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Annett Gröschner, Arwed Messmer: „Aus anderer Sicht – Die frühe Berliner Mauer“

Am: | August 24, 2011

In unserem kollektiven Gedächtnis ist die Mauer ein doppelreihiges Band aus Beton, glatt, weiß und mit einem Rohraufsatz, mit einem sorgsam geharkten, leeren Todesstreifen, auf dem sich lediglich Grenzsoldaten und Kaninchen bewegen, und mit Wachtürmen, die in ihrer Einförmigkeit an die Typologien von Plattenbauten erinnern.
So beschreiben Annett Gröschner und Arwed Mesmer, die beiden Herausgeber des vorliegenden opulenten Fotobands das Bild der Berliner Mauer in unserer Erinnerung.

Doch die Mauer war nicht immer so fertig und geordnet. In ihrer ganzen Brutalität, mit der Straßenzüge durchkreuzt, Menschenträume zerstört und die Pulsadern der größten deutschen Stadt über Nacht abgeklemmt wurden, finden wir sie wieder in diesem Fotoband, der jetzt in einer bisher nie da gewesenen Vollständigkeit das Bild der frühen Mauer dokumentiert.

Die Mauer als Prozess der Abgrenzung und Durchkreuzung, als manifestierter Parteibeschluss aus Hohlblocksteinen, Mörtel und Stacheldraht, die Mauer als ein chirurgischer Eingriff, der den Berliner Patienten mit einer hässlichen Narbe versah und eine blutende Wunde hinterließ, deren Fäden erst nach 28 Jahren gezogen wurden und deren Wundheilungs-Prozess auch nach weiteren 21 Jahren immer noch nicht vollständig abgeschlossen ist.

Die (Ost-)Berliner Stadtkommandantur hatte bereits 1964 an die Grenzregimenter den Auftrag erteilt, eine Fotodokumentation der Grenzanlagen anzufertigen. (…) Die Kleinbildfilme zeigen weitgehend den Zustand vom Frühjahr 1966.

Arwed Mesmer und Annett Gröschner fanden die Filmrollen zufällig in einem Pappkarton, als sie 1995 für ein Forschungsprojekt des Prenzlauer Berg Museums auf der Suche nach alten Fotos vom Mauerabschnitt an der Gleimstraße recherchierten. Doch erst heute sind die digitalen Bildbearbeitungsprogramme technisch in der Lage, jene Horizontalschwenks zu qualitativ hochwertigen Panoramen zusammen zu setzen.

Ergänzt werden diese allein schon 380 Seiten umfassenden Mauer-Panoramen von einer wirklich außergewöhnlichen und faszinierenden fotografischen Bestandsaufnahme zur frühen Architektur der Wachtürme (80 Seiten mit großformatigen Aufnahmen) sowie 51 Portraits von Grenzsoldaten der DDR.

Der letzte Abschnitt nähert sich tastend einer Archäologie der frühen Berliner Mauer: Kartenausschnitte von dokumentierten Grenzdurchbrüchen, scheinbar wahllos miteinander kombinierte Aufnahmen von Mauerteilen, Sandwegen, Stachelrahtrollen, Zaunausschnitten, Löchern in der Mauer, zurück gelassenen Kleidungsstücken, Steinen, Schutt und Flucht-Hilfsmitteln ergeben einen mosaikartigen Teppich, der mit jedem weiteren Bild an Gewicht zunimmt und sich nach einer Weile immer schwerer auf die Seele des Betrachters legt.

Die begleitenden Texte von Kunsthistoriker Matthias Flügge („Das steinerne Dokument“) und Florian Ebner („Das latente Bild des Archivs“) sowie die Essays des Kulturwissenschaftlers Olaf Briese („Die Mauer als Mauer. Überlegungen über Beton“), der Herausgeberin und Journalistin Annett Gröschner („542 Tage. Legenden von braven Soldaten“) oder der spannende Essay von Greg Bond über „Zwei Ansichten. Der deutsche Schriftsteller Uwe Johnson und die Mauerfotografie“ bereichern die visuelle Dokumentation mit zahlreichen kulturwissenschaftlichen Impulsen, die auch ohne diese Schwarzweiß-Fotos interessante Facetten zur Geschichte der Berliner Mauer lieferten, mit diesen Fotos zusammen aber zu einem kulturgeschichtlichen Standardwerk werden, das eine große Lücke in der Dokumentation der Berliner Mauergeschichte schließt.

Nach knapp 750 Seiten ist Schluss. Doch kann man damit wirklich das Thema Berliner Mauer zur Seite legen? Ist auch nach dem 50. Jahrestag der Errichtung der Berliner Mauer am 13. August 1961 wirklich das Kapitel der deutschen Teilung, die sich zwar bereits viel früher angedeutet, aber doch erst für alle erkennbar am 13. August in Stein und Stacheldraht manifestiert hatte, abgeschlossen?

Die Berliner Mauer ist längst nicht mehr die einzige Mauer zwischen zwei Staaten oder zwei Völkern. Nord- und Süd-Korea, Israel und die Palästinenser-Gebiete, die Grenze zwischen den USA und Mexiko – dies sind die prominenten Beispiele für steinerne Mauern. Andere Mauern, wie die unsichtbare Grenze zwischen der reichen EU und dem armen Afrika, sind auf den ersten Blick nicht so schnell zu erkennen, dafür jedoch vielleicht noch unüberwindbarer.

Dieser beeindruckende Bildband wird niemanden unbeteiligt lassen. Wer diese Bilder gesehen, die Bildkommentare beachtet und die hervorragend recherchierten Artikel der Gastautoren gelesen hat, wird aktuellen Vorschlägen mancher Zeitgenossen, die Verbrechen an der Berliner Mauer doch endlich zu den Akten zu legen, skeptischer als zuvor begegnen.

„Aus anderer Sicht – Die frühe Berliner Mauer“ ist ein wichtiges und längst überfälliges Werk, das unsere Erinnerung an jenes Ungetüm korrigiert, an das man sich im Laufe der Mauerjahre gewöhnt und das man nach seinem physischen Verschwinden auch möglichst schnell aus dem Kopf bekommen wollte. Die Mauer ist Geschichte, aber sie ist nicht vergessen, und das ist gut so.

Autor: Annett Gröschner, Arwed Messmer
Titel: „Aus anderer Sicht – Die frühe Berliner Mauer“
Gebundene Ausgabe: 752 Seiten
Verlag: Hatje Cantz Verlag
ISBN-10: 3775732071
ISBN-13: 978-3775732079

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