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Rezensionen von Büchern aus den Kultur- und Geisteswissenschaften

Christoph Krelle: „Kreatives Schreiben — Sag mal, wie schreibe ich ein Wolfsmärchen?“

Am: | November 18, 2016

Christoph Krelle: „Kreatives Schreiben — Sag mal, wie schreibe ich ein Wolfsmärchen?“Nehmen wir einmal an, Sie sind eine leidenschaftliche Leserin: Sie lesen viel, haben ein gutes Gespür für den richtigen Stil und ein feines Gefühl für Sprache; Sie spielen gern mit Worten und sind immer empfänglich für eine gut erzählte Geschichte. Wie wäre es, wenn Sie einmal die Seiten wechselten und von einer Leserin zur Autorin würden?

Viele Menschen haben den heimlichen Wunsch, Schriftsteller zu werden. Wäre es nicht wunderbar, Geschichten zu erzählen, Menschen damit zu unterhalten oder gar glücklich zu machen und von diesem Scheiben auch noch leben zu können? — Man muss ja nicht immer gleich nach den Sternen greifen; manchmal genügte es auch, sich einfach mal kreativ mit dem Schreiben zu befassen: Schreiben als Hobby, Schreiben aus Spaß an der Freude.

Mit manchen Büchern ist es eine seltsame Sache. Sie erscheinen in einem kleinen Verlag, geschrieben von einem unbekannten Autor, und auch der Titel scheint auf den ersten Blick nicht dazu angetan, den müden Blick des Rezensenten einzufangen. Und doch landete das vorliegende Büchlein — mit seinen 72 Seiten ist es eigentlich mehr ein Heftchen — nach einer kurzen Leseprobe auf meinem Schreibtisch.

Wie schreibe ich ein Wolfsmärchen? Auf den ersten Blick hat mich diese Frage noch nie interessiert — und auch nach der Lektüre dieses Buches werde ich sicherlich kein Wolfsmärchen schreiben (wollen). Trotzdem handelt es sich um ein schmales Buch, das auf diesen Seiten eine lobende Erwähnung finden soll. Warum?

Der Autor ist Journalist, arbeitet für verschiedene Print- und Online-Medien, schreibt am liebsten Portraits, Essays und andere persönlich motivierte Beiträge. Nebenbei lehrt er Kreatives Schreiben und veranstaltete schon mehrmals Schreib-Workshops im Wolfcenter Dörverden. Daher stammt auch die intensive Beschäftigung mit den Wölfen, die auch die Schreibübungen in seinem Büchlein dominieren.

Doch die Wölfe können Sie getrost vergessen. Denn natürlich ist dies kein Lehrbuch des Kreativen Schreibens von Wolfsmärchen, sondern ein sehr kreatives und persönliches Buch über das Schreiben. Christoph Krelle schreibt leidenschaftlich gerne. Er erzählt von seinen ersten Schreibversuchen in der Schule, von seinem Spaß am Spiel mit der Sprache, von der Lust an der Entfaltung der eigenen Kreativität.

Der erste Teil des Buches beschäftigt sich folglich auch in theoretischer und reflexiver Form mit dem Schreiben: Was ist eigentlich Schreiben? Was bedeutet es zu schreiben? Was passiert in uns? Und was geschieht, wenn wir einmal nicht zuerst denken und dann schreiben, sondern umgekehrt? Welche Prozesse laufen während des Schreibens in uns ab, wie finden wir die eigene Balance und entfesseln unsere Kreativität?

Der Autor hat ein Bild für das Spannungsfeld entwickelt, welches beim kreativen Schreiben in uns angelegt ist. Er nennt es das „Goldene Dreieck“. Leider ist dieser Terminus konnotativ negativ besetzt, denn viele werden spontan an das „Goldene Dreieck“ des Drogenanbaus zwischen Thailand, Laos und Myanmar denken. Aber sei´s drum, die Idee hinter diesem Bild ist gut: Das Goldene Dreieck des Kreativen Schreibens baut eine Spannung auf zwischen den Punkten Freiheit, Selbstausdruck und Spaß an der Sprache.

