kulturbuchtipps.de

Rezensionen von Büchern aus den Kultur- und Geisteswissenschaften

Helmuth Kiesel: „Geschichte der deutschsprachigen Literatur 1918 – 1933“

Am: | Juli 4, 2017

Die Zeit nach dem Ersten Weltkrieg zählt rückblickend, was im Allgemeinen den Bereich der Kultur und hier im Besonderen den der Literatur betrifft, zu den produktivsten und spannendsten Phasen. Die krisengeschüttelten Jahre der Weimarer Republik scheinen einen besonders inspirierenden Einfluss auf die Schriftsteller jener Zeit gehabt zu haben.

Nach dem verlorenen Weltkrieg und dem Zusammenbruch der Monarchie befand sich Deutschland in einer Krise, die sich auf allen Ebenen der Gesellschaft, der Kultur, der Politik und der Wirtschaft offenbarte. Es herrschte einerseits eine Stimmung des Aufbruchs und Neuanfangs, andererseits waren viele Hoffnungen auf eine bessere und menschlichere Zukunft für viele illusorisch, denn die Härte der sozialen Lage war mit Händen zu greifen.

Die Politisierung der Kultur, der Kunst und natürlich auch der Literatur war die natürliche Folge dieser grundlegenden und umstürzenden gesellschaftlichen Veränderungen, die nach dem Krieg die junge Republik erfasste. Der parallel verlaufende und durch die Zerstörungen des Krieges noch beschleunigte Prozess der Modernisierung schlug in dieselbe Kerbe, indem er einerseits wenigen Menschen materiellen Wohlstand ermöglichte, die große Masse jedoch in neue Abhängigkeitsverhältnisse drängte und den Zustand sozialer Ungleichheit unverändert ließ.

Die neue Klasse der Angestellten in den Städten wurde mit ihrem bescheidenen Wohlstand zum Wegbereiter der Massenkultur in der Weimarer Republik. Das Kino wurde zum zentralen Medium der Massenunterhaltung, und der populäre Roman versuchte diese neuen Verhältnisse mitzugestalten. — Vergleicht man diese Zeit des allgemeinen Aufbruchs mit unserem literarischen Biedermeier, so darf man zurecht ein wenig wehmütig werden.

In der Weimarer Zeit gab es mehrere literarische Strömungen, neben dem Expressionismus und Symbolismus, die schon vor und während des Ersten Weltkriegs ihren Höhepunkt hatten, der Revolutions-, Antikriegs-, Arbeiter- und Zeitliteratur war es vor allem die Literatur der Neuen Sachlichkeit, die für die Zeit von 1918 – 1933 prägend war.

Lyrik und Dramatik fanden in jenen Jahren starke Beachtung, viel stärker, als wir uns das heute vorstellen können. Brecht, Piscator und Max Reinhardt seien an dieser Stelle nur als Glanzlichter jener Epoche genannt. Was den Zeitroman betrifft, so stehen große Namen wie Alfred Döblin und Erich Kästner, Thomas Mann, Joseph Roth und Kurt Tucholsky im Rampenlicht, aber auch Vicki Baum, Irmgard Keun oder Klabund.

Wer es ganz genau wissen will, der darf sich nun über den 10. Band der Geschichte der deutschsprachigen Literatur, erschienen bei C. H. Beck, freuen, in dem Helmuth Kiesel sich mit jener Zeit zwischen den Weltkriegen beschäftigt. Er tut dies sehr ausführlich, wie es sich für ein solch langjähriges Großprojekt gehört, und so kann man auf über 1200 Seiten (zuzüglich Anhang) alles ganz genau nachlesen.

Helmuth Kiesel ist Professor für Neuere Deutsche Literatur in Heidelberg, und man fragt sich, wie er es geschafft hat, neben seiner universitären Arbeit auch noch ein solches Mammutwerk zur deutschsprachigen Literaturgeschichte zu verfassen.

Das Buch ist unterteilt in drei große Abschnitte: Zunächst zeichnet der Autor ein ausführliches Epochenprofil und macht den Leser mit den historischen Zusammenhängen jener Zeit vertraut. Eine Epoche fällt ja nicht vom Himmel, sondern ist durch jene geschichtlichen Ereignisse geprägt, die ihr vorangehen. Im zweiten Teil untersucht Kiesel die Doppelfunktion der Literatur als Spiegel der Epoche sowie als Teil jener Kräfte, die sie rückwirkend gestalten. An dieser Stelle erfahren wir, welchen Einfluss die Literatur auf die Gesellschaft nehmen kann und wo die Grenzen jener Einflussnahme sind. Schließlich beschäftigt sich der Autor im dritten und letzten Abschnitt des Buches mit der historischen Entwicklung der einzelnen Gattungen während der Zeit zwischen 1918 und 1933.

Um es kurz und abschließend zu sagen: Mit diesem Buch hat man nicht nur eine der ausführlichsten und detailreichsten Beschreibungen der Literatur der Weimarer Republik in den Händen (oder im Regal), sondern mindestens drei exzellent recherchierte und kenntnisreiche Abhandlungen über die oben beschriebenen Abschnitte (Epochenprofil, Literatur und Gesellschaft, Entwicklung der einzelnen Gattungen).

So kann man jeden Abschnitt für sich lesen, auch in unterschiedlicher Reihenfolge, kann auch den einen oder anderen Abschnitt weglassen, wird jedoch den größten Gewinn erzielen, wenn man sich von der ersten bis zur letzten Seite durch dieses Werk arbeitet. Letzteres wird jedoch wahrscheinlich dem Literaturwissenschaftler (in spe) vorbehalten bleiben.

Dennoch sei dieser 10. Band der Gesamtausgabe jener Geschichte der deutschsprachigen Literatur jedem Interessierten (auch und gerade aus dem nichtakademischen Umfeld!) empfohlen, denn es zeichnet sich durch eine besonders leicht verständliche und dennoch präzise Sprache sowie durch seine übersichtliche Gliederung aus: ein wirkliches Meisterwerk!

 

Autor: Helmuth Kiesel
Titel: „Geschichte der deutschsprachigen Literatur 1918 – 1933“
Gebundene Ausgabe: 1304 Seiten
Verlag: C.H.Beck
ISBN-10: 3406707998
ISBN-13: 978-3406707995

 

Suche




Autoren und Verleger

Kategorien

Feed abonnieren

Links


Empfehlungen