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Rezensionen von Büchern aus den Kultur- und Geisteswissenschaften

Andreas Blödorn, Christof Hamann, Christoph Jürgensen (Hg.): „Erzählte Moderne — Fiktionale Welten in den 1920er Jahren“

Am: | April 5, 2018

Unser Blick auf die Welt wird geprägt durch die Geschichten, die wir uns über sie erzählen. Wer wüsste dies besser als wir, die wir in einer Zeit der Medien leben, in der Fernsehen, Internet und soziale Medien die Deutungshoheit über unsere Weltsicht haben. In der Zeit um 1900 kam diese Deutungshoheit dem geschriebenen Wort zu — in Tageszeitungen, Journalen und auch in der Literatur. In den 1920er Jahren waren schon andere Medien auf dem Vormarsch — Fotografie, Film und Rundfunk —, doch man traute ihnen noch nicht jene Wirklichkeitstreue zu wie dem geschriebenen Wort.

Hierbei ist klar, dass sich diese Erzählungen immer — zumindest teilweise — als fiktional erweisen; Dichtung und Wahrheit sind wie ein unzertrennliches Liebespaar immer nur zusammen unterwegs und so findet sich auch im objektivsten Bericht und der ambitioniertesten Reportage ein gewisses Quantum an Fiktionalität, um einen Text auszuschmücken und ihn überhaupt erst lesbar zu machen.

Erzählte Moderne — Fiktionale Welten in den 1920er Jahren heißt nun ein neu erschienener Sammelband mit literaturwissenschaftlichen Beiträgen zu mehreren Forschungsgegenständen der Literatur der 1920er Jahre, und man darf zurecht behaupten, dass dieser Sammelband den aktuellen Forschungsstand widerspiegelt.

Die Beiträge sind in drei große Abschnitte unterteilt: Es geht um das Erzählen in der deutschsprachigen und der internationalen Literatur der Moderne sowie die medialen Aspekte des Erzählens in der Moderne. Wenn hier immer wieder der Begriff der Moderne verwendet wird, so ist hiermit natürlich die Literarische Moderne gemeint, deren literaturwissenschaftliche Einordnung normalerweise die Epoche von etwa 1870 bis 1920 umfasst; die Tatsache, dass sich die Beiträge in diesem Band jedoch mit jener Dekade von 1920 – 1930 befassen, deutet darauf hin, dass es sich um die Spätphase der klassischen Moderne handelt. Doch werfen wir einen Blick in die einzelnen Aufsätze…

Da ist beispielsweise ein schöner Beitrag über James Joyce und den Strukturplan seines Ulysses. — Hierbei fällt öfter der Terminus lingual-ludistisch auf: Das klingt irgendwie schlüpfrig und so, dass man es jungen Lesern lieber nicht zur Lektüre empfehlen möchte. Und doch ist mit diesem gestelzt daherkommenden Fachbegriff aus der brandneuen Mottenkiste der Literaturwissenschaft eine besondere Spielart der Literatur der 1920er Jahre ziemlich treffend charakterisiert.

Handelt es sich doch um Sprachspiele, die im Windschatten von Wittgenstein und Heidegger in jener Zeit so populär waren. Nach der epochalen Zäsur eines verlorenen Weltkriegs hieß in allen Kulturbereichen und somit auch in der Literatur (und gerade in dieser) die Devise: alles neu, alles anders!

Lingual-ludistisch sind also, nach Meinung von Ulrich Ernst, die Texte von James Joyce, allen voran sein Ulysses, und wer wollte ihm da widersprechen? Jener auf vielen Hundert Seiten niedergeschriebene stream of consciousness machte mit dem intrapersonalen Bewusstseinsstrom nicht nur eine neue Erzählperspektive populär, sondern wird von Ulrich Ernst in diesem Sammelband auch nach allen Regeln der Kunst medientheoretisch und medienästhetisch untersucht.

Doch in allererster Linie sind es die deutschsprachigen Werke der 1920er Jahre, die hier Erwähnung und Beachtung finden; anhand von zahlreichen Beispielen wird hier von Literaturwissenschaftlern verortet, was unter einer Erzählten Moderne zu verstehen ist, ja mehr noch: was unter Moderne zu verstehen ist und wie ein Erzählen in uns über jene Epoche sich uns Nachgeborenen darstellt.

Die Herausgeber dieses Sammelbandes über die fiktionalen Welten der 1920er Jahre haben sich ein interessantes Forschungsfeld ausgesucht. Die 1920er Jahre sind ja seit jeher ein beliebtes Terrain literatur- und kulturwissenschaftlicher Forschung, denn diese Zeit der Umbrüche und Zusammenbrüche, der Neuanfänge und Experimente lassen die Weimarer Republik zu einem einzigartigen Versuchslabor werden, welches bis heute fasziniert. Und immer werden Parallelen beschworen und Ähnlichkeiten gesucht, doch am Ende scheitern diese Versuche an der spröden Tatsache der Einzigartigkeit eines jeden Zeitalters. Aber Spaß macht es dennoch, sich dieser wilden und aufregenden Zeit forschend zuzuwenden.

Das Buchcover zeigt schemenhafte Figuren vor/auf dem Kartenausschnitt eines Stadtplans. Fast automatisch denkt man an das Berlin der 1920er Jahre, doch ach, es ist der Wiener Ring zu sehen! Als ob schon hier, gleich zu Anfang, gesagt werden sollte: hier kommt mal etwas Anderes, nicht immer nur Döblin und der Alexanderplatz. — Der ist natürlich auch wieder dabei (der obligatorische Döblin, aber immerhin nicht der Alexanderplatz!), dafür aber auch noch sehr viel Interessantes, über das man nicht so oft liest: Robert Walser, Marieluise Fleißer, Leo Perutz, Stefan Zweig, Arthur Schnitzler und Carl Einstein.

Darüber hinaus gibt es einen ordentlich tiefen Blick in die internationale Literatur der 1920er Jahre. Doch der vielleicht interessanteste Abschnitt ist den medialen Aspekten des Erzählens in der Moderne gewidmet: Film, Typoskript, Schlagermusik sind hier die Stichworte. Der Drehbuchautor als neues Berufsbild einer Zeit des Kinos findet hier ebenso Beachtung wie die Rolle des Films im Roman; Dr. Mabuse wird zur intermedialen Reflexionsfigur zwischen Film und Roman, und der deutsche Schlager wurde exotisch.

Die Beiträge lesen sich auch ohne große literaturwissenschaftliche Vorkenntnisse recht gut, wobei natürlich der Gewinn, welcher aus einer solchen Lektüre zu ziehen ist, letztlich ein entsprechendes Vorwissen voraussetzt; gleiches gilt natürlich für die Lektüre der hier verhandelten literarischen Texte. Somit wird die Leserschaft wohl in erster Linie im literaturwissenschaftlichen Betrieb — unter Studierenden, Lehrenden und Forschenden — zu finden sein. In diesem Kontext handelt es sich jedoch um ein wichtiges Werk, welches den aktuellen Forschungsstand abbildet.

 

 

Autor: Andreas Blödorn, Christof Hamann, Christoph Jürgensen (Hg.)
Titel: „Erzählte Moderne — Fiktionale Welten in den 1920er Jahren“
Gebundene Ausgabe: 442 Seiten
Verlag: Wallstein
ISBN-10: 383533185X
ISBN-13: 978-3835331853

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