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Rezensionen von Büchern aus den Kultur- und Geisteswissenschaften

Stephan Weichert, Leif Kramp, Hans-Jürgen Jakobs (Hg.): „Wozu noch Journalismus? – Wie das Internet einen Beruf verändert“

Am: | Februar 2, 2011

Zweipunktnull ist zum Mode-Suffix für alles geworden, was einen modernen Touch erhalten soll. Das Alte ist unschick geworden und wird durch das Neue, Fortschrittliche, ersetzt. Wir kennen das vor allem beim „Web 2.0“, das alles schöner, schneller und interaktiver gemacht hat. Endlich kann der Leser aus seiner passiven Zwangsrolle heraus und selbst zum Macher, zum gleichberechtigten Produzenten von Inhalten aller Art werden.

Doch genau diese akklamierte Gleichberechtigung ist problematisch, wenn es um die Produktion von qualitativ hochwertigen und professionellen Inhalten geht oder, wie in unserem Fall, um das journalistische Arbeiten. Durch die neuen Internet-Technologien steht dem Berufsstand des Journalisten nun plötzlich ein Heer von Hobby-Journalisten gegenüber: Menschen, die mit ebenbürtigen technischen Ausrüstungen, mit Video- und Digitalkameras und mit einer erstaunlichen Lust am Produzieren und Publizieren sowie einem übergroßen Mitteilungsbedürfnis ausgestattet sind.

Wenn es an jeder Ecke einen Enthusiasten gibt, der sowohl technisch als auch sprachlich in der Lage ist, vom aktuellen Tagesgeschehen in seinem Gebiet in Text und Bild zu berichten, könnte man nicht im Grunde, so die ketzerische Frage, auf den professionellen Journalismus verzichten.

Angestellte und freiberufliche Journalisten sind nicht billig, einen Hobby-Journalisten bräuchte man hingegen gar nicht bezahlen; er würde mit Stolz auf seine Veröffentlichung blicken, solange sein Name genannt würde. Für die Medien wären die Hobby-Journalisten doch eine billige Alternative…

Natürlich ist das Unsinn. Was den meisten Amateuren fehlt, sind die Fachkenntnisse, und selbst die Grundlagen des Recherchierens und Schreibens von Nachrichten wird man in den meisten Fällen vergeblich suchen. So gesehen, kann die Antwort auf die Frage des Buches, wozu man denn überhaupt noch den Journalismus bräuchte, schnell gegeben werden: für die fundierte und qualitativ hochwertige Berichterstattung.

Aber in den Zeiten der Interaktivität und des globalen Netzwerkens braucht man natürlich genauso den produzierenden Leser, den aktiven Rezipienten, der die professionell recherchierten und gestalteten Inhalte durch eigene Inhalte ergänzt und gegebenenfalls auch korrigiert.

Das vorliegende Buch lässt viele Journalisten zu Wort kommen, die zum Thema einiges zu sagen haben. Schnell wird bei der Lektüre klar, dass auch die Frage nach den Veränderungen eines Berufsfeldes durch das Internet keinen Dogmatismus erlaubt, sondern von den Betroffenen neben einer geschickten Anpassung vor allem eine Rückbesinnung auf die eigene hohe fachliche Kompetenz erfordert. Der Druck der Web-2.0-Leserschaft wird dem klassischen Journalismus nicht schaden, im Gegenteil. Im sich ergänzenden Miteinander eröffnen sich ganz neue Möglichkeiten und erstaunliche Chancen.

Wenig überraschend befürwortet Sascha Lobo die journalistischen Ambitionen der Leserschaft, sieht sie jedoch keineswegs als Ersatz für den professionellen Journalismus. Der ehemalige Intendant des Deutschlandradios, Ernst Elitz, plädiert für „Echtheit statt Echtzeit“; bei der Qualität einer Nachricht kommt es eben nicht immer nur auf die Geschwindigkeit ihrer Verbreitung an. Der wie immer weitsichtige Harald Martenstein prognostiziert in seinem Beitrag den baldigen Tod vieler Regionalzeitungen, meint jedoch im gleichen Atemzug, dass es um viele dieser Blätter auch nicht besonders schade wäre.

In 28 kontroversen Beiträgen kann sich der Leser mit den unterschiedlichen Aspekten des Themas auseinandersetzen und bekommt auf diese Weise genügend Impulse für weiter führende Diskussionen.

Autor: Stephan Weichert, Leif Kamp, Hans-Jürgen Jakobs (Hg.)
Titel: „Wozu noch Journalismus? – Wie das Internet einen Beruf verändert“
Broschiert: 200 Seiten
Verlag: Vandenhoeck & Ruprecht
ISBN-10: 3525300042
ISBN-13: 978-3525300046

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