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Norman Davies: „Die große Katastrophe – Europa im Krieg 1939-1945“

Am: | September 24, 2009

Norman Davies: "Die große Katastrophe - Europa im Krieg 1939-1945"Es gibt derart viele Publikationen über den zweiten Weltkrieg, dass es für den unvorbereiteten Leser nahezu unmöglich ist, sich einen umfassenden Überblick zu machen. Ganze Regalwände voller Bücher befassen sich mit diesem Thema und beleuchten es von allen Seiten. Und jetzt liegt hier ein Buch auf dem Tisch, das sich in diese unüberschaubare Ahnenreihe der Fach- und Sachbücher und Weltkriegsliteratur einzureihen scheint: „Die große Katastrophe – Europa im Krieg 1939-1945“.

Doch dieses Buch ist anders. Es hat das Potenzial zu einem Standardwerk. Der Autor ist Norman Davies, wahrlich kein unbekannter Neuling, sondern ein international renommierter Historiker und Autor vieler hervorragender Sachbücher zu geschichtlichen Themen. Davies ist emeritierter Professor der London University und Mitglied der Royal Historical Society sowie der British Academy. Wenn er sich einem Thema widmet, lässt das nicht nur ein Werk von höchster fachlicher Kompetenz sondern auch neue und interessante Akzente zu einer geschichtlichen Thematik erwarten. – Genau so verhält es sich mit diesem neuen, 848 Seiten starken Buch.

70 Jahre nach Kriegsbeginn vertritt Norman Davies eine neue These, die unsere Sicht auf den Zweiten Weltkrieg nachhaltig verändern wird: Auch die Alliierten haben Kriegsverbrechen begangen. Und ihr wesentliches Ziel der Schaffung demokratischer Verhältnisse in ganz Europa nicht erreicht, weil sich in Folge des Kriegsverlaufs der sowjetische Machtapparat extrem nach Westen hin ausgeweitet hat.

Davies unternimmt in seinem neuen Werk erstmals den Versuch, die Geschichtsschreibung endlich aus dem alten Gut-Böse-Schema zu führen und eine realistischere Einschätzung der damaligen Kräfte- und Machtverhältnisse sowie der Abläufe des großen Krieges zu ermöglichen.

Bereits lange vor Ausbruch des Zweiten Weltkriegs setzte die Sowjetunion alles daran, die etablierte internationale Ordnung aus den Angeln zu heben. Es bleibt unbestritten, dass der Zweite Weltkrieg eindeutig von Deutschland initiiert wurde. Aber zusammen mit der Sowjetunion gab es zwei entscheidende Kräfte, die dem Konflikt der europäischen Mächte eine globale Dimension verliehen.

Norman Davies legt viel Wert auf historische Genauigkeit. So ist er einer der ganz Wenigen, die nicht verschweigen, dass es auch Kriegsverbrechen vonseiten der Gewinner gab. Sowohl die Sowjets haben – nicht nur in Katyn – Verbrechen begangen, sondern auch selbst Konzentrationslager wie den Lagerkomplex Dalstroi in Ostsibirien errichtet. Aber auch die Westalliierten kommen unter schweren Verdacht. Davies berichtet von Meldungen, nach denen es im Raum Neapel im Sommer 1944 durch eine marokkanische Division der Freifranzosen zu über 100 Morden und 3000 Vergewaltigungen an der Zivilbevölkerung gegeben haben soll. Derartige Verbrechen geschahen auf allen Seiten und waren keine Einzelfälle.

Diese umfassende Sicht auf die große Katastrophe gehört zu den herausragenden Leistungen von Davies’ neuem Buch. Vierundsechzig Jahre nach Kriegsende ist es Zeit für die ganze Wahrheit. Die jahrzehntelange Phase der Schwarzweiß-Malerei und bewussten Ausblendung und Beschönigung von Fakten kann nun endlich zu einem Ende kommen. Das ist das Verdienst dieses faktenreichen und obendrein sehr gut lesbaren Buches von Norman Davies über „Die große Katastrophe“.

Wenn Sie dieses Buch gelesen haben, werden Sie anders über unsere Geschichte denken und auch unsere Gegenwart mit anderen Augen sehen.

 

Autor: Norman Davies
Titel: „Die große Katastrophe – Europa im Krieg 1939-1945“
Gebundene Ausgabe: 848 Seiten
Verlag: Droemer/Knaur
ISBN-10: 3426274965
ISBN-13: 978-3426274965

 

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