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Rezensionen von Büchern aus den Kultur- und Geisteswissenschaften

Rebekka Reinhard: „Schön!“

Am: | Oktober 18, 2013

Was ist schön? Liegt Schönheit, wie David Hume meinte, im Auge des Betrachters? Ist sie also nichts als eine subjektive Empfindung, basierend auf sinnlichen Reizen? Oder gibt es ein objektiv Schönes, das sich beschreiben und erfahren lässt? Platons Ideenhimmel kennt natürlich auch die Idee des Schönen, doch ist dies eine Vorstellung, mit der wir heute noch umgehen können?

Giordano Bruno, Descartes, Hobbes und Hume haben sich von dieser objektiven Sichtweise abgewandt und Schönheit als den Auslöser einer angenehmen subjektiven Empfindung begriffen, den wir mit dem Attribut „schön“ assoziieren. Doch genau in dieser Subjektivität der Beurteilung liegt ein Problem. Denn was wir als schön empfinden, soll immer auch gleichzeitig als objektiver Standard für Schönheit taugen; Kant spricht in diesem Zusammenhang von einer „subjektiven Allgemeinheit“.

Ist David Beckham schön? Und was genau ist an ihm schön? Ist es die Art, wie er seine weiße Unterhose trägt? Ist es sein Waschbrettbauch? Die zwei Nummern zu groß geratene Wollmütze, die ihn zu einer Mode-Ikone macht? Was ist Schönheit? Und welchen Wert hat eigentlich noch die Schönheit im Zeitalter ihrer medizinischen Reproduzierbarkeit?

Rebekka Reinhard ist Philosophin, und sie ist eine Frau der Praxis. Der praktische Nutzen der Philosophie ist für sie die entscheidende Perspektive ihrer Arbeit. Als Keynote-Sprecherin für Unternehmen, philosophische Beraterin und Leiterin von Workshops im Rahmen ihres „philosophy Works!„-Portfolios kommt es ihr immer wieder vor allem auf den praktischen Nutzen der Philosophie an. Ihre Bücher geben eine gute Vorstellung von ihrer Arbeitsweise. Und der Erfolg ihrer Bücher „Die Sinn-Diät“, „Odysseus oder Die Kunst des Irrens“ und „Würde Platon Prada tragen?“ zeigt deutlich, dass auch ein entsprechender Bedarf vonseiten der Leserschaft vorhanden ist, Alltagsthemen mit einem philosophischen Denkansatz neu zu beurteilen und zu hinterfragen.

Die Idee zu diesem Buch über die Schönheit kam Rebekka Reinhard wie von selbst. „Ich kann ohne Schönheit nicht leben, und insofern ist die Schönheit eines meiner Leib- und Magen-Themen.“ gesteht sie in ihrem Interview mit kulturbuchtipps.

Schönheit ist unserer medialen Kultur ein allgegenwärtiges Postulat. Schön zu sein ist längst nicht mehr nur ein Geschenk der Natur, das wenigen Glücklichen gemacht wird, sondern sie ist zur Richtschnur sozialer Akzeptanz geworden – eine stereotype Formvorgabe, nach der wir uns richten müssen, um gesellschaftliche Anerkennung zu erfahren, und nach der wir nicht nur vor einen virtuellen Richterstuhl zitiert werden, falls wir uns nicht an die Vorgaben halten.

Doch warum sind wir heute alle so selbstbezogen und nur noch an der perfekten Darstellung unserer selbst interessiert? In unserem Interview hat Rebekka Reinhard schnell eine einleuchtende Antwort parat: „Wir leben in einer Zeit der metaphysischen Obdachlosigkeit, wo wir einen Sinn nicht mehr im Jenseitigen finden können, weil wir keinen Gott mehr haben, an den wir kollektiv glauben. Also vergöttern wir uns eben selbst. Einer der Auswüchse ist diese Konzentration auf den eigenen Körper, diese Selbstoptimerungs-Religion, um das eigene Ich permanent zu enhancen und in Szene zu setzen.“

