Die Geschichtswissenschaft hat ein Problem mit guten Geschichten. Sie braucht sie, weil niemand sich für die Vergangenheit interessiert, solange diese nur aus Jahreszahlen, Institutionen und Strukturbegriffen besteht. Aber sie muss ihnen zugleich misstrauen, weil eine gute Geschichte etwas besitzt, das die historische Wirklichkeit nur selten besitzt: einen Anfang, eine Dramaturgie und ein Ende.
Richard Hemmer und Daniel Meßner machen aus diesem Widerspruch ein Erfolgsmodell. Seit 2015 erzählen sich die beiden Historiker Woche für Woche im Podcast Geschichten aus der Geschichte vergessene Ereignisse, ungewöhnliche Persönlichkeiten und überraschende historische Zusammenhänge. Daraus sind inzwischen mehr als zehn Jahre Podcast-Geschichte und mehrere hundert Episoden entstanden. Nach dem ersten gemeinsamen Buch folgt nun Mehr Geschichten aus der Geschichte, diesmal mit dem Untertitel Auf den Spuren verblüffender Erfindungen und kurioser Tüfteleien. Zwanzig Geschichten auf 256 Seiten führen in die Wissenschafts- und Technikgeschichte: zu Erfindungen, Werkzeugen, Irrtümern, Zufallsfunden und jenen Umwegen, aus denen wissenschaftlicher Fortschritt gelegentlich hervorgeht.
Das ist zunächst ein ausgesprochen kluger Gegenstand für dieses Erzählformat. Denn die Geschichte des Wissens ist voller dramaturgischer Glücksfälle. Erkenntnis entsteht selten auf direktem Weg. Sie beginnt mit einem Irrtum, stolpert über einen Zufall, wird von einer falschen Annahme aufgehalten und landet schließlich bei einer Einsicht, die im Rückblick unvermeidlich aussieht. Gerade diese Rückschau ist jedoch trügerisch. Was heute als logische Entwicklung erscheint, war für die Zeitgenossen eine offene Situation mit zahlreichen Möglichkeiten.
Hemmer und Meßner haben dafür die notwendige historische Ausbildung. Richard Hemmer studierte Geschichte und Anglistik in Wien; Daniel Meßner studierte ebenfalls Geschichte und arbeitete unter anderem in der Wissenschaftskommunikation. Ihre besondere Kompetenz liegt nicht in der akademischen Spezialforschung zu jeder einzelnen Erfindung, sondern in Recherche, historischer Einordnung und Vermittlung. Das ist eine wichtige Unterscheidung. Die beiden sind keine Universalgelehrten, die sämtliche Details der Wissenschafts- und Technikgeschichte aus eigener Forschung beherrschen. Ihre Stärke besteht darin, Forschung in erzählbares Wissen zu verwandeln.
Die Geschichten sind präzise gebaut, flott geschrieben und frei von jener pädagogischen Schwere, mit der Sachbücher ihren Lesern gelegentlich beweisen wollen, dass Bildung auch eine Strafe sein kann. Hemmer und Meßner verstehen den elementaren Reiz des historischen Erzählens: Erst weiß man etwas nicht, dann glaubt man zu wissen, wie die Sache gelaufen ist, und schließlich wird man eines Besseren belehrt. Der Leser wird nicht mit Wissen überschüttet, sondern erhält während der Lektüre — nicht selten verbunden mit einem Aha-Erlebnis — einen kleinen Einblick in einen historischen Zusammenhang.
Nur ist ein solcher Einblick noch keine historische Erkenntnis und kann es auch gar nicht sein. —Können zwanzig voneinander weitgehend unabhängige Episoden überhaupt ein Verständnis für historische Zusammenhänge erzeugen? Oder verwandelt die Begrenzung auf jeweils etwa zehn Seiten jene Geschichten aus der Geschichte zwangsläufig in eine Folge hübscher Einzelfälle?
Eine Sammlung guter Geschichten ist noch keine gute Geschichtsschreibung. Sie kann Interesse erzeugen, Wissen vermehren und Denkanstöße liefern. Aber sie erklärt historische Zusammenhänge nicht automatisch. Im Gegenteil: Die perfekte Episode birgt die Gefahr, dass man ihre dramaturgische Geschlossenheit mit der Offenheit der Geschichte verwechselt.
Das lässt sich am Kapitel über das Einhorn besonders schön beobachten: Die Geschichte, wie ein vermeintliches Fabelwesen in das Wissen vergangener Zeiten gelangen konnte, ist faszinierend. Aber historisch interessant ist nicht allein der Irrtum. Entscheidend ist die Wissensordnung, die ihn plausibel machte. Menschen früherer Jahrhunderte verfügten über andere Vorstellungen davon, was eine glaubwürdige Quelle, ein Beweis und eine Autorität war. Reiseberichte, antike Überlieferungen, Naturkundekabinette und religiöse Weltdeutungen bildeten ein Geflecht, in dem ein Einhorn nicht dieselbe epistemische Unmöglichkeit darstellte wie heute.
