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Joachim Zelter: „Einen Blick werfen – Literaturnovelle“

Am: | November 8, 2013

„Herr Schrieftsteller!“ So ruft man dem Autor hinterher, um ihn aufzuhalten. Selim Hacopian hat ein Buch geschrieben. Ob der Herr Schrieftsteller nicht einmal einen kurzen Blieck auf das Geschriebene werfen könne.

Was zunächst wie die harmlose, wenn auch lästige Annäherung eines dilettierenden Lesers an sein literarisches Vorbild klingt, weitet sich in dieser schönen „Literaturnovelle“ von Joachim Zelter schnell zu einem Albtraum aus, dem der Autor nur mit größter Mühe entkommt.

Selim Hacopian hat ein Buch geschrieben. Dieser Mann, der als Praktikant in einer Bücherei arbeitet, in der er wahrscheinlich auch die Werke Zelters entdeckt und lieben gelernt hat, stammt aus Usbekistan und kann einen wirklich beeindruckenden Lebenslauf vorweisen: Seine Tätigkeiten als Koch, Barbier, Napoleondarsteller, Elefantendompteur, Konsul,… lassen einen auferegenden Lebenswandel vermuten.

Immer spricht er von sich in der dritten Person: Selim Hacopian habe ein Buch geschrieben. Denn er möchte auch Schriftsteller werden wie der Autor. Ob er ihm nicht ein wenig helfen könne, indem er das Geschriebene kritisch läse. Das wäre außerordentlich freundlich. Und es ist außerordentlich nötig. Denn das Geschriebene ist ein zusammenhangloses Durcheinander von Textfragmenten, deren Sinn sich nur schwer erschließen lässt. Eigentlich müsste man alles umschreiben, ja neu schreiben.

Und so nimmt sich der Autor des Menschen und seiner Texte an. Er überarbeitet diese Schreibversuche – oder besser: Er schreibt sie neu. Anstatt weiter seiner eigenen Arbeit nachzugehen und den eigenen Roman fertig zu schreiben. Monate lang geht das so. Immer wieder lauert er dem „Herrn Schrieftsteller“ auf, der nun wirklich Besseres zu tun hätte, als dem Möchtegern-Schriftsteller Selim und seinen stammelnden Texten unter die Arme zu greifen. Aber er bringt es einfach nicht übers Herz, den Mann zurück zu weisen.

Mit der Zeit sind endlich ein paar Texte fertig, und Selim Hacopian ist glücklich. Nun sei er doch schon fast so etwas wie ein Schriftsteller, oder? Um Selim eine Freude zu machen, werden die kurzen Erzählungen und Gedichte an mehrere Verlage geschickt. Viel Hoffnung macht der dem jungen „Schrieftsteller“-Kollegen nicht. Die Geschichten von Onkel Leonid und von den Kamelen im Kairoer Alltag sind nett, aber mehr auch nicht.

Umso verblüffender ist, dass sich umgehend ein Verlag meldet. Nicht ein Verlag, sondern der Verlag schlechthin! Die Geschichten gefielen dem Verlag außerordentlich, und man wünsche sich: „Mehr davon!“

Die Geschichte nimmt ihren Lauf. Dass man dieser Geschichte gerne folgt, ist nicht nur der Skurrilität des Plots, sondern vor allem der Erzählkunst des Autors zu verdanken. Joachim Zelter spielt geschickt mit der Sprache. Auf diese Weise schafft er einen diegetischen Sprachraum und vermag allein durch den Einsatz weniger sprachlicher Nuancen die beiden Protagonisten zu charakterisieren.

Der Autor wählt für diesen Stoff die literarische Form der Literaturnovelle – also einer Novelle, die danach fragt, was eigentlich Literatur ist. So steht am Ende dieses Textes ein Nachwort, in dem sich der Autor kritisch mit dem Literaturbetrieb beschäftigt und erneut die Frage nach der spezifischen Eigenart des zeitgenössischen Literaturbegriffs stellt. Er wiederholt zunächst Roland Barthes‘ Feststellung vom „Tod des Autors“ und berichtet kurz über die Intextualität als ein Paradigma, das mehrere Jahrzehnte lang als Charakteristikum jedes Textes galt. Der Autor trat nach dieser Literaturtheorie fast völlig in der Hintergrund, und die von ihm geschaffenen Texte verstand man als eine Sammlung von Zitaten aus anderen Texten, die ihrerseits auch wieder nur Zitate früherer Texte waren…

Joachim Zelter diagnostiziert für unsere Gegenwart jedoch einen völlig neuen Literaturbegriff: Der Autor tritt seit einiger Zeit ganz in den Vordergrund, und sein sorgfältig komponierter und aufregend gestalteter Lebenslauf ist viel wichtiger als die Texte, die jener Autor verfasst. Die Literatur dient nur noch als mehr oder weniger unwichtiges Beiwerk zur Biographie des Autors. Zelter sieht eine neue literaturgeschichtliche Epochen angebrochen und nennt diese neue Epoche passenderweise den „Curricilarismus“ oder auch den „Curricularen Vitalismus“.

Ob er mit dieser Zeitdiagnose Recht hat, mag der Leser selbst entscheiden. Betrachtet man die Bestsellerlisten und die Spitzenautoren der großen Verlage, so mag man manchmal den Eindruck haben, dass der Erfolg dieser Autoren (und ihrer Bücher) mehr dem Starkult um den Schriftsteller als der eigentlichen Qualität seiner literarischen Werke geschuldet ist.

Doch zum Glück gibt es auch noch die andere, die „richtige“ Literatur, wie wir sie zum Beispiel in dem vorliegenden kleinen Büchlein von Joachim Zelter finden: Literatur, die noch Geschichten erzählt. Geschrieben von Autoren, die mit Sprache bewusst umgehen, mit ihr spielen und in der Lage sind, uns mit wenigen Worten in eine andere Welt zu entführen. Wo Sprache noch eine Bedeutung hat und wo Geschichten erzählt werden, die den Leser berühren und verändern können.

Auf Joachim Zelters neue Literaturnovelle sollten Sie mehr als nur „Einen Blick werfen“. Die Lektüre ist sehr kurzweilig, entfaltet aber eine lange anhaltende Wirkung, wenn man sich einmal fragt, was man selbst unter Literatur versteht und wie man aus dieser Perspektive das einordnet, was am Markt so erfolgreich ist und auf den Bestsellerlisten ganz oben steht. Dann wird man schnell merken, dass wir bereits mitten in der Epoche des „Curricilarismus“ angekommen sind.

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Autor: Joachim Zelter
Titel: „Einen Blick werfen – Literaturnovelle“
Gebundene Ausgabe: 110 Seiten
Verlag: Klöpfer und Meyer
ISBN-10: 3863510615
ISBN-13: 978-3863510619

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