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Rezensionen von Büchern aus den Kultur- und Geisteswissenschaften

Martin Meyer: „Gerade gestern — Vom allmählichen Verschwinden des Gewohnten“

Am: | August 3, 2018

Die Schweiz. Das Feuilleton der NZZ. Das steht für Gediegenheit. Seriosität. Korreliert man dies mit dem Phänomen des Verschwindens, so entsteht eine leicht melancholische Stimmung, vielleicht gepaart mit einer gewissen Sentimentalität und dem Gedanken, dass die wirklich guten Zeiten immer jene waren, die jetzt unwiederbringlich vorbei sind.

In solch eine leicht melancholische Stimmung gehüllt, lassen sich Meyers kurze Essays vielleicht am besten genießen. Es ist eine Stimmung, die fern jeder Larmoyanz und Trübsinnigkeit den Reichtum unserer Kultur vor unserem geistigen Auge entfaltet und zeigt, wie leicht wir uns auf das Gewohnte verlassen und wie sehr wir überrascht sind, wenn es eines Tages verschwunden ist.

Man wird diese anregende Lektüre wohl eher genießen, wenn man selbst ein gewisses Alter erreicht hat. Eine junge Leserin von Anfang zwanzig wird sich öfter fragen, wovon hier eigentlich die Rede ist. Die Zielgruppe dürfte sich jenseits der 50 befinden, somit zu einer Generation gehören, welche die letzten Dekaden des vergangenen Jahrhunderts noch bewusst erlebt hat.

Martin Meyer leitete das Feuilleton der NZZ von 1992 bis 2015, hat es also über mehr als zwanzig Jahre geprägt. Ohne Übertreibung darf man feststellen, dass der Spitzenplatz, den dieses Feuilleton in der intellektuellen Presselandschaft einnimmt, nicht zuletzt ihm zu verdanken ist.

Der Autor ist nicht nur ein herausragender Feuilletonist und brillanter Essayist, sondern gehört als Jahrgang 1951 selbst jener Generation an, die in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts sozialisiert und kultiviert wurde. Beim Bau der Berliner Mauer war er neun Jahre alt, 1968 war er 17, und als die Mauer wieder fiel, 38 Jahre alt. Als Tim Berners-Lee das World-Wide Web erfand, feierte er seinen 41. Geburtstag, und er stand kurz vor seinem 50. Geburtstag, als die beiden Flugzeuge in die Türme des World Trade Centers flogen. — Dieser kurze Blick in den Lebenslauf mag zeigen, wo der Autor und wo man selbst auf der historischen Zeitachse steht.

Aus dieser Perspektive erklärt sich auch die subjektive Auswahl an Phänomenen, die der Autor getroffen hat. So ist hier die Rede vom Grammophon, vom Qualm, von Hemdskragen und JFK, von Hula-Hoop und Mauern, ja sogar vom Verschwinden der Suhrkampkultur. Diese ist zwar noch nicht völlig verschwunden, aber es wird schon lange nicht mehr so kontrovers und leidenschaftlich diskutiert und interpretiert, wie es in den 1960er und 1970er Jahren — meist entlang der aktuellen Neuerscheinungen des Verlages — in linksintellektuellen Kreisen praktiziert wurde.

Je älter man wird, desto öfter wird man mit dem Verschwinden von Dingen, Menschen und kulturellen Handlungen konfrontiert. Daran ist nichts Besonderes. Was früher üblich war, widerspricht heutigen moralischen Wertvorstellungen, und umgekehrt. Die technologische und gesellschaftliche Entwicklung bedingen einander und stehen in einem wechselseitigen Verhältnis.

Früher war nicht alles besser, das wissen wir alle; und trotzdem erfassen uns immer wieder nostalgische Gefühle, wenn wir das Damals mit dem Heute vergleichen. Martin Meyer kennt diese Gefahr der nostalgischen Verklärung, aber er betont, dass vor allem auch das Gegenteil richtig ist: „Nicht alles, was uns heute und morgen beschäftigt, ist deshalb schon gut.“ Hier offenbart sich im Kleinen, was auch im großen Maßstab immer wieder als Mahnung und Frage im Raum steht: Kann man aus der Geschichte lernen?

Meyers kurze Essays lesen sich sehr leicht und unterhaltsam; nicht selten entwickeln sie ihre intellektuelle Sprengkraft erst im Nachhinein. Denn mit jedem Verschwinden verlieren wir nicht nur etwas Gewohntes, sondern wir müssen uns selbst (und die Anderen) fragen, ob der Verlust wirklich leicht zu verschmerzen ist oder ob es sich nicht vielleicht um etwas Essentielles handelt(e), das uns hier verlorengegangen ist.

Gerade gestern ist ein schönes und besinnliches Buch. Essayistik in Reinkultur. Ein Buch, dessen kurze Meditationen man kreuz und quer lesen kann, wie es einem gefällt. Ein Buch, das man immer wieder lesen kann. Kurz: ein Buch, das man nicht allzu schnell aus der Hand oder gar außer Reichweite legen, sondern immer mal wieder zur Hand nehmen sollte.

Auf diese Weise kann man sich selbst in regelmäßigen Abständen zurück in die Gegenwart holen und mit der Zeit ein Bewusstsein dafür entwickeln, was wir wirklich verlieren, wenn manche Dinge aus unserem Alltag verschwinden. So entwickelt man schließlich einen ungewohnten und neuen Blick auf das Gewohnte, wird es schätzen und schützen lernen und auf diesem Weg begreifen, dass letzten Endes alles, was wir machen, kulturelles Handeln beinhaltet.

 

 

 

Autor: Martin Meyer
Titel: „Gerade gestern — Vom allmählichen Verschwinden des Gewohnten“
Gebundene Ausgabe: 320 Seiten
Verlag: Carl Hanser Verlag GmbH & Co. KG
ISBN-10: 3446258434
ISBN-13: 978-3446258433

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