Doch geht es wirklich nur noch darum, den eigenen Körper in Richtung des Schönheits-Ideals zu optimieren, um im großen Spiel mitspielen zu dürfen? Wer gibt hier eigentlich vor, was schön ist und was nicht? – Diese an Oberflächen orientierten Kriterien führen nicht nur zu einem Freiheitsverlust, sondern lassen auch intrinsische Frustrationsmechanismen entstehen, zu deren Überwindung große Kraftanstrengungen und viel Zeit investiert werden muss. Nehmen wir nur das Postulat der weiblichen Schönheit: Wenn sich eine normal gewachsene Frau, die sich normal ernährt und dabei nicht nur ausschließlich auf ihre Figur, sondern auch auf die Ausbildung ihrer charakterlichen  Eigenschaften legt, mit einer jener „tits on sticks“ (Titten auf Stelzen) vergleicht, die uns ewig gleich aus den Hochglanz-Magazinen, TV- und Filmleinwänden, Internet-Bildchen und -Filmchen entgegen lächeln, kann dieser Vergleich nur zur frustrierenden Erfahrung der eigenen Unterlegenheit führen.

Mit anderen Worten: Was gesellschaftlich sanktioniert als „schön“ gilt, ist nicht nur ein oft unerreichbares Ideal – ob es übrigens wirklich ideal ist, dem hohen gesellschaftlichen Schönheitsstandard zu genügen, darf bezweifelt werden -, sondern darüber hinaus immer auch der bewusste Verzicht auf Individualität und Identität. Wer nach großen Anstrengungen so aussieht, wie eben alle aussehen (sollen), verschwendet nicht nur unglaublich viel Energie und Lebenszeit zur Erreichung dieses heteronomen Schönheitsstandards, sondern verbaut sich letzten Endes den Weg zu einem autonomen Leben.

Wenn Schönheit zum Gradmesser gesellschaftlicher Akzeptanz wird, so sind wir schnell bei dem, was Georg Simmel schon vor über hundert Jahren in seinem kurzen Essay „Die Großstädte und das Geistesleben“ beschreibt. Wenn der Warenwert dazu dient, Dinge vergleichbar zu machen, so können wir dies mühelos auf den Warenwert des Menschen in unserer vom Schönheitsdiktat regierten Gesellschaft übertragen.

Die natürliche Inkommensurabilität menschlicher Erscheinungs- und Ausdrucksformen, ihrer Charaktere, Handlungen und Verhaltensweisen wird liquidiert – also verflüssigt – durch den paradigmatischen Perspektivwechsel von der Einzigartigkeit jedes Menschen zu seinem Warenwert. Denn was sonst ist die Beurteilung eines Menschen nach seinem schönen Aussehen als eine reduktionistische Sichtweise, die nicht mehr auf die Unterschiede schaut, sondern nur noch ein einziges Vergleichskriterium erlaubt?

Nach Kant lässt sich die Empfindung der Schönheit durch ein „interesseloses Wohlgefallen“ charakterisieren. In dem Moment, wo wir ein Stillleben mit Obst betrachten und dabei nicht das Bild als Ganzes genießen und die Kunstfertigkeit des Males bewundern, sondern mit dem Blick aufs Obst einfach nur Hunger bekommen, sind wir nicht mehr in der Lage, die Schönheit zu empfinden und zu genießen. Ein weiteres Kriterium der Schönheit ist ihr Anspruch auf Allgemeingültigkeit, durch den sie erst kritikfähig wird. Gingen wir nicht davon aus, dass es eine allgemeingültige Definition von Schönheit gäbe, könnten wir auch nicht über die Schönheit streiten.

