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Rezensionen von Büchern aus den Kultur- und Geisteswissenschaften

Sue Halpern: „Memory! – Neues über uns Gedächtnis“

Am: | Juli 17, 2009

Sue Halpern: "Memory! - Neues über unser Gedächtnis"Es ist einer jener schattenlosen Tage Ende November, wenn ganz New York ohne Farben zu sein scheint. Windböen wirbeln den Unrat in der Gosse auf, und die Fußgänger hasten mit hochgezogenen Schultern und gesenktem Blick über die Bürgersteige, um möglichst schnell wieder nach drinnen zu kommen. Im dunkelgrünen Hemd und mit einer noch dunkleren Krawatte – aber ohne Mantel – eilt Dr. Scott Small die 168. Straße im Norden Manhattans entlang und stößt dann die Glastür des Neurologischen Instituts der Columbia University auf.

Lesen wir hier einen Roman oder ein Buch über den aktuellen Stand der Neurowissenschaften? – Sue Halpern ist im anglo-amerikanischen Sprachraum bekannt für ihren packenden Schreibstil und ihre Fähigkeit, auch komplexeste Zusammenhänge mit einfach Worten verständlich zu machen.

Vor uns liegt ein wunderbares Beispiel für gelungenen Wissenschaftsjournalismus. Sue Halpern beschäftigt sich mit unserem Gedächtnis, mit den neuesten Erkenntnissen der Hirnforschung, mit Alzheimer und Demenz und der immer wieder gestellten Frage, ob man im Vorfeld etwas dagegen tun kann. – Flavonole, die in Heidelbeeren, grünem Tee oder auch in Kakao vorkommen, könnten helfen – und ein bisschen sportliche Bewegung, so viel sei hier schon verraten.

Das Gehirn lässt sich trainieren, ja selbst abgestorbene Hirnzellen lassen sich ersetzen, wenn die entsprechenden Hirnregionen stimuliert werden. Aber kann man damit Alzheimer verhindern, und was unterscheidet Alzheimer-Erkrankungen vom natürlichen Alterungsprozess eines Gehirns?

Sue Halpern hat sich bei ihren Recherchen nicht geschont, sondern hat sich mehrmals neurologischen Untersuchungen und Hirn-Scans unterzogen. Ihre Berichte kommen aus erster Hand, vor allem aus den Forschungslaboren jenes bereits erwähnten Neurologischen Instituts an der Columbia University.

Auf unser Gedächtnis greifen wir nicht nur zurück, wenn wir uns an etwas erinnern wollen, sondern auch, wenn wir gehen, sitzen, träumen, riechen und Pläne schmieden. Wenn wir Angst haben, lieben, denken, lernen und überhaupt etwas machen, so benutzen wir dabei unser Gedächtnis.

Ohne Gedächtnis wäre jede unserer Handlungen neu und unbekannt – und somit unmöglich. Wie würden die einfachsten Dinge nicht mehr tun können und wären wir Kleinkinder. Genau so geht es Demenz- und Alzheimerkranken nach einem gewissen fortschritt ihrer Erkrankung: Sie werden wieder zu kleinen, hilflosen Kindern, die sich am Ende sogar selbst verlieren und nicht mehr erkennen.

Schade dass man sich bei der Suche nach einem Titel nicht für eine Übersetzung des englischen Originaltitels „Can’t remember what I forgot“ entschieden hat: „Ich kann mich nicht daran erinnern, was ich vergessen habe“ ist als Buchtitel vielleicht ein bisschen lang, hätte dem Leser aber gleich auf den ersten Blick gezeigt, worum es in Halperns Buch geht: um die Zusammenhänge zwischen Gedächtnisleistung und Alter, um natürliche Alterung und Erkrankung, um die aktuellen Erkenntnisse auf einem spannenden, zentralen Forschungsgebiet der Neurowissenschaften.

Sue Halpern ist ein packendes und allein schon wegen der mitreißenden Sprache lesenswertes Wissenschaftsbuch gelungen, gut 240 Seiten dick und spannend wie ein Roman. Man lernt eine Menge über das eigene Gehirn, über den aktuellen Stand der Gedächtnisforschung und über die eigenen Möglichkeiten, der Alterskrankheit Demenz mit einfachen Mitteln vorzubeugen – wenn man nicht gleich nach der Lektüre alles wieder vergessen hat!

 

Autor: Sue Halpern
Titel: „Memory! – Neues über unser Gedächtnis“
Taschenbuch: 260 Seiten
Verlag: Deutscher Taschenbuch Verlag
ISBN: 3423247371
EAN: 978-3423247375

 

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