Innerhalb dieses Spannungsfeldes geht es um ein Gleichgewicht der Kräfte: Je mehr eines der drei Ziele betont wird, desto weiter müssen die anderen Ziele zurückstecken. Die Freiheit des Schreibens ohne Vorgaben mag sich noch mit dem Ausdruck der eigenen Individualität verbinden lassen; die Sprachspiele werden dann jedoch zugunsten eines klaren Ausdrucks weggelassen werden. Wer sich hingegen an eine bestimmte literarische Form, an einen Textumfang und bestimmte Themen bindet, darf sich im kreativen Schreibprozess mehr Wortspielereien und mehr Selbstausdruck gönnen. Wem es allein auf das Sprachspiel ankommt, muss Abstriche beim Selbstausdruck und auch bei der Freiheit der Form machen.

Was bringt aber das Kreative Schreiben? Wer nach dem Nutzen einer kreativen Tätigkeit fragt, hat wahrscheinlich bislang selbst noch nicht sehr viel Erfahrung mit dem kreativen Spiel. Sein Nutzen ist intrinsischer Art; wer schreibt, findet automatisch die Befriedigung im Schreiben selbst. Doch es kommt noch besser: Wer seine Kreativität entfaltet, indem er freies Schreiben praktiziert, fördert einerseits seine Phantasie; das Schreiben als Ausdruck seiner Gedanken, wird ihm zu Erkenntnissen über sich selbst, über sein Leben und die Welt verhelfen; schließlich macht es einfach Spaß und Freude.

Schreiben ist immer eine sinnvolle Tätigkeit, selbst wenn man nur für sich selbst oder für die Schublade schreibt. Wer über längere Zeit ein Tagebuch geführt hat, kann das bestätigen. Wer über längere Zeit schreibt, zieht also einen praktischen Nutzen aus dieser kreativen Tätigkeit, egal ob seine Texte erfolgreich sind oder nicht, ob sie überhaupt veröffentlicht werden sollen oder eben der eigenen Selbsterkenntnis dienen. In einem dritten Goldenen Dreieck macht der Autor anschaulich, wohin die Reise geht, wenn man regelmäßig schreibt: Es schärft die eigenen Intuition und Wahrnehmungsfähigkeit, und es führt letzten Endes zu Weisheit und Zufriedenheit.

Schreiben als eine sinnvolle Tätigkeit ist in der Lage, das Leben eines Menschen zu bereichern, ihn aufmerksamer zu machen und ihn mit seiner Umwelt in Verbindung zu bringen. Schreiben ist eine gute Möglichkeit, sich nicht nur seiner selbst zu vergewissern, sondern auch auf kreative Weise mit der Kontingenz der Welt umzugehen und dem Dasein einen Sinn zu geben.

Im zweiten Teil werden verschiedene Schreibübungen vorgestellt, die in jenen Wolfsmärchen-Workshops durchgeführt wurden, die der Autor in Dörverden veranstaltet hat. Sie erheben keinen Anspruch auf Vollständigkeit, und sie stellen auch keine Norm dar. Kreatives Schreiben kennt eben gerade keine Normen, es ist frei und bietet beliebig viele Zugänge und Formen. Daher sollen diese Übungen lediglich als Anregungen verstanden werden, die vom Leser an seine Ziele und nach seinem persönlichen Geschmack angepasst werden können.

Dieses kleine Büchlein besticht zum einen durch seinen geringen Umfang und zum anderen durch seine sehr subjektive und persönliche Schreibweise. Hier schreibt jemand, der die Sprache und den Umgang mit ihr wirklich liebt und diese Leidenschaft auch mit Anderen teilen möchte. Es ist ein kurzer Text über das Kreative Schreiben, der, wenn er auf fruchtbaren Boden fällt, eine lange Wirkung zeigen kann.

 

Auto: Christoph Krelle
Titel: „Kreatives Schreiben — Sag mal, wie schreibe ich ein Wolfsmärchen?“
Taschenbuch: 76 Seiten
Verlag: tredition
ISBN-10: 3734570034
ISBN-13: 978-3734570032

 

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