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Rezensionen von Büchern aus den Kultur- und Geisteswissenschaften

Adam Soboczynski: „Die schonende Abwehr verliebter Frauen“

Am: | September 27, 2023

Die Kunst der Verstellung — diesem Thema widmet Adam Soboczynski diesen kleinen Lebensratgeber. Anhand von dreiunddreißig „Fallbeispielen“ führt der Autor den Leser in verschiedene Nuancen jener hohen Kunst der Verstellung ein, die uns in den Augen der Anderen zu angenehmen, liebenswerten, attraktiven und erfolgreichen Menschen machen kann.

Der natürliche erste Reflex mag für gewöhnlich darin bestehen zu bestreiten, dass man sich im normalen Leben verstelle bzw. verstellen müsste; der zweite Reflex darin, die Verstellung als Grundlage des eigenen Erfolgs abzustreiten. Schließlich wollen wir alle möglichst authentisch sein; Authentizität ist der neue Fetisch unserer Zeit.

Doch seien wir ehrlich mit uns und den Anderen: Würden wir uns nicht im sozialen Miteinander auf die eine oder andere Art verstellen, so wäre der Alltag für jeden von uns unglaublich anstrengend, äußerst ernüchternd und mitunter sogar lebensbedrohend: Indem wir nicht immer gleich und ungefiltert sagen, was wir denken, und indem wir uns nicht allein dem Willen unserer natürlichen Triebe hingeben, sondern unserem Handeln ein moralisches Korsett verordnen oder zumindest die eigene Kommunikation den gesellschaftlichen und kulturellen Standards anpassen, können wir uns alle in einem gemäßigten gesellschaftlichen Klima austauschen und unsere Ziele verfolgen, ohne einander über kurz oder lang die Köpfe einzuschlagen.

Jeder von uns ist die Einhaltung gewisser Regeln des Miteinanders angewiesen, um einen sozialen Raum zu schaffen, in dem alle in Frieden miteinander leben und auskommen sowie dabei gleichzeitig auch die eigenen Ziele verfolgen können. Damit das klappt, müssen wir in der Kommunikation zwischen uns und die Anderen eine Art „Filter“ schalten, der wie ein Puffer wirkt. Man kann es Anstand nennen oder auch Höflichkeit, vor allem ist es aber ein Schutzschild gegen die brachiale Verfolgung egoistischer Ziele.

Dass der Mensch dem Menschen ein Wolf sei, davor hatte schon Thomas Hobbes gewarnt, und er war sicherlich auch nicht der Erste, der bemerkt hat, dass sich die Menschen bis aufs Blut bekriegen, solange sie sich nicht auf ein gemeinsames Grundmaß von Verhaltensregeln einigen. Hierbei verfolgt jeder durch die Zurückstellung der eigenen Bedürfnisse natürlich auch durchaus egoistische Ziele, nämlich die Schaffung einer friedlichen Zone des Gemeinsamen, die man dann als Grundlage zur Verfolgung individueller Ziele nutzen kann.

Die Kunst der Verstellung, so schreibt der Autor, habe eine „jahrhundertealte Tradition“ und erlebe gerade „eine Wiederkehr“. Doch eigentlich war sie niemals verschwunden, sondern immer da. Wie sollte ansonsten das Zusammenleben der Menschen funktionieren? — Denn indem ich mich verstelle, verstelle ich dem Gegenüber die Sicht auf mein wahres Ich und auf meine eigenen Motive. Kurz gesagt: Verstellung verändert demzufolge die Vorstellung.

Wie Adam Soboczynski in seiner Vorrede betont, haben sich jene dreiunddreißig Geschichten, die als Beispiele für verschiedene Formen der Verstellung fungieren, so oder ähnlich zugetragen; die Namen der beschriebenen Personen seien selbstverständlich geändert worden.