Doch die Autorin weist darauf hin, dass es sinnlos ist, über Schönheit zu theoretisieren, solange man keine gemeinsame Wissensgrundlage besitzt. Um zu verstehen, was mein Gegenüber als schön betrachtet, brauchen wir Beispiele, die beide Gesprächspartner kennen und somit beurteilen können. Kant sprach in diesem Zusammenhang vom „Gängelwagen der Urteilskraft“, also von einer Art Laufgestell für die ersten unsicheren Schritte in der Ausbildung der eigenen Urteilskraft.

Die philosophische Disziplin der Erkenntnistheorie weiß, dass wir immer nur das erkennen, was wir schon kennen. Kant schreibt in seinem Hauptwerk, der „Kritik der reinen Vernunft“: dass wir an der Wirklichkeit immer nur das erkennen können, was wir zuvor in sie hineingedacht haben. Anders gesagt, wofür wir keinen Begriff haben, das können wir auch nicht benennen. Oder populär formuliert: „Was der Bauer nicht kennt, das frisst er nicht.“ Ähnlich scheint es sich mit den ästhetischen Vorgängen zu verhalten. Wir nehmen nur das als schön wahr, von dem wir gelernt haben, dass es schön ist.

Auch wenn es banal klingt, wir halten in der Regel das für schön, von dem wir gewohnt sind, es für schön zu halten. Ist unser Schönheitsbegriff also kulturell überformt? Man muss davon ausgehen, dass wir heute etwas Anderes schön finden als unsere Großeltern oder die Mehrheit der Menschen vor zweihundert Jahren.

Umso erstaunlicher ist es, dass es gerade in der Kunst, in der Malerei, der Musik, Dichtung und in der bildenden Kunst einen starken Konsens in der Beurteilung schöner Werke zu geben scheint, der die Jahrtausende überdauert. So bewundern wir auch heute die Statuen der Kykladen-Kultur wie die weichen Formen der Werke von Henry Moore, die Malerei eines Rubens oder Renoir, die Dichtung eines Homer wie die Lyrik von Paul Celan, die erhebenden Klänge von Mozart und Beethoven wie die Moonlight Serenade von Glenn Miller.

Doch so leicht ist die Sache nicht zu lösen. Rebekka Reinhard führt das Beispiel der Venus von Willendorf an – jener vollbusigen, sehr dicken, kleinen, knubbligen Figur, die vor ca. 25.000 Jahren als schön galt, weil sie Fruchtbarkeit symbolisierte. Doch weil in unserer heutigen Zeit starkes Übergewicht nicht mehr mit Schönheit, sondern in erster Linie unkontrolliertem Essverhalten oder mit Hormonproblemen assoziiert wird, fällt es uns schwer, uns in die Vorstellungswelt unserer Urahnen hinein zu versetzen.

Die Autorin empfiehlt allen Lesern das Studium der Werke der bildenden Künste: „Die bildende Kunst ist unser Kompass im Dschungel der Schönheiten.“ An ihren Werken können wir unsere ästhetische Urteilskraft stärken. Nachdem wir eine solche Schärfung unseres Blickes trainiert haben, werden hinter der Spiegelfassade unserer auf Hochglanz polierten Welt plötzlich immer öfter schöne Details entdecken und auf wahrhaft Schönes stoßen. Also ästhetische Erziehung als Antidot gegen die Monotonie unserer Umwelt? Auf jeden Fall eröffnet uns das Studium der bildlichen Kunstwerke die Möglichkeit einer begründeten Beurteilung, denn wir haben dadurch Kriterien entwickelt, die uns bei der Einschätzung der Schönheit helfen.

Schönheit findet sich aber nicht nur auf der Außenseite, Schönheit kann auch und muss letztlich von innen kommen. Folgt man der Argumentation der Autorin und somit auch der Gliederung des Buches, so zeigt die Trias von Körper – Seele – Geist, dass der mittlere Abschnitt dieses flüssig geschriebenen Buches über die Schönheit der schönen Seele gewidmet ist.

