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Rezensionen von Büchern aus den Kultur- und Geisteswissenschaften

Alain de Botton, John Armstrong: „Wie Kunst Ihr Leben verändern kann“

Am: | Januar 19, 2018

Für Immanuel Kant war ein Kunstwerk etwas, an dem wir uns erfreuen und ihm mit einem „interesselosen Wohlgefallen“ begegnen. Doch Alain de Botton ist das zu wenig. Was wäre, wenn Kunst eine therapeutische Funktion hätte und das Potenzial, unser Leben zu verändern?

Botton möchte der Kunst gerne wieder eine Funktion geben. Ganz in der englischen Tradition der Praktischen Philosophie geht er von einem utilitaristischen Kunstverständnis aus: Ein Kunstwerk ist dann gut, wenn es einen Nutzen erfüllt, in dem Fall den Nutzen einer heilsamen und lebensverändernden Wirkung auf den Betrachter.

In ihrem Buch verfolgen Alain de Botton und John Armstrong einen funktionalistischen Ansatz in der Auseinandersetzung mit Kunst. Sie fragen: Was bedeutet dieses Kunstwerk für mich und meine aktuelle psychische Situation? Wie kann dieses Kunstwerk mein Leben verändern und bereichern? Wie kann es mir helfen und wie mich anleiten? — Diese ganz persönlichen Fragen an die Kunst unterscheiden sich fundamental von jener Haltung, die die meisten von uns einem Kunstwerk gegenüber einnehmen.

Wenn wir heute in den Museen Kunstwerke betrachten, so haben wir oft das Gefühl, die Werke nicht ausreichend zu verstehen, wenn wir nicht von fachkundiger Hand angeleitet werden. Das ist zwar nicht ganz falsch, und die Kunstgeschichte wäre als universitäre Disziplin völlig überflüssig, wenn es nichts Relevantes über ein Kunstwerk, seine Maltechnik, Provenienz und den kunstgeschichtlichen Kontext zu sagen gäbe, aus dem es entstanden ist; gleichzeitig ist aber diese typische Form der ehrfürchtigen Annäherung an Werke der Kunst doch eigentlich etwas, das lieber erst in einem zweiten Schritt erfolgen sollte. Zu allererst sollte ein Gemälde, eine Skulptur, eine Fotografie oder ein anderes Kunstwerk wirken, uns ansprechen, abstoßen, anziehen oder auch kalt lassen.

Die meisten zeitgenössischen Werke der Kunst der Gegenwart lassen den Betrachter ratlos und allein. Ein Großteil der Werke wird aus einem inneren kreativen Impuls heraus produziert. Diese Werke entstehen also, weil der Künstler seinen Gefühlen und Ideen aus eigenem Antrieb heraus Gestalt verleihen möchte — oder sich eben gerade im Gegenteil dafür entscheidet, gestaltlos und abstrakt zu malen. Auf jeden Fall sind seine Werke keine Auftragsarbeiten, sondern entspringen seiner Kreativität und Spontaneität.

Aber wäre nicht auch eine Kunst denkbar (und wünschenswert), die dem Künstler eine Aufgabenstellung an die Hand gibt, aus der heraus und für die er seine ganz eigenen kreativen Gestaltungen entwickelt, die dem Betrachter variable Interpretationsmöglichkeiten für das Verständnis unserer Welt und unseres Lebens präsentieren?

In vergangenen Jahrhunderten war Auftragskunst die Regel und nicht die Ausnahme. Die Kirchen und die Königshäuser zählten zu den Auftraggebern, aber auch reiche Kaufleute. Die Kirchenbauten sind voller biblischer Szenen, die die Macht der Kirche symbolisieren und die Gläubigen zu Demut und Folgsamkeit erziehen sollten. Kaiser, Könige, Fürsten und andere Adlige wiederum wollten mit den Kunstwerken, die für ihre Schlösser und Anwesen angefertigt wurden, vor allem beeindrucken und ihre weltliche Macht demonstrieren. Reiche Kaufleute schließlich sahen in den Kunstwerken vor allem eine Möglichkeit, ihr Ansehen als Bürger zu unterstreichen und sich als Förderer der Schönen Künste darzustellen.

