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Rezensionen von Büchern aus den Kultur- und Geisteswissenschaften

Oliver Elser, Philipp Kurz, Peter Cachola Schmal (Hg.): „SOS Brutalismus — Eine internationale Bestandsaufnahme“

Am: | Februar 19, 2018

Kulturhistorisch betrachtet, suchte der Mensch zunächst in der Natur mit ihren machtvollen Phänomenen — Blitz und Donner, Feuer und Wasser, Sturm, Fluten und Dürre — nach dem Erhabenen und Gewaltigen. Die Sehnsucht nach Überwältigung scheint ebenso eine anthropologische Konstante zu sein, wie die Suche nach dem Höheren und Transzendenten.

Später in der Kulturgeschichte suchte der Mensch nach dem Erhabenen in der Kunst, in der Musik, der Literatur, in den Schönen Künsten, also in der Kultur selbst. Und heutzutage? In einer Welt, die ihren Zauber verloren hat und in der alles immer glatter und smarter wird — wo sonst könnten wir vor dem Gewaltigen und dem Überwältigenden in unserer Wirklichkeit besser und wohliger mit einem Schauer erfüllt werden, als im Angesicht von kolossalen Betongebilden, Parkhäusern, Einkaufszentren oder gigantomanischen Wohnsiedlungen?

Der Brutalismus ist ein Architekturstil der Moderne, der ab 1950 Verbreitung fand. Der Begriff geht zurück auf den französischen béton brut (roher Beton), mit dem Le Corbusier seinen bevorzugten Werkstoff beschrieb. Das war bereits 1947, und seitdem ist diese Architektur des Rohbeton-Bauens Streitthema großer Auseinandersetzungen.

Nach dem Zweiten Weltkrieg herrschte eine große Wohnungsnot. Der Krieg hatte die Städte verwüstet, und an einen Wiederaufbau der alten Architekturen war in den seltensten Fällen zu denken. Das Bauen mit Beton war billig und schnell, und so wurde Beton zum bevorzugten Baustoff der Architekten und Stadtplaner der 1950er Jahre. Architektur-Koryphäen wie Le Corbusier bauten Stilikonen jener Zeit, die wieder andere Architekten inspirierten, sich mit dem Betonbau auseinander zu setzen.

Während Le Corbusier und seine Anhänger den béton brut, den rohen Sichtbeton, favorisierten, gab es schon bald kritische Stimmen nicht nur von den Gegnern der Beton-Architektur, sondern auch aus den eigenen Reihen. Bereits 1953 hatte sich die Architektengruppe Team 10 gegründet, die später den Begriff Neuer Brutalismus als Abgrenzung von Le Corbusier prägte und auch anderen Materialien und Verblendungen für die Fassaden erlaubte.

Weltweit trat der Brutalismus seit den 1950er Jahren seinen Siegeszug an. Es wurden viele beeindruckende Bauwerke errichtet, deren Größe und Formen dem neuen Geschmack und dem Selbstbewusstsein jener Zeit entsprachen. Der Baustoff erlaubte eine sehr spielerische und freie Formgebung, und die Bauwerke konnten vergleichsweise kostengünstig und vor allem auch schnell errichtet werden, was dem Bauboom jener Jahrzehnte entgegenkam.

Doch niemals verstummten die Stimmen der Kritiker. Die Rohbeton-Bauwerke wurden schon bald mit jener zweiten Bedeutung identifiziert, die das Wort „brutal“ im Sprachgebrauch hat: Diese Monsterbauten nahmen in den meisten Fällen keinerlei Rücksicht auf gewachsene städtische Strukturen, sondern wurden als Monolithe „in die Landschaft gesetzt“. Wie Raumschiffe landeten sie auf einer Brache, egal ob vor den Toren der Stadt oder mitten im Stadtkern.

Vieles was in den 1950er bis 1970er Jahren gebaut wurde, entspricht nicht mehr den ästhetischen Ansprüchen unserer Zeit. Deshalb fielen viele Zweckbauten des Brutalismus den neuen Plänen von Stadtplanern zum Opfer, und der teilweise marode zustand vieler Betonbauten aus jenen Jahrzehnten bestärkte die Gegner in ihrem bestreben nach einem Abriss dieser Gebäude.

Gleichwohl gab es schon immer eine Fan-Gemeinde dieser Beton-Monster, und gerade in den letzten Jahren ist die Zahl der Anhänger des Brutalismus wieder gestiegen. Der Hilferuf gilt der Bewahrung und Rettung dieses kulturellen Erbes, um das es sich bei den brutalistischen Bauten zweifellos handelt. Ob man sie schön findet oder hässlich, ob beeindruckend oder bedrückend, sie gehören zur Architekturgeschichte und somit auch zur Kulturgeschichte des Bauens.

SOS Brutalismus ist das gemeinsame Projekt des Deutschen Architekturmuseums DAM in Frankfurt am Main mit der Wüstenrot Stiftung. Es geht zunächst um eine Bestandsaufnahme auf internationaler Ebene, also um die Erstellung einer Datenbank von Bauten des Brutalismus weltweit. Ein ehrgeiziges Projekt, welches bereits 2012 im Rahmen eines Symposiums zum selben Thema angestoßen wurde.

