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Richard David Precht: „Liebe – Ein unordentliches Gefühl“

Am: | Juli 15, 2009

Richard David Precht: "Liebe - Ein unordentliches Gefühl"So viele Bücher gibt es über die Liebe: Liebesgeschichten, Ratgeber, Trost spendende Lebenshelfer,… Doch wissenschaftliche Abhandlungen beschäftigen sich eher selten mit diesem Thema.

In einem Kapitel meines Buches ‚Wer bin ich?‘ hatte ich in einem kleinen Kapitel über die Liebe nur mit der Taschenlampe in den Nachthimmel geleuchtet“, schreibt Precht im Vorwort zu seinem neuen Buch. „Es machte mich selbst neugierig, eine Galaxie zu erkunden und ein Universum zu vermessen, das uns so vertraut ist und so fremd zugleich.

Kann man wirklich alle Facetten der Liebe in einem einzigen Buch unterbringen? Ist das Thema nicht zu vielschichtig und uferlos, um zwischen zwei Buchdeckel zu passen? – Ein Buch über die Liebe kann man nicht schreiben, und dies ist kein Buch über alles. Es geht in Prechts Buch um die geschlechtliche Liebe zwischen Mann und Frau.

Alles ist eine Frage von Oxytocin und Vasopressin. Diese zwei Bausteine sind die Hauptverantwortlichen für das, was wir eine Liebeserregung nennen. Die Geschichte der Liebe beginnt in grauer Vorzeit: Vor etwa vier Millionen Jahren verließen die Affen den Wald, jedenfalls einige von ihnen. Hier im offenen Grasland der Savanne war alles anders. Mit diesen neuen Bedingungen war die Frau überfordert; die Kinder konnten nicht mehr bequem auf dem Rücken getragen werden, denn man musste sich immer öfter auf die Hinterläufe stellen, um den Überblick zu behalten und Gefahren rechtzeitig zu erkennen. Also änderte frau ihre Partnerwahl. Während bislang der virile Testosteron-Bolzen als idealer Erzeuger auserwählt wurde, begann sich die Frau nun für die sozialeren und eher schwachen Männer zu interessieren. Sie wurde monogam. Dieses neue Verhalten nützte auch den Männern, die sich nun nicht mehr um die Weibchen streiten mussten, sondern eine ganz allein für sich hatten. Mit der Zeit sorgte dann die Gehirnchemie für den nötigen Cocktail zur Unterstützung der Paarbindung. So entstand die Liebe.

Der Autor versteht es, wie auch schon in seinem Bestseller „Wer bin ich? Und wenn ja, wie viele?“, sein weit gefächertes Wissen in einer gut verdaulichen und angenehm zu lesenden Form zu präsentieren. Man kann auch dieses Buch wie das vorige in einem Rutsch lesen oder sich die einzelnen Abschnitte zu verschiedenen Zeiten vornehmen. Die Reihenfolge der Lektüre ist hierbei frei wählbar.

Im ersten Abschnitt seines Buches beschäftigt sich Precht mit der Frage nach den biologischen und kulturellen Grundlagen unserer Geschlechterrollen. Gibt es wirklich Unterschiede zwischen männlichem und weiblichem Denken? Sind die Geschlechterrollen genetisch bedingt und vorprogrammiert oder nur eine Folge unserer Erziehung?

In Teil 2 des Buches geht es dann richtig zur Sache: Wozu haben wir eigentlich Sex? Warum macht er Spaß? Was sind die biologischen Funktionen und Aspekte der Liebe? Was passiert in uns, wenn wir lieben? All diesen Fragen geht der Autor in gewohnt witziger und dennoch fundierter Form auf den Grund und konstatiert an einer Stelle des Buches lakonisch: „Die Gefühle sind der Klebstoff, der uns zusammenhält.

Der dritte Teil befasst sich mit den verschiedenen persönlichen und gesellschaftlichen Aspekten der Liebe und behandelt unter anderem auch die Frage, warum wir immer mehr Liebe suchen und sie dabei immer weniger finden. Ist die Liebe zu einem Mittel der Selbstverwirklichung geworden? Und wie steht es mit der Gottesliebe, der Religion?

Viele Fragen, auf die Richard David Precht in charmanter Art und Weise Antworten gibt und dem Leser Tore zu vielen anderen Welten aufstößt. Am Ende zieht der Autor Bilanz und wirft einen Blick in die Zukunft. Wie gehen wir mit diesem unordentlichsten aller Gefühle um? – Unsere Gene drängen zur Vermehrung, unsere Lust nach Lusterfüllung und unsere Emotionen motivieren uns, sie als Trieb oder als Liebesgefühle zu deuten. Diese Gefühle wiederum lösen gute, liebevolle Gedanken aus, die ihrerseits unsere Vorstellungen speisen und Erwartungen wecken. Wir haben es permanent mit Systemübergriffen zu tun, und die Logiken der einzelnen Systeme entsprechen einander nicht. Das alles bringt uns in Unordnung, verwirrt uns und macht die Liebe zum schönsten und zugleich chaotischsten aller Gefühle.

Die Liebe ist ein Thema, das uns alle angeht und die jeden von uns interessiert. Nach der Lektüre dieses Buches weiß man eine Menge über die vielen Facetten der Liebe, aber natürlich kann man dieses seltsame Gefühl immer noch nicht genau greifen und verstehen. Die Liebe ist wie der Wind, der weht, wo er will; sie kommt und ist da, und wenn sie geht, können wir sie nicht halten. Wir können nur hoffen, dass sie bleibt – in unserem Gegenüber und in uns.

Es ist, was es ist, sagt die Liebe“ – so versuchte der Dichter Erich Fried das Phänomen der Liebe in einem Gedicht einzufangen. Jeder kennt dieses Gefühl, aber man kann es nicht erklären. Oder vielleicht doch? Man kann auf jeden Fall eine Menge über die Komplexität dieses Themas lernen, wenn man Prechts Buch liest.

Richard David Precht ist Philosoph. Der Sinn von Philosophie liegt für ihn heute nicht mehr darin, die großen Wahrheiten hervor zu bringen, sondern neue Zusammenhänge plausibel zu machen. Nach der Lektüre ist man schlauer und geht vielleicht auch bewusster mit der Liebe um.

Mit seiner gewohnten Ironie wendet sich Richard David Precht direkt an den Leser, wenn er schreibt: „Vielleicht haben Sie Lust, in Zukunft manchmal ein wenig intelligenter mit sich selbst umzugehen – aber natürlich nur, wenn und wann Sie möchten.

Lesen Sie dieses Buch und lernen Sie die Liebe kennen.

 

Autor: Richard David Precht
Titel: „Liebe – Ein unordentliches Gefühl“
Gebundene Ausgabe: 320 Seiten
Verlag: Goldmann Verlag
ISBN: 3442311845
EAN: 978-3442311842

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