Die kunstvolle Darstellung biblischer Szenen sollte aber nicht allein das Schönheitsempfinden der Betrachter wecken, sondern verfolgte ganz klar in erster Linie das Ziel der Glaubens- und Lebensanleitung. Die bemalte Decke in der Kuppel einer Kirche sollten den Betrachter unterweisen und beeindrucken, sollte ihn ermahnen und gleichzeitig erfreuen. Uns begegnet hier jene uralte Forderung, die bereits bei Horaz zu finden ist: die Kunst solle „prodesse et delectare“, nützen und erfreuen.

Heutige Kunst lässt hingegen den Betrachter sehr oft im Regen stehen, und wenn sie vielleicht noch erfreut, so ist ihr Nutzen darüber hinaus zumindest fraglich.

Für sein Projekt hat sich Alain de Botton prominente Unterstützung gesucht. John Armstrong ist ein britischer Schriftsteller, der in Australien lebt, Fellow an der University of Tasmania ist und mehrere erfolgreiche Bücher über philosophische Themen veröffentlicht hat. Beide haben sich nun der Frage angenommen, ob Kunst in der säkularen Welt von heute nicht in der Lage wäre, die verlorengegangene Stellung der Kirche als universaler Weltdeuter und Sinnstifter einzunehmen und die hilfsbedürftigen Seelen des modernen Menschen von ihrer transzendentalen Obdachlosigkeit zu erlösen.

Mit anderen Worten wollen beide Autoren die Kunst auf allen Ebenen ihres Erscheinens und Wirkens — in der Produktion, Präsentation und Rezeption — wieder zurückführen zu einer heilsamen Gestaltung, die Menschen anspricht, sie dort abholt, wo sie gerade im Leben feststecken, ihnen Linderung verschaffen, Möglichkeitsräume eröffnen und alternative Lösungsvorschläge für ihre Probleme machen.

Was ziemlich kompliziert klingt, lässt sich ganz einfach in einem Satz zusammenfassen: Die Autoren schlagen vor, Kunst in erster Linie als Therapeutikum zu verstehen und nicht als Forschungsgegenstand für kunstwissenschaftliche Studien. Natürlich ist gegen eine akademische Beschäftigung mit der Kunst in allen ihren Facetten überhaupt nichts einzuwenden, ganz im Gegenteil. Allerdings macht die Überbetonung der kunstgeschichtlichen Aspekte in den musealen Präsentationen auch Probleme: „Eine signifikante, wenngleich weniger offensichtliche Prämisse der akademischen Forschung lautet: Die Botschaft des Werks ist kompliziert und schwer verständlich. Beides erfordert eine Menge Wissen.“ — Dies mag durchaus den Tatsachen entsprechen, sollte aber der Rezeption der Werke durch den Museumsbesucher nicht im Wege stehen, was jedoch leider meistens der Fall ist.

Auch de Botton und Armstrong sind der Ansicht, dass gerade diese kultur- und kunstwissenschaftliche Analyse von Kunstwerken, welche das Werk in seiner Entstehungszeit verortet, dem Betrachter eine Fülle an Informationen über die gesellschaftlichen und politischen Rahmenbedingungen sowie über die biografischen Hintergründe des Künstlers gibt, das Werk in Korrelation zu anderen Werken setzt usw. — in den Museen zu sehr im Vordergrund und somit einer ungestörten und unvoreingenommenen Rezeption durch den Besucher im Wege steht.

