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Oda Lambrecht, Christian Baars: „Mission Gottesreich“

Am: | Juni 9, 2009

Oda Lambrecht, Christian Baars: "Mission Gottesreich. - Fundamentalistische Christen in Deutschland"Pastor Bonnke brüllt auf dem Buchcover begeistert in Mikrofon und die Massen zu seinen Füßen jubeln und heben verzückt die Arme zum Himmel – oder zu Reinhard Bonnke?

Was ist da draußen los im Lande? Welchen Einfluss haben die charismatischen Bewegungen und die Fundamentalisten in Deutschland? Gibt es eine neue Erweckungsbewegung in unserem Land? Oder sind da vielleicht sogar clevere Geschäftemacher und Scharlatane am Werk?

Oda Lambrecht und Christian Baars sind Journalisten, die vor allem für den NDR und andere öffentlich-rechtliche Medien arbeiten. Sie haben sich auf die Suche nach den Kämpfern für das Gottesreich begeben, zu dem auch Deutschland werden soll.

Gottesreich oder Gottesstaat? Die Terminologie erinnert sofort an den islamischen Fundamentalismus, an Scharia, die Unterdrückung von Frauen und die Bekämpfung aller Ungläubigen.

Der christliche Fundamentalismus hat, so wird bei der Lektüre dieses interessanten Buches deutlich, nur wenig gemein mit dem christlichen Glauben, der in den katholischen und evangelischen Landeskirchen gepredigt und gepflegt wird. Fundamentalisten sind radikal, sendungsbewusst und zunehmend erfolgreich. Die Bibel ist für sie die Lebensgrundlage, und sie nehmen alles wörtlich. Das bedeutet, dass man Andersgläubige bekehren will, Sex vor der Ehe vermeidet, die Evolutionstheorie ablehnt und eine Weltanschauung pflegt, die zum Teil sehr stark von alttestamentlichen Dogmen geprägt ist.

Im Grunde könnte man den christlichen Fundamentalisten in Deutschland ihren Glauben lassen, ihnen aus dem Weg gehen und nicht weiter darüber nachdenken. Allerdings hat solch ein Wegschauen einen kleinen Haken. Aufgrund des klaren Missionsbefehls christlicher Fundamentalisten wird jeder Anders- oder Nichtgläubige zum Ziel ihrer Bekehrungsfantasien. Doch wie ticken diese Menschen wirklich? Und darf man wirklich alle über einen Kamm scheren und mit dem Stempel „Fundamentalist“ stigmatisieren?

Die Autoren wissen, worüber sie schreiben. Sie stellen keine Mutmaßungen an, sondern haben lange recherchiert und bieten eine Fülle an Informationen aus erster Hand; die Fußnoten und das Quellenverzeichnis des Anhangs sind ganze 37 Seiten lang.

Sie haben Internetforen beobachtet und Predigten analysiert, sie zeigen autoritäre Strukturen auf und nehmen auch die in manchen religiösen Kreisen so beliebten Wunderheilungen kritisch unter die Lupe.

Mit dem Buch „Mission Gottesreich“ ist erstmals ein facettenreiches Portrait des christlichen Fundamentalismus in Deutschland gelungen. Es lässt den Leser verstehen, wie Menschen in dieser Infrastruktur des radikal-christlichen Glaubens zu Hause fühlen können.

Die Gemeinschaft der Gläubigen, von Menschen, die an dasselbe glauben wie ich und die sich gegenseitig stützen und anspornen in ihren Glaubenstaten, dieses Netzwerk gibt dem Einzelnen Sicherheit und lässt ihn zu einem neuen Menschen werden. Es passiert in etwa dasselbe, als wenn ein Computer ein neues Betriebssystem erhält; danach sieht auf den ersten Blick alles gleich aus, aber der Unterschied zu vorher wird schon bei den ersten Programmläufen klar. – Dies ist die gute Seite jener bibeltreuen Glaubensgemeinschaften.