„Die schonende Abwehr verliebter Frauen“ ist natürlich nur eines von unzähligen Problemen, die sich dem Lebemann von heute stellen. Ja, es ist eine ausgesprochen männliche Perspektive, die sich der Leserschaft in diesem Buch präsentiert; aber Adam Soboczynski ist offensichtlich ein Mann, und warum sollte er also auch nicht aus einer originär männlichen Perspektive auf die Welt schauen (dürfen)?! — Dies nur als eine kleine Trigger-Warnung für alle Leser*innen, die es gerne etwas diverser hätten.

Soboczynskis kleines Brevier der Verstellungskunst darf man getrost als eine gelungene Adaption der Maximen und Reflexionen der französischen Moralisten, wie eines La Rochefoucauld, bezeichnen; man darf seine modernen Ausführungen auch durchaus mit dem berühmten Handorakel der Lebenskunst eines Gracián vergleichen. Gerade Baltasar Gracián y Morales scheint es dem Autor angetan zu haben, denn der spanische Philosoph des 17. Jahrhunderts wird oft zitiert und seine praktisch-philosophischen Lebensweisheiten in unsere gegenwärtige Lebenswelt übertragen.

Die Kunst der Verstellung kann und muss permanent eingeübt werden, bis sie zur „zweiten Natur“ geworden ist, soll sie erfolgreich erlernt werden und dauerhaft zum eigenen Vorteil verhelfen. So gelte es, um nur ein paar der 33 Variationen zu nennen, Leidenschaften zu verbergen, interessiert zu blicken, authentisch zu wirken, sich zumeist bescheiden zu zeigen, auszuteilen zu verstehen und einzustecken zu wissen sowie den rechten Zeitpunkt zu nutzen. Es kann auch nicht schaden, sich hin und wieder verletzt zu zeigen, moralische Entrüstung zu bekunden, witzig zu sein oder geheimnisvoll zu wirken.

Überhaupt legt Soboczynski einen Schwerpunkt seiner praktischen Lebenshilfe auf geschickte Gesprächsführung und gelungene Kommunikationsstrategien: Wer sein Ziel erreichen will, muss sich auch mal entschuldigen können, sollte stets Humor beweisen und versuchen, Vertrauen zu erzeugen; einen Kompromiss vorzutäuschen und öfters mal seine Meinung zu ändern, kann dem eigenen Ziel näherbringen, als wenn man die Anderen in Rage bringt. Höflichkeit, passende Kleidung und niemals aufdringlich zu sein, gehören sowieso, wie jeder wissen sollte, zum guten Ton.

Adam Soboczynski ist seit vielen Jahren der Ressortleiter Literatur im Feuilleton der ZEIT; daher verwundert es kaum, dass seine kleine „Anleitung zu einem erfolgreichen Leben“ in einem ansprechenden essayistischen Stil hübsch und leicht geschrieben ist. Doch Achtung: Was sich so hübsch und leicht weglesen lässt, besitzt eine Menge Tiefgang!

Diese kleinen Geschichten stehen exemplarisch für verschiedene Grundregeln der hohen Kunst der Verstellung und lassen die Leser gleichzeitig teilhaben an typischen Alltagssituationen unserer Zeit. Es sind kunstvolle Miniaturen der bürgerlichen Lebenswelt im frühen 21. Jahrhundert. Die vorliegende Taschenbuchausgabe ist eine Neuauflage der Erstausgabe von 2008; auch dass man den Texten ihr Alter von 15 Jahren bei der Lektüre nicht anmerkt, spricht für die literarische Qualität des Autors.

„Die schonende Abwehr verliebter Frauen“ ist eine unterhaltsame und anregende Lektüre für alle, die sich auf intellektuelle Weise mit dem Leben in unserer Zeit beschäftigen und obendrein aus dieser Lektüre einen persönlichen Nutzen für die eigene Lebensführung ziehen möchten. — Großartig!

 

 

Autor: Adam Soboczynski

Titel: „Die schonende Abwehr verliebter Frauen“

Herausgeber: Klett-Cotta

Taschenbuch: 224 Seiten

ISBN-10: 3608986596

ISBN-13: 978-3608986594

 

P.S.: Dieses Buch wurde bereits 2011 schon einmal besprochen. Die damalige Rezension können Sie hier nachlesen.

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