Die Anekdote zeigt den Irrtum. Die Wissenschaftsgeschichte müsste erklären, warum dieser Irrtum vernünftig erscheinen konnte. Das ist ein Unterschied von beträchtlicher Tragweite. Wer über vergangene Menschen lacht, weil sie an etwas Falsches glaubten, hat noch nichts über historische Erkenntnis gelernt. Erst wenn man versteht, dass auch unsere Gegenwart ihre eigenen Selbstverständlichkeiten besitzt, wird aus der Geschichte des Einhorns eine Geschichte über Wissen. Die Pointe läge dann nicht darin, dass die anderen irrten, sondern darin, dass Wissen immer innerhalb bestimmter historischer Bedingungen entsteht. — Genau diese zweite Ebene erreicht der Band nicht immer.
Noch deutlicher wird das Problem bei technischen Erfindungen. Die klassische Erfindungsgeschichte hat eine Schwäche, die fast so alt ist wie die Erfindungen selbst: Sie liebt den Erfinder. Einer hat eine Idee, baut etwas, setzt sich gegen Skeptiker durch und verändert die Welt. Das ist eine hervorragende Dramaturgie und eine miserable Sozialgeschichte.
Nehmen wir die Nähmaschine: Selbst wenn die technische Entwicklung auf einzelne Erfinder und Patente zugespitzt wird, erklärt das noch lange nicht ihren historischen Erfolg. Eine Maschine wird erst dann zur gesellschaftlich wirksamen Technologie, wenn sie in Produktionsweisen, Märkte, Kapitalströme und Arbeitsorganisation eingebettet wird. Die Geschichte der Nähmaschine gehört deshalb nicht nur in die Werkstatt eines Tüftlers, sondern ebenso in die Geschichte der Industrialisierung, der Textilarbeit und des Konsums. Die Erfindung ist das sichtbare Objekt. Ihr historisches Gewicht entsteht unsichtbar darum herum.
Dasselbe gilt für die Elektrifizierung. Man kann den Konflikt zwischen Gleich- und Wechselstrom als packenden technischen Wettstreit erzählen. Doch sobald man verstehen will, weshalb sich eine Technologie durchsetzt, genügt die technische Qualität nicht. Unternehmen, Patente, Investitionen, Netze, Normen und politische Entscheidungen gehören zur Geschichte. Technik setzt sich nicht einfach durch, weil sie „besser“ ist. Sie setzt sich durch, wenn technische Eigenschaften mit wirtschaftlichen Interessen, institutionellen Strukturen und gesellschaftlichen Bedürfnissen zusammentreffen.
Das ist die Stelle, an der ein zehnseitiges Kapitel an seine Grenzen kommt. Es kann den Konflikt erzählen. Es kann ihn aber kaum in jene Vielzahl von Beziehungen auflösen, aus denen sein historischer Sinn besteht. — Damit ist zugleich die größte Stärke und die größte Schwäche dieses Buches benannt. Die Autoren machen Geschichte anschaulich, indem sie sie verkleinern. Doch Geschichte wird nicht nur dadurch verständlich, dass man sie verkleinert. Manchmal wird sie gerade dadurch unverstanden.
Man sollte diese Kritik allerdings nicht mit dem absurden Anspruch verwechseln, ein populäres Buch müsse die Dichte einer wissenschaftlichen Monografie erreichen. Das wäre ungefähr so sinnvoll, wie einem Feuilleton vorzuwerfen, kein Archiv zu sein. Mehr Geschichten aus der Geschichte will einen anderen Zugang schaffen. Seine Kapitel sind bewusst als abgeschlossene Erzählungen konstruiert. Das verschafft dem Buch Tempo, Lesbarkeit und jene angenehme Sogwirkung, die wissenschaftlichen Sachbüchern keineswegs selbstverständlich ist. Aber diese Form hat einen Preis: Sie produziert Inseln.
Das Einhorn steht neben der Erfindung, die Erfindung neben dem Irrtum, der Irrtum neben der technischen Neuerung. Der Leser bewegt sich durch eine historische Wunderkammer. Er sieht viele bemerkenswerte Dinge, erkennt ihre Besonderheiten und verlässt den Raum mit einem Kopf voller Geschichten. Was ihm fehlt, ist die Landkarte zwischen den Vitrinen. Genau diese Landkarte aber macht historisches Denken aus.
Wer Geschichte verstehen will, muss nicht nur wissen, was geschah, sondern fragen, warum es geschah, welche Alternativen bestanden, welche Interessen beteiligt waren und welche Folgen für Menschen entstanden, die in der ursprünglichen Geschichte womöglich gar nicht vorkommen. Historische Erkenntnis besteht weniger aus dem Sammeln von Fakten als aus dem Herstellen von Beziehungen zwischen ihnen.
