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Rezensionen von Büchern aus den Kultur- und Geisteswissenschaften

Heinrich August Winkler: “Zerbricht der Westen? — Über die gegenwärtige Krise in Europa und Amerika“

Am: | November 9, 2017

Angesichts der weltpolitischen Lage, den zahlreichen Wahlerfolgen rechtspopulistischer Bewegungen in den USA und Europa sowie der damit einhergehenden allgemeinen Ratlosigkeit der demokratischen Kräfte wäre es ein deutliches Zeichen von Ignoranz, nicht von einer Krise des Westens zu sprechen. Nimmt man dann noch die Finanzkrise, die Flucht- und Migrationsbewegungen hinzu und betrachtet all diese Entwicklungen vor dem Hintergrund einer sich aufgrund von Untätigkeit zweifellos anbahnenden globalen Klimakatastrophe, so muss man konstatieren, dass wir uns in einer Krisenlage befinden, wie sie seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs in der westlichen Welt nicht erlebt wurde.

Heinrich August Winkler gilt als einer der renommiertesten Historiker unserer Zeit. Zurecht darf man den 1938 in Königsberg Geborenen als den „Grand Seigneur“ der deutschen Geschichtswissenschaft bezeichnen. Zahlreiche Preise und Auszeichnungen begleiten den Lebensweg des seit 2007 emeritierten Professors für Neueste Geschichte an der Humboldt-Universität. Seine Veröffentlichungen thematisieren immer wieder – wie könnte es anders sein? – die deutsche und europäische Geschichte des 20. Jahrhunderts bis in unsere jüngste Gegenwart.

In dem vorliegenden Buch unternimmt Winkler eine Analyse der jüngsten politischen und gesellschaftlichen Entwicklungen. Hierbei kommt er zu dem Schluss, dass der Westen zwar nicht zerbricht, wie der Titel suggeriert, wohl aber in einer der schwersten Krisen steckt, die jemals die westliche Hemisphäre geschüttelt haben. Besonders gefährlich ist die aktuelle Krise, weil es sich um eine Sinnkrise handelt.

Die Demokratien westlicher Bauart haben plötzlich ein Legitimationsproblem, wie es scheint. Ebenso ergeht es der Europäischen Union, die von ihren Kritikern als zu zentral, zu bestimmend, zu inflexibel angesehen wird. In Teilen mag diese Kritik berechtigt sein; im Großen und Ganzen ist das europäische Projekt aber ein großartiges Erfolgsmodell, das historisch einzigartig ist: ein Friedensmodell für den gesamten Kontinent, die Vollendung einer westlichen und den Gedanken der Aufklärung verpflichteten Idee.

Winkler hat 2015 mit dem Schreiben dieses Buches begonnen. Er versteht es als die logische Fortführung seiner abgeschlossenen vierbändigen Geschichte des Westens. Der Autor schreibt hierzu: „Was schon im Herbst 2015 offen zu Tage lag, war die Krise der Europäischen Union — eine Krise, die bei genauer Betrachtung aus mehreren Einzelkrisen besteht: der Legitimations- und Vertrauenskrise der europäischen Institutionen, die bis auf den Anfang 1992 unterzeichneten Vertrag von Maastricht zurückgeht, der Krise er Eurozone, die ihren tieferen Grund im Fehlen einer gemeinsamen Haushaltskultur der beteiligten Staaten hat, und der Krise um den Umgang der EU mit Mitgliedsstaaten, die sich als ‚illiberale Demokratien‘ verstehen und damit gegen die grundlegenden Werte der Europäischen Union stellen, wie sie unter anderem in den Kopenhagener Beitrittskriterien von 1993 niedergelegt sind.“

Als ob dies nicht schon genug Probleme sind, die sich der europäischen Idee stellten, nahmen die „zentrifugalen Kräfte innerhalb der EU“ in jenem Herbst durch die Verstärkung der Flüchtlingswellen nach Europa und vor allem nach Deutschland deutlich zu. Die Krise wurde verschärft, und Deutschland als das größte und wirtschaftlich stärkste Land der Europäischen Union war zunehmend isoliert.

