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Rezensionen von Büchern aus den Kultur- und Geisteswissenschaften

Curt Moreck: „Ein Führer durch das lasterhafte Berlin — Das deutsche Babylon 1931“

Am: | April 27, 2018

Wer sich für das wilde Berlin der 1920er Jahre interessierte und sich im Internet oder in den Antiquariaten auf die Suche nach entsprechender zeitgenössischer Literatur machte, las oder hörte immer wieder von Curt Morecks Führer durch das lasterhafte Berlin. Doch das Buch selbst war meistens nicht zu finden; und falls doch, wurden hohe Preise aufgerufen.

Wunderbar! Der Verlag Berlin-Brandenburg schließt jetzt mit der Neuausgabe dieses ganz speziellen Berlin-Führers von 1931 eine kulturgeschichtliche Lücke! Die Bedeutung dieser Wiederauflegung des seinerzeit berüchtigten Führers durch die Berliner Halb- und Unterwelt kann nicht hoch genug eingeschätzt werden.

Die wirtschaftlichen Gründe für diese Neuauflage sind schnell gefunden: Der Untertitel dieser Publikation (der natürlich nicht im Original auftaucht) lautet „Das deutsche Babylon 1931“. Das rekurriert ganz bewusst auf die erfolgreichen Kriminalromane von Volker Kutscher, von denen einer im vergangenen Jahr unter dem reißerischen Titel Babylon Berlin als Fernsehserie verfilmt und ein großer TV-Erfolg wurde.

Heute kennt niemand mehr Curt Moreck, aber in der Weimarer Republik war er ein sehr bekannter und erfolgreicher Schriftsteller, Journalist und Illustrator. Genau genommen, ist „Curt Moreck“ nur eines von acht Pseudonymen, unter denen der Schriftsteller Konrad Haemmerling arbeitete. Nach ersten schriftstellerichen Erfolgen verlegte er in den späten 1920er Jahren seinen Schwerpunkt auf kultur- und sittengeschichtliche Publikationen. Zu ihnen gehören u. a. eine dreibändige Kultur- und Sittengeschichte der neuesten Zeit und eben jener hier vorgestellte Führer durch das lasterhafte Berlin.

Weil ich ahnte, was mich erwartete, hatte ich mir zu Beginn der Lektüre vorgenommen, die schönsten Passagen und Formulierungen anzustreichen, um sie ggf. hier zu zitieren. Schon nach wenigen Seiten gab ich dieses Vorhaben auf, denn die Seiten waren über und über mit Anstreichungen versehen…

Was für eine wunderbare Lektüre! Moreck beschreibt seine Spaziergänge durch Berlin in einer bildreichen und flotten Sprache. Ganz im Sinne der guten alten Schule der Flaneure schlendert er durch die Straßen und notiert seine Beobachtungen, wobei seine Texte nicht die Tiefe der Reflexionen eines Franz Hessel oder Siegfried Kracauer erreichen. Gleichwohl ist jedes Kapitel gespickt mit wundervollen Beschreibungen, die sowohl den Berliner Humor als auch den Kennerblick des einschlägig vorbelasteten Schwerenöters erkennen lassen.

Und was ist dieser Mensch herumgekommen! Das Ortsverzeichnis im Anhang umfasst, wenn ich richtig gezählt habe, allein 129 Etablissements! Das ist echte Arbeit im Dienste der Berlin-Touristen! Und je weiter die Lektüre fortschreitet, umso klarer wird das Bild, welches man sich von diesem Moloch Berlin machen kann. Es muss eine wilde, eine tolle, aber auch eine unglaublich harte Zeit gewesen sein! Der Wettbewerb der Damen war erbarmungslos.

Die Sprache, in der das alles verfasst wurde, zeugt von einem wahrlich noch weltstädtischen Betrieb in den großen Amüsement-Palästen, Tanzlokalen und Bars bis runter zu den Kaschemmen und finstersten Spelunken. In Berlin konnte und wollte man sich amüsieren, nicht nur die Touristen, sondern auch die Berliner selbst: die Hautevolee und die kleinen Ladenmädchen, die Eckensteher und die Gigolos, die Lebedamen und die Provinzler.
Doch die Sprache ist am Ende vielleicht auch für manche(n) ein Problem, denn sie zeugt von dem Zeitgeist und der damaligen Stellung der Frau in der Gesellschaft. Obwohl in den 1920er Jahren die neue Frau sich von den alten Zwängen befreite und ihre Gleichberechtigung in allen Lebensbereichen von den beruflichen Möglichkeiten bis hin zu alternativen Lebensformen und freie Liebe einforderte, bildet sich diese Entwicklung in Curt Morecks Berlin-Führer zumindest sprachlich noch nicht ab.

Es ist ein Berlin-Führer, der von einem Mann für Männer geschrieben wurde. Je länger man liest, desto mehr bekommt man den Eindruck, dass es eigentlich nur um eines geht: Liebe, um Liebe in all ihren Spielarten und Bedeutungen. Die nächtlichen Vergnügungen einer Großstadt, die seinerzeit international einen Ruf als Weltstadt der freien (käuflichen) Liebe für alle Geschlechter und Neigungen innehatte, finden in diesem anregenden Buch ihre ausführliche Beschreibung.

Der be.bra-Verlag hat Morecks Berlin-Buch in einer handlichen und schön gebundenen Hardcover-Ausgabe produziert; der wundervolle Originaltext wurde durch zahlreiche Illustrationen und zeitgenössische Fotografien ergänzt. Verfügte das Buch auch noch über ein Lesebändchen, dann wäre es wirklich perfekt.

Curt Morecks Führer durch das lasterhafte Berlin ist ein Buch für alle Berliner und Berlin-Liebhaber sowie für alle, die einen schlüpfrigen und kenntnisreichen Insider-Bericht aus dem turbulenten Nachtleben Berlins von 1931 lesen möchten. Mit diesem Buch wird uns ein Blick in eine untergegangene Welt gewährt, die auch nach über 80 Jahren noch nicht von ihrem Glanz verloren hat.

 

 

Autor: Curt Moreck
Titel: „Ein Führer durch das lasterhafte Berlin — Das deutsche Babylon 1931“
Gebundene Ausgabe: 208 Seiten
Verlag: bebra verlag
ISBN-10: 389809149X
ISBN-13: 978-3898091497

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