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Andreas Reckwitz: „Die Gesellschaft der Singularitäten“

Am: | Januar 23, 2018

Der Kultursoziologe Andreas Reckwitz hat sich mit einem Phänomen beschäftigt, auf das auch schon viele andere Wissenschaftler vor ihm hingewiesen haben: das Verschwinden des Kollektivs. Unsere postmoderne Gesellschaft, so die These, setzt sich nicht mehr aus sozialen Gruppen, aus Klassen oder Schichten zusammen, sondern ist eine Gesellschaft der Einzelnen geworden — eben eine „Gesellschaft der Singularitäten“.

Diese Erkenntnis ist nicht neu, aber bislang hat es noch keiner so schön formuliert wie Andreas Reckwitz: „Das Besondere ist Trumpf, das Einzigartige wird prämiert. […] Gesellschaften feiern das Singuläre.“ In einer durch die neoliberale Politik der Postmoderne entsolidarisierte und immer stärker entmündigte Gesellschaft verlieren Kollektive immer mehr an Bedeutung. Wenn der Einzelne jedoch keinen Halt mehr findet in einer Gruppenstruktur und seine Anerkennung nicht mehr auf Zugehörigkeiten fußt, bleibt nur noch der Weg ins Einzigartige, ins Besondere.

Auf diese Weise muss jeder zu etwas Besonderem werden. Wir werden zu Gestaltern unserer Identität, die sich nicht mehr aus demjenigen speist, was ich bin, sondern aus dem, was ich habe. Das Haben wird hier identifiziert mit dem sozialen Kapital der Votes und Likes, die wir bei der Bewertung unserer Aktivitäten von einer dispersen Masse von digitalen Zuschauern erhalten. Je bunter, ausgefallener und einzigartiger unser Identitäts-Profil ist, desto mehr Anerkennung können wir erwarten und desto höher wird unser sozialer Status sein — und damit auch unser Selbstwertgefühl.

Es ist eine Scheinwelt der digitalen Anerkennung und des virtuellen sozialen Kapitals, die hier neben der realen und analogen Welt existiert, und für immer mehr Menschen wird sie zur Ersten und maßgeblichen Welt. Andreas Reckwitz geht es aber nicht in erster Linie um die Analyse jener Scheinwelten, sondern um deren Rückwirkung auf unsere gesellschaftliche Realität.

Die zentrale These von Reckwitz´ großartiger Studie lautet: „In der Spätmoderne findet ein gesellschaftlicher Strukturwandel statt, der darin besteht, dass die soziale Logik des Allgemeinen ihre Vorherrschaft verliert an die soziale Logik des Besonderen.“ Dieses Besondere umschreibt Reckwitz mit dem Begriff der Singularität.

Die Spätmoderne ist eine Epoche des Besonderen, des Außergewöhnlichen, und die Aufmerksamkeit, die ein solch singuläres Verhalten erzeugt, ist das neue Kapital dieser Spätmoderne. Es geht also um Distinktion, um Einzigartigkeit und letztlich um die Kapitalisierung dieser Herausstellungsmerkmale.

Die alte Logik der modernen Industriegesellschaft fand ihr soziales Zentrum in einer Logik des Allgemeinen, des Wohlstands für alle und den Segnungen der Sozialen Marktwirtschaft. Es war eine Zeit der Solidarität und des gemeinsamen Wachstums aller bei gleichzeitiger Absicherung vor Armut und sozialer Verelendung.

Für den Autor hat sich der industrielle Kapitalismus der Moderne längst in einen kulturellen Kapitalismus unserer spätmodernen Zeiten verwandelt. Mit diesem Transformationsprozess veränderte sich auch die Zielrichtung unseres Handelns und unserer Aufmerksamkeit vom Allgemeinen zum Besonderen. Vom Allgemeinen haben wir genug, es langweilt uns, und alles, was für alle da ist, zieht uns nicht mehr an.

Diese Veränderung der Haltung des Einzelnen gegenüber der Gesellschaft sowie der bewusste Verzicht auf kollektive Heilsversprechen sind charakteristisch für eine soziale Entwicklung, die sich im Zuge eines globalen neoliberalen Strukturwandels vollzogen hat. Die Hypertrophierung des Individuellen und der Individualität zulasten einer auf Kollektiverlebnissen und auf Gemeinschaftlichkeit basierenden Identitätsbildung hat zu einer Erodierung der gesellschaftlichen Solidarität geführt.

„Das neue Maß der Dinge sind die authentischen Subjekte mit originellen Interessen und kuratierter Biografie, aber auch die unverwechselbaren Güter und Events, Communities und Städte. Spätmoderne Gesellschaften feiern das Singuläre.“

Während man früher in seinem Leben ein Ziel verfolgte und so dem Leben einen Sinn gab, so ist man heute der Kurator der permanenten Ausstellung seiner eigenen Biografie und erhebt deren Perfektionierung zum eigentlichen Lebenssinn. Es ist eine sehr stark nach außen gerichtete Lebensweise, die uns in der Spätmoderne und durch ihre Faszination für das Singuläre gefangen hält. Wer dieses gesellschaftliche Spiel des Präsentierens und Optimierens nicht mitspielt, verliert schnell sein Restguthaben an sozialem Kapital und landet im Off (bzw. im Offline) der digitalen Spiegelkabinette.

