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Anatol Stefanowitsch: „Eine Frage der Moral — Warum wir politisch korrekte Sprache brauchen“

Am: | April 6, 2018

Sie lesen die Rezension eines Bekehrten. Na ja, zumindest teilweise bekehrt. Wie vielen von uns ging mir auch lange Zeit die Forderung nach einem politisch korrekten Sprachgebrauch auf die Nerven. Ich hielt sie zwar grundsätzlich für richtig, jedoch in vielen Fällen einfach nur für überzogen und übertrieben korrekt. Dann fiel dieses Büchlein auf den Schreibtisch.

Der erste Reflex war: Na, dann wollen wir doch mal sehen, mit welchen Tricks mir dieser Autor die Vorzüge und Sinnhaftigkeit einer politisch korrekten Sprache verkaufen will. Doch schon nach ein paar Seiten musste ich feststellen: Da will mir gar keiner was verkaufen; sondern der Autor liefert zunächst eine sachliche Bestandsaufnahme.

Richtig interessant wurde es aber, als es zum Titel gebenden Thema — der Moral — kam. An diese nämlich knüpft der Autor die Frage nach dem Sinn einer Ausdrucksweise, die niemanden bewusst verletzt. Genau diese Verknüpfung ist aber das eigentlich Neuartige und Interessante an Stefanowitsch´ Kampfschrift für den Gebrauch der politisch korrekten Sprache.

Prof. Dr. Anatol Stefanowitsch ist Sprachwissenschaftler an der FU Berlin. Sprachpolitik und sprachliche Diskriminierung sind Themen, mit denen er sich täglich auseinandersetzt. Wer könnte also geeigneter sein, um über dieses in der Öffentlichkeit so kontrovers diskutierte Thema einer gerechten Sprache?

Stefanowitsch betrachtet das Sprechen als eine Handlung. Damit ist sie im sozialen Kontext automatisch den Regeln der Moralphilosophie unterworfen. Dort gibt es eine Goldene Regel, die besagt, dass wir uns anderen gegenüber so verhalten sollten, wie wir wünschten, dass sie sich uns gegenüber verhielten, wenn wir an deren Stelle wären. Eigentlich ganz einfach.

Übertragen auf den Sprachgebrauch ist damit einfach gesagt, dass wir andere nicht absichtlich diskriminieren sollten, indem wir sie mit Begriffen belegen, die sie verletzen könnten. — Sie wissen schon: Neger, Zigeuner usw. — Um eine solche Diskriminierung zukünftig zu vermeiden, sollten wir uns einfach vorstellen, wir wären an der Stelle des Anderen. Wie würde es uns dann dabei gehen, wenn wir so angesprochen oder bezeichnet würden?

Entscheidend ist bei diesem Gedankenspiel, dass wir ganz bewusst auf unsere eigene Meinung verzichten und sie nicht automatisch dem Anderen unterstellen! Der kann nämlich psychisch ganz anders gebaut sein als wir und ist vielleicht schon durch eine Äußerung verletzt, bei der wir selbst noch gar nicht zucken würden…

Letztlich ist die richtige Verwendung von Sprache eine Frage des Respekts den Anderen gegenüber. Hierfür benötigt man schon gewisse kognitive Fähigkeiten, schließlich handelt es sich um eine gewisse Transferleistung, die ein solch rücksichtsvolles Handeln erfordert.

Problematisch wird diese neue Sprachpolitik allerdings im Kontext literarischer Werke. Darf man den „Negerkönig“ aus einem Kinderbuch entfernen? Hat Goethes „Mohr“ seine Schuldigkeit getan und muss er gehen? — Die Kunst darf alles, sonst wäre es keine Kunst. Die Grenze zwischen einem literarischen Text für den Hausgebrauch — untere Unterhaltungsklasse oder banales Kinderbuch — und einem Text der Hochkultur ist fließend und wird je nach der geltenden Mode und Lesart und natürlich auch gemäß der jeweils geltenden Deutungshoheit neu verhandelt. In einen literarischen Text einzugreifen und einzelne Formulierungen zu ersetzen, weil sie gerade der aktuellen Sprachpolitik nicht entsprechen: Das erinnert an die dunklen Zeiten der Zensur.

Doch wie sieht es eigentlich mit den gender-gerechten Formulierungen für öffentliche Texte aller Art? — Die bislang gebräuchliche Form ist das so genannte generische Maskulinum, also die männliche Form, bei der die weibliche Form immer mitgedacht wird bzw. werden muss. Sind Frauen dadurch benachteiligt? Stefanowitsch meint: ja. Denn in dem generischen Maskulinum wurden die Frauen über Jahrhunderte „versteckt“; sie waren gezwungen, sich als Frauen immer als Angesprochene mitzudenken, wenn eine männliche Form der Ansprache gewählt wurde.

Die Universität Leipzig hat vor einer Weile den Spieß einfach mal umgedreht und ihre Satzung komplett und ausschließlich mit der weiblichen Anrede umformuliert. Liest man diesen Text als Mann, so wirkt er zunächst ein wenig seltsam; als Mann fragt man sich, ob man auch mitgemeint ist. So, meint der Autor, erginge es den Frauen ja ständig.

Ich habe meine Frau gefragt, ob das wirklich so ist. Sie zuckte nur mit den Schultern. Wo sei das Problem? Frauen sind viel empathischer als Männer und können sich besser auf Andere einstellen. Warum sollten sie also nicht auch in einem Text mit generischem Maskulinum sich selbst wiederfinden? Andere Befragte (Befragtinnen?) reagierten ähnlich, aber vielleicht ist diese kleine Umfrage im Bekanntenkreis auch nicht repräsentativ, und es gibt wirklich ganz viele Frauen, die sich ständig fragen (müssen), ob sie auch wirklich gemeint sind, wenn sie einen offiziellen Text im generischen Maskulinum lesen.

Wie auch immer, wir werden über die Jahre auch diese Hürde sicherlich noch nehmen. Ansonsten ist es eine gute Idee (und moralisch gut), politisch korrekt zu sprechen und nicht weiter andere Menschen mit überkommenen und fragwürdigen Ausdrücken zu stigmatisieren oder sie durch einen unreflektierten Sprachgebrauch zu diskriminieren.

 

 

Autor: Anatol Stefanowitsch
Titel: „Eine Frage der Moral — Warum wir politisch korrekte Sprache brauchen“
Taschenbuch: 64 Seiten
Verlag: Duden
ISBN-10: 3411743581
ISBN-13: 978-3411743582

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