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Rezensionen von Büchern aus den Kultur- und Geisteswissenschaften

Ilija Trojanow, Juli Zeh: „Angriff auf die Freiheit“

Am: | März 2, 2011

Das Spiel mit der Angst hat unsere Gesellschaft verändert. Wir haben nicht mitspielen wollen, aber uns hat niemand gefragt. Der Sicherheitswahn hat die schweigende Mehrheit ergriffen, der Wahn und die verzweifelte Hoffnung, das außer Kontrolle Geratene wieder kontrollieren zu können und dadurch unsere Welt wieder sicherer zu machen.

Schon längst wissen wir, dass es kaum einen positiven Einfluss auf die Verbrechensrate hat, ob die Straftaten durch Überwachungskameras gefilmt werden oder nicht. Und auch die Anwesenheit von Sicherheitskräften im öffentlichen Raum gibt uns allein das Gefühl, sicher zu sein, aber es reduziert nicht die Gefahr von Terroranschlägen. Wer sich umbringen will, dem ist es egal, ob bei einem Sprengstoffanschlag Sicherheitskräfte vor Ort sind oder nicht.

Gleichzeitig jedoch erzeugt die Anwesenheit von Überwachungskameras, Sicherheitsdiensten, Anti-Terror-Einheiten und patrouillierenden Bereitschaftspolizisten ein ungutes Gefühl einer permanenten latenten Bedrohung. Dieses verwirrende Bauchgefühl schlägt sich mit der Zeit auf das eigene Verhalten nieder. Plötzlich wird der bärtige Nachbar, dem man nur selten im Treppenhaus begegnet, verdächtig. Er könnte ja ein Schläfer sein.

Und wer weiß, welche großen Plätze, Bahnhöfe und Parlamentsgebäude im Fadenkreuz internationaler Terroristen stehen?! Also werden diese Plätze besser gemieden, es kann ja immer mal was passieren…

Angst verändert einen Menschen und auch eine Gesellschaft. Ilija Trojanow und Juli Zeh haben in ihrem gemeinsamen Buch „Angriff auf die Freiheit“ die Folgen, Hintergründe und Ursachen unserer staatlichen Überwachungsmaschinerie untersucht. In ihrem Buch geben sie Auskunft über die teilweise verheerenden Auswirkungen, die die Sicherheits-Notstandsgesetze auf unsere Freiheit haben.

Im Namen der totalen Sicherheit sind wir bereit, unsere bürgerliche Mündigkeit aufzugeben und uns unter das Joch der permanenten Überwachung zu stellen. Vorratsdatenspeicherung, Rasterfahndung und das großflächige Abhören von Telefongesprächen, E-Mail-Verkehr und Internetnutzung sind die größten Eingriffe in die Freiheit des Einzelnen seit Bestehen der Bundesrepublik.

Wir alle werden zu potenziellen Terroristen, jeder ist a priori verdächtig und muss im Zweifelsfall seine Unschuld beweisen. Wer so mit seinen Bürgern umgeht, braucht sich über Entfremdungstendenzen nicht mehr zu wundern.

Der staatliche Einblick in unsere Datenbewegungen hat unser Kommunikationsverhalten nachhaltig desensibilisiert. Gerade die junge Generation findet nichts mehr dabei, die eigene reale Identität ins Internet zu stellen, sich auf Facebook, Twitter und YouTube vor aller Welt zu entblößen und im wahrsten Sinne zu verewigen. Dass diese unglaubliche Datenflut von jenen Firmen vor allem für geschäftliche Zwecken genutzt und ausgewertet werden, scheint die Wenigsten zu interessieren.

Wir leben also in einer seltsamen Zeit des Umbruchs. Das lange und bitte erkämpfte gesellschaftliche Ideal der individuellen Freiheit scheint bereitwillig auf dem Altar der Sehnsucht nach einer scheinbaren Sicherheit geopfert zu werden. Dass dies nicht gut gehen kann, zeigen die Autoren in ihrem wunderbar engagiert und verständlich geschriebenen Buch sehr deutlich.

Ein Staat, der sein Volk verdächtigt und überwacht, wird wissen, warum er das macht.

Autor: Ilija Trojanow, Juli Zeh
Titel: „Angriff auf die Freiheit“
Taschenbuch: 192 Seiten
Verlag: Deutscher Taschenbuch Verlag
ISBN-10: 3423346027
ISBN-13: 978-3423346023

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