Da die äußerliche Schönheit unweigerlich früher oder ein wenig später dem körperlichen Verfallsprozess unterworfen ist, muss es andere Wege zu einer schönen Erscheinung geben – eine schöne Seele zum Beispiel. Oder es muss Eigenschaften geben, die manche Menschen derart anziehend machen, dass wir sie schön nennen und uns ihnen nur schwer entziehen können. Die Antwort lautet: Charisma. Ein ordentliches Charisma kann uns über vieles hinweg täuschen. Doch das Charisma allein sagt noch nichts über den Charakter eines Menschen aus. Gute wie schlechte Menschen können Charisma besitzen: Diven wie Marilyn Monroe oder Elizabeth Taylor verfügten genauso über Charisma wie Adolf Hitler, der Dalai Lama oder der Papst.

Während die Diva uns vor allem deshalb fasziniert, weil sie ein extremes Leben führt zwischen Glamour und Gosse, zwischen Anbetung und Alkohol, sind Poser und Strahlemänner, die schicke Uniformen bevorzugen, gefährlich. Solche Typen wie Hitler werden vor allem dadurch anziehend, dass sie die Fähigkeit besitzen zu begeistern. Sie sind Blender ohne Herz – Kostümierung ohne Inhalt. Die Ausstrahlung des Charismatikers erzeugt eine Vision, die Vorstellung eines Ideals, das mit anatomischen Vorzügen so wenig zu tun hat wie Tante Erika mit der Atompolitik des Iran.

Eine weitere Unterscheidung macht die Autorin zwischen Erotik und Porno. Eros ist schön, Porno ist banal. Während fantasievolle Erotik schön macht und auf eine Beziehung zwischen zwei Menschen angewiesen ist, sind die Akteure beim Porno austauschbar und mitunter sogar überflüssig. Daniela Katzenberger und Dolly Buster als Trash-Ikonen und Porno-Queens erzählen mehr über den Zustand unserer kulturellen Verfasstheit als jede wissenschaftliche Studie.

Im letzten Teil ihres Buches befasst sich Rebekka Reinhard mit der Schönheit des Geistes -dem schönen Leben. Während zunächst die Frage aufkommt, ob die Autorin hier einfach versucht, unter dem Hauptbegriff „Schönheit“ drei verschiedene Buchthemen (Ästhetik, Soziologie und Lebenskunst) unter einen Hut bzw. zwischen zwei Buchdeckel zu bringen, wird diese Frage schon nach wenigen Absätzen obsolet. Man möchte auf die Knie sinken und der Autorin für diesen letzten Abschnitt ihres Buches danken! Man wünschte sich eine Auskoppelung und getrennte Veröffentlichung dieser Anleitung zur philosophischen Lebenskunst in Form einer preisgünstigen Druckausgabe, die man im Ethikunterricht an den Schulen lesen, an Zeitungskiosken verkaufen und jedem Bürger spätestens bei Erreichung der Volljährigkeit (am besten jedoch früher) vonseiten des Staates schenken sollte!

Auf diesen 56 Seiten steht alles, was man zu einem guten, gelingenden philosophischen Leben braucht. Epikur, Epiktet, Montaigne – damit kommt man schon ziemlich weit im Leben und ist in der glücklichen Lage, seinen Blick zu heben, die Sorgen hinter sich zu lassen und endlich mit dem Leben zu beginnen.

Wenn Sie also kein Interesse an Schönheit haben und der Meinung sind, das ginge Sie alles nichts an, dann kaufen Sie bitte trotzdem dieses Buch! Denn der letzte Abschnitt kann Sie zu einem glücklicheren und freieren Menschen machen.

Lesen Sie auch unser Interview mit Rebekka Reinhard auf der Frankfurter Buchmesse 2013!

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Autor: Rebekka Reinhard
Titel: „Schön! – Schön sein, schön scheinen, schön leben – eine philosophische Gebrauchsanweisung“
Gebundene Ausgabe: 240 Seiten
Verlag: Ludwig Buchverlag
ISBN-10: 3453280490
ISBN-13: 978-3453280496

 

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