Christian Lux (Hg.): „Lesen — Die schönsten Geschichten über die Magie der Bücher“

Ein Buch kann vieles sein: Speicher, Werkzeug, Fenster, Zuflucht. Aber Lesen ist mehr als die Tätigkeit, die ein Buch in Gang setzt. Wer lesen kann, besitzt ein Instrument von eigentümlicher Macht. Er kann sich in Welten bewegen, die nicht die seinen sind, kann mit den Gedanken eines Menschen denken, der seit Jahrhunderten tot sein mag, kann Erfahrungen aufnehmen, die ihm das eigene Leben niemals bieten wird. Lesen erweitert das Dasein nicht bloß um Informationen, sondern um Perspektiven. Es erlaubt uns, probeweise andere Existenzen zu bewohnen. Ein guter Roman leiht uns für einige Stunden ein fremdes Bewusstsein; ein Gedicht verändert die Temperatur der Sprache; ein Essay zwingt uns, einen vertrauten Gedanken aus einer ungewohnten Richtung anzusehen. Der Leser lebt dann nicht einfach sein Leben, sondern mehrere Leben zugleich.

Das klingt inzwischen beinahe wie eine kulturgeschichtliche Sentimentalität. Und doch besitzt diese Sentimentalität einen ziemlich harten Kern. Denn Lesen ist eine Kulturtechnik, die Zeit verlangt. Wer einen längeren Text liest, muss sich auf eine Ordnung einlassen, die nicht von ihm selbst stammt. Er kann nicht beliebig weiterscrollen, abbrechen, wechseln, reagieren. Ein Text besitzt eine Dramaturgie, und der Leser muss ihr folgen. Darin liegt bereits eine kleine Schule der Freiheit: Man unterwirft sich freiwillig einer fremden Gedankenbewegung, um am Ende mit einem erweiterten eigenen Urteil daraus hervorzugehen.

Der von Christian Lux herausgegebene Reclam-Band „Lesen“ kommt in einem bemerkenswerten Augenblick. Er versammelt auf knapp zweihundert Seiten Texte von Jane Austen, Charlotte Brontë, Gustave Flaubert, Victor Hugo, Hermann Hesse, Heinrich Heine, Rainer Maria Rilke, Stefan Zweig, Kurt Tucholsky, Bertolt Brecht, Walter Benjamin, Else Lasker-Schüler, Wisława Szymborska, Christa Wolf und anderen. Die Ausgabe ist als Ode an die Liebe zum Buch angelegt; Christian Lux, der Literatur und Buchwissenschaft studierte und als Übersetzer, Verleger und Herausgeber arbeitet, hat dafür eine literarische Anthologie zusammengestellt, die das Lesen und die Magie der Bücher selbst zum Gegenstand macht.

Das ist zunächst eine ausgesprochen sympathische Idee. Noch interessanter wird sie, sobald man die Versammlung der Namen nicht als bloße Parade literarischer Prominenz betrachtet. Denn die Texte sprechen nicht alle von demselben Lesen. Bei Flaubert ist die Literatur mit ihren Verführungen und Gefahren etwas anderes als bei Hesse; bei Tucholsky hat Lesen eine gesellschaftliche und politische Dimension, bei Benjamin eine erkenntniskritische; bei Rilke oder Lasker-Schüler kann die Lektüre in eine existentielle Erfahrung der Sprache übergehen. Jane Austen, Brontë und Edith Wharton öffnen wiederum jene eigentümliche soziale Erkenntniszone des Romans, in der sich Macht, Geschlecht, Konvention und Begehren nicht als Lehrsätze, sondern in Gesten, Blicken und Gesprächsformen zeigen. Szymborska macht aus dem scheinbar Selbstverständlichen eine intellektuelle Überraschung, Christa Wolf verbindet Lektüre mit Erinnerung und Selbstverständigung.