Wenn jemand jedoch aus der Gruppe ausschert und nicht mehr mit der ihn umgebenden Masse mitlaufen und den charismatischen Predigern zujubeln möchte; wenn man nach den tollen Super-Events der Wunderheiler-Shows wieder runter kommt auf den Teppich des eigenen Alltags mit seinen Problemen und den eigenen Unzulänglichkeiten, dann verfliegt schnell der Zauber des Göttlichen und schmilzt zusammen auf ein kleines Häuflein Erkenntnis, dass diese großen gemeinschaftlichen Gefühlsausbrüche nur kurze Momente des Glücks sind, denen deutlich längere Phasen der eigenen Mittelmäßigkeit und Einsamkeit gegenüber stehen.

Was bringt also die Menschen dazu, sich solchen charismatischen Bewegungen anzuschließen? Wie reagieren die Landeskirchen auf die Herausforderung eines aggressiv-missionarischen Christentums und den Erweckungsbewegungen? Welchen Standpunkt nehmen die gemäßigten Freikirchen ein?

Das Buch von Lambrecht und Baars ist sehr gut thematisch geordnet und führt den Leser in eine ihm wahrscheinlich unbekannte Welt. In ihr gibt es einen Teufel und eine Hölle, und die sind so real wie das Licht der Sonne. Die Sonne, der Mond, die Erde und überhaupt alles ist von Gott erschaffen; Darwin hatte Unrecht, als er die Evolutionstheorie entwickelte. In ihren Augen ist Sex vor der Ehe eine Sünde und Homosexualität eine Krankheit, die heilbar ist. Wer nicht an diesen einen Gott glaubt, ist verblendet, und wer nicht glaubt, dass man mit jeder Wunderheilung den Teufel austreibt, der gehört nicht zum Club.

Fundamentalisten haben eine sehr klare Vorstellung von der Welt und von ihrer Aufgabe in dieser Welt. Die Mission der Andersgläubigen und die Bekehrung der Atheisten, das sind klar gesetzte Ziele. Die Welt wird aufgeteilt in Gut und Böse, in Schwarz und Weiß. Diese klare Trennung mag in unserer heutigen Zeit der Unsicherheit und Zukunftsangst für viele Menschen eine verlockende Botschaft sein. Wenn dann noch das ewige Leben versprochen wird, sind viele dabei.

Dieses Schwarzweiß-Denken macht unsere Gesellschaft jedoch nicht schöner und das Zusammenleben verschiedener Kulturen und Glaubensrichtung in unserem Land auch nicht einfacher. Sind die Fundamentalisten deshalb jedoch eine Gefahr für Deutschland?

Problematisch werden Glaubensfragen jeder Art immer dann, wenn es um die Frage der Freiwilligkeit geht. Das Augenmerk sollte vor allem auf die Kinder gerichtet sein, die in einem fundamentalistischen religiösen Umfeld aufwachsen. Dies gilt sowohl für den fundamentalistischen Islam als auch für das Christentum.

Wenn Kinder in christlichen Privatschulen zu Gunsten eines kreationistischen Weltbildes nicht mehr mit dem naturwissenschaftlichen Grundwissen versorgt werden, so ist dies eine Form pädagogischer Gewaltausübung. Wenn Frauen in einem fundamentalistischen Umfeld ihr Leben lang zwanghaft in einer unglücklichen Ehe verharren, dann ist auch dies eine Form von Gewalt und Unterdrückung.

Das Grundgesetz der Bundesrepublik fordert die Trennung von Kirche und Staat. Der religiöse Glaube eines Menschen ist seine Privatsache. Wenn aber die fundamentalistischen Inhalte dieses Glaubens funktionalisiert werden und dadurch an Menschen Gewalt ausgeübt wird, dann ist dieses Verhalten zu verurteilen, und seine Bekämpfung wird zu einem Politikum.

Hoffentlich eröffnet diese umfassende Darstellung der Situation fundamentaler Christen in Deutschland eine Diskussion um die problematischen Aspekte des öffentlichen Auftretens und der internen Autoritätsstrukturen dieser radikalen Glaubensgemeinschaften.

 

Autor: Oda Lambrecht, Christian Baars
Titel: „Mission Gottesreich. – Fundamentalistische Christen in Deutschland“
Broschiert: 248 Seiten
Verlag: Ch. Links Verlag
ISBN: 3861535122
EAN: 978-3861535126

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