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Edgar Most: „Fünfzig Jahre im Auftrag des Kapitals“

Am: | Mai 3, 2009

Edgar Most: "Fünfzig Jahre im Auftrag des Kapitals"Kennen Sie Edgar Most? Der Mann, der hier seine Lebensgeschichte erzählt hat Einiges erlebt. Edgar Most war einst der Direktor der Staatsbank der DDR und arbeitete nach der Wende jahrelang als Mitglied der Geschäftsführung der Deutschen Bank in den obersten deutschen Finanzkreisen. Er kennt das Finanzwesen in beiden Teilen Deutschlands wie vielleicht kein Anderer.

Ein Experte für die Ost-West-Anpassung also? In der Tat war Edgar Most eine der führenden Köpfe und Verantwortlichen für die Konzeption und den reibungslosen Ablauf der Währungsunion im Zuge der Wiedervereinigung der beiden deutschen Staatshälften.

Der Titel seiner mit Hilfe der beiden Journalisten Katrin Rohnstock und Frank Nussbücker verfassten Biographie bringt es auf den Punkt: „Fünfzig Jahre im Auftrag des Kapitals“ war Most beruflich unterwegs, um zunächst den Finanzsektor in der DDR in oberster Leitungsfunktion mit zu gestalten, und nach der Wende schnell seine Karriere im Westen fortzusetzen. Denn nach der Wende brauchte man Leute wie Most, die Bescheid wussten, wie es jenseits der Elbe mit den Finanzen steht und welche Besonderheiten beim Aufbau einer funktionierenden Sparkassen- und Bankenstruktur in Ostdeutschland zu beachten waren.

Edgar Most wurde 1940 im mitteldeutschen Städtchen Tiefenort geboren. Seine frühesten Kindheitserinnerungen fallen mit den letzten Kriegsmonaten in Thüringen zusammen: Fliegeralarm, Schutz im hauseigenen Bunker und die Ankunft der amerikanischen Befreier. Dann folgt eine Jugend in der frühen DDR, eine Lehre zum Bankkaufmann, und mit 26 ist Edgar Most der jüngste Filialdirektor der DDR, in der Filiale der Staatsbank in Schwedt an der Oder.

Was auf den nächsten 250 Seiten folgt, ist eine interessante Zeitreise durch dreieinhalb Jahrzehnte DDR-Geschichte aus der Innenansicht eines leitenden Bankers der Staatsbank. Wie ging man in einer sozialistischen Republik mit dem Kapital um? Wie regelte man die Staatsfinanzen zum Wohle des Volkes, und welche Hürden und Hindernisse gab es auch in der DDR intern zu bewältigen, wenn man als Bankdirektor seine Arbeit verantwortungsvoll und erfolgreich machen wollte?

Most hat es in der DDR bis zum Direktoriumsposten der Staatsbank der DDR gebracht. Höher konnte man in der kleinen Republik im Finanzsektor nicht aufsteigen, außer vielleicht zum Finanzminister. – 1989 bröckelte es gewaltig im System, und 1990 hörte dieser Staat einfach auf zu existieren. Was macht da einer wie Most? – Er erkennt die Zeichen der Zeit und widmet sich sofort den neuen, anstehenden Aufgaben. Das Finanz- und Währungssystem der DDR muss schleunigst in das Westsystem überführt und die D-Mark in Ostdeutschland eingeführt werden.

Keiner kennt sich in dieser Beziehung in Ostdeutschland besser aus als Most, und keiner hat mehr Überblick über die komplexe Situation als er. Das erkennen auch schnell die führenden Bankchefs in Westdeutschland und setzen auf Most als den großen Integrator. Wer bislang dachte, dass dies allein von westdeutschen Bankern abgewickelt wurde, der wird nach der Lektüre dieses Buches eines Besseren belehrt worden sein. Die Verschmelzung der Währungssysteme und die Einführung der D-Mark in den letzten Monaten der DDR ging mit Beteiligung, ja sogar unter der Führung des Direktors der DDR-Staatsbank, Edgar Most, vonstatten.

Nach der Wende machte Most im Westen Karriere und schaffte es dank seines Könnens bis in die Geschäftsleitung der Deutschen Bank, in der er bis zum Antritt  seiner Rente im Jahr 2004 arbeitete.

In seinem Buch erzählt er von den wichtigen Abschnitten seiner beruflichen Laufbahn und gibt Einblick in das Berufsleben eines Top-Bankers. Die vielen Führungspersönlichkeiten, mit denen Most vor allem nach der Wende zusammentrifft, schildert er als Menschen mit Stärken und Schwächen und trägt auf diese Weise dazu bei, dass man ein ganz neues Bild von unserem Finanzwesen bekommt, das in den Medien all zu oft als kaltes und menschenverachtendes Metier beschrieben wird.

Most gibt somit dem Bankenwesen in Ost und West ein menschliches Gesicht und lässt im Spiegel seines eigenen Berufslebens ein Stück gesamtdeutscher Geschichte durch mehrere Jahrzehnte hindurch nacherleben. Seine Berichte sind immer persönlich und mit vielen Anekdoten gespickt. Sein Erzählstil ist leichfüßig bis jovial, bleibt aber stets diskret und ist leicht lesbar. Hat man diesen Lebensbericht bis zu Ende gelesen, so bestätigt sich Mosts Lebensmotto, das er am Anfang des Buches nennt: „Vergiss’ niemals, wo Du herkommst!“ – Wer dieses Motto befolgt, bleibt bodenständig, weiß um seine Wurzeln und kann wachsen. Genau das kann Edgar Most in der Rückschau auf sein bewegtes berufliches und privates Leben von sich sagen: Er war sich seiner Wurzeln bewusst und hatte ein klares Ziel vor Augen; daher ging er ins Bankwesen und arbeitete „fünfzig Jahre im Auftrag des Kapitals“.

 

 

Autor: Edgar Most
Titel: „Fünfzig Jahre im AUftrag des Kapitals“
Gebundene Ausgabe: 288 Seiten
Verlag: Das Neue Berlin
ISBN: 3360019601
EAN: 978-3360019608

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