Gerade diese Heterogenität ist die eigentliche Stärke der Auswahl. Das Buch behauptet nicht, eine Theorie des Lesens zu liefern. Es lässt vielmehr unterschiedliche literarische Temperamente aufeinanderprallen. Das Lesen erscheint als Vergnügen, Erkenntnisinstrument, Lebensersatz, Widerstand, Selbstprüfung und gelegentlich auch als Obsession. Das ist klüger als jene pädagogischen Traktate, die das Lesen ausschließlich als Kompetenz verkaufen. Wer Kindern und Jugendlichen Bücher nur deshalb empfiehlt, weil sie nachweislich Konzentration, Empathie oder Sprachfähigkeit verbessern, hat bereits einen wesentlichen Teil des Problems verstanden — und den entscheidenden Teil verfehlt. Literatur ist keine Nahrungsergänzung für das Gehirn.

Doch genau hier beginnt auch die Kritik an diesem Sammelband. Denn eine Anthologie über die „Magie der Bücher“ kann sehr leicht zur literarischen Wellnessveranstaltung werden. Das Buch droht dort ins Behagliche abzugleiten, wo es das Lesen zu einer stets wohltuenden Tätigkeit verklärt. Lesen ist keineswegs immer gemütlich. Es kann irritieren, verstören, langweilen, beschämen und den Leser sogar zwingen, die eigenen Überzeugungen preiszugeben. Ein ernsthaftes Buch tut nicht bloß gut. Es macht Arbeit. Und manchmal besteht sein Wert gerade darin, dass man es zunächst nicht genießen kann.

Die Auswahl von Lux ist deshalb stärker, wenn man sie gegen ihre eigene behagliche Verpackung liest. Denn zwischen diesen Texten steckt eine viel radikalere Idee: Lesen bedeutet, die Kontrolle über den eigenen Horizont zeitweise abzugeben. Das ist in einer Kultur, deren Medien immer stärker darauf zugeschnitten sind, dem Nutzer nur das zu zeigen, was ihn möglichst lange bei sich selbst hält, eine geradezu subversive Tätigkeit.

Warum erscheint ein solches Buch gerade jetzt? Die Antwort liegt nicht allein in einer allgemeinen Liebe zum gedruckten Wort. Die zeitliche Koinzidenz ist aufschlussreich. Die jüngsten internationalen Bildungsstudien zeigen für Deutschland bei der Lesekompetenz einen weiteren Rückgang. Besonders problematisch ist, dass gerade jene Fähigkeiten schwächer werden, die für komplexes Lesen entscheidend sind: Informationen verbinden, kritisch beurteilen und aus Texten Schlussfolgerungen ziehen.

Zugleich hat sich die Medienumgebung grundlegend verändert. Jugendliche verbringen erhebliche Teile ihres Tages am Smartphone. Sie lesen durchaus noch, auch gedruckte Bücher; aber die Lektüre steht in einer Medienwelt, deren ökonomisches Grundprinzip auf Unterbrechung, Beschleunigung und permanenter Aufmerksamkeitserzeugung beruht.

Das Problem lautet deshalb nicht schlicht: „Die Jugend liest nicht mehr.“ Sie liest sehr wohl. Aber sie liest in einer Medienwelt, deren technische und ökonomische Logik auf etwas anderes ausgerichtet ist als die konzentrierte Lektüre eines längeren Textes. Die entscheidende Frage ist daher nicht, ob digitale Medien „schlechter“ seien als Bücher. Das wäre eine kulturpessimistische Scheinalternative. Digitale Medien können Informationen zugänglich machen, Kommunikation erleichtern, politische Teilhabe ermöglichen und Wissen demokratisieren. Auch digitale Texte können anspruchsvoll sein. Das Problem liegt tiefer: in der Veränderung der Bedingungen, unter denen Aufmerksamkeit überhaupt noch stattfindet.