Das ist auch der Punkt, an dem der Podcast gegenüber dem Buch einen gewissen Vorteil besitzt. Im Gespräch können Hemmer und Meßner nachfragen, abschweifen, einen Einwand formulieren oder einen Zusammenhang nachreichen. Da wird auch durch Sprechtempo, Tonlage und Pausen eine Menge an weiteren Informationen und Nuancen transportiert, die zwangläufig in einem gedruckten Text verloren gehen. Die dialogische Form erlaubt es, aus der Episode herauszutreten. Das Buch ist stärker komprimiert. Es muss die Geschichte auf ihren erzählerischen Kern zuspitzen. Das macht sie elegant, aber nicht notwendig komplex.
Man könnte es zugespitzt formulieren: Hemmer und Meßner demokratisieren den Zugang zur Geschichte, aber sie demokratisieren nicht automatisch das historische Denken. Das ist kein Vorwurf, sondern eine Herausforderung. Populäre Geschichtsvermittlung sollte nicht nur dafür sorgen, dass Menschen mehr historische Fakten kennen. Sie sollte ihnen beibringen, misstrauisch gegenüber allzu schönen historischen Geschichten zu werden — auch gegenüber den eigenen.
Gerade darin liegt das pädagogische Potenzial dieses Buches. Die Geschichten über Erfindungen und wissenschaftliche Irrtümer können mehr leisten als bloße Unterhaltung, wenn der Leser sie als Fragenkatalog benutzt. Warum konnte dieser Irrtum entstehen? Warum wurde jene Erfindung erfolgreich? Wer profitierte davon? Welche Möglichkeiten verschwanden? Welche gesellschaftlichen Bedingungen mussten bereits vorhanden sein? Warum erscheint uns eine Entwicklung im Nachhinein zwangsläufig, obwohl sie es für die Zeitgenossen keineswegs war?
Wer solche Fragen stellt, hat den entscheidenden Schritt getan: Er liest die Episode nicht mehr als abgeschlossene Geschichte, sondern als Ausschnitt aus einem historischen Prozess sowie als eine Handreichung zum eigenen Weiterdenken und Forschen. Das ist besonders wichtig, weil die Wissenschaftsgeschichte des Buches eine Gegenbotschaft zu den üblichen Genie-Geschichten enthält. Erkenntnis erscheint hier nicht als göttlicher Geistesblitz, sondern als Ergebnis von Zufällen, Fehlern, Beobachtungen und Beharrlichkeit. Das ist eine moderne und erfreulich nüchterne Vorstellung von wissenschaftlichem Fortschritt. Sie entzaubert das Genie, ohne die Leistung der einzelnen Forscher kleinzureden.
Nur müsste dieselbe Entzauberung auch auf die Erzählform angewandt werden. Denn auch die schöne historische Geschichte ist nur eine Konstruktion. Sie ordnet, verdichtet und lässt weg. Sie macht aus einer offenen Vergangenheit eine verständliche Abfolge. Das ist literarisch notwendig; im historischen Kontext darf man es aber nie vergessen.
Mehr Geschichten aus der Geschichte ist deshalb am besten, wenn es den Leser neugierig macht und ihn zugleich dazu bringt, seinen eigenen Wissenshunger nicht mit der ersten plausiblen Erklärung zu stillen. Das Buch liefert keine vollständige Theorie des historischen Wandels. Es will und kann das nicht. Seine Leistung besteht darin, Gegenstände und Ereignisse wieder interessant zu machen, die im Alltag selbstverständlich geworden sind. — Das ist mehr als Unterhaltung. Aber es ist noch nicht Geschichte im anspruchsvollsten Sinn.
Wer nach der Lektüre nur zwanzig kuriose Geschichten kennt, hat zwanzig kuriose Geschichten gelesen. Wer danach wissen will, warum sich eine Erfindung durchsetzte, weshalb Menschen an bestimmte Dinge glaubten und welche sozialen Kräfte hinter einer technischen Veränderung standen, hat etwas Wesentlicheres gewonnen: eine historische Frage.
Für diesen zweiten Lesertyp ist das Buch besonders geeignet. Für geschichtsinteressierte Laien, für Leser, die sich bislang von dicken Überblickswerken abschrecken ließen, für Jugendliche und Erwachsene mit Neugier auf Wissenschafts- und Technikgeschichte ist Mehr Geschichten aus der Geschichte ein ausgesprochen zugänglicher Einstieg. Auch eingefleischte Podcast-Hörer werden ihre Freude daran haben, die vertraute Erzählhaltung nun in Buchform wiederzufinden.
Nur sollte man das Buch nicht dort schließen, wo das Kapitel endet. Denn genau dort beginnt die eigentliche Geschichte!
Autor: Richard Hemmer u. Daniel Meßner
Titel: „Mehr Geschichten aus der Geschichte — Auf den Spuren verblüffender Erfindungen und kurioser Tüfteleien“
Herausgeber: Piper Paperback
Seitenzahl: 256 Seiten
ISBN-10: 3492065872
ISBN-13: 978-3492065870