert und ansprechend geschrieben, zeigen diese Einführungstexte einige wenige Berührungspunkte auf, die dem Leser einen ersten Zugang zum Leben und Werk eines Autors bzw. zu einer Thematik eröffnen.

Der Name Sigmund Freud ist untrennbar mit einem neuen theoretischen Denkgebäude der Psychologie verbunden, das von ihm maßgeblich entwickelt wurde: der Psychoanalyse. Freuds Schriften bildeten nicht nur die theoretische Grundlage für jene ganz neuartige Form des therapeutischen Umgangs mit den Patienten, sondern die Schriften boten ihrerseits vom Anbeginn bis heute genügend Anlässe zu kritischen Auseinandersetzungen mit seinen Theorien.


Ingmar Arnold: “Luftzüge — Die Geschichte der Rohrpost“

Die Entwicklung der Rohrpost ist eng mit der Entwicklung der Eisenbahn verbunden. Neben den dampfbetriebenen Eisenbahnen gab es zu Anfang Versuche mit so genannten „atmosphärischen“ und „pneumatischen“ Eisenbahn-Antrieben. Während beim „atmosphärischen“ Antrieb die Waggons durch eine zentrale Druckluft-Röhre nach vorne bewegt wurden, dachte man bei der „pneumatischen Eisenbahn“ daran, die Züge direkt in einer großen Röhre mittels Druckluft zu bewegen. Dieses zweite Prinzip bildet auch die Grundlage der späteren Rohrpost-Systeme.

Ingmar Arnold hat mit diesem Buch (jetzt in einer erweiterten Neuauflage erschienen) eine sehr schöne Dokumentation der Technikgeschichte der Rohrpost vorgelegt; er befasst sich vor allem mit dem Berliner Rohrpost-System, wie es nahezu unverändert von 1865 bis 1972 existierte. Das Netz der Stadtrohrpost wurde nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs bereits 1948 geteilt, doch selbst während der Zeit der Trennung beider Stadthälften wurde die Rohrpost in Ost und West für verschiedene Zwecke benutzt.

Das Buch legt seinen Fokus auf die Berliner Rohpost-Geschichte. Was Berlin für die Geschichte der Rohrpost so bedeutend macht, ist nicht nur die lange und wechselvolle Geschichte der stadteigenen Rohpost-Anlagen, sondern die Tatsache, dass die Stadt selbst ein wichtiger deutscher Produktionsstandort für die Rohrpost-Technik war: allen voran ist hier natürlich die Firma Siemens & Halske zu nennen.


Mascha Kaléko: „Das lyrische Stenogrammheft“

Es gibt Bücher, die muss man einfach kennen. Besser noch, man besitzt sie. Stehen sie erst einmal im eigenen Bücherregal, so kann man sie jederzeit zur Hand nehmen und sich an ihnen erfreuen. Ein solches Buch ist zweifellos Mascha Kalékos Klassiker „Das lyrische Stenogrammheft“.

Was fasziniert den heutigen Leser an diesem Büchlein? Sicherlich ist es zunächst die Sprache, mit der die Autorin das Großstadtleben beschreibt. Es ist das Leben einer jungen Frau im Berlin der 1920er und 1930er Jahre, welches hier seine lyrische Form erhält. Das alles ist gut 90 Jahre her, und trotzdem wirken Kalékos Texte so modern, als ob sie erst gestern geschrieben worden wären.

Wie macht sie das? Es ist die schonungslose Ehrlichkeit und das Unmittelbare dieser Aufzeichnungen aus einem Tollhaus der Gefühle. Kaléko ist niemals die teilnahmslose Beobachterin, sondern sie steckt mittendrin im Trubel der Großstadt. Ihre Liebschaften, ihre Sehnsüchte, Träume und Enttäuschungen, das Hoffen und das Warten, oft auch das vergebliche Warten, all dies beschreibt sie in ihren Texten; sie schreibt auf, was sie bewegt, und auf diese Weise bewegt sie auch die Leserin und den Leser.


Paul Ewen: „Francis Plugs Handbuch für Autoren“

Dies ist kein Handbuch für Autoren, sondern ein Roman. Dies ist aber nicht nur ein Roman, sondern eben auch ein Handbuch für Autoren. — Was denn nun?!

Beginnen wir mit dem Namen: Francis Plug. Das ist natürlich ein Pseudonym. Niemand heißt so. Oder doch? Auf jeden Fall hat sich der Autor (mit richtigem Namen heißt er Paul Ewen, stammt aus Neuseeland und lebt heute in England) diesen Künstlernamen zugelegt, um seinen ersten Roman zu schreiben. Er will endlich Schriftsteller werden, denn eigentlich ist er Gärtner.

Wenn es seine Auftragslage hergibt, gönnt er sich gerne nach Feierabend den einen oder anderen kräftigen Schluck aus der Flasche. Manchmal aber auch vor Feierabend, was wiederum nicht gerade seiner Auftragslage förderlich ist. Doch was soll´s?! Er ist zwar mit Leib und Seele Gärtner, er hält sich eben gerne an der frischen Luft auf. Aber noch lieber wäre er ein Schriftsteller und zwar möglichst ein erfolgreicher!


Barbara Piatti (Hg.): “Von Casanova bis Churchill — Berühmte Reisende auf ihrem Weg durch die Schweiz”Barbara Piatti (Hg.): “Von Casanova bis Churchill — Berühmte Reisende auf ihrem Weg durch die Schweiz”

Die Schweizer Literaturwissenschaftlerin Barbara Piatti hat im Badener Hier-und-Jetzt-Verlag eine Anthologie bedeutender Schweiz-Reisen zusammengestellt. Die Orientierung an literarischen Vorlagen, an Tagebüchern und Notizen, aber auch an fiktionalen Texten berühmter Schweiz-Reisender mag für eine Literaturwissenschaftlerin naheliegend sein, doch diese Anthologie ist viel mehr als eben nur eine Anthologie.

