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Athena Panteos u. Tim Rojek (Hg.): „Texte zur Theorie der Geisteswissenschaften“

Am: | November 23, 2016

Athena Panteos u. Tim Rojek (Hg.): „Texte zur Theorie der Geisteswissenschaften“Die Entwicklung der Geisteswissenschaften war und ist eng mit dem Diskurs über ihre theoretische Fundierung verbunden. Wenn man einen historischen Blick auf die Geisteswissenschaften wirft, so lassen sich drei Entwicklungsphasen identifizieren, die in diesem Sammelband auch hinreichend mit entsprechenden Texten zur Theorie der Geisteswissenschaften abgedeckt werden. Es geht, das muss ausdrücklich betont werden, nicht um eine historische Entwicklung der Geisteswissenschaften selbst, sondern um die Zusammentragung zentraler Texte, die die historische Entwicklung der Theorie der Geisteswissenschaften belegen.

In einer ersten vorwissenschaftlichen Phase beschäftigte man sich zwar durchaus mit geisteswissenschaftlichen Themen sowie mit einer Theorie der geisteswissenschaftlichen Disziplinen, ohne diese Bezeichnung Geisteswissenschaft zu verwenden. So befasste sich schon Aristoteles als erster bedeutender Philosoph der griechischen Antike in seiner Metaphysik mit dem ordnenden Versuch einer wissenschaftlichen Systematik. In Abgrenzung zu den Naturwissenschaften, die ebenfalls von ihm eine erste grundlegende Ordnung erfuhren, betrieb er in erster Linie Philosophie – von der Naturphilosophie über die Metaphysik bis zur Lebenskunst. Aristoteles darf als ein wichtiger Vorbereiter für jene Unterscheidung zwischen Natur- und Geisteswissenschaften gelten, wie sie viele Jahrhunderte später in der Moderne vorgenommen wurde.

Das Novum Organum von Francis Bacon, das Liber Metaphysicus von Giambattista Vico, Montesquieus L´esprit de lois sowie Ampères Essai de la philosophie des sciences werden hier in relevanten Auszügen in deutscher Übersetzung abgedruckt. Was diese Texte verbindet, ist ihre theoretische Auseinandersetzung mit denjenigen Wissenschaften, die damals noch nicht als eine eigenständige Wissenschaftsgruppe etabliert waren. Die wissenschaftliche Eigenbedeutung kultureller Artefakte und menschlicher Institutionen war auch jenen Autoren, vor allem Vico, bewusst, doch eine Ausdifferenzierung einzelner Geisteswissenschaften hatte noch nicht stattgefunden.

Erst mit John Stuart Mill darf man den Beginn einer Etablierung der Geisteswissenschaften ansetzen. Sein grundlegender wissenschaftstheoretischer Aufsatz A System of Logic (1843) darf als die Geburtsstunde der moral sciences gelten. Mill wollte zeigen, dass die so genannten moral sciences keiner eigenständigen Methoden bedürften, sondern dass kulturelle genauso wie natürliche Phänomene mit Hilfe eines wissenschaftlichen Instrumentariums untersucht werden könnten.

Ab der Mitte des 19. Jahrhunderts wurden auch an den Universitäten neben den naturwissenschaftlichen Fächern jene neuen „Geisteswissenschaften“ (Philosophie, Geschichtswissenschaft, historische Hilfswissenschaften usw.) gleichwertig unterrichtet. Diese zweite Etablierungsphase der Geisteswissenschaften findet ihren Abschluss mit Wilhelm Dilthey, der mit seinem Text Der Aufbau der geschichtlichen Welt in den Geisteswissenschaften (1910) jene bis heute immer wieder zitierte Differenzierung formulierte, nach der es in den Naturwissenschaften um das Erklären, in den Geisteswissenschaften jedoch um das Verstehen von Phänomenen ginge.

Die dritte Etablierungsphase, die in diesem Sammelband mit Texten abgebildet wird, zieht sich bis in die heutige Zeit durch das 20. Jahrhundert. Nach der Etablierung der Geisteswissenschaften ging es in den Debatten vor allem um wissenschaftsethische Fragestellungen sowie um eine Diskussion der internen Methodenvielfalt einzelner Zweige der Geisteswissenschaften. So sind in diesem Band Texte von Ernst Cassirer, Hans-Georg Gadamer, Jürgen Habermas über Odo Marquard bis zu Axel Honneth vertreten, die das breite Spektrum jener Diskurse reflektieren.

Wie bei den kleinen Reclam-Büchern üblich, sind alle Texte sauber lektoriert und auf dem aktuellen Stand der editorischen Forschung. Die nützliche und gut geschriebene Einleitung bietet einen leichten Einstieg in die Materie der Wissenschaftstheorie und macht Lust auf die Lektüre der folgenden Originaltexte. Somit schließt der vorliegende Sammelband eine weitere Lücke in der mittlerweile zu einem beachtlichen Umfang herangewachsenen Sammlung von Texten und Textauszügen zu wissenschaftlichen Themenbereichen.

Dieser Band dürfte schon bald seinen Weg auf die Leselisten für Erstsemester der meisten geisteswissenschaftlichen Fächer finden, denn er bietet einen grundlegenden Text-Fundus für eine wissenschaftliche Beschäftigung mit der Geschichte der Theorie der Geisteswissenschaften.

 

Autor: Athena Panteos u. Tim Rojek (Hg.)
Titel: „Texte zur Theorie der Geisteswissenschaften“
Taschenbuch: 315 Seiten
Verlag: Reclam, Philipp, jun. GmbH
ISBN-10: 3150193532
ISBN-13: 978-3150193532

 

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