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Rezensionen von Büchern aus den Kultur- und Geisteswissenschaften

Wilhelm Weischedel: „Die philosophische Hintertreppe — Die großen Philosophen in Alltag und Denken“

Am: | Juli 7, 2017

Es gibt Bücher, die sind für den eigenen Lebensweg entscheidend. Nach ihrer Lektüre ist nichts mehr, wie es war. Für manche gilt das nur in Bezug auf literarische Werke, andere fühlen sich auch durch Sachbücher in einer tiefen und sonderbaren Weise berührt, die ihre Sicht auf die Welt verändern, und damit auch den Verlauf ihres Lebens.

Für mich war jenes vorliegende Buch von Wilhelm Weischedel der Auslöser meines Interesses für Philosophie. Erstmals gelesen mit etwa fünfzehn Jahren, eröffnete mir seine Sammlung von Philosophen-Portraits eine Welt des Geistes, eine Welt des Fragens nach den Dingen, ihren Erscheinungen und den Dingen-hinter-den-Dingen, kurzum: die Welt der Philosophie. Letztlich mag dieses Buch auch jene Richtungsänderung bewirkt haben, zu deren Auswirkungen ein Studium der Philosophie und Kulturwissenschaften zählten, bis hin zu meiner heutigen Tätigkeit als Rezensent und Kulturkritiker.

„Die philosophische Hintertreppe“ ist ein Klassiker, und als solcher gehört er in dieselbe Kategorie wie Gustav Schwabs „Sagen des klassischen Altertums“ oder Egon Friedells „Kulturgeschichte der Neuzeit“. Erstmals erschienen 1966 bei der Nymphenburger Verlagshandlung, wurde es schnell zu einer beliebten Einführung in die Philosophiegeschichte, und erscheint nun in der fünften Auflage bei Lambert Schneider.

Wilhelm Weischedel (1905 – 1975) war Professor für Philosophie an der FU Berlin. Er war Existenzialist und Skeptizist, und als Geisteswissenschaftler der 1950er und 1960er Jahre stand er auf der Seite der Guten; ein wichtiges Thema war für ihn u. a. die Aufarbeitung des Nationalsozialismus.

Wie Wikipedia schreibt, war Weischedel der Überzeugung, „dass das tiefste Wesen der Wirklichkeit deren radikale Fraglichkeit ist. Die Wirklichkeit und auch das menschliche Leben müssten als ein fragliches Schweben zwischen Sein und Nichtsein, zwischen Sinn und Sinnlosigkeit verstanden werden. Der Mensch als radikal Fragender darf sich mit keiner Antwort zufriedengeben, sondern muss in einem offenen Skeptizismus immer weiterfragend der Fraglichkeit standhalten.“

Dieses fragliche Schweben findet sich auch in Weischedels Texten, und auch in der „Philosophischen Hintertreppe“ als omnipräsenter Subtext wieder. Das Schöne an diesen 34 Philosophen-Portraits ist gerade ihre Offenheit, ihr Schweben in einer Zwischensphäre zwischen Wirklichkeit und Traumwelt. Doch das wirklich Zauberhafte an diesen Lebensbeschreibungen ist die Verbindung von Leben und Werk.

Die Lebenswelt der Philosophen ist von einer Aura des Geistes umgeben. In jener dichten Atmosphäre des tiefen Denkens und Hinterfragens entstehen jene unterschiedlichen Deutungsversuche der Welt, die ihrerseits wieder das Denken der folgenden Philosophen beeinflussen. Das Philosophenleben ist einsam oder gesellig, gezeichnet von Kämpfen oder begünstigt durch glückliche Umstände, kurz oder lang —, aber es ist immer ein besonderes Leben, ein Leben, das Sinn macht und seinen Sinn in der philosophischen Praxis gefunden hat.

Was der Leser aus diesen philosophischen Betrachtungen lernen kann? Zum einen ist der Weg über die Hintertreppe, die Weischedel für seine Lebens- und Werksbeschreibungen wählt, ein besonderer. Durch ihn ist garantiert, dass wir dem Philosophen als Menschen so nahekommen, wie sonst kaum ein Anderer. Die Hintertreppe ist den Dienstboten vorbehalten, den Lieferanten oder auch dem heimlichen Geliebten; wer hier ins Haus kommt, dringt leicht bis zum Kern vor, und er erfährt auch alle Neuigkeiten aus erster Hand.

Der scheinbare Umweg über den Alltag und die alltäglichen Sorgen der Philosophen lässt uns ihn nicht nur als Menschen kennenlernen, sondern macht auch den Zugang zu seinem Lehr- und Theoriegebäude einfacher. Theorie wird greifbarer, philosophische Modelle werden leichter verständlich, wenn wir sie nicht als blutleere theoretische Gerippe und als bloße Denkkonstruktionen zu verstehen suchen, sondern wenn sie mit dem Fleisch und Blut eines lebendigen Menschen und mit den Lebenserfahrungen seiner Zeit gefüllt sind.

Als eine Einführung in die Philosophie und ihre Geschichte ist „Die philosophische Hintertreppe“ nach wie vor eine der fruchtbarsten Lektüren für junge Menschen und solche, die es wieder werden wollen. Denn wer sich seines Verstandes bedient, bleibt jung. Doch gerade für den jungen Leser kann dieses Buch die Tür zu einer neuen und unbekannten Welt öffnen: einer Welt des Geistes und der philosophischen Lebenspraxis. Deshalb gehört „Die philosophische Hintertreppe“ nach wie vor in jeden Bücherschrank.

Die hier vorliegende fünfte Auflage hat einen ansprechenden Satzspiegel, ist ordentlich gebunden und mit einem praktischen Lesebändchen ausgestattet, und so steht einer jahre- und jahrzehntelangen intensiven (Re-)Lektüre nichts mehr im Wege.

 

Autor: Wilhelm Weischedel
Titel: „Die philosophische Hintertreppe — Die großen Philosophen in Alltag und Denken“
Gebundene Ausgabe: 368 Seiten
Verlag: Lambert Schneider
ISBN-10: 3650402084
ISBN-13: 978-3650402080

 

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