Der lange literarische Text verlangt etwas, das die digitale Ökonomie systematisch knapp macht: ungeteilte Zeit. Er verlangt, dass man nicht nur versteht, was ein Satz sagt, sondern warum er an dieser Stelle steht. Er zwingt dazu, Figuren nicht nach wenigen Sekunden zu beurteilen, sondern ihre Widersprüche auszuhalten. Er trainiert jene Fähigkeit, die algorithmische Medien besonders ungern fördern: bei einer Sache zu bleiben, obwohl sie ihre Belohnung nicht sofort auszahlt.

Das ist keine romantische Theorie des Papiers. Auch digital kann man „tief“ lesen. Aber digitale Umgebungen erzeugen zusätzliche Ablenkungsquellen; die Forschung zeigt, dass Aufmerksamkeitsinterferenzen in vernetzten digitalen Leseumgebungen das Textverständnis beeinträchtigen können. Der Unterschied liegt also weniger im Material als in der kulturellen Architektur der Aufmerksamkeit.

Die Krise des Lesens ist nicht primär eine Krise des Buches, sondern eine Krise der Fähigkeit, sich einer fremden Gedankenordnung lange genug auszusetzen. Das Buch ist nur das Medium, an dem sich diese Fähigkeit besonders konzentriert beobachten lässt.

Genau deshalb ist diese Anthologie trotz ihrer gelegentlich allzu freundlichen „Magie“-Rhetorik mehr als ein Geschenkband für Buchliebhaber. Sie kann als kleine Gegenbewegung zur Ökonomie der Verkürzung gelesen werden. Ihre Texte führen vor, dass Lesen nicht bloß Informationsaufnahme bedeutet. Wer Austen liest, lernt soziale Feinmechanik; wer Brontë liest, begegnet einer Innenwelt, die sich nicht in einem psychologischen Etikett erschöpft; wer Benjamin liest, erfährt, dass selbst scheinbar unscheinbare Dinge historische Tiefenschichten besitzen können. Wer Tucholsky oder Brecht liest, entdeckt, dass Lesen auch eine politische Praxis sein kann: eine Schulung des Blicks gegen die Selbstverständlichkeiten der Gegenwart.

Davon profitieren vor allem Leser, die ihre eigene Lektüre nicht bloß als Freizeitbeschäftigung verstehen, sondern als Form geistiger Selbstbildung. Junge Menschen können hier entdecken, dass Literatur weit mehr ist als schulischer Pflichtstoff. Erfahrene Leser finden eine kleine Galerie von Schriftstellern, die das Lesen aus jeweils anderer Perspektive betrachten. Und für jene, die längst zu viel Zeit in kurzen digitalen Texten verbringen, könnte der Band eine überraschende Zumutung darstellen: die Einladung, wieder einmal dort zu verweilen, wo ein Gedanke nicht nach zwanzig Sekunden zu Ende sein muss.

Das Entscheidende am Lesen ist am Ende nicht die Flucht aus der Gegenwart. Es ist die Fähigkeit, ihr nicht vollständig ausgeliefert zu sein. Wer liest, übernimmt für eine Weile die Perspektive eines anderen Menschen und kehrt danach verändert in die eigene Welt zurück. In einer Zeit, in der Maschinen immer besser darin werden, uns in Sekunden mit Texten, Bildern und Antworten zu versorgen, gewinnt gerade jene Tätigkeit an Wert, die sich der Geschwindigkeit widersetzt. Lesen macht die Welt nicht kleiner und nicht schneller. Es macht sie komplizierter. Und genau darin liegt seine vielleicht größte politische, intellektuelle und menschliche Bedeutung.

 

 

 

 

Autor: Christian Lux (Hg.)
Titel: „Lesen — Die schönsten Geschichten über die Magie der Bücher“
Herausgeber: Reclam Verlag
Seitenzahl: 206 Seiten
ISBN-10: 3150208386
ISBN-13: 978-3150208380