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Klaus-Dietmar Henke (Hg.): „Die Mauer – Errichtung, Überwindung, Erinnerung“

Am: | Juli 28, 2011

Am 13. August 2011 wird die Mauer 50. Ein runder Geburtstag, aber keiner wird zum Gratulieren kommen. Denn die Mauer ist seit knapp 22 Jahren tot.

Es gibt Menschen, bei denen man sich lieber an ihren Todestag als an den Geburtstag erinnert, und so taugte auch der 13. August bis 1989 bestenfalls als Erinnerungstag und als jährliche Ermahnung an den Westen, sich an die eingesperrten Brüder und Schwestern im Osten zu erinnern und ihre Freiheit mit Worten und Taten einzufordern.

Am 9. November 1989 befreite sich dann das Volk durch eine Schusseligkeit Schabowskis selbst, und die Mauer wurde über Nacht zum bröckligen Mahnmal der Geschichte, das bald auf ganzer Front verschwunden war. Heute zeugen nur noch einige restaurierte Erinnerungsreste an die Zeit der Mauer; ansonsten geht das vereinigte Deutschland fröhlich seinen Geschäften nach.

Doch jetzt werden die Champagnerflaschen kalt gestellt, der 13. August naht, und die Berliner Republik prostet sich fröhlich auf der Dachterrasse des Reichstags gegenseitig zu und freut sich, das das Stahl-Beton-Monster, das zu ihren Füßen einst die Stadt und so manches Menschenschicksal durchkreuzte, schon lange nicht mehr da ist, allerdings noch in manchen Köpfen fortlebt. Die wohnen jedoch da hinten in Karlshorst, am Pankower Majakowski-Ring und in Hohenschönhausen, und da kommt sowieso nie ein Westdeutscher vorbei.

In einem dicken und Ehrfurcht einflößenden Wälzer hat nun dtv ein von dem renommierten Historiker Klaus-Dietmar Henke herausgegebenes Standardwerk zur Mauer veröffentlicht. Henke ist als Herausgeber bestens geeignet, weil er sowohl Vorsitzender des Beirats des Dokumentationszentrums Berliner Mauer als auch Mitglied des Beirats der Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur sowie des Beirats der Stiftung Gedenkstätte Berlin-Hohenschönhausen ist. Mehr Kernkompetenz unter einem Hut kann man kaum erwarten.

Klaus-Dieter Henke hat seine deutschen und internationalen Historiker-Kollegen und –Kolleginnen zusammen getrommelt und mit „Die Mauer – Errichtung, Überwindung, Erinnerung“ wirklich das Buch zum 50. Geburtstag zusammen gestellt.

Wie der Titel vermuten lässt, werden wirklich alle wichtigen Aspekte des Themas Mauer in faktenreichen und sehr gut recherchierten Beiträgen behandelt. Die Autoren setzen dabei auf eine gut verständliche Sprache und eine nicht zu wissenschaftliche Behandlung des Themas.

Die Mauer als Kulturfaktor, als trennendes und zur Überwindung verführendes Element, als politische Tatsache und als ein das Leben von Millionen Menschen beeinflussender Faktor wird auf diesen über 600 Seiten mit zahlreichen Illustrationen und bewegenden Fotos mit all ihren Facetten dokumentiert.

Wer wie der Rezensent im Westen Berlins mit und an der Mauer aufgewachsen ist, wird sich zeitlebens an sie erinnern. Hierzu braucht er keine dicke Bücher, sondern nur sein eigenes Gedächtnis. Aber die Nachgeborenen brauchen ein solches Buch, um sich das Unvorstellbare vorstellen zu können.

Wer heute Anfang zwanzig ist, hat die Mauer niemals erlebt, hat niemals gesehen, wie Straßen durchtrennt, Menschen getrennt und Familien zerstört wurden. Er hat weder die Schüsse noch die Schreie der Flüchtlinge gehört, hat nicht die Scheinwerfer der Wachtürme im Nebel gesehen, kennt nicht die Aggressionen und die Wut, die sich im Westen oft an der Mauer und den Grenzposten entluden.

Wer heute Anfang zwanzig ist, kennt nicht das dumpfe Gefühl, in einem Käfig zu leben, auf einer „Insel der Freiheit“ inmitten eines martialisch und feindlich wirkenden Systems, auf einem Pulverfass der internationalen Machtpolitik in Zeiten des Kalten Krieges.

Die Mauer wurde nur 28 Jahre alt. Für alle, die sie nie erlebt haben und für alle, die sich nicht mehr an sie erinnern (wollen), ist dieses Buch eine heilsame und lehrreiche Lektüre. Damit niemand mehr in Europa auf die Idee kommt, wie in New Mexiko oder im Westjordanland eine Mauer zu bauen.

Autor: Klaus-Dietmar Henke (Hg.)
Titel: „Die Mauer – Errichtung, Überwindung, Erinnerung“
Taschenbuch: 608 Seiten
Verlag: Deutscher Taschenbuch Verlag
ISBN-10: 3423248777
ISBN-13: 978-3423248778

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