Die Welt der Spätmoderne ist eine Welt auf der Suche nach dem Besonderen und im Getriebensein durch einen Zwang zur Selbstvergewisserung und zur Bewertung. Wir müssen uns durch Selfies, Kommentare und Facebook-Einträge, Instagram-Feeds, Votes und Likes permanent unserer selbst und der Anerkennung der Anderen versichern. Ohne diese permanenten Bestätigungs-Rituale fehlt unserer Existenz die quantifizierbare Rückversicherung und unserer Selbstbestätigung der Nachweis von außen.

Indem wir dem Zwang zu bewerten nachgeben, nehmen wir teil an dem großen Spiel der gegenseitigen Bestätigungen, und indem wir uns möglichst schillernd, aufregend und singulär präsentieren, sublimieren wir den Verlust allgemeiner und gemeinschaftlicher Merkmale, die früher tragfähig und Identität stiftend waren, heute jedoch nicht mehr ausreichen, um einen entsprechend hohen Preis für unsere Attraktivität zu erzielen.

„Die Gesellschaft der Singularitäten betreibt eine tiefgreifende Kulturalisierung des Sozialen. Sie spielt ein großes soziales Spiel von Valorisierung und Singularisierung einerseits, von Entwertung und Entsingularisierung andererseits und lädt Objekte und Praktiken mit einem Wert jenseits von Funktionalität auf.“ Diese Transformation hat Auswirkungen nicht nur auf die Gesellschaft und Wirtschaft, sondern auf alle Bereiche menschlichen Miteinanders.

Es ist faszinierend, den Autor gewissermaßen bei der wissenschaftlichen Arbeit zu beobachten. Schritt für Schritt führt seine Argumentation von einer nüchternen Bestandsaufnahme der gesellschaftlichen Zustände zu einer Diagnose des Wandels und weiter zur Analyse der einzelnen Merkmale jener Veränderungen der gesellschaftlichen Strukturen und kulturellen Praktiken.

Dieses Buch über Die Gesellschaft der Singularitäten ist sicherlich in erster Linie für ein akademisches Publikum geschrieben worden; doch der Autor besitzt die seltene Fähigkeit, selbst einen wissenschaftlichen Text durch das Einstreuen von zahlreichen Beispielen sowie durch eine durchgehend anschauliche Sprache auch für den interessierten Laien verständlich und interessant zu formulieren. Andreas Reckwitz ist Professor für Kultursoziologie an der Europa-Universität Viadrina in Frankfurt/Oder. Die Idee zu dieser Studie dürfte seinem unmittelbaren Forschungsumfeld entsprungen sein.

Was ist am Ende so schlecht an dieser neuen Gesellschaft der Singularitäten und einer Welt, in der wir zum Kurator unseres eigenen Lebens werden? Zum einen birgt dieser Trend zur Selbstverwirklichung und permanenten Selbstdarstellung jede Menge Enttäuschungspotenzial. Um es einmal etwas altmodisch zu formulieren: Wer den Sinn seines Lebens nicht in sich selbst, sondern in seinem Erscheinungsbild und dem schwankenden Urteil der Anderen sucht, muss sich auf Rückschläge gefasst machen.

Zum anderen ist dieser neue urbane, kosmopolitische und auf neuen kulturellen Praktiken basierende Lebensstil nicht in allen Gesellschaftsschichten angekommen. Die neuen Mittelschichten der akademisch Gebildeten Gutverdiener in den großen Städten, die sich ganz selbstverständlich den neuen gesellschaftlichen Bedingungen anpassen und sie mitprägen, die ihre Freundschaftsnetzwerke über die digitalen Medien pflegen, sich transnationaler Kontakte und einer weltumspannenden Kommunikation erfreuen, machen etwa ein Dritte der heutigen Bevölkerung aus.

Daneben gibt es aber auch noch eher traditionelle und konservativen Lebensformen verhaftete Menschen, meist älter und in ländlichen Gebieten lebend, denen die neuen Kulturtechniken fremd sind und die sie auch nicht anwenden. Und es gibt jene neue Unterschicht der Abgehängten, denen aus Gründen fehlender Bildung oder materieller Möglichkeiten der Zugang zu jener Welt der Singularitäten verwehrt wird bzw. verschlossen bleibt.

Diese drei parallelen gesellschaftlichen Strömungen werden letztlich von jener neuen internetaffinen Mittelschicht dominiert, welche die Singularität des eigenen Lebens zu ihrem neuen Credo erhoben hat. Die Selbstdarstellung als Mittel zum Zweck der Vermehrung des eigenen kulturellen und sozialen Kapitals bildet das Zentrum dieses neuen Gesellschaftsspiels.

Wer nicht dabei sein will oder kann, muss sich letztlich auch politisch artikulieren. Reckwitz sieht in diesem schleichenden Prozess der Ausgrenzung der prekären oder eher konservativ eingestellten Bevölkerungsanteile auch einen wichtigen Grund für das Erstarken der neuen nationalistischen und populistischen Parteien am rechten Rand des politischen Spektrums.

Gerade an diesem Punkt wird die Aktualität und Brisanz dieser Gesellschaftsstudie besonders deutlich. Mit ihr liegt uns die zurzeit vielleicht treffendste und schonungsloseste Analyse unserer gesellschaftlichen Zustände vor. Die spannende Frage bleibt, welche Rückschlüsse und welche Konsequenzen wir aus diesen Erkenntnissen ziehen werden.

 

 

Autor: Andreas Reckwitz
Titel: „Die Gesellschaft der Singularitäten“
Gebundene Ausgabe: 480 Seiten
Verlag: Suhrkamp Verlag
ISBN-10: 3518587064
ISBN-13: 978-3518587065

 

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