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Rezensionen von Büchern aus den Kultur- und Geisteswissenschaften

Henrik Lange: „Weltliteratur für Eilige – Und am Ende sind sie alle tot“

Am: | August 27, 2010

Raskolnikow beschließt, eine alte Dame, die ein wirklich fieser Kredithai ist, zu töten – und ihre Schwester gleich mit. Aber gleich danach – große Überraschung – ergreifen Schuldgefühle und Verfolgungswahn von ihm Besitz. Um sich von seiner Schuld zu befreien, stellt er sich den Behörden und findet in einem sibirischen Lager so etwas wie Frieden. Und er findet heraus, dass er noch fähig ist zu lieben. Ein echtes Happy End à la Dostojewski.

So kann man – auf etwa die zweifache Twitter-Länge zusammengestutzt – im Eiltempo durch die Weltliteratur galoppieren, wenn man die Kurz-Cartoons des Taschenbuchs „Weltliteratur für Eilige“ des 1972 geborenen Zeichners Henrik Lange durchliest.

So kann man den Inhalt von Weltliteratur auf etwa 400 Zeichen zusammen dampfen – man muss aber nicht. Unterstellen wir dem Autor, dass ihm bewusst ist, dass solch eine Verkürzung keinem Roman, schon gar nicht den Klassikern, wirklich gerecht werden kann, sondern immer nur eine blitzartige Momentaufnahme, eine Karikatur des Inhalts sein kann, ohne irgend etwas über die Form und den Stil des Romans oder über die Erzählweise des Autors auszusagen. Dann und nur dann ist ein solch cartoonisierter Abriss der Weltliteratur legitim.

Aber womöglich setzt die Kritik auch viel zu hoch an und übersieht, dass es in erster Linie um Spaß, um Unterhaltung geht. Wer als junger Mensch den multimedialen Verlockungen nie zu widerstehen gelernt hat, sein Leben in der vielfach sinnentleerten Hektik des modernen Alltags verbringt und sich vom digitalen Strom der ständig wechselnden Bilder und Reize treiben lässt, für den ist dieses buch geschrieben und gezeichnet worden.

„Weltliteratur für Eilige“ erspart dem Leser keinesfalls die Lektüre der hier vorgestellten 90 Klassiker. Denn man kann ein literarisches Werk eben nicht allein anhand seines Plots beurteilen. Die oft flapsig und leicht abfällig wirkenden Beschreibungen der einzelnen Werke erinnern stark an ähnliche Versuche einer jugendgerechten Bibelübersetzung wie die „Volxbibel“ (Jesus ging einfach übers Wasser. Echt cool.).

Junge Sprache für junge Leser – wahrscheinlich die Zielgruppe dieser „Weltliteratur für Eilige“. Alle anderen werfen ruhig einmal einen Blick hinein, dann aber das Büchleinzurück auf den Stapel der Bücher in der Regalecke mit der Aufschrift „Humor“.

Autor: Henrik Lange
Titel: „Weltliteratur für Eilige – Und am Ende sind sie alle tot“
Broschiert: 186 Seiten
Verlag: Droemer/Knaur
ISBN-10: 3426783312
ISBN-13: 978-3426783313

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