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L. J. Müller: „Sound und Sexismus — Geschlecht im Klang populärer Musik. Eine feministisch-musiktheoretische Annäherung“

Am: | August 7, 2018

Es gibt Gesangsstimmen, die klingen einfach sexy. Das ist aber nicht die Frage. Frauen wie Männer bedienen die gängigen Rollenklischees, seit es Vokalmusik gibt. Doch in unserer Gegenwart sind wir sensibler geworden, was die Verbindung von Sexualität und Macht betrifft, und wir achten sehr darauf, dass im zwischenmenschlichen Umgang Geschlechtergerechtigkeit herrscht.

Mit anderen Worten soll im Zuge der Gender-Politik ein allgemeines Bewusstsein für das „soziale Geschlecht“ (Gender — im Gegensatz zum biologischen Geschlecht (Sex)) geweckt werden, welches unser Zusammenleben stärker prägt, als viele es wahrhaben möchten.

Aus dieser Perspektive stellt sich natürlich die interessante Frage, inwieweit die Rollenklischees in der Popmusik bedient oder gar überstrapaziert werden. Denn was in diesem Bereich eine lange Tradition hat (die verführerische, lockende Frauenstimme, die raue und tiefe Männerstimme), kann auch schnell zum überzeichneten Stereotyp mutieren, welcher dann leicht die nahe Grenze zum Sexismus überschreitet und auf diese Weise gegen die Regeln einer gender-gerechten Form verstößt.

Die Musikhistorikerin L. J. Müller hat sich nun dieses bislang kaum erforschten Themas angenommen und befasst sich in ihrer Studie mit dem Verhältnis von „Sound und Sexismus — Geschlecht im Klang populärer Musik“. Im Untertitel nennt sie ihre Untersuchung eine „feministisch-musiktheoretische Annäherung“, und somit ist die Intention bereits klar vorgegeben.

Somit überrascht es nicht, dass sie im Rahmen ihrer Untersuchung zu dem Ergebnis kommt, dass die Popmusik-Industrie überwiegend männliche (Herrschafts-)Strukturen aufweist, wobei auch und gerade die Musik-Produktion eine solche männliche Dominanz bestätigt. Auch im Musik-Business ist hier noch viel Luft nach oben, wenn es um die Gleichberechtigung der Geschlechter geht.

Anhand von einzelnen Musik- und Fall-Beispielen gelingt es der Autorin mühelos nachzuweisen, dass die in der Popmusik produzierten Weltbilder oft dieselben alten Rollenbilder von Mann und Frau spiegeln, ja sogar noch ins Extreme steigern. Während die Literatur, das Theater, der Film und das Fernsehen bereits seit langer Zeit mit den Klischees spielen, sie brechen und zu überwinden versuchen, scheint in der Popmusik vieles noch beim Alten zu sein.

Rap-Musik gilt ihr als Parade-Beispiel einer sexistischen und frauenverachtenden Pop-Musik, die von stereotypen Männern gemacht wird, die alle Vorurteile bedienen: bullige Typen, laute und tiefe Stimme, Straßen-Sprache und eine Gestik, die kaum Fragen offen lässt.

Für ihre Arbeit konzentriert sich L. J. Müller vor allem auf die Form der Musik, also auf den Klang der Stimme und ihre Ausdruckskraft, und weniger auf den Inhalt. Wobei ja gerade in der Musik das eine vom anderen schwer zu trennen ist; denn wie viel Inhalt und Gefühl ist Musik (und somit auch eine Stimme) in der Lage zu transportieren!

Neben der Rap-Musik sind es aber auch Nirvana und Robbie Williams, die exemplarisch für Stimmen (und Stimmungen) stehen, die eindeutig als sexistisch zu kategorisieren sind. Rhythmik und Tonlage des Gesangs geben hier die Linie vor. Die männliche Stimme wird interessanterweise per se als „echt“ und als Norm empfunden, wie die Autorin mit Verweis auf mehrere Studien belegt.

Das ist erstaunlich, sagt aber auch eine Menge über Teile unseres Männer- und Frauenbildes aus, die in tiefen und sehr alten Verknüpfungen zu finden sind. Es sind vielleicht die uralten Klischees der verführerischen Frau und des sorgenden und kämpferischen Mannes, die in den „falschen“ bzw. „echten“ Stimmen zum Klingen kommen.

Für die weibliche Popmusik findet die Autorin ihre Protagonisten in Kate Bush, Kylie Minogue, Björk und Birdy. Während Kate Bush mit ihrer Stimme Intentionalität und Verführung verkörpert, bedient Kylie Minogue bereits eine fetischisierte und den Körper überbetonende Variante der Frauenstimme. Björk hingegen löst ihren Körper wieder in reinen Klang auf. Birdy schließlich dient der Autorin als Beispiel einer Frauenstimme, die auf dem Weg zu einer „echten“ Stimme ist, die sich emanzipiert auf eine Stufe mit den männlichen Stimmen stellt.

„Sound und Sexismus“ ist eine hochinteressante und sehr gut geschriebene Studie über eben jenen Zusammenhang von musikalischem Sound und Stimme und den durch sie transportierten sexistischen „Anklängen“. L. J. Müller schlägt mit ihrer interdisziplinären Untersuchung eine Brücke von der Gender-Forschung und den Kulturwissenschaften zur Musiktheorie. Man darf gespannt sein, wie diese Studie vom Wissenschaftsbetrieb aufgenommen und zu welchen weiterführenden Projekten es die Forschung anregen wird.

 

 

 

Autor: L. J. Müller
Titel: „Sound und Sexismus — Geschlecht im Klang populärer Musik. Eine feministisch-musiktheoretische Annäherung“
Taschenbuch: 204 Seiten
Verlag: Marta Press UG
ISBN-10: 3944442555
ISBN-13: 978-3944442556

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