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Rezensionen von Büchern aus den Kultur- und Geisteswissenschaften

Christian Schüle: „Die Bibel irrt – Die sieben großen Mythen auf dem Prüfstand“

Am: | April 5, 2010

Christian Schüle hat Philosophie, Soziologie und Politische Wissenschaften studiert und schreibt als freier Autor für Die Zeit, National Geographic, den Rheinischen Merkur, mare und den Bayerischen Rundfunk. Er hat mehrere Journalistenpreise erhalten, und nun hat er ein Buch über die Irrtümer der Bibel geschrieben.

Welche Qualifikation hat der Autor, um über den Geschichten des meist gelesenen und seit über dreitausend Jahren in alle Sprachen der Welt übersetzten Buch der Bücher den Stab zu brechen und den Wahrheitsgehalt dieser Geschichten anzuzweifeln? – Er hat keine Qualifikation, zumindest keine theologische. Aber gesunder Menschenverstand muss genügen, und so stellt Schüle die wichtigsten Erzählungen der Bibel einmal auf den Prüfstand und unterzieht sie mit wissenschaftlichem Sachverstand seiner kritischen Untersuchung.

„Die Bibel irrt nicht nur häufig – sondern in wichtigen Erzählungen sogar mit Absicht.“ So liefert bereits der Klappentext die Steilvorlage für Schüles kühne Behauptungen. Auf 250 Seiten findet der Autor in gut lesbarer Form hier ein Haar in der Suppe und da ein paar Schuppen auf dem Kragen.

An den Kragen geht es vor allem dem kleinen Volk Israel, das sich – laut der Meinung Schüles – mit Hilfe der Bibel seine eigene Geschichte zusammen gedichtet hat, ein raffinierter Marketing-Text für die kommenden Generationen, der keiner archäologischen Nachforschung und wissenschaftlichen Erkenntnissen neueren Datums standhalten könnte, jedoch allein durch das Alter seiner Texte überzeuge.

Was für Dean Hamer und Andere das „Gottes-Gen“ ist, ist für Schüle eine anthropologische Konstante. Am Ende seines Buches resümiert er, dass das kleine Volk Israel ein Vakuum der Sehnsucht bei seinen Mitgliedern füllen musste und deshalb die Wundergeschichten des Alten Testaments erfand, die uns noch heute verzaubern, „weil der Mensch, wie vor-, post oder spätmodern er auch geprägt sein mag, als anthropologisches Wesen zu jeder Zeit und jeder Ära errettet und erlöst werden will von den Zumutungen des Lebens, von Krieg, Armut, Hunger, Zerfall, Schmerz, Leid.

Wir können also gar nicht anders, als uns jene Mythen zu erfinden und an sie zu glauben, einfach weil es menschlich ist, an ein höheres Wesen zu glauben, das uns die letzte Verantwortung abnimmt und für alles verantwortlich ist? – Diese Sicht klingt nicht nur verführerisch, sondern auch sehr modern.

Nach der guten angloamerikanischen Manier eines spannend geschriebenen, populär-wissenschaftlichen Sachbuchs zeigt der Autor in „Die Bibel irrt“, dass es weder eine Bundeslade noch eine Sintflut am Berg Ararat geben konnte, dass David vielleicht nie existiert und das Paradies eine Fiktion ist.

Der mitteleuropäische Christ wird nur mit den Schultern zucken und denken: „So what?!“ Die Bibel ist Gottes Wort, und „Die Bibel irrt“ widerlegt nicht die Existenz Gottes. Die Bibel ist eine wundervolle Sammlung mythischer Geschichten mit metaphorischen und symbolischen Bildern. Wer jedoch die Bibel wörtlich nimmt, hat nichts verstanden, hat ein Problem und wohnt in der Regel im nordamerikanischen „Bible Belt“ oder in der Gegend um Münster.

Man kann „Die Bibel irrt“ auch als gläubiger Christ lesen, ohne Schaden zu leiden. Der Autor beweist, dass er gut schreiben kann, sich intensiv mit dem Thema auseinander gesetzt hat und ein (woher auch immer stammendes) Problem mit dem Wahrheitsgehalt der biblischen Erzählungen hat. Wer einen Hang zu Sachbüchern hat, die wissenschaftlich-akribisch beweisen, dass etwas, was landläufig als wahr gilt, unwahr ist, wird die Lektüre vielleicht genießen.

Autor: Christian Schüle
Titel: „Die Bibel irrt – Die sieben großen Mythen auf dem Prüfstand“
Gebundene Ausgabe: 256 Seiten
Verlag: Rowohlt, Reinbek
ISBN-10: 349806410X
ISBN-13: 978-3498064105

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