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Rezensionen von Büchern aus den Kultur- und Geisteswissenschaften

Wilfried Rott: „Die Insel – Eine Geschichte West-Berlins 1948-1990“

Am: | September 7, 2009

Wilfried Rott: "Die Insel - Eine Geschichte West-Berlins 1948-1990"„Sehnse dit is Berlin!“ möchte man ausrufen. Als gebürtiger West-Berliner war ich natürlich besonders neugierig, was dieses Buch von Wilfried Rott betraf. Rott ist auch über die Grenzen Berlins hinaus bekannt durch seine lange Zeit im Kultur-Ressort beim SFB (1977-2008) und als Moderator zahlreicher Rundfunk- und Fernsehsendungen. So darf man gespannt sein, wie er die Geschichte der Insel West-Berlin erzählt.

Zugegeben, West-Berlin war schon ein seltsames Stück Deutschland. Eigentlich eine Art „drittes Deutschland“ neben der Bundesrepublik und der DDR. Unter den besonderen Lebensbedingungen dieser „Insel“ entstand ein eigenes kulturelles und geistiges Klima, das Künstler und Abenteurer aus der ganzen Welt anzog.

Aus Westdeutschland kamen die Kriegsdienst-Verweigerer, die oft nach ein paar Jahren automatisch in die Liga der Langzeit-Studenten überwechselten. Aus dem Osten kamen die Rentner, die ab 65 endlich einen Passierschein in den Goldenen Westen bekamen, sich am Kurfürstendamm die dieselschwere Westluft der Freiheit um die Nase wehen ließen, bevor sie mit hängendem Kopf und prall gefülltem Blümchen-Beutel in Richtung Ostteil schlurften.

Ach ja, das Leben war ruhig, beschaulich und schön – und als „Wessies“ wurden nur die Gäste aus Westdeutschland bezeichnet. Man selbst war „Berliner“ und genoss den Sonderstatus.

Dann kam die Mauer, und schon bald war es vorbei mit der Idylle. West-Berlin, das war trotz Kaltem Krieg ein friedliches Biotop für Außenseiter und Dagebliebene – und manchmal auch für Zurückgebliebene. West-Berlin war bis unter die Dachkante subventioniert und am Leben erhalten, und selbst die sprichwörtliche Berliner Schnauze hat daran nichts ändern können. Die bedingungslose Unterstützung West-Berlins durch die Bundesrepublik und die Westmächte war „common sense“ – Gott und J. F. Kennedy sei Dank!

Als die Mauer fiel, waren nicht nur die Tage der DDR gezählt. Auch die Zeit West-Berlins ging zu Ende. 40 Jahre lang hat die halbierte Stadt inmitten des ostdeutschen Territoriums existiert und sich zu einem Biotop mit ganz spezifischen Lebensformen entwickelt. Mehrfach stand sie im Zentrum der Weltpolitik. Wilfried Rott legt nun die erste Gesamtdarstellung ihrer ebenso dramatischen wie bizarren Geschichte vor.

Man kann mit recht behaupten, dass das Buch ist mit seinen 480 Seiten, den vielen Abbildungen, einem achtseitigen, eng beschriebenen Personenregister von Alvaro Aalto bis Carl Zuckmeyer ein echtes Standardwerk zur Geschichte West-Berlins ist.

Von der „Gründung“ West-Berlins und der Blockade-Zeit über die Halbstadt-Jahrzehnte mit kaltem Krieg, Mauerbau, 68er-Bewegung, Punk, Filz und Bauskandalen bi zur Tauwetter-Politik und die Wendezeit hat der Autor wirklich alle Phasen der Insel-Geschichte derart ausführlich und lebensnah beschrieben, dass es selbst für Nicht-Berliner eine interessante Lektüre zu werden verspricht.

Für die 3,5 Millionen Berliner des Jahres 2009 sollte der Kauf und die Lektüre dieses Geschichtsbuch zum Zwecke des gegenseitigen Verständnisses sowieso eine Selbstverständlichkeit sein. – Das wäre was für den C.H. Beck-Verlag: 3,5 Millionen verkaufter Exemplare!

Soviel wird’s wohl leider nicht werden, aber hoffentlich findet Wilfried Rotts Buch dennoch viele Leser. Er hätte es verdient, denn „Die Insel“ ist ein fachlich fundiertes, ausgezeichnet recherchiertes und schön geschriebenes Sachbuch.

 

Autor: Wilfried Rott
Titel: „Die Insel – Eine Geschichte West-Berlins 1948-1990“
Gebundene Ausgabe: 478 Seiten
Verlag: Beck
ISBN-10: 3406591337
ISBN-13: 978-3406591334

 

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