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Rezensionen von Büchern aus den Kultur- und Geisteswissenschaften

Philipp Ther: „Die Außenseiter — Flucht, Flüchtlinge und Integration im modernen Europa“

Am: | November 10, 2017

Die Flüchtlingskrise, die Flüchtlingswelle, der ungebremste Zustrom von Ausländern, die unser Land mit fremden Einflüssen konfrontieren, die Zuwanderung, Umvolkung usw. — All diese pejorativen Wortschöpfungen und abwertenden Beschreibungen eines vermeintlich ungesteuerten und überwältigenden Prozesses verfolgen nur ein einziges Ziel: das Schüren von Ängsten.

Wer bislang glaubte, dass Migration ein vergleichsweise junges Phänomen und dass sie immer ein Unglück für das eigene Land ist, wird durch Philipp Thers großartige Studie zur Flucht und Integration im modernen Europa eines Besseren belehrt.

Wir reden an dieser Stelle bewusst nicht von jenen Völkerwanderungen, die uns allen im Geschichtsunterricht begegnet sind, als es dort um die Zeit des Frühmittelalters ging. In diesem Buch geht es vielmehr um die zahllosen Flüchtlingswellen, die aus religiösen, wirtschaftlichen, politischen oder anderen Gründen seit dem Beginn der Neuzeit (1492) immer wieder über Europa hinwegzogen.

Ob man die Hugenotten nimmt, die als Religionsflüchtlinge nach Preußen kamen, oder die Vertreibung der Osmanen aus Ungarn durch die Habsburger, ob es um die Flucht vor den Guillotinen der Französischen Revolution, vor den Kriegswirren des Ersten oder Zweiten Weltkriegs geht, ob die Menschen aufgrund religiöser, rassistischer oder anderer Begründungen verfolgt wurden: Immer ging und geht es um Minderheiten, die vertrieben, verfolgt, mit dem Tode bedroht werden und sich und ihr Leben retten wollen.

Letztlich sind Flucht und Vertreibung nur zwei Perspektiven auf denselben gesellschaftlichen Prozess. Es geht immer um Exklusion und Inklusion: Was die Gruppe (das Volk, die Bürger, die Bevölkerung) zusammenschweißt, ist oftmals nur die Ausgrenzung der/des Fremden. Indem das fremdartige beseitigt oder vertrieben wird, scheint sich der absurde Traum von einer hermetischen und homogenen Gesellschaft zu erfüllen. Die Geschichte hat jedoch immer wieder bewiesen, dass eine solche Homogenität des „Volkskörpers“ (wie es z.B. im nationalsozialistischen Wortschatz hieß) weder möglich noch sinnvoll ist. Auch biologisch gesprochen, ist ein Genpool nur dann „erfolgreich“, wenn er möglichst diversifiziert ist.

Während Ausgrenzung, Benachteiligung und Vertreibung bzw. Vernichtung (Phänomene, die letztlich nur graduell zu unterschieden sind) eine Minderheit früher oder später zur Flucht zwingen, ist das Land oder die Region, in die solche Flüchtlinge auf ihrer Flucht ankommen, vor andere Aufgaben gestellt. Hier geht es um die frage, wie mit den Fremden, den Neuankömmlingen umzugehen ist. Betrachtet man sie als eine vorübergehende Erscheinung und gewährt man ihnen ein Gastrecht? Oder stellt man sich auf einen dauerhaften Zustand der Zuwanderung ein und gewährt man ein Bleiberecht?

Ab einer gewissen Anzahl von Flüchtenden, die dauerhaft im Land bleiben und hier eine neue Existenz aufbauen wollen, stellt sich die Frage nach der Integration. Wobei der Begriff der Integration weder wertfrei noch als eine „Einbahnstraße“ zu verstehen ist: Wer von einer Integrationspflicht für Fremde spricht, träumt von einer monolithischen Gesellschaftsstruktur, in der unumstößliche Werte und Regeln gelten. Mit anderen Worten, er erliegt einer Illusion, der Illusion einer statischen und unveränderlichen Gesellschaft und Kultur. Doch gerade eine solche Unveränderlichkeit wäre für jede Kultur ein Todesurteil, denn Kultur ist ein Prozess und kein Zustand.

Wer hingegen Integration als eine beidseitige Verpflichtung sowie als eine Chance für Veränderung und Verbesserung gesellschaftlicher und kultureller Spielregeln begreift, als einen ergebnisoffenen Prozess gegenseitiger Annäherung, der hat verstanden, dass moderne Gesellschaften alles Andere als homogene Strukturen sind, sondern hochdynamische und flexible Gestaltungsräume soziokultureller Absprachen.

Philipp Ther zeigt in seiner gut recherchierten und sehr weit ausgreifenden Studie, wie sich Flucht und Integration, Migration und gesellschaftlicher Wandel wechselseitig beeinflussten. Im großen Bogen vom Beginn der Neuzeit bis in die jüngste Vergangenheit zeigt er in diesem Buch, dass Flucht und Migration als ständige Begleiter der gesellschaftlichen und kulturellen Entwicklungen zu begreifen — ja, sogar als ein integraler Bestandteil dieser dynamischen Austauschprozesse zu verstehen sind.

Der Autor ist Professor für Osteuropäische Geschichte an der Universität Wien. Seine Abhandlung Die neue Ordnung auf dem alten Kontinent. Eine Geschichte des neoliberalen Europa wurde 2015 mit dem Sachbuchpreis der Leipziger Buchmesse ausgezeichnet.

Der Text dieser Abhandlung ist gut lesbar und bietet auch dem interessierten Laien einen vielschichtigen und umfangreichen Zugang zur historischen Betrachtung jener Phänomene der Flucht und Migration, von denen viele heute denken, dass es sich um ganz neue Phänomene handelt. Wer dieses Buch gelesen hat, weiß es besser!

 

 

Autor: Philipp Ther
Titel: „Die Außenseiter — Flucht, Flüchtlinge und Integration im modernen Europa“
Gebundene Ausgabe: 436 Seiten
Verlag: Suhrkamp Verlag
ISBN-10: 3518427768
ISBN-13: 978-3518427767

 

 

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