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Clemens Füsers: „Jahrhundertkneipen in Berlin“

Am: | Juli 18, 2018

Es ist leider wahr: Als gebürtiger Berliner ist man arrogant. Eigentlich denkt man, man hat alles gesehen und kennt jeden Winkel seiner Stadt. Natürlich ist das Unsinn, aber so sind wir Berliner nun einmal. — So ähnlich ging es mir, als ich von dem vorliegenden Buch hörte: Jahrhundertkneipen in Berlin soll es präsentieren. Na ja, klar! Kenn´ich doch… Da haben wir den Tattersall, Hoeck und Leydicke, die Letzte Instanz und dann noch… Ich merkte, wie ich ins Stocken kam. Doch immerhin siebzehn Etablissements werden hier vorgestellt! Siebzehn?! — So schlug ich das Buch auf und begann zu staunen.

Wenn in Berlin zwei Straßen aufeinandertreffen, so ergibt das vier Häuserecken und mindestens fünf Kneipen — so lautet das Klischee und so sah es in manchen Vierteln vor hundert Jahren auch tatsächlich aus. Doch damals gab es nicht nur „Kneipen“, sondern auch Budiken, Destillen, Likörstuben, Tabagien und Ausspannungen oder auch gediegenere Bierpaläste, Weinhäuser, Groß-Restaurationen oder Ratskeller für die „gehobenen Stände“. —Was wir heute pauschal als „Kneipe“ bezeichnen, kannte seinerzeit viele Varianten.

Die Kneipe, das war für viele (vor allem in den ärmeren Schichten der Bevölkerung) so etwas wie das verlängerte Wohnzimmer, ein „Wärmesaal“ nicht nur für das Herz und die Seele, sondern auch für den frierenden Körper. Hier war es nicht nur schön warm, sondern man konnte auch mal ein wenig für sich oder unter Seinesgleichen sein. Wichtig in einer Zeit, als die Armut und die Überbelegung der Berliner Mietskasernen so hoch waren, dass man selbst das eigene Bett mit anderen (sogenannten Schlafburschen oder Schlafgängern) teilen musste, um die Mieten bezahlen zu können.

So seltsam es klingt: Wenn man seine Ruhe haben wollte, ging man in die Kneipe. Hier konnte man nach einem langen und kräftezehrenden Arbeitstag noch einmal kurz verschnaufen, bevor man zuhause mit der großen Familie und ihren täglichen Sorgen konfrontiert wurde. Manch einer blieb auch länger in der Kneipe, um dieser Tristesse zu entfliehen, und machte dadurch alles nur och schlimmer. Heute geht man in die Kneipe, um Leute zu treffen und in Gesellschaft sein Frischgezapftes zu genießen. Manchmal auch, um die eigenen Sorgen zu vergessen. Das war früher genauso.

Berlin war einst die Stadt mit der weltweit höchsten Kneipendichte! Heute kaum noch vorstellbar, wenn man durch die Straßen geht. Vielleicht hat Friedrichshain demnächst die weltweit höchste Dichte an Coffee Shops und Burger Bars, aber Kneipen?! Die typische Berliner Eckkneipe ist nahezu verschwunden, und trotzdem (oh, Wunder!) haben sich noch einige Juwelen dieser alten Berliner Trinkkultur nahezu unverändert erhalten. Viele sind es nicht mehr, aber Clemens Füsers portraitiert in seinem (jetzt in einer erweiterten zweiten Auflage erschienenen) Buch immerhin 17 Kneipen, die mehr oder weniger unverändert die letzten hundert Jahre überdauert haben.

Der Schriftsteller, Drehbuchautor und Regisseur Clemens Füsers (Jahrgang 1955) ist zum Studium Anfang der 1980er Jahre nach Berlin gekommen — und der Stadt treugeblieben. Als überzeugter Wahlberliner kennt er sich in der Stadt und selbstverständlich auch in der Kneipenszene bestens aus. Mit seinem wunderbaren und reich bebilderten Kneipenführer setzt er diesen Institutionen der Berliner Trinkkultur würdiges, ja: prächtiges Denkmal.

Denn die Ausstattung dieses umfangreichen Bildbandes ist wirklich beeindruckend: Die Fotografien sind fantastisch, dank einer perfekten Lichtführung und eines professionellen Umgangs mit Schärfentiefe und Perspektive fühlt sich der Leser mittenmang und direkt in den Kneipenraum versetzt. Die Texte sind hochinformativ und geben eine gute Vorstellung von der meist bewegten Geschichte dieser Institutionen seit ihren Anfängen bis in die Gegenwart. Die Druckqualität ist hervorragend, und das halbmatte Papier sorgt für einen dezenten optischen Eindruck, der die exzellenten Fotografien erst richtig zur Geltung bringt.

Als wäre dies nicht alles schon überzeugend genug, setzt diese zweite und erweiterte Ausgabe noch einen drauf: Die digitale Welt hält seit einiger Zeit Einzug in den Literaturbetrieb, und so ist es eine schöne und naheliegende Idee gewesen, das Buch mit einer App zu verbinden, mit der der Leser die wichtigsten Daten (Stadtplan, Kontaktdaten, Öffnungszeiten usw.) zu den Jahrhundert-Kneipen auch in der Tasche hat, wenn er in Berlin unterwegs und auf Kneipensuche ist.

Natürlich können weder das Buch noch die App einen persönlichen Besuch in den vorgestellten Kneipen ersetzen, aber das wollen sie ja auch gar nicht, im Gegenteil: Man kann sich mit der Lektüre bestens auf solche Kneipenbesuche vorbereiten — und zwar so gut, dass einem wortwörtlich das Wasser im Mund zusammenläuft!

Das Buch gibt eine gute Vorstellung davon, was einen vor Ort erwartet: das wahre und pralle Leben, Berliner Originale, authentische Inneneinrichtungen und bestes Bier vom Fass! — Ein tolles Buch, ein opulenter Bildband, ein schlaues Kompendium Berliner Kneipenkultur und einfach ein Buch, das jeder haben muss, der auf der Suche nach einem echten und authentischen Überbleibsel der bunten und vielgestaltigen Kneipenlandschaft des alten Berlin ist!

 

 

Autor: Clemens Füsers
Titel: „Jahrhundertkneipen in Berlin“
Gebundene Ausgabe: 176 Seiten
Verlag: avedition
ISBN-10: 3899862902
ISBN-13: 978-3899862904

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