Wie die Herausgeberin in ihrer Einleitung schreibt, geht es ihr nicht nur um eine Sammlung von Texten über die Schweiz und über das Reisen, sondern um die Konstruktion eines literarischen Raumes. Mit ihrer bewussten Auswahl an Texten möchte sie „Knotenpunkte, Kreuzungen und imaginäre Begegnungen“ aufzeigen.

Die ausgewählten Texte umspannen fast zwei Jahrhunderte — von 1760 mit Casanovas Reiseberichten bis zu Winston Churchills Schweiz-Aufzeichnungen von 1946. So können wir anhand der Reisebeschreibungen die Routen jener Reisenden nachverfolgen und sehen, wie sich über die Jahrhunderte die Wege immer wieder kreuzten. So entsteht ein vierdimensionales literarisches Bild der Schweiz mit vielen Wegkreuzungen in Zeit und Raum.


Jörg Später: “Siegfried Kracauer – Eine Biographie”Jörg Später: „Siegfried Kracauer – Eine Biographie“

Jörg Später ist Historiker und Mitarbeiter am Lehrstuhl für Neuere und Neueste Geschichte an der Universität Freiburg. Er hat jetzt im Suhrkamp-Verlag vorgelegt, worauf viele Intellektuelle gewartet haben, auch wenn sie es vielleicht selbst nicht gewusst haben: die erste umfangreiche Biographie von Siegfried Kracauer.

Kracauer ist den meisten bekannt als Filmtheoretiker: Seine Abhandlung Von Caligari zu Hitler, geschrieben im amerikanischen Exil, wollte nachweisen, wie sich von den Stummfilmen der 1920er Jahre und den Filmstoffen der frühen Tonfilmzeit eine direkte Entwicklungslinie zu den Propaganda-Filmen der Nationalsozialisten und den Unterhaltungsfilmen der UFA in den 1930er Jahren ziehen lässt.

Doch Kracauer war viel mehr als „nur“ Filmtheoretiker. Zunächst erlernte er den Brotberuf des Architekten, den er jedoch schon bald nach Ende des Ersten Weltkriegs aufgab, um einen „Wortberuf“ zu erwählen. Dieser Entschluss kam nicht aus heiterem Himmel, sondern war lange vorbereitet.


Roger Willemsen: "Wer wir waren"Roger Willemsen: „Wer wir waren“

Wir sind einfach zu nah dran, um das Bild der Gegenwart in seiner Gänze zu erfassen. Schlimmer noch, wir kleben nicht nur mit der Nase an der Bildoberfläche, sondern wir sind ein Teil des Bildes selbst. Wie soll man aus einer solchen Position einen vernünftigen und verständigen Blick auf die eigene Gegenwart werfen? Wäre es möglich, die eigene Gegenwart zu verstehen, indem man den Standpunkt eines zukünftigen Betrachters einnimmt?

Diesen kleinen Kunstgriff hat Roger Willemsen angewendet, als er an seinem letzten Buchprojekt arbeitete, das den Arbeitstitel „Wer wir waren“ trug. Leider blieb das Projekt in seinen Anfängen stecken: Nachdem Roger Willemsen im Sommer 2015 von seiner Krebserkrankung erfuhr, legte er den Stift beiseite und zog sich aus der Öffentlichkeit zurück.

In seiner letzten Rede im Rahmen der Festspiele Mecklenburg-Vorpommern im Juli 2015 hielt Willemsen eine überarbeitete Fassung seiner „Zukunftsrede“, die jetzt, ergänzt durch die letzten schriftlichen Änderungen des Autors, in einem kleinen Büchlein im S. Fischer-Verlag erschienen ist.


Athena Panteos u. Tim Rojek (Hg.): „Texte zur Theorie der Geisteswissenschaften“Athena Panteos u. Tim Rojek (Hg.): „Texte zur Theorie der Geisteswissenschaften“

Die Entwicklung der Geisteswissenschaften war und ist eng mit dem Diskurs über ihre theoretische Fundierung verbunden. Wenn man einen historischen Blick auf die Geisteswissenschaften wirft, so lassen sich drei Entwicklungsphasen identifizieren, die in diesem Sammelband auch hinreichend mit entsprechenden Texten zur Theorie der Geisteswissenschaften abgedeckt werden. Es geht, das muss ausdrücklich betont werden, nicht um eine historische Entwicklung der Geisteswissenschaften selbst, sondern um die Zusammentragung zentraler Texte, die die historische Entwicklung der Theorie der Geisteswissenschaften belegen.

In einer ersten vorwissenschaftlichen Phase beschäftigte man sich zwar durchaus mit geisteswissenschaftlichen Themen sowie mit einer Theorie der geisteswissenschaftlichen Disziplinen, ohne diese Bezeichnung Geisteswissenschaft zu verwenden. So befasste sich schon Aristoteles als erster bedeutender Philosoph der griechischen Antike in seiner Metaphysik mit dem ordnenden Versuch einer wissenschaftlichen Systematik. In Abgrenzung zu den Naturwissenschaften, die ebenfalls von ihm eine erste grundlegende Ordnung erfuhren, betrieb er in erster Linie Philosophie – von der Naturphilosophie über die Metaphysik bis zur Lebenskunst. Aristoteles darf als ein wichtiger Vorbereiter für jene Unterscheidung zwischen Natur- und Geisteswissenschaften gelten, wie sie viele Jahrhunderte später in der Moderne vorgenommen wurde.


 

Suche




Autoren und Verleger

Kategorien

Feed abonnieren

Links


Empfehlungen