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Rezensionen von Büchern aus den Kultur- und Geisteswissenschaften

Mathieu Vidard: „Science to go — Merkwürdiges aus der Welt der Wissenschaft“

Am: | Februar 14, 2019

Es ist charakteristisch für unsere beschleunigte Zeit, dass wir bei der Aufnahme von Informationen zunehmend den kürzesten Weg bevorzugen: Twitter-Nachrichten, WhatsApp-Meldungen, kurze Flash-News versorgen uns mit den scheinbar wichtigsten täglichen Eckdaten, mit deren Hilfe wir uns ein „Bild“ von der Welt machen, in der Hoffnung auf ein wenig Stabilität und Übereinstimmung mit unseren Erwartungen.

Übertragen auf den Bereich der Literatur findet dieses Verhalten seinen Ausdruck in der Bevorzugung kurzer Textsorten (Erzählung, Kurzgeschichten, Essay), die schneller konsumierbar sind als lange Romane. Im Sach- und Fachbuch-Bereich sind es folgerichtig Publikationen, die lexikalisch oder nach einem heuristischen Prinzip aufgebaut sind. Ein schönes und typisches Beispiel solcher Formate ist das vorliegende kleine Buch über „Merkwürdiges aus der Welt der Wissenschaft“ mit dem passenden Titel „Science to go“.

Allein der Titel macht klar, dass die intellektuelle Latte hier nicht allzu hoch gehängt wird, sondern dass dieses Buch in erster Linie unterhaltsame kleine (und möglichst leicht verdauliche) Häppchen aus der weiten Welt der naturwissenschaftlichen Erkenntnisse präsentieren soll.

Mathieu Vidard produziert seit 2006 im französischen Rundfunk eine Wissenschaftssendung, in der er über interessante Neuigkeiten aus der Welt der Wissenschaft berichtet. Die Vermittlung naturwissenschaftlicher Fakten in unterhaltsamer Form gehört zum Tagesgeschäft eines Wissenschaftsjournalisten. Die große Kunst ist jedoch, darüber hinaus auch noch komplexe Zusammenhänge auf eine Weise darstellen und zu erklären, dass es von einem breiten Publikum aus möglichst allen Schichten der Bevölkerung verstanden wird.

Damit sich die Zuschauer/Zuhörer mit Vor- und Fachwissen nicht zu sehr langweilen, jedoch auch die eher bildungsfernen Milieus nicht hoffnungslos überfordert sind, muss der Autor geschickt einen Mittelweg finden, der es allen ermöglicht, dem Text zu folgen und zu verstehen, was gemeint ist.

Auf den Unterschied zwischen Verstehen und Erklären hat bereits vor über hundert Jahren Wilhelm Dilthey hingewiesen. Es ging ihm damals um eine klare Abgrenzung der Geisteswissenschaften von den damals dominanten Naturwissenschaften sowie um eine Konstruktion der Wissenschaftlichkeit von geisteswissenschaftlichen Disziplinen.

Den Naturwissenschaften, so Dilthey, ginge es vorrangig um das Erklären von Sachverhalten. Den Geisteswissenschaften jedoch reiche das nicht aus, ihr Ziel sei es vielmehr, die Zusammenhänge zu verstehen.

Überträgt man diese Dichotomie auf die heutige Präsentation naturwissenschaftlicher Erkenntnisse, so wird schnell deutlich, dass diese künstliche Trennung nicht aufrechterhalten werden kann: Gerade bei der Vermittlung komplexer Interdependenzen in der Natur (Klimawandel, Artensterben usw.) geht es vor allem um das Verstehen jener Komplexitäten und nicht allein um die Erklärung singulärer Prozesse.

Es stellt sich die Frage, wie man mit diesem kleinen und handlichen Büchlein umgehen soll. Der Titel legt nahe, dass man es während der Fahrt in der Bahn oder im Bus lesen könne — so wie andere Leute ihren Latte schlürfen und dabei paralytisch auf ihr Smartphone glotzen.

Das kann man machen, aber dann sollte an sich nicht allzu sehr ablenken lassen, sonst verpasst man nämlich die Station, an der man aussteigen wollte. Dieses kleine Büchlein lässt sich aber auch wunderbar vor dem Einschlafen lesen; seine kurzen Kapitel hat man in wenigen Minuten durchgelesen.

Doch sowohl in der Bahn als auch im Bett stellt sich ein kleines Problem: Meist bleibt es nicht bei einem Kapitel. Denn Vidard schreibt nicht nur über interessante Themen, sondern er versteht es zudem, diese Fakten interessant zu vermitteln.

So kann es eben passieren, dass man in der Bahn sich zu sehr in das Buch vertieft; und im Bett kann es einen manchmal um den verdienten und ersehnten Schlaf bringen. Denn natürlich macht man sich so seine Gedanken über Vulkanausbrüche, Fledermäuse, Wetterprognosen und Mikroben. — Zum Glück kann man immer wieder zur eigenen Beruhigung auf Seite 97 ein kurzes Kapitel über die Schlafzyklen lesen, das einen daran erinnert, was man eigentlich im Bett vorhatte …

Am besten liest man dieses Buch also, wie ein gutes Fachbuch, im Sitzen am Tisch, im gemütlichen Sessel oder auf der Couch. Vielleicht übernimmt „Science to go“ aber auch die Funktion der klassischen Kalender-Blättchen. Jeden Tag ein Kapitel gelesen, und schon ist man nach 222 Tagen ein schlauerer Mensch geworden! — So oder so, wie auch immer Sie dieses „Science to go“-Angebot nutzen: Sie werden eine Menge lernen und dabei viel Spaß haben!

 

 

 

Autor: Mathieu Vidard
Titel: „Science to go — Merkwürdiges aus der Welt der Wissenschaft“
Gebundene Ausgabe: 320 Seiten
Verlag: dtv Verlagsgesellschaft
ISBN-10: 3423289740
ISBN-13: 978-3423289740

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