Die Frage, die an ein Kunstwerk im Museum gestellt werden sollte, ist nicht: Wer hat es wann gemalt und wie lautet sein Titel? Die Frage sollte auch nicht lauten: Was sagen die Fachleute über die Allegorien und die bildliche Symbolik? Vielmehr sollte die Frage an das Kunstwerk lauten: Was sehe ich und (wie) kann dieses Kunstwerk mein Leben verändern? — Sie schreiben: „Stellen wir uns eine säkulare Welt vor, in der eine der entscheidenden Bestrebungen der Kunst darin bestünde, ein Spiegel für Schmerzen zu sein. Dies wäre gebunden an eine psychologische Aufgabenstellung, die auf ihre Art genauso sinnvoll und inhaltlich reich wäre“ wie vor Jahrhunderten die theologische Aufgabenstellung der Kirche an einen Maler der Renaissance.

Die Wirkung eines Kunstwerks im Museum ist nicht zuletzt auch abhängig von seiner Hängung und den Werken in seiner Umgebung. Die übliche Präsentation von Kunstwerken in Museen folgt der Chronologie der Kunstepochen: von den „Altarbildern des Mittelalters“ über die „Malerei der italienischen Renaissance“ zur „Französischen Barockmalerei“ usw.

„Ambitionierter und auch zuträglicher wäre es, die Werke entsprechend den Sorgen, die unsere Seele plagen, zu arrangieren und Objekte zusammenzubringen, die sich, unabhängig von ihrer zeitlichen und räumlichen Herkunft, mit den Krisengebieten der menschlichen Existenz befassen.“

In ihrem Buch widmen sich die beiden Autoren sehr intensiv der Frage nach dem Sinn und den Aufgaben von Kunst in einer säkularisierten Gesellschaft. Sie finden sieben Funktionen der Kunst, die sie für wesentlich halten: „Der Zweck solcher Kunstwerke wäre es, die Erinnerung wachzuhalten, Hoffnung zu spenden, dem Leiden zu Nachhall zu verhelfen und ihm Würde zu verleihen, inneres Gleichgewicht zu spenden, ein Wegweiser zu sein, Selbsterkenntnis und Kommunikation zu fördern, den Horizont zu erweitern und Wertschätzung zu bewirken.“

Dementsprechend würde sich auch eine Auftragskunst aus diesen sieben Hauptthemen ergeben. Am Ende ihres Buches legen die Autoren einen Anforderungskatalog vor, in dem sie stichwortartig formulieren, wie eine solche Hinwendung zu einer neuen Funktionalisierung der Kunst vorstellbar wäre.

Es geht in diesem Buch um die Funktion der Kunst als Therapeutikum. Das Buch ist bereits 2016 bei Phaidon auf Englisch erschienen (Originaltitel: Art as therapy) und nun in deutscher Übersetzung bei Suhrkamp von Christa Schuenke. Am Ende gibt es aber doch noch einen kleinen Punktabzug, und es muss noch etwas zur Materialität des Buches gesagt werden: Es wurde in Hong Kong gedruckt, wahrscheinlich wie das englische Original, und es punktet durch seine zahlreichen Abbildungen, die auch sehr detailreich und farbgetreu reproduziert sind.

Allerdings ist die Papierqualität gewöhnungsbedürftig und schmälert den ansonsten wirklich hervorragenden Gesamteindruck dieser interessanten und schlauen Studie beträchtlich. Das starre und widerspenstige Papier erinnert bei der Lektüre an ein preiswertes Kinderbuch, das man schnell wieder aus den Händen legt; hier wäre dünneres Papier, vielleicht sogar die Wahl einer gestrichenen Qualität, eine sinnvolle und auch zu vertretende Mehrinvestition gewesen, die den inhaltlichen Wert dieser hervorragenden Publikation mit einer entsprechenden materialen Wertigkeit in Übereinstimmung gebracht hätte. Vielleicht kann man das bei einer nächsten Auflage nachholen.

 

 

Autor: Alain de Botton, John Armstrong
Titel: „Wie Kunst Ihr Leben verändern kann“
Taschenbuch: 240 Seiten
Verlag: Suhrkamp Verlag
ISBN-10: 3518468014
ISBN-13: 978-3518468012

 

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