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Matthias Barth: „Berlin der Kaiserzeit — Architektur 1871 – 1918“

Am: | August 31, 2018

In weiten Teilen verdankt die deutsche Hauptstadt auch heute noch ihr Erscheinungsbild jener historischen Phase von der Reichsgründung 1871 bis zum Ende des Ersten Weltkriegs 1918. Das behauptet wenigstens Matthias Barth, Architekturfotograf und Verfasser des vorliegenden opulenten Bildbands aus dem Michael-Imhof-Verlag.

Denken wir an die deutsche Hauptstadt, so verbinden wir damit die Vorstellung einer von baulichen Großprojekten durchzogenen Stadtstruktur. Denken wir an den Potsdamer und den Leipziger Platz, an die Friedrichstraße und den Alexanderplatz, die Gegend um das Brandenburger Tor, das Regierungsviertel, die neuen Hochhäuser an der Gedächtnis-Kirche, den Hauptstadt-Flughafen (…), so scheint Berlin vor allem von jenen modernen Bauprojekten (im guten oder schlechten Sinne) gezeichnet zu sein. Doch die zahlreichen bauten der Kaiserzeit, die über die ganze Stadt verteilt zu finden sind, sind auch nach über hundert Jahren für das Stadtbild charakteristischer als diese solitären Neubau-Projekte.

In jener Zeit, als Berlin im Zuge der zweiten Industrialisierung und der Gründerzeit politisch, aber vor allem wirtschaftlich an Bedeutung gewann und sich zu einer der wichtigsten Metropolen auf dem europäischen Festland entwickelte, wandelte sich auch das Berliner Stadtbild radikal: Profan- und Sakralbauten, Mietshäuser und Industrieanlagen, Fabriken und Markthallen, Schulen und Krankenhäuser, Gründerzeit-Villen und Rathäuser, Gefängnisse und Brücken, Universitäten, Verwaltungsgebäude und Gerichte.

Das Berliner Stadtgebiet, wie wir es heute kennen, gibt es erst seit 1920. Damals wurden sechs kreisfreie Städte (Lichtenberg, Schöneberg, Neukölln, Charlottenburg, Spandau und Wilmersdorf), 59 Landgemeinden und 27 Gutsbezirke mit dem alten Berliner Stadtgebiet zu „Groß-Berlin“ zusammengelegt. So wurde Groß-Berlin von einen Tag auf den anderen mit 3,8 Millionen Einwohnern nach New York und London die bevölkerungsreichste Stadt der Welt.

Vorher jedoch war Berlin von jenen zahlreichen Gemeinden umgeben, die bis heute ihre Eigenständigkeit im Stadtbild erhalten haben und Berlin deshalb so einzigartig macht. So finden wir in den meisten früheren Gemeinden auch heute noch die Rathäuser, Kirchen und alten Dorfkerne aus der Zeit vor der Eingemeindung.

Die Gründerzeit war nicht nur mit einem immensen wirtschaftlichen Aufschwung verbunden, sondern auch mit einer starken Migrationsbewegung in Richtung der Großstädte, vor allem in Berlin. Berlin war Industriestandort, war „Elektropolis“, die Firmen Siemens und AEG wurden hier gegründet, errichteten hier im „Feuerland“ nahe des Oranienburger Tors und in Moabit ihre großen Produktionsstätten. Je mehr Arbeiter in die Stadt kamen, desto knapper wurde der Wohnraum. Es begann ein bislang beispiellose Bautätigkeit im Wohnungsbau.

Die Stadt wurde im großen Stil umgebaut, neue Stadtgebiete im Westen erschlossen. Bei dieser umfassenden Neuplanung wurde auch der Abriss von alter Bausubstanz billigend in Kauf genommen. In der Gründerzeit standen die Zeichen auf Expansion. Die führenden Architekten jener Zeit begleiteten die Stadt auf ihrem Weg in die Moderne. Ihre Bauwerke lassen sich auch heute noch über das gesamte Stadtgebiet verteilt finden.

Architektur ist begehbare Kunst. Der umbaute Raum wurde bewusst gestaltet und wirkt sich (bewusst oder unbewusst) auch auf seine Nutzer aus. Das gilt im Grunde für jedes Gebäude, auch für die heutigen; ganz besonders deutlich wird es jedoch, wenn man ein historisches Gebäude betritt: Hier sind wir aufmerksamer als bei den Neubauten, nehmen die Ornamentik der Fassaden, die großzügigen Treppenhäuser, die geschwungenen Linien und die Führung des Besuchers durch den umbauten Raum deutlicher wahr, als wir es in einem modernen Gebäude tun. Dabei entfaltet natürlich auch jeder moderne Bau seine Wirkung auf den Besucher wie auf den Nutzer.

Berühmte Architekten wie Alfred Grenander, Hermann Muthesius oder Alfred Messel haben zur Kaiserzeit in Berlin gebaut. Ihre Bauten gehören wie viele weitere zum kulturellen und architektonischen Erbe der Stadt. Ihre Bauwerke werden auch heute noch genutzt und prägen in der Tat bis heute nachhaltig das Berliner Stadtbild.

Die Bewahrung dieses architektonischen Erbes der Gründerzeit war nicht zu allen Zeiten selbstverständlich. Gerade in der Nachkriegszeit, in den 1960er und 1970er Jahren gab es eine allgemeine Tendenz in Architektur und Stadtplanung, die weniger auf Bewahrung der als historistisch verpönten Gründerzeit-Architektur als auf eine radikale Stadterneuerung im Sinne einer autogerechten und modernen Stadt setzten. Zum Glück haben die meisten Gebäude jene Phase relativ gut überstanden, nicht zuletzt, weil sich auch verstärkte Bürgerproteste für einen Erhalt der Altbaustrukturen stark machten. So konnten viele Altbaugebiete in Schöneberg und Kreuzberg, aber auch im Prenzlauer Berg und Friedrichshain, vor einer Kahlschlag-Sanierung gerettet werden.

Der vorliegende Bildband im Großformat besticht durch seine hervorragende Qualität. Die großen und vollfarbigen Abbildungen der hier präsentierten Bauwerke aus der Kaiserzeit sind ein wahrer Genuss für jeden Liebhaber historischer Architektur. Aber auch (und vor allem) der Berliner wird diesen Bildband mit Stolz durchblättern: Er hat diese Gebäude nicht gebaut, er hat somit eigentlich keinen Grund stolz zu sein, und doch ist es das beeindruckende Bild seiner Stadt, die hier in äußerst ansprechender Form gefeiert wird.

Die zahlreichen farbigen Abbildungen werden ergänzt durch einen sehr gut recherchierten und leicht lesbaren Begleittext, der eine Fülle an Hintergrundinformationen bietet und sowohl den ortskundigen als auch den ortsfremden Leser dazu animieren dürfte, sich selbst auf den Weg zu machen, um diese vielen architektonischen Schätze aus der Gründerzeit einmal mit eigenen Augen zu sehen und sie mit allen Sinnen zu erleben.

 

 

 

Autor: Matthias Barth
Titel: „Berlin der Kaiserzeit — Architektur 1871 – 1918“
Gebundene Ausgabe: 336 Seiten
Verlag: Michael Imhof Verlag
ISBN-10: 3731907194
ISBN-13: 978-3731907190

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