Das Erstarken nationalpopulistischer Bewegungen und deren Abbildung in großen Wahlerfolgen in vielen europäischen Mitgliedsstaaten trug und trägt immer mehr zu einer Zersplitterung der europäischen Gemeinschaft, zu politischen Alleingängen einzelner Länder und zu einer immer lauter werdenden Kritik an der EU-Politik in Brüssel bei.

Doch der Westen hört nicht an den EU-Grenzen auf. Auch in den USA hat sich mit der überraschenden Wahl des „radikal nationalistischen Republikaners“ Donald Trump zum 45. Präsidenten der Vereinigten Staaten etwas Grundlegendes geändert. Die transatlantischen Beziehungen erfuhren durch diese Wahl die „tiefste Zäsur seit 1945“, wie der Autor feststellt. In Anbetracht dieser Lage muss man auch neu über diese transatlantischen Beziehungen nachdenken. Die Beantwortung der Frage, ob das westliche Bündnis daran zerbricht, hängt nicht zuletzt davon ab, wie Europa selbst mit seiner eigenen Krise umgeht.

Nur wenn es gelingt, die europäische Gemeinschaft zusammenzuhalten und in wichtigen Fragen, wie der Flüchtlings-, Wirtschafts- und Verteidigungspolitik, mit einer Stimme zu sprechen, können „die europäischen Demokratien mit vereinten Kräften dazu beitragen […], dass die Werte des Westens die Präsidentschaft von Donald Trump überleben“.

Die westlichen Demokratien drohen nicht zuletzt an ihrer eigenen Freiheit zu zerbrechen. Es ist jene Offenheit des Diskurses, die Verpflichtung zum Respekt gegenüber den Andersdenken, die Toleranz gegenüber anderen Kulturen sowie der Schutz von Minderheiten, die nun den Demokratien zum Problem werden. Denn diese Minderheiten, die jetzt das demokratische haus untergraben — die Ultranationalisten, die Rechtspopulisten und die religiösen Fundamentalisten — bedienen sich alle der in einer Demokratie garantierten Rechte auf Meinungsfreiheit und freie Meinungsäußerung, um aktiv gegen die Demokratie vorzugehen.

In einer repräsentativen Demokratie, wie in Deutschland, sind die Parteien im Parlament als Stellvertreter der Gesamtheit der Bürger mit der Aufgabe betreut, die Staatsgeschäfte im Sinne des Volkes, also seiner Mehrheit, zu führen. Mehrheiten und Öffentliche Meinung sind in diesem Zusammenhang immer Variablen, die auf Konsens basieren und Kompromissbereitschaft voraussetzen. Beides wird von den neuen Rechten und anderen extremen Kräften missachtet.

Wenn es um die Geschichte des Westens geht, so ist Heinrich August Winkler ohne Zweifel einer der belesensten und weitsichtigsten Experten zu diesem Thema. Dementsprechend darf man auch seinem Urteil trauen, dass sich der Westen auf beiden Seiten des Atlantiks zwar in einer tiefen Krise befindet, diese jedoch aus eigener Kraft zu bewältigen in der Lage ist. Somit ist dieses Buch trotz aller kritischen Analysen und alarmierenden Fakten ein optimistisches Buch. Es ist ein vorsichtiger, verhaltener Optimismus, der sich aus der Hoffnung speist, dass die demokratische Mehrheit der Europäer noch rechtzeitig erkennt, welche Werte sie verbinden, welche Kraft und Macht sie haben, den antidemokratischen, antieuropäischen und nationalpopulistischen Bestrebungen Einhalt zu gebieten.

 

Autor: Heinrich August Winkler
Titel: “Zerbricht der Westen? — Über die gegenwärtige Krise in Europa und Amerika“
Gebundene Ausgabe: 493 Seiten
Verlag: C.H.Beck
ISBN-10: 3406711731
ISBN-13: 978-3406711732

 

 

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