Die Herausgeber dieses beeindruckenden Bildbandes sind Peter Cachola Schmal, Oliver Elser und Philipp Kurz: Peter Cachola Schmal ist Direktor des Deutschen Architekturmuseums DAM. Oliver Elser ist Kurator am Deutschen Architekturmuseum DAM. Philipp Kurz ist Geschäftsführer der Wüstenrot Stiftung in Ludwigsburg und Honorarprofessor am KIT.

Jetzt ist im kleinen, aber feinen Kunstbuch-Verlag Park Books der wuchtige Katalog zusammen mit den Beiträgen des Symposiums von 2012 unter dem Titel SOS Brutalismus — Eine internationale Bestandsaufnahme erschienen. Der Katalog präsentiert sich als opulenter Bildband mit hervorragenden Architektur-Fotografien von bedeutenden architektonischen Beispielen des Brutalismus aus aller Welt.

Jedes Bauwerk wird mit einem möglichst vollständigen Datensatz aufgeführt und mit einer farbigen Markierung versehen, die den aktuellen Zustand beschreibt: blau für denkmalgeschützt, grau für in Nutzung, rot für bedroht und schwarz für abgerissen. Dass auch bereits nicht mehr existierende Bauwerke in die Datenbank aufgenommen wurden, zeugt von dem hohen wissenschaftlichen Ansatz dieses Projektes, welches sich ja nicht nur die Bestandsaufnahme, sondern vor allem die Rettung und Bewahrung dieser einzigartigen Bauwerke zur Aufgabe gemacht hat.

Auf über 500 Seiten werden dem Leser Rohbeton-Bauwerke aus der ganzen Welt vorgestellt. Hinzu kommen noch einmal die 180 Seiten des Textbandes mit den Beiträgen zum Berliner Symposium 2012. In diesen Beiträgen wird dem Leser die ganze Bandbreite der Auseinandersetzungen mit brutalistischer Architektur (im wahrsten Sinne) vor Augen geführt, ergänzt durch zahlreiche Fotos und Abbildungen. Die Beiträge beschäftigen sich vor dem historischen Hintergrund der Baukultur von 1945 bis in die Gegenwart mit den verschiedenen Aspekten dieses Architekturstils.

Dieser Doppelband ist nicht nur für Architekten und Stadtplaner interessant, sondern wird auch unter Kunsthistorikern und selbst unter Freunden und Liebhabern besonderer, ja teilweise sogar skurriler Architektur eine hoffentlich große Leserschaft finden. Der Buchpreis ist nicht ganz billig, aber die exzellente Druckqualität sowie die Einzigartigkeit dieser Sammlung rechtfertigen den Preis dieses beeindruckenden Bildbandes. — Ein Buch zum Staunen zu einem wichtigen Thema, über das wir alle nachdenken sollten: die Bewahrung historischer Bauten der Moderne, die Teil unserer Geschichte sind, auch wenn sie uns heute Lebende vielleicht nicht mehr ästhetisch ansprechen.

Auch der architektonische Geschmack ist dem Wechsel der Moden unterworfen. Was wir heute als schön empfinden, wird morgen schon die Stempel veraltet und hässlich tragen; dennoch sollten wir nicht immer gleich an Abriss denken, wenn uns etwas Altes nicht mehr gefällt. Für die Architektur gilt dasselbe wie für andere Kulturgüter: Häuser umgeben uns und bilden zusammen mit Straßen und Plätzen ein Stadtbild. Dieses Stadtbild ist immer wieder Veränderungen unterworfen, wie ein Text, der immer wieder neu geschrieben wird. Jede Überschreibung verändert auch das Gesamtbild.

Was als Notwendigkeit einer dynamischen Zeit angesehen wird, die permanente Selbsthäutung der Stadt, darf dennoch nicht zu einer wilden und entgrenzten Abrisswut mutieren. Ebenso wenig wie wir heute Zeugen eines Bildersturmes werden möchten, sollten wir uns zum Abriss von Gebäuden hinreißen lassen, aus dem einfachen Grund, weil sie uns nicht mehr gefallen. Auch und gerade die Bauten des Brutalismus gehören zum kulturellen Erbe der Architektur der Nachkriegszeit. Sie sind also ein Teil unserer Geschichte und Ausdruck des ästhetischen Empfindens ihrer Entstehungszeit. Dies anzuerkennen und diese Bauten für die Nachwelt zu bewahren, war und ist Anliegen und Aufgabe dieses internationalen Architektur-Projekts.

 

 

Autor: Oliver Elser, Philipp Kurz, Peter Cachola Schmal (Hg.)
Titel: „SOS Brutalismus — Eine internationale Bestandsaufnahme“
Gebundene Ausgabe: 716 Seiten
Verlag: Park Books
ISBN-10: 3038600741
ISBN